Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 4 (April 1926)
- Date
- 1926-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 blutiger Putsche und in eine seelische Verbitterung, die gerade für unsere Arbeitcrniasse besonders verhängnisvoll ist. ' Man wird sich selbstverständlichgegen eine nerre Erschütterung unseres staatlichen und damit auch des wirtschaftlichen und geistigen Lebens durch eine komnmnistische Revolution wehren. Darüber hinaus aber ist eine ablehnende Haltung höchst unfruchtbar. Bor allen Dingen halte ich es aber für übel, politische Gegensätze aus das persönliche Gebiet zu übertragen. So wie ich augcnbliälich durchaus mit deutschnationalen Parteimitgliedern verkehre, würde ich auch mit Kommunisten verkehren, wenn sich die Gelegenheit bietet. Ueber den Anteil der Juden an der russischen Revolution habe ich mich in meiner Broschüre „Gegen völkischen Wahn" geäußert. Wer die Lage des russischen Judentums kennt, namentlich an die Einrichtung des Pogroms zur Ableitung politischer Erregung gegen das zaristische Regime sich erinnert, wird die Beteiligung des Judentums an der bolschewistischen Revolution (nicht billigen, aber) verstehen. Zu glaube n, daß die Mehrzahl u n fever d eu tsche n Jude n ein Interesse an der A e n d c r u n g der privatk a p i t a l i st i s ch e n Wirtschaftsordnung Hütte, i st g e r a d e z u absurd. Ich für meinen Teil bin sicherlich in Fragen der Sozialgesetzgebung, der Erbschaftssteuer, der Staffelung der Einkommensteuer, der Vergesellschaftung gewisser Unternehmungen viel radikaler als die Inden vom Knrfürstendamin. Tie Juden Deutschlands unterscheiden sich von denen Rußlands ebenso wie der Bauer Niedersachsens von dem Kolonisten an der Wolga, der (charakterlich großartig) wirtschaftlich vollkommen zurückgeblieben ist, oder wie die Bewirtschaftung Ihres Gutes von einem ehemaligen baltischen Latifundium. Solche Gemeinplätze sagen zu müssen, zwingt mich leider Ihre Frage, und solche Gemeinplätze sind leider typisch für den .Kamps in der Judcnfrage. ■">. Ganz besonders typisch ist Ihr Satz: „Sie scheinen n i cf) t z u w isse n, daß die heutige Volksvcrgist u n g v on de in I übendef chme i ß (Marr mw.) herrührt." Typisch ist dieser Saß wegen seiner allgemeinen Fassung, die jedes Zugreifen unmöglich macht, und wegen der Berallgcmeinerung des Urteils, das zur absoluten Ungerechtigkeit führt. Welche Art von Volksvergiftung meinen Sie? Ta Sic Marr nennen, anscheinend die politische. Aber wie steht es nun mit dem Marxismus? Doch so, daß man gewisse Bestandteile der Marristischcn Theorie, nämlich die Bedeutung der wirtschaftlichen Grundlagen für die Struktur eines Volkes, keineswegs mehr bezweifelt, sondern als einen beachtenswerten Faktor in seine Betrachtungen ciustcllt. Worin soll aber die Bolksvergistung liegen? Im Sozialismus? Ebenfalls kann kein Mensch heute bezweifeln, daß die sozialdemokratische Bewegung keine irgendwie künstlich hervorgerufene Bewegung darstclit, sondern ans der Notlage des handarbeitenden Proletariats entstand. Und selbst ein Mann wie Bodelschwingh, der ganz gewiß jeder revolutionären Bewegung fernstand und der in den soziologischen Gegebenheiten seiner Zeit fest wurzelte, anerkannte doch, daß die Sozialdemokraten ein notwendiges Gegengewicht darstellen