Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Article
- Ein letztes Wort zur Judenfrage
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 643 - 644 (sequence 2)
- Language
- German
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S. Lnblinski: Ein letztes Wort zur Juden frage. 644 lässt sie sich deutlich formulieren und darstellen auch ohne die kompromittierende Beihilfe des noch so wenig geklärten Begriffes „Rasse4*. Nous verrons . . . * * * Unser altes Europa — man hört so oft diese veraltete Redensart, die man herumrollen lässt wie eine abgegriffene Münze — ist thatsächlich noch sehr jung. Wenigstens unser heutiges Europa, in dem wir atmen und leiden. Es ist kaum erst etwas über hundert Jahre alt und wurde geboren anno 1789 und hatte sich im Jahre des Heils 1848 die Kinderschuhe noch lange nicht ausgetreten. Und ob es jetzt schon in das Jünglingsalter eingetreten ist, könnte immerhin fraglich erscheinen. Jedenfalls hat es die revolutionären Kämpfe und Krampte, mit denen und durch die es auf die Welt kam, immer noch nicht überwunden und bedroht seine eigenen Schöpfungen und imposanten Bauwerke, an die es doch so viel Herzblut hingegeben hat, fortwährend mit dem Untergang. Eines der imposantesten und am meisten gefährdeten Bauwerke dieses neuen Europa ist der nationale Staat. So viele Täuschungen und Wolken und Nebel lagern oft um ein Wort herum, weil dieses Wort, als es in die Welt trat, noch zart und schwach war und fror und zu jeder wärmenden Hülle griff und sich in sie so dicht hineinwickelte, dass man vermeinte, diese Hülfe wäre mit seinem Körper verwachsen. Die nationale Bewegung, die sieben Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts ganz und gar erfüllte, hat in dieser Weise an mittelalterlich-romantischmystische Stimmungen angeknüpft, so dass die schroffen Revolutionäre sie als ihren vollkommensten Gegensatz empfanden. Und sie war dennoch ein legitimes Kind der Revolution. Man musste die politischen Privilegien einzelner Stände, wie Geistlichkeit und Adel, beseitigen und zertrümmern, die Sehlagbäume und Zollschranken niederreissen, die selbst noch im Frankreich des vierzehnten Ludwig Provinz von Provinz hermetisch absperrten, und musste Teilnahme und Ehrgeiz für den Staat in das Herz des einfachsten Mannes pflanzen, der bisher von politischer Bethätigung ausgeschlossen war. Nur dadurch entstanden nationale Strömungen und Leidenschaften, welche nichts sind als Massengefühle und Massenteilnahme für den. Staat, in welchem man lebt. Mit Rasse und Blut und selbst mit der Sprache hat das alles noch sehr wenig zu schaffen. Es giebt eine schweizerische Nation, die sich aus den Splittern von drei grossen Kulturvölkern, von denen jedes seine Zunge redet, organisch zusammenfügt, und die nordamerikanische Nation, die sich zumeist des angelsächsischen Idioms bedient, unterscheidet sich sehr scharf gerade auch von der englischen Nation. Dennoch aber hat sich der nationale Begriff mit Stimmungen und Bundesgenossen vermengt, die nicht zu ihm gehören, sondern aus dem Mittelalter und aus der Mystik stammen. Denn immer noch ist der nationale Staat, dieses wundervolle Bauwerk, den heftigsten Angriffen der Dynamitarden ausgesetzt, und manchmal konnte man fürchten, dass die Revolution, die immer ihre eigenen Kinder verschlingt, in Euo o ' ropa noch nicht zum Abschluss gekommen wäre. Der nationale Staat, der alle Klassen zur Mitarbeit aufruft, erhält natürlich auch von allen Seiten Wunschzettel ausgestellt: er soll jedem helfen von Grund aus, alle materiellen und sozialen Bedürfnisse befriedigen. Das kann er nicht und wird er nie können, weil diese Bedürfnisse und Wünsche sich gegenseitig ausschliessen. Er vermag nur zu lindern, die hadernden Klassen auf manches Gemeinsame ihrer Interessen eindringlich hinzuweisen und den schliesslich unvermeidlichen sozialen Kampf innerhalb gesetzlicher Schranken zu organisieren, zu verfeinern und zu versittlichen. Solange aber diese Erkenntnis noch nicht Gemeingut und Gemeinempfindung geworden ist, solange wird es auch revolutionäre Parteien geben, die diesen vStaat im denkbar einseitigsten Interesse für sich verwerten oder gar ihn zerstören wollen. Solange noch ist auch der nationale Staat im hohen Grade gefährdet und muss um sein Dasein kämpfen. Und nun versetze man sich tief und gründlich in die innere Empfindung eines jener enttäuschtenLiberalen hinein, dieinschwerenKämpfen und in gewaltiger Seelenspannung den modernen nationalen Staat emporbauten. Mit ihrem Werk hofften sie zugleich auch dem Freiheitsbedürfnis genügt zu haben, und es war als die Krönung und der Abschluss eines revolutionären Jahrhunderts gedacht gewesen. Diese Männer konnten sich schlechterdings nicht vorstellen, und es war ihnen unfassbar, dass jemals die Revolution ein anderes Ziel begehrt haben sollte als eben den nationalen Staat. Es war viel messianischer Aberglaube in jenem Glauben, ein fanatischer Idealismus, der sich der ewigen Unvollkommenheit auch der vollendetsten menschlichen Erzeugnisse ganz und gar nicht bewusst zu werden schien. Man würde mit Fug, wie Arthur Schopenhauer, von einem „ruchlosen" Optimismus sprechen können, wenn nicht die stählerne Kraft und konzentrierte Energie der nationalen Baumeister ohne diese frische Freudigkeit unmöglich gewesen wäre. Aber strafbar war dieser Optimismus doch, und die Strafe blieb auch nicht aus: die Freudigkeit wurde zu Hass und Verbitterung. Jene Männer waren Glaubensnaturen, Künstlermenschen, und der nationale Staat, der ihnen