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Central-Verein-Zeitung · 1926-02-01 · Heft 2 (Februar 1926) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 2 (Februar 1926)
Date
1926-02-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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16 Mähren- -es Dreißigjährigen Krieges. Ein Beitrag z u r Heimakge sch ich jeder badischen Inden. Von V. Roscnthal (Mannheim). Im 17. Jahrhundert gab eS Zeiten, wo jeder Unterschied zwischen Juden und Christen, insbesondere die Ungleichheit ihrer Rechtslage, ausgchvrt hatte. Das war während des Dreißigjährigen Krieges. In den Landern, in denen die Kricgsfiirie wütete, ivar damals die Not eine allgemeine; I n d c u n d C h r i st n a h in e n g l e i ch - m ä ß i g a n i h r t c i l. Kein Wunder, wenn alle, ohne Ausnahme, in erster Linie darauf bedacht waren, in diesem wirren Durcheinander, in einer Zeit, in der jede gesellschaftliche Ordnung zu bestehen aufgehört hatte, ihr Leben zu erhalten und möglichst ihren Persönlichen Vorteil zu wahren. Der Wahlspruch des Bauer» in „WallensteinZ Lager": ..Nehmen sic nnS das llnsere in Scheffel», Müssen mir? wiedcrbckvmiiicn in Löffeln,' war die allgemeine Losung und richtete sich nicht nur gegen die hcrnmschivcifciiden Soldaten und Marodeure. Es ist eine Verkennung und Entstellung geschichtlicher Tatsachen, wenn ma» einseitig die Inden während dieser Zeit selbstsüchtiger Handlungen und unlantercr Ausnützung der allgemeinen Notlage beschuldigt. , Besonders unsere Heimat ivurde zu Beginn deZ unseligen Krieges, am meisten jedoch in seinen letzten Jahren schwer henngesucht. 'Die beste Schilderung kultureller Zustände jener Zeit, Grimmelshausens trefflicher ,.S i »i pl i c i ss imns". gibt ein getreues Spiegelbild der leiblichen und seelische» Nöte des zu Ende gehenden Krieges in unserer Heimat. Denn der Verfasser, der in den letzten Jahren des Krieges als Soldat das badische Land durchstreifte und nach Friedensschlnß in Renchen lebte, hatte die Verheerung mit eigenen Augen initangesehc». An mehreren Stellen seines Roinans, der größtenteil des Dichters Erlebnisse schildert, laßt er auch Juden auftrcten. So in der Reichssestung P h i l i P P 8 b u r g , >vo ein Jude beauftragt wird, für den ganz hermitergeivirischastetcn Simplicissimus Pferd und Kleider zu beschaffen. Die Juden mußten den Soldaten ihre Beutestücke abkaufen und waren, um üblen Folgen zu entgehen, daraus bedacht, diese Gegenstände im gegnerischen'Lager wieder loZzmverden. Grinunclshause» bringt hierfür folgendes Beispiel: „Nach Mitternacht ritten wir (mit erbeuteten Pferden) iveiters und kamen gegen Mittag an die äußerste Grenzen der Schweizer. Und dieweil >vir uns lustig machten, schickte der Wirt nach zivei Juden, die uns die Pferde gleichsam nur um halb Geld abhandelten. Der Juden größte Frage ivar, ob die Pferde kaiserisch oder schwedisch gewesen, und als sie vernahmen, das; sie von den Weimarischen herküinen, sagten sie: ,So müssen wir solche nicht nach Basel, sondern in das Schwabenland zu den Bairischen reutench über welche große Kundschaft und Vertraulichkeit ich mich nicht wenig verwundern inußte," Aber auch geschichtliche Anfzeichiiiigeil bekunden die jammervollen Zustände, unter denen die Juden iiiitziileiden hatten. Im Franlculande ließen die Schweden ein genaues Verzeichnis der gesamten Judenschaft anfertigen und ihnen da»» den Befehl geben, „daß alle Juden am 20, «lpril 1632 sich in Würzburg cinzufinde» hätten, weil ihnen ein Vorhalt gemacht iverden solle". Dieser ..Vorhalt" bestand in einer riesigen ZwangSanlcihe ohne jede Aussicht auf Rückzahlung und in einer außerordentlichen hohen Kriegssteucr. War aber die Soldateska verschwunden oder einigermaßen Ruhe eingekehrt, so