Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Von den Juden des Araratgebietes
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 657 - 658 (sequence 1)
- Language
- German
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657 658 VON DEN JUDEN DES ARARATGEBIETES. Von Arthur Osten. Der gewaltige Gebirgsstock des Ararat ist die Grenzscheide Russlands, Persiens und der Türkei. Während es mir gelang, eine genaue Statistik der Juden des Kaukasus bei meinem letzten Besuche des herrlichen Kaukasus- und Araratgebietes im Jahre 1897 festzustellen,*) existieren über die Anzahl der Juden in dea Ländern um den Ararat bis jetzt keine zuverlässigen Nachrichten. Während die Juden des Kaukasus teils einen Dialekt, dessen Grundlage azerbeidschantürkisch ist, sprechen und teils sich eines mit hebräischen Brocken untermischten Grusinisch bedienen, ist die Familien- und Umgangssprache der Juden der Araratgebiete aramäisch. Einerseits steht sie dem Talmudischen nahe, und andererseits ist sie dem Dialekt der Syrer des Urmiagebietes nahe verwandt. Die eingeborenen Juden der jetzt zu Russland gehörigen persischen Distrikte erfreuen sich schon seit Jahrzehnten völliger Ruhe, im eigentlichen Persien dagegen erheben sich alle paar Jahre grössere oder kleinere Krawalle gegen die Juden, die nicht selten einen blutigen Verlauf nehmen. Im Sommer 1897 wurde infolge der blutigen Judenverfolgung in Teheran, deren Wirkungen sich blitzschnell nach Nordpersien fortpflanzte, von der Regierung die alte Bestimmung erneuert, dass alle Juden einen gelben Lappen als Erkennungszeichen an dem Obergewand tragen mussten. Nach wenigen Wochen verschwanden diese mittelalterlichen Abzeichen wieder, ohne dass die persischen Behörden irgend etwas dagegen gehabt hätten. Merkwürdigerweise erleiden die Juden im wilden Kurdistan weniger Verfolgungen als unter den schiitischen Persern. Wie viele Bergjuden des Kaukasus, sind die jüdischen Bewohner Kurdistans äusserst tapfere, in Waffen gewandte Leute. Man sieht herkulische Jüdische Mädchen aus Kurdistan *) Bei den vielfach ungenauen Nachrichten über die Kaukasu-juden ist diese Statistik vielleicht nicht ohne Interesse und sei deshalb hier mitgeteilt. Die Zahl der Juden im Kaukasus war 1897 folgende: Tifiis 1575, Achalkalaki 62, Achalzig 2639, Gori und Umgegend 3311, Duschet 26, Telao 9, Kutais 3828, Foti 54, Letschchum 467, Ratschi 618, Senaki 267, Schoropan 668, Batum 850, Nucha 1749, Baku 391, Kuba 6247, Lenkc-Tan 12, Geokschai 699, Schemacha 958, Derbent 2000, Petrowsk 172, Kuri 2629, Schura 911, Dörfer bei Schura 976, Kailago 1925, Kuri 2629, Jeka Harinodar 874, Anapa75, Maikef420, Jeisk233. In Summa über 37 000. Gestalten unter ihnen. Die äussere Erscheinung der Juden Kurdistans gleicht in der Kleidung sehr der der Kurden. Das diesem Artikel beigegebene Originalbild zweier kurdischer jüdischer Mädchen giebt davon einen deutlichen Eindruck. Wir trafen in der Hauptstadt des persischen Kurdistan eine grosse jüdische Gemeinde. Die Chachams, wie die Rabbiner dort heissen, sprechen ein ausgezeichnetes klassisches Hebräisch, natürlich in der sogenannten spanischen Aussprache. Die jüdische Schule, welche das zweite Bild darstellt, ist die zu Eriwan. Während die Kinder, auf einem zerrissenen Teppich sitzend, in schaukelnder Bewegung, laut durcheinander schreiend, lernten, sahen wir auf einer tatarischen Lagerstatt eine malerisch geklei- , dete Gruppe von Frauen sitzen; zum Teil die Mütter der Kinder. Die Stelle unserer Schiefertafeln vertraten bei diesen jüdischen Kindern viereckige Holzbretter von spatenförmiger Gestalt. Dieselben sind mit Papier beklebt und mit dem Aleph Beth oder bei den grösseren Kindern mit einzelnen hebräischen Sätzen beschrieben, welche dieselben mit persischen Holz federn (Kalams) sorgsam nachmalen. Der lange Stock des greisen Lehrers reichte über die ganze Schülergruppe hin und war ziemlich häufig in Bewegung. Die Schriftzüge der Juden des Araratgebietes sind etwas verschiedenen Charakters von denen der westeuropäischen Juden und stehen den jüdisch-persischen Schriftzügen nahe. Merkwürdigerweise übergab uns der alte jüdische Lehrer einen langen, sorgsam geschriebenen Brief an Rothschild, jedoch mit dem ausdrücklichen Bemerken, dass wir ihn nur abzugeben brauchten, wenn wir ihn persönlich zu sehen bekämen. Da der Frankfurter Rothschild, welcher ja bekanntlich ein tüchtiger Talmudforscher war, nicht mehr unter den Lebenden weilt, haben wir den Brief im Original der Redaktion von „Ost und West* für ihre Kuriositätenmappe übergeben. In den mohammedanischen Städten des Araratgebietes wohnen die Juden, wie auch die christlichen Armenier und Syrer, stets in besonderen Vierteln. Auch in den Bazaren sind die Verkaufsstätten der Juden stets nebeneinander. Unter den jüdischen Frauen