Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1902
- Date
- 1902-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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„Zweck dieser von uns zu errichtenden Anstalt ist: Unsere Jugend beiderlei Geschlechts mit demjenigen Unterrichte vollständig zu versorgen, dessen sie für ihren künftigen Beruf als Menschen, Bürger und Juden bedarf. Die Anstalt wird daher den Gesammtjugendunterricht umfassen, und beide Zweige, den sozialen und religiösen, mit gleichem Ernst und gleicher Sorgfalt pflegen. Sie basiert auf dem alten, im Judenthum sanctionierten Grundsatze, dass soziales Wissen und Leben und religiöses Wissen und Leben, sich nicht nur nicht gegenseitig ausschliessen, sondern sich gegenseitig bedingen, sich gegenseitig ergänzen und vollenden, und erst in inniger Vereinigung und Durchdringung das Heil erzeugen, das überhaupt auf Erden anzustreben sei. — Das soziale Wissen und Leben findet erst im religiösen seinen Boden und seine Weihe; das religiöse erst in dem sozialen seine Betätigung und Verwirklichung. — Bildung ohne Nihilismus, Religion ohne Fanatismus ist ihre Devise, gebildete Juden und Jüdinnen, religiöse Bürger und Bürgerinnen dem Staate zu erziehen ihre Aufgabe, das Gebiet der echten, wahren, humanen Bildung und des echten unverkürzten väterlichen Glaubens daher ihr Boden, die Gewinnung endlich des Geistes für die Wahrheit, des Herzens für die Gottesfurcht und zugleich die Entwickelung, Übung und Ertüchtigung aller Kräfte und Fähigkeiten für die einstige, pflichtgetreue Erfüllung des Berufes ihre ernsteste, angelegentlichste Sorge." Es war eine ernste, schwere Zeit für das gesetzestreue Judentum, als dieser Prospekt in die Welt hinausgesandt wurde. Die jüdische Reformbewegung, die der alten jüdischen Gesetzestreue immer mehr den Boden entzog, hatte namentlich in den Kreisen der jüdischen Bevölkerung Frankfurts die grössten Verheerungen angerichtet. Bildung mit Nihilismus war die Devise. Gebildete Juden und Jüdinnen, religiöse Bürger und Bürgerinnen dem Staate zu erziehen, war als Thorheit verschrieen. Die Prinzipien, die die neue Schule auf ihre Fahne geschrieben, mussten daher naturgemäss auf den denkbar grössten Widerstand stossen. Der weitaus grössere Teil unserer jüdischen Brüder stand ihnen feindlich gegenüber, ja selbst den treuesten Gesinnungsgenossen waren sie zum Teil fremd. Da galt es schwere Kämpfe zu bestehen, da galt es, festgesessene Vorurteile zu bannen, und wenn wir all der Verlästerungen und Verspottungen, denen wir zu jener Zeit ausgesetzt waren, gedenken, so kommt uns jene geschichtliche Thatsache, die die heilige Schrift verzeichnet, unwillkürlich in den Sinn. Als dem Patriarchenpaare Abraham und Sara die Freudenbotschaft einer Nachkommenschaft mitgeteilt wurde, da heisst es: Wer es hörte, spottete, lachte, und siehe da, Jizchak ward doch geboren und die an sein Dasein geknüpften göttlichen Verheissungen hatten sich zum Segen der Allmenschheit verwirklicht. Als seinerzeit die Botschaft durch die jüdische Kreise ging, dass die Religionsgesellschaft eine Unterrichtsanstalt ins Leben rufe, deren Boden das Gebiet der echten, wahren humanen Bildung und des echten, unverkürzten väterlichen Glaubens sei, und die ihre Aufgabe zunächst darin erblicke, gebildete Juden und Jüdinnen, religiöse Bürger und Bürgerinnen dem Staate zu erziehen, da konnten sich die Wenigsten eines lächelnden Spottes nur mit Mühe erwehren. Die Meisten aber lachten und spotteten laut. Und siehe da! Dank der gütigen Vorsehung ist dieses grosse heilige Werk der Jugenderziehung doch ins Leben getreten, und hat mit der vollen Kraft einer segensreichen Thätigkeit die kühnsten Erwartungen verwirklicht. Trotz aller Anfeindungen und Verspottungen wuchs und gedieh es unter der steten Anerkennung auch der staatlichen Behörden von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, und schwang sich zu einer mustergültigen Anstalt empor zum Heil unserer Gemeinde, zum Segen des ganzen gesetzestreuen Judentums, und wir können wohl sagen, zum Nutz und Frommen unseres geliebten deutschen Vaterlandes. Unsere Gemeinde, die anerkanntermassen des Rufs einer Muttergemeinde Israels sich erfreut,