Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Eine illustrierte Bibel. Arndt, Ernst Moritz.
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 707 - 708 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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707 Miscellen und Aphorismen. 708 Eine illustrierte Bibel kommt soeben auf den englischen Büchermarkt. Die neue Ausgabe dürfte von allen existierenden die schönste und kostbarste sein. An ihrem Bilderschmuck, welcher aus hundert ganzseitigen Stichen besteht, haben eine Reihe von Künstlern mitgearbeitet, wie man sie selten in einer der grossen Kunst-Ausstellungen, aber noch nie, wohl an einem einzelnen Werke vereinigt fand. Wir finden unter ihnen Alma-Tadema, Benjamin Constant, Burne-Jones, Walter Crane, Brozik, Joseph Israels, Max Liebermann, Puris de Chavannes, Segantini, Sascha Schneider, Fritz von Uhde, Jose Villegas und andere. Die ersten 1000 Abzüge der neuen Bibel (welche nebenbei gesagt über 300 Mk. kostet) werden von dem Verlage der bekannten Zeitschrift „Illustrated London News" auf den Markt gebracht. Die Originale zu dem monumentalen Werke werden zur Zeit in London ausgestellt. * Vom Mittelmeer her sind die Samen aller Bildung, Freiheit und Menschlichkeit, bis in den äussersten Westen Europas und bis in den Osten der Neuen Welt hinübergeweht. Hier beginnt Leben, Freiheit, Sittlichkeit, Wissenschaft, Kunst im höheren Stil. Hier finden wir zuerst und vor allen anderen die Hebräer oder die Kinder Israel, einst der Hass des Menschengeschlechts und noch jetzt der Spott der Völker und in manchen Ländern als der Auswurf und Abscheu der Sterblichen betrachtet, und doch welche Wohlthäter unser aller, gleichsam ein grosses, blutiges, historisches Opfer, welches Gott in seiner unerforschlichen Weisheit als solches aufbewahiet und zum Heil des Geschlechts hingegeben hat. "Wenn in Asien in den Sagen und Urgeschichten der Chinesen, Indier und Perser einzelne Personen erscheinen, so erscheinen sie fast immer nur als Gesamtheit* des Gedankens, als mythische, mit Uebermenschlichkeit und mit übermenschlichen Kräften und Eigenschaften begabte und gerüstete Wesen; sie erscheinen und verschwinden uns endlich gleich wie leere und glänzende Götterträume der Phantasie. Wie gar anders alles bei dem Hebräer! Sein Adam und Adam's Söhne und Urenkel, sein Seth und sein Noab, seine Patriarchen Abraham, Isaak, Jacob, Melchisedek, Moses sind wahre Menschen, mit menschlichen Trieben und Begierden gerüstete, mit menschlichen Gebrechen und Mängeln behaftete Menschen, sie sind von unserem Blut und Gebein. So geht es fort durch die Reihe der Richter, Helden, Könige und Propheten .... Wir erblicken hier das Urleben und das schöne Urbild, wo der sterbliche Mensch noch unmittelbar mit Gott und Gottes Engeln verkehrt, aber die begabtesten, die begnadetsten Menschen, ein Abraham, ein Moses, ein David, ein Jesahah, bleiben mit festen und sicheren Füssen auf der Erde stehen, nicht als schwimmende Nebelgestalten der Phantasie, sondern in voller leiblichster Wirklichkeit auf dem festen Boden der Erde. Hier haben wir in der Geschichte zuerst (denn weiter hin nach Osten, selbst nach Aegypten hin, ist alles in jenen Zeiten für uns kaum Dämmerung) die Persönlichkeit dem Himmel und Gott gegenüber in ibre heiligen Rechte eingesetzt, eine volle Menschengestalt, volle und echte Triebe im Guten und Bösen; hier thut sich die erste Erscheinung der Majestät der sittlichen Welt auf. Ernst Moritz Arndt, Versuch in vergleichender Völkergeschichte. Leipzig. Weidmann, 1844. S. 19 ff. Die Mosaischen Schriften sind eine Uikunde von dem Ursprünge und Emporblühen eines Volkes, welches in jedem Zeitalter seiner Geschichte merkwürdig und durch den Willen der Vorsehung hervorragend in seinem Einflüsse auf die Menschenrasse gewesen ist. Alles, was uns, abgesehen von diesem Hauptpunkte (im alten Testamente), überliefert worden, ist zufällig, kurz und dunkel. Sir Henry Holland: Essais, Band III, S. 333. Hamburg, M. H. W. Lührsen, 1864. Zwei Religionen, welche den grössten Teil der bewohnten Erde beherrschen, das Christentum und der Islamismus, stützen sich beide auf die Religion der Hebräer, und ohne diese würde es niemals weder ein Christentum noch einen Koran gegeben haben. Ja, in einem gewissen Sinne ist es unwiderleglich wahr, dass wir der mosaischen Religion einen grossen Teil der Aufklärung danken, deren wir uns heutiges Tags erfreuen. Schiller: Die Sendung Moses. Es giebt kein Volk in der WTelt, das ein so sehr in die Augen springendes Beispiel von zäher Ausdauer und unerschütterlicher Glaubenstreue abgegeben hätte, als das jüdische Volk; es giebt keine Nation, die einen so mächtigen, religiösen Einfluss auf die Menschheit ausgeübt hätte, wie Israel. Ihre Bibel mit der Genesis und den Psalmen ist bei weitem das grösste Buch unter den heiligen Büchern der Nationen, und sie ist es, die das jüdische Volk zum „Volke Gottes" macht. — Das Verschwinden des jüdischen Glaubens wäre gerade heute um so trauriger, als die Gottesidee, zumindestens vorübergehend, in sehr vielen Geistern, die sich für aufgeklärt und gelehrt dünken, bis zum Verschwinden abgeschwächt ist. Das menschliche Gewissen bedarf des ewig lebendigen Protestes Israels und der unerschütterlichen Stütze, die es dort gegen seine eigenen Schwächen und gegen die Zweifel findet, welche das Christentum bedrohen. Barthelemy Saint-Hilaire in „Briefe berühmter christlicher Zeitgenossen'*, herausgegeben von J. Singer. Wien 1885.