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Ost und West · 1901-09-01 · Heft 9 (September 1901) · p. Seite 675 - 676

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 9 (September 1901)
Article
Zu Abdul Hamid's Jubiläum
Date
1901-09-01
Page
Seite 675 - 676 (sequence 1)
Language
German
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675 676- ZU ABDUL HAMID'S JUBILÄUM. Am 31. August waren 25 Jahre seit der Thronbesteigung des jetzigen Sultans vergangen, des vierunddreissigsten Herrschers aus dem Hause Osmans. Unter seinen übrigen Unterthanen haben die Juden des Osrnanischen Reiches besonders Grund den Tag * festlich zu begehen und auch in der übrigen "Welt findet ihre Festesfreude begreiflichen Widerhall. Denn erstens ist das Schicksal der im türkischen Reiche lebenden Juden einer der wenigen Lichtpunkte in der neueren Geschichte der Diaspora. In keinem anderen Lande der Welt haben die Juden während der letzten Jahrhunderte auch nur annähernd so viel Freiheit genossen als im osrnanischen Reiche — in keinem anderen Lande haben sie, ohne dem Judentum den Rücken kehren zu müssen, die höchsten Staatsämter bekleiden dürfen — in keinem anderen Lande sind sie der unwandelbar freundlichen Gesinnung aller Bevölkerungsschichten so sicher als in der Türkei. Wo immer sich hier Ausnahmen zeigten, da waren es niemals die Mohammedaner, sondern die Griechen, Armenier, Maroniten, die, selbst fremd und in der Minorität, den Geist der Unduldsamkeit und des religiösen Fanatismus in beklagenswerter Weise ausgebildet haben. Dann aber sehen wir in der Türkei dasjenige Land, welches nicht nur in der Vergangenheit den verfolgten Juden ein Asyl bot — Länder, die das.vorübergehend thaten, giebt es viele — sondern bis in unsere Zeit, für die traurige Gegenwart und die noch dunkle Zukunft ist das Land des Grossherrn das gewaltige Gebiet, das bestimmt zu sein scheint, die unterdrückten und vertriebenen Juden des Ostens aufzunehmen. — Die übrige Welt verschliefst sich vor ihnen immer mehr und mehr, während gleichzeitig der schlafende Orient erwacht, seine Glieder dehnt und sich seiner Kräfte und Hilfsmittel bewusst zu werden anfängt — —--und dem erwachenden Orient Abdul Hamid IL fehlen die Menschen, — arbeitswillige, intelligente,, unternehmungslustige Menschen ebenso sehr, wie den Wanderjuden ein Land fehlt, wo sie ihre Fähigkeiten zur Geltung bringen können. Und bei der grossen Nähe der türkischen Einwanderungsgebiete zu den jüdischen Auswanderungsgebieten wird es unmöglich viele Jahre dauern können, bis der jüdische „Zug nach dem Westen" diese Richtung mit der natürlicheren nach den Ländern des Islam vertauscht haben wird. Schliesslich aber ist die Türkei diejenige Macht, welcher ein Land gehört, und welche über die Geschicke eines Stückes Erde zu entscheiden hat, das jedem Juden teuer ist: Palästina. Dieses Land, unsere körperliche Heimat zu den Zeiten unserer nationalen Selbständigkeit, und seither bis auf diesen Tag unsere geistige Heimat, beginnt wieder uns in ganz realer Weise zu interessieren — verwandelt sich — vor den Augen aller, die da. sehen wollen — aus einem „heiligen Lande" in ein Land voller wirtschaftlicher Interessen, aus einem Lande, wohin gute Juden gingen, um dort in Frieden zu sterben, in eines, wohin gute Juden gehen, um dort in Frieden zu arbeiten und zu leben. — Das jüdische Gesetz schreibt uns vor, zu beten und zu arbeiten für das Wohl des Landes,, in das wir gekommen sind, und seine Obrigkeiten zu ehren, wiewir auch überall thun und gethan haben zu allen Zeiten. Aber ausser unseren persönlichen Geburtsländern und direkten Obrigkeiten haben wir stets in Liebe der Länder und , Fürsten gedacht, in denen unsere Vorfahren oder Brüder in Freiheit und Achtung leben konnten. Unter diesen Fürsten hat auch der gegenwärtige Sultan seinen Platz als Träger einer judenfreundlichen Tradition von altersher, als hochherziger Beschützer sowohl seiner jüdischen Unterthanen, als auch der Flüchtlinge, die seine Staaten auf suchen, und — last not least — als Herr von Erez Israel. O .

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