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Central-Verein-Zeitung · 1928-01-01 · Heft 1 (Januar 1928) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1928
Issue
Heft 1 (Januar 1928)
Date
1928-01-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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$ ..Ach,' fuhr Willens fort, „darüber würde ich nickt reden, wenn seine Gründe nicht so abstoßend wären. Er wünscht die Ausschließung der Juden vom Richtcramt, weil er dann weniger Vormänner im Ausrücken hat.' DaS ist typisch. Es zeigt sich in allen Berufsarten, wenn auch nicht überall so ausgeprägt. Die Hauptquelle des Antisemitismus scheint mir aber nicht in diesen beiden Momenten, sondern in einem Beharren aus überlieferter Einstellung zu liegen. Ich meine damit nickt eine durch die verschiedene Veranlagung geschaffene natürliche Kluft. An die glaube ich nicht. Aber kein Volk oder Volksteil gibt leicht eine überkommene Hvherstellung über einen anderen Teil auf. Es ist eine allerorts und jederzeit beobachtete menschliche Eigenschaft, sich durch Niedrigerstellen eines anderen zu erheben. Kann er sich nicht aus eigener Kraft in die Höhe schwingen, so gewährt eS ihm doch Genugtuung, den anderen völlig oder wenigstens in bestimmten Punkten unter sich zu halten . . . Auch da, wo der eine oder andere daS Unberechtigte des Antisemitismus einsicht, wagt er nicht, gegen den Strom zu schwimmen. Die Luggcstivgewalt der überkommenen Ausfassung ist stärker als der eigene Verstand. Gerade, weil ich hierin die tiefste Quelle sehe, glaube ich. das; auch der Antisemitismus keine Ewigkcitsdauer hat. Es wird eine Zeit loinmen, in der er wie manch anderer Dvlkcrwahn überwunden wird. Nur darf man nicht meinen, daß die Zeit allein die ausgleichende Kraft besitzt. Es ist Aufgabe der jüdischen Bevölkerung. an der eigenen Anpassung zu arbeite» . . . Der deutsche Jude muh sich bewußt sein, daß er in der geistigen Lust und der moralischen Atmosphäre seiner Heimat aufwächst, lebt und wirkt. Nur wenn er ihr gerecht wird, darf er erwarten. das; allmählich die Gegensätze schwinden. Meine jüngeren jüdischen Kollegen ermahne ich. doppelt sorgsam in der Ausübung ihrer Praxis zu sein. Dadurch wirken sie nicht nur für sich, sondern für alle Stammesgenossen. Ein Fehltritt schadet wieder allen. Er wird fosor! verallgemeinert. Ich verlange von ihnen auch eine kluge Zurückhaltung. Sie mag manchmal nicht leicht sei». Tie oft nicht unbegründete Akeiming von der eigenen Tüchtigkeit reizt vielfaclft.zu einem allzu starken Herauskretcn. Das „Abwarten, bis ihr gerufen werdet", verlangt viel Selbstdisziplin, lind doch ist sie nötig. Ich habe mich mein Leben laug bemüht, nach diesen Maximen zu handeln . . , der öibel Wert für unsere Cage. Eine Reve Ves Ncichsgerichtsprästventen Dr. Simons. In unserer Zeit, in der gewisse völkische Nichtungen Sturnr gegen das Alte Testament laufen, ja selbst manche Lehrer der Verweisung der Bibel aus dem Unterricht nicht abgeneigt sind, sind Teile eines Vortrages wertvoll und anziehend, den Reichsgerichtspräsident Dr, Walter Simons unter dem Thema: „Die Antike und die deutsche Volksgemeinschaft" auf der 2l. Jahresversammlung der Vereinigung der Freunde des humanistischen Gymnasiums für Berlin und die Provinz Brandenburg gehalten hat. Wir geben ans der Rede das Folgende wieder: „Weil die Sdiriitcn der Bibel uns zuerst gegeben sind wegen ihres religiösen Gehalts, soü nie.» nicht in ihnen suchen nach dem, was uns Griechen und Römer besser geben können. Aber ich halte cs für falsch, zu behaupten, cs wäre ans ihnen nichts für uns Heutige zu holen als Richtlinien für das Verhältnis der Seele zu Gott und unserem Erlöser. Das mag zutrcssen für das Neue Testament — obwohl man auch hier nie vergessen dark, dass nach Christi Lehre, tvie Rade cs ausdrückt, der Nächste in den Gvttcsbcgriss hineingchört. Cs gilt sidierlich nicht für das A 11 c Tcsla m ent, das immer das Verhältnis des ganzen Volkes zu seinem Gott im Auge hat. Leibst in den Psalmen, den individlicllsteii Aussprachen der Seele mit ihrem Gott, die das Schristtum der Antike kennt, ist es doch sehr oft der König und Führer des Volkes, der als solcher bittet und klagt, lobt und dankt. Nicht Politik sollen wir aus dem Alten Testament lernen: das Verhalten des Volkes Israel zu anderen Völkern ist noch ganz diktiert von einer primitiven Rücksichtslosigkeit, die vermehrt wird durch das Ilcberlegenhcüsgesühl des auscrwählton Volkes über alle Heiden. Aber lernen können wir, besonders aus den Propheten, soziale Einstellung zur ganzen Vvlksgcmeinschast, religiöses Vcrantwortungsgesühl gegen sittliche und wirtschaftliche Schäden dieser Gemeinschaft, mutiges Auftreten gegen widersittlicbe Macht und tapferes .Eintreten für ungerecht Bedrängte. Ist für solche religiös orientierte Innenpolitik etwa in unserem heutigen Deutschland keine Gelegenheit mehr? Im Gegenteil! Mehr als je! Wollte Gott, sie tvürde häufiger benutz! im Geiste eines Amos und Jesaia. dann stünde cs besser um die Wohnungsnot und das Rentnerelend, um Parteizwist »nd Klassenkamps. Wer übrigens die historischen und groben prophetischen Schristcn des Alten . Testaments mit oisencn Geistesaugen liest, der wird auch für die Gesetze der Staatengeschichte und Staatcnpolitik selbst als Laie reichen Nutzen ziehen. Aber über all dem steht mir die Bekanntschaft mit den groben religiösen Charakteren, die uns die Bibel vermittelt. Sic können sich an bildender Kraft den Geistcshclden Griechenlands und Roms an die Seite stellen und sind auf ihrem besonderen Kraftseid allen anderen überlegen. Es ist jetzt üblich, lote man das Griechentum in Einslustgebiete der ägyptischen mrd vorderasiatischen Kulturen auszulöscn unternimmt, auch Prophetcntum und Christentum ans asiatische Faktoren zurückzusührcn. Vergebliches Bemühen! In beiden Füllen handelt es sich um „geprägte Form", die lebend sich entwickelt — wer fragt da noch nach den Prägestöcken? Die lebendige Form hat ihr eigenes Gesetz, das nicht antiquarisch-prähistorischen Spürsinn, sondern die mitschwingende Saite unserer eigenen lebenden Seele ersülll. Sie zum groben Schwingen zu bringen, ist das Charisma der großen antiken Persönlichkeiten, die wir ja so in dem klassischen Kunst- und Schriftwerk keiner anderen Kultur als der europäischen antrcssen. weder der persischen, noch der indischen, noch der chinesischen in ihren verschiedenen Formen, Deshalb haben jene Kulturen auch so wenig Helden: selbst di? Persönlichkeit d?r großen Kulturbegründer versinkt ln Legende und Nebel. Die, Helden unserer« Antike dagegen bewähren ihre geistige Zeugungskraft durch die Iahr-W tausende. DaS gilt von allen Formen der europäischen Antike,' - H Ernst Lissauers „gorck". 1 Am 21. Januar d. I. erlebte Ernst Lissauers „Dotcf" im Kölner Schau- *; spielhaus unter sich steigerndem Beifall seine Uraussührung, ES lst nicht die ( erste Fassung, die über die Bretter ging. Die Schöpfung entstand im wesent- - lichen schon 1921 und zeHu' heute vor allem einen umgearbeiteten ö. Akt, i der gegenüber der alten Form den Vorzug vorteilhafter Kürze und strasscrer ' Zusamincnsassung hat, Lissauer hat mit dieser Dorck-Gkstalt innerlich gerungen und ein Werk geschallen, daß trotz Uniformen und strammer Haltung nicht ebva vom Stahlhelm für sich akzeptiert werden kann. Mit vielleicht zu wenig Handlung und zuviel Dialog hält sich die Entwicklung des Stückes an die Geschichte, Porck, als die überragende Gestalt, verkörpert diese Geschichte. Er :st der Mann, an den alle glauben, der aber sich selbst gegenüber so mißtrauisch ist wie gegen die Menschen überhaupt. In diesem stets unbefriedigten Suchen nach innen spielt sich der gewaltige Kamps ab zlvischcn dein persönlichen Mögen und dem überpcrsönlichen Müllen, zwischen Wollen und Pflicht, und jemehr ihn sein Gefühl treibt, umso entschiedener stellt er das Wort: „Ich diene!" Vor sich hin. So wird der 4. Akt, dieNachtderSeeleukämpfe, zum H v h e - p unkt des Stückes. Aber cs fehlt doch das eigentliche tragische Moment: denn da Dorck. von innen und außen gedrängt, im Grunde das tut. was er an anderen Offizieren, die sich auch nur durch den Dienst am Vatcrlande leiten ließen, scharf verurteilte, entlastet ihn die Tatsache, daß ihn kein bestimmter Befehl bindet. ES ist im wcsentlichcrr die unentschiedene, die Verantwortung ablehnende Berliner Stellungnahme, die dem Wort „ich diene" einen stärkeren Inhalt gibt. König und Vaterland sind nicht mehr dasselbe, und über den schwachen königlichen Subaltcrnbeamtcn siegt das Volk. storck ist ein Mann der ü b e r p e r s ü n l i ch e n Pflichtaufsassung. Dieser Dvrck hat mit dieser Aussassung auch der Republik von beule vieles zt> sagen, in der das Wort von der persönlichen Freiheit oft so selbstsüchtig ansgcsaßt wird. Alle die inncrpolilischcn Kämpse, die Haßorgicn antiscniitischer Kreise, das Ringen ans wirtschastlichcm Gebiet lassen erkennen, daß man den Gedanken disziplinierter Znsammcnsassniig der Kräfte zum Dienste am Lande noch längst nicht genügend republikanisch ersaßt hat. Republik und Königsstaat sind nur Gesäße und Formen. Der Inhalt aber ist das sich gleichbleibendc Volk. Wer hier die Geschlossenheit stört, wer Haß und streit in die Reihen des schicksalsvcrbundcncn Deutschland trägt, der bat vom chorckschen Geist keinen Hauch verspürt. Das ist neben dem lilcrarischen Wert, was Lissauers Dvrck nns geben kan»: die Erkenntnis nbcrpcriönlichcr Pflicht am Staat. Jacob! (Köln). „aicriDDilE Bcrsiilicriing Oec MWiikiilliiWMiW.'' Kürzlich beging die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums die Feier ihres 25jährigen Bestehens durch eine Festsitzung. Die Geselllchast hatte: neben anderen Publikationen ihre neueste Derössentlichung. das anläßlich des Jubiläums herausgcgebene Prachtwerk von Hossmann: .Ltakob Abraham »ud Abraham Abramson, 55 Jahre Berliner M e d a i l l e n k u n ft (11 5 5 bis 181 ly", ausgestellt, Ueberdies war in mehreren Schaukästen mit mehr als 100 Originalprägungen von Silber und Gold das Werk der beiden großen Berliner Medailleure auf eintiriimlidifte Weise veranschaulicht. Dr. Hossmann gab dann am Ende der Festsitzung durch einen Lichtbildervortrag eine Einsührung in das Werk. Dabei ließ der bescheideire Gelehrte das große Verdienst, das er sich um die Wicderenldcckimg von lange verschollenen Arbeiten Abramsons erworben hat. vollständig zurücktretcn. Es ist ihm gelungen, in einem seit 100 Jahren nicht geösinclen Sdirank etwa 60 Sdiwesclpasken von Abraham Abramsvn wieder:p.isindcn, die unsere Kenntnis von dem ausgebreitetcn Wirken und dem starken, geradest evoäialcn Können dieses Kürrstlers wesentlich erweitern. Tic Tätigkeit der beiden Künstler führt in die Zeit, da die Juden Preußens tmrrfi ihren kulturellen Ausschwung allmählich die Vorbedingungen für die wisicnsdiaitliche und bürgerlidic Eleichbcredstigung sdiusen. Hossmanns Werk gibt eine llebcrsicht über die Glanzzeit der Entwicklung des preußischen Staate?. Es enthält künstlerisdie Porträts aus den Kreisen des Königshauses, dos Adels und deS geistigen Deutschlands. Wenn auch diese Studien den sonst von der Gesellschaft gepslcgten etwas serner liegen, so bekunden sie, wie der Vorsitzende in seiner Eröffnungsrede ausführtc, damit die Verbundenheit der Juden mit dem deutschen V a t e r l a n d e. Es war daher ein glücklicher Gedanke der GcseNsdwst, die ersten zwei Eremvlare einer numerierten bibliophilen Prachtausgabe dem Herrn Reichspräsidenten und dem p r e u tz i s ch c n Kultusminister z» überreichen. Der Vorsitzende konnte ein Dank- und Glückwunsdisdirciben desHerrn v, Lindenburg verlesen, Herr Minister Dr, Becker, der sich für semitische Studien besonders interessiert, sandte ein Telegramm, in dem cs heißt: „Die hervorragenden willcnschastlichen Arbeiten der Gesellschaft haben nidit nur der Erforschung des Judentums gedient, sondern sind zum Teil zugleidi wertvolle Bereicherungen der deutschen Kulturgeschichte, wie besonders das köstliche Jubiläumswcrk, für dessen Uebcrsendung ich bestens danke." Der Schriftsührer der Geselllchast. Professor E l b o g c n , hielt einen Vortrag über die Ziele und Leistungen der Gesellschaft. Er erblickt die Leistung der Gesellschaft in einer Zusammenfassung der Krästc. Als materielle Grundlage diente die Zusammenfassung derer, die, ohne produktiv mitzuarbciten, an einem regen Geistesleben innerhalb des Judentums Interesse haben und durch die Gesellschaft in Verbindung mit der wissenschaftlichen Arbeit gebrndit werden. Ten Bau bildete die Zusammensassnug der Eelcbrten verschiedener Richtungen und verschiedener Länder, so daß an Stelle des zersplitternden Spezialistentums eine Gesamtvcrantwortung sür die Misscnschastdes Judentums trat. Endlich sah die Geselllchast ibre eigentliche Ausgabe in der Zusannnensassiing der geistigen Krast und sörberte als Erponent der geistigen Strömungen im neuen Jabrbundert die Neberwindung der Stosssammlung durch bcgrisstiche Durchdringung —an. Verlag u. SchrUtleidung: Centralverrin deutsch, Staatsbürger |Ub. Glaubene. D„ Berlin 81V <B. Llndenstiaße lZ. Für d. Echriftleit, veranlw.: l. B. Dr. A l f r t d,, Mj°ner. Berlin SW 68, - Pruck; Rudolf Rosse, Berlin 81V SS. ,J 1

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