Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 9 (September 1901)
- Date
- 1901-09-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT V FÜR MODERNES JUDENTUM. ~E Herausgegeben unter Mitwirkung von Prof. Dr. Hermann Cohen # Prof. Dr. Ludwig Geiger # Prof. Dr. D. Joseph * Prof. L. Kellner * Prof. Dr. M. Lazarus # Prof. Mandelstamm # Prof. Dr. Martin Philippson * K. K. Baurat Wilhelm Stiassny (Wien) # Prof. Dr. Otto Warburg * Baron David Ginzburg * Mathias Acher (Dr. Nathan Birnbaum) * Dr. S. Bernfeld * M. Buber # Aehad Ha'am # Dr. Heinrieh Meyer Cohn * Dr. Moses Gaster * Robert Jaff<§ * S. Lublinski * Dr. Rudolph Lothar * E. M. Lilien # Dr. Max Nordau * Dr. Alfred Nossig # Nahida Remy # N. Sokolow # Dr. Ernst Tuch * Jacob Wassermann * Dr. S. Werner. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 9 September 1901 EIN LETZTES WORT ZUR JUDENFRAGE. Von S. Lublinski. Rasse? Damit wäre also das Problem wirklich erklärt, so meinen die neunzigmal Weisen, denen die Worte niemals fehlen und auch nicht die Begriffe, die sie nur leider nicht, nach gutem alten Brauch der Wissenschaft, scharf und sauber abgrenzen und darstellen und erklären — diese Herren machen aus wissenschaftlichen Begriffen mythische Ungeheuer, dämonisch - mystische Mächte, die irgendwo aus einem unbekannten Jenseits mit unsichtbarer Hand in dieses Erdenleben hineingreifen. Und doch wären so viele Fragen zu beantworten, so viel Neugierde zu befriedigen. Wenn ich auch reichlich zugeben würde, dass Mephistopheles recht hätte mit seiner,5*'von unseren Alldeutschen acceptierten, so tiefsinnigen Bemerkung: „Blut ist ein besonderer Saft", selbst dann noch darf man fragen: warum? woher? in welcher Richtung? Vielleicht wirkt die Abstammung nur auf das äussere Temperament, auf gewisse Nüancen und Ausdrucksformen, während das tiefere Seelenleben, gemeinhin „Gemüt" genannt, mehr durch das Land, die Kultur und Kindheit bedingt wird, durch die Bedingungen und Lebenskreise, in denen wir aufwuchsen. Oder etwa umgekehrt? Oder muss dafür eine allgemeine Antwort abgelehnt werden: ist dieser Seelenzustand etwas Individuelles, so dass bei dem einen die Rassenabstammung und bei einem zweiten die Kulturherkunft überwiegt? Dann ferner: haben Kultur und Rasse etwas Gemeinsames? Sind Rasse und Nation Gegensätze oder Gleichheiten oder Kreise, die sich nur teilweise schneiden? Kurz ein ganzer Bienenstock vorwitziger Fragen schwärmt da vor uns aus, und wenn man wissen will, was über diese Probleme als allgemeingültig wissenschaftliches Urteil bisher ausgemacht und anerkannt wurde, so kann die Antwort darauf nur lauten: nichts, gar nichts. Hier ist noch immer der Tummelplatz wildester und phantastischer subjektiver Hypothesen, und ein jeglicher beantwortet sich diese Fragen ganz und gar nach seinem Herzensbedürfnis. Es giebt Juden, die sich für semitisches Vollblut halten, und andere Juden, die auf ihr Deutschtum schwören, während man die Internationalen und Sozialdemokraten aller Schattierungen doch auch nicht vergessen darf. Wo viel Rauch und Lärm ist, da ist freilich auch Feuer, und etwas wird an dem Rassenproblem wohl daran sein. Bisher ist aber das Wort Rasse eben nur — ein Wort. Noch Unerklärtes wird dadurch nicht erklärt und ergründet, sondern nur verhüllt und zugedeckt, unter dem Vorgeben, es wäre nun alles offenbar und klar. Das sind Taschenspielereien, und manchmal ist die Wissenschaft .in der traurigen Zwangslage, sich mit solcher ärmlichen Aushilfe begnügen zu müssen und abzuwarten, bis irgendwann einmal, oft erst nach Jahrhunderten, das Problem genügend ergründet und geklärt erscheint. Vielleicht aber befindet sich die ,,Judenfrage*1 nicht in dieser traurigen Zwangslage. Vielleicht