gegen das unsoziale Verhalten mancher Großgrundbesitzer und Industrieller. Was also soll ich mit einem Satz anfangen wie dem Ihrigen? Ich bedaure, es sagen zu müssen, weil ich weiß, daß Cie bedeutend älter sind als ich, und weil ich Respekt vor Ihrer Stellung habe und Ihrer Lebenslcistung: So lche r Sa tz i st eines Mannes, der Beachtung verlangt, nicht würdig. Er paßt in eine Volksversammlung, aber auch dort würde ihn jeder verschmähen, dem nicht am Beifall der Atasse, sondern an der Gewinnung von Erkenntnissen liegt. Tie heutige Zersetzung unseres Volkslebens seht sich aus sehr vielen Komponenten zusammen, die außerdem verschiedene Wurzeln haben und deren Fundamente zwei gewaltige und bedeutende Erscheinungen bilden: Renaissance und Aufklärung. Aber gerade an diesen grandiosen Erscheinungen sind die Juden in keiner Weise beteiligt. Aus beiden haben zwar einige sehr wirkungskräftige Inden ihre Anschauungen gewonnen, aber die Judenschast als solche hat an beiden Bewegungen keinen Teil, und sic für die Erschütterungen unserer politischen Verhältnisse verantwortlich zu machen, hieße dem Judentum eine Rolle zuweisen, die es nicht gespielt hat. Sie werden sich mit Recht dagegen wenden, wollte man eine Korruptionserscheinung des Adels aus den Adel in seiner Gesamtheit anwenden, oder etwa die Bedeutung des Hohenzollcrngeschlechts nach den Taten Wilhelm II. beurteilen. Ich weiß, daß es heute üblich ist, allgemeine Anschuldigungen gegen die Juden hinauszuschleuüeru und sie für die Schuldigen an allem und jedem Schlechten zu erklären. Ich werde mich nicht wundern, wenn ich eines Tages leIe, daß die 1 Wett erberichte unserer met*orolvg.ischen An- ' stalten, die ja dem gegen wärt» gen Standeder; Meteorologie entsprechend vielfach falsche Betrachtungen und unzutreffende Voraussagen in die Welt hinaussenden, von öen Juden gemacht seien zur Ruinierung, der deutschen Wirtschaft. Aber unter ernsthaften Menschen sollte solche Kampfesmethode nicht üblich scln. Ich bedaure daher, auf Ihren Brief nicht anders antworten zu können als mit den vorhergehenden Worten. Es ist durchaus möglich, zum Judentum eine verschiedene Stellung einzunehmen, aber es ist unmöglich, eine ernsthafte Frage so schlagwortartig zu behandeln, wie Sie es belieben, und dabei so üble Ausdrücke zu gebrauchen wie „Judcngefchmeiß", die nichts von adliger Gesinnung verraten. Und ein Mann, der sich die Bekämpfung des Antisemitismus zum Ziele gemacht hat, weil er sieht, wie durch den Antisemitismus unser Volk verroht wird und in pharisäische Ueberhebung gelangt, kann beanspruchen, daß man nicht versucht, das. was er sagt, mit einem kleinen Blättchen von einigen Zeilen zu „widerlegen". Eben deswegen antworte ich Ihnen auch nicht direkt, so leid es mir tut, mit Ihnen nicht im offenen Kampfe die Klinge kreuzen zu können. Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Pastor Lie. theoJ. M o cr i n g. Wer ist „Professor Gregor s Bei dem starken Interesse, wirklich Zutreffendes über die Zustände in Lowjet-Nußland zu erfahren, noch dazu von einen« „Kenner und Augenzeuge««", konnte «nan mit der Ankündigung „Wahrheit über Rußlanü" leicht eine große Zahl erwartungsvoller Zuhörer, in den Versaimnlungssaal bringen. Das «vutzten «nid nntztc«« die Münchener Nationalsozialisten. Freilich durfte man dieser Ankündigung mit bange» Gefühlen mlgegenscheii, nachdem «venige Tage vorher eine ähnlich ängckündigtc Versammlung in Leipzig zu schiveron Küuipicn geführt hatte. Tic Münchener Polizei glaubte aber ojfenkir, in Münch'» ähnliche Ausschreitungen nicht befürchten zu müssen, und ließ deshalb die Bcrsaminluug in München zu. Als Redner hatte «nan sich bei« seit Jahren irr Deutschland als Wanderredner gegen die Kommunisten tätigen a «« g c b l i ch russischen Hochschulprofessor D r. Gregor verschrieben. Hub die Veranstalter liehen seinem Auftreten noch eine besondere Weihe dadurch, daß sich Adolf Hitler h ö ch st s e l b st als Zuhörer einsand, um den Berichten des Redners zu lauschen. Hätte sich der Redner auf eine tatsächliche Schilderung der russischeu Zustände und auf eine Widerlegung der kommunistischen Idee» beschränkt, so bestünde für ««ns keine Veranlassung, uns an dieser Stelle mit seinen« Austretcn z«! befassen. Aber den« Redner ««nd seinen Hintermännern kam cs offensichtlich daraus an, unter dem Vorwand der Bekämpfung der Bolscheivistcn «nieder einmal kräftig d«cMassengcgcndieIudenausz«, peitschcn. Tas zeigte sich gleich bei Beginn, als der Redner auf die Leipziger Zivischeilsülle einging und den Kommunisten den Rat gab, «nit ihre:« " Gönnern nach Palästina anszuivandern, das setzte sich fort, als er die Sowjetrepublik als Werkzeug der „jüdischen Weltsinanz" hinstcltte, kurzum, das ganze, wohlbekannte Register der Antisemiten zog, die ihre geistige Nahrung aus den „Geheimnissen der Weisen von Zion" «ind ähnlichen trübe«« Quellen beziehen. Tie von ihm mit angeblicher Genauigkeit zahlenmäßig anfgesührten Opfer der bolschewistischen Schreckensherrschaft «vurder« als Opfer jüdischen Hasses hü,gestellt, und ungehindert durfte der Redner den nusrcizendci« Satz in den Saal schlendern: „Es «vird noch ein arischer Tag der Vergeltung nach der jüdische«« Versklavung auch in Rußland kommen." Wer ist nun dieser Redner Profesior Gregor? Die Nationalsozialiftm behaupten, daß Gregor selbst ein Opfer bolschewistischer Verfolgung sei u««>d erst 192g mit den letzten «vcißen Truppen Rußland verlassen habe. Die „Münchener Post" aber behauptet. Gregor habe sich schon 1917 auf deutschen« Boden befunden, könne also gar nicht aus eigener Anschauung über die Zustände in Sowjet- -rnßland berichten, er habe ferner vor 14 Monaten in einer als nicht politisch aufgeinachten Versammlung ii« München genau die gleiche Rede gehalten, sich ober damals als Rechtsaiiivalt ausgegebei«: ««« Wahrheit sei er «ueber Rechtsanwalt noch Hochschulprofessor, ja nicht einmal Doktor, und habe früher auch andere Name«« geführt. Von anderer Seite «vird bestätigt, daß der Presseabteilung der russischen Botschaft in Berlin dieser angcb- . liche russische Hochschulprofessor völlig iiubckannst ist. Es darf wohl bezweifelt «verden, ob ein Ausländer von so dunkler Herkunft und so «vandlungssähiger ltzestnlt gerade die berufene Persönlichkeit ist, um das deutsche Volk zuverlässig über die russische» Zustände auszuklären. Es wird sich empfehlen, «veiin „Professor Gregor" an anderen j Orten seine Tätigkeit fortsetzcu sollte, der Sache aus den Grund 1 zu gehen. Politische Abenteurer aus dem Ausland haben in Deutsch- | lanü schon genug Unheil angerichtct. W. L. •«