Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Polnische Juden
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 653 - 654 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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653 654 POLNISCHE JUDEN. Wenn einer sagen wollte, der polnische Jude sei der Jude überhaupt, so wäre, das sicherlich eine Uebertreibung. So wie es auch eine Uebertreibung ist, zu sagen, „man schlage 20 000 oder 30 000 Menschen in Europa die Köpfe ab, — natürlich mit geeigneter Auswahl — und das Denken hört von selber auf". Oder wie es übertrieben ist, zu sagen, „wenn Amerika keine Einwanderung hätte, so ginge es einer geistigen Versumpfung entgegen"---Aber beim näheren Zusehen findet man doch, dass diese Uebertreibungen nicht nur yiel Wahres enthalten, sondern vielleicht am besten den zu Grunde liegenden Gedanken darstellen. Mit dieser Einschränkung wird man also wohl sagen können, der polnische Jude ist der Jude überhaupt. Denn mindestens in dem Sinne, in welchem man Central-Asien gern als die grosse Völkerwiege bezeichnet, verdient das Gebiet des ehemaligen Königreichs Polen die grosse Juden wiege genannt zu werden, — das Gebiet, in welches die verfolgten Juden von ganz Europa zusammenströmten, in welchem sie den Winterschlaf des Mittelalters überdauerten, um dann von dort aus aufs neue in alle die Länder zurückzuströmen. Wir wissen, dass mit den verschwindenden Ausnahmen der sephardischen Juden die gesamte europäische und amerikanische Judenheit Polen als ihre jüngste gemeinsame Heimat zu betrachten hat mit dem eigentlich doch wenig ins Gewicht fallenden Unterschiede, dass die Väter der einen vielleicht vor zwei, die der anderen vor sechs Generationen Polen verlassen haben, welches heute noch die Hälfte aller Juden beherbergt. .... Der polnische Jude als Typus des Juden überhaupt, diese Vorstellung drängt sich uns auf, wenn ungebrochener Kraft Tagen das durch unterbrochene Werk wir den Kopf betrachten, den Hermann Struck uns in seiner meisterhaften Radierung vorführt. (Siehe S. 645). Das ganze Schicksal des Judenvolkes in dem einen Kopf! Unterdrückung, Ausdauer, Trotz, Geduld und eine hohe Geistigkeit sprechen aus diesen massigen Zügen. Es ist der echte Typus des Juden, der alle Leiden'mit überdauert und in kommenden tausendjährige Unterdrückungen vollenden wird: die Menschheit zu den höchsten Höhen emporzuführen. Es ist der echte und rechte „Ewige Jude"--, nicht der Ahasver der christlichen Auflassung, der seinem Tod entgegenirrt, sondern ein jüdischer „Ewiger -Jude", das Sinnbild des ewigen Volkes, das unter Foltern ausharrt — dem Leben, einem neuen Frühling, entgegen. Polnischer Original-Radierung von Die Freunde der jungen jüdischen Kunst dürfen auf Hermann Struck grosse Hoffnungen setzen. Der erst 25 jährige Künstler, welcher übrigens ursprünglich zur Rabbinerlaufbahn bestimmt gewesen war, hat seine Ausbildung hauptsächlich auf der Berliner Kunst- Akademie genossen, wo er zumeist unter Max Koner's Leitung thätig war. Sein Hauptgebiet ist die Darstellung charakteristischer Köpfe in Malerei und Radierung. In einer Kollektiv-Ausstellung bei Schulte sowie seit Jahren regelmässig in den Berliner Kunstausstellungen waren seine Original-Radierungen zu sehen. Drei der letzteren, darunter der polnische Rabbiner, wurden kürzlich vom Staate für das Berliner Museum angekauft. Wir hoffen, dem aufstrebenden Künstler noch recht oft auf jüdischem Gebiete zu begegnen. Rabbiner. Hermann Struck.