wurden auch ivieder die kleinlichen Anordnungen zur Drangsalierung der Juden hcrvorgcholt. In W c r t h e i >n beschwerte sich 1633 ein Beamter beim Grafen, weil die Juden kein gelbes Ringlein am Rocke tragen. Die Judenschaft begründete die Unterlassung einesteils damit, daß das Tragen dieses Abzeichens seit 86 Jahren nicht nichr gefordert ivurde und in den benachbarten Städten auch nicht mehr verlangt werde, anderseits ivurde geltend gemacht: „Würden ivir bei jetzigen Kriegszeiten diese Ringlein tragen müssen, so wären ivir unseres Lebens nicht sicher, ivie erst nculich der Jude Männlein, als er auf der Straße ging und ein Soldat erfuhr, daß er Jude sei, von diesem mit einem Stein zu Boden geschlagen wurde und fast tot ivar, auch bis jetzt noch nicht geheilt ist." Die Schwierigkeit, die Schlitz ge ld er beizubringen, war so groß, daß in Wertheinr beantragt ivurde, die mit der Zahlung Rückständigen nicht zur Thora zu rufen, >va? auch anderivärts damals angeordnet wurde. „Sämtliche Juden zu Spchcr. Bruchsal. Grumbach und uff dem Kraichgau" ersuchten 1623 den Markgrafen von Baden- Durlach um Rückgängigmachung der 1619 erfüllten Erhöhung des Judengeleits. Dieses, so führten sie in der Begründung an, sei damals erhöht worden, „nachdem der ReichStaler angcfangeii uffzusteigen und die Hardtmünzen geringer! gcivese». Folgends aber, als der Thaler wiederumb valnirt und herunter uff den alten Fuß gesetzt ivorden, sei doch das Geleit in seiner Steigerung geblieben. Dieweil aber sie arme Juden in den gemeinen Landesverderbungen sowohl von Feind als Freund merklich gelitten und aufs äußerst ruinirt worden seien, gestalt sie noch uff alle begebende Durch- und Anzug das Aeußerst hergebcn und sich verfolgen lasten müßte», daherr seien sie so erarinet und crarmten noch, daß sie bei so hohen Geleitgeld das markgrasliche Land nicht durchreisen und benutzen könnten." Noch ein Bild aus der Zeit des zu Ende gehenden Krieges: Im letzten Kriegsjahre (1648) beauftragte der Kominandant der Festung Breisach den Juden Mathias In Markolsheim (Elsaß), zur Verpflegung französischer Truppen Vieh, einzukaufen. In der Msicht, in der Gegend der Waldstätte (Waldshut) daS Vieh zu beschaffen, machte sich Mathias aus den Weg. „Bei dem Feuermörhell der Stadt Breisach" angckommen. traf er einen Baseler in seine Heimat reisenden Kaufmann, mit dem Mathias eine Strecke fuhr und ihm vor. sichtshalbcr bei der Trennung sein Geld, anvertraute. Auf seinem ivciteren Wege begegnete ihin das Edclfräulcin Masquin aus der Gegend von Weißenburg, das ihm, als eS den Zweck seiner Reise erfuhr, mittciltc, es habe bei Bauern in Hertingen (bei Mülheim) Vieh eingestellt, welches aber schlecht gepflegt ivurde und deshalb verkäufli'ch wäre, M»n-:as fuhr nun über de» Rhein und meldete sich sofort beim markgräflich badischen Obervogt in Rhcinwciler, den er aber nicht zu Hause traf. AlSdann kaufte er das Bich in Hertingen, unter der Bedingung, das; ihm die Tiere ins nächste elsüssrsche Dorf gebracht werden müssen. Der Pfarrer, der Vogt und andere Bürger ivarcn beim Handel zugegen. (Im Hinblick aus die späteren Angaben des VogtS ist dies zu erwähnen nötig.) Der Pfarrer gab sich sogar als Bcrwaltcr des Viehs und Handels ans. Am anderen Tage reiste Mathias mit dein Pfarrer nach Basel, mir ihm den Kaufpreis auszuzahlen. Bei Empfang des GcldeS versicherte er, „bei priestcrlichen Ehren" Wort zu halten. Als Mathias aber an den verabredeten Ort kam, ivar daS Vieh nicht cingetroffen. Die Bcr-, küuserin benachrichtigte ihn, sie habe daS Bich nach Rhcinwcilcr treiben lassen; dort hätte cs aber der markgrasliche Vogt beschlagnahint, weil der Käufer ohne Geleit ins Badische eingedrnngen und da sogar über Nacht geblieben sei. Der Bogt meldete den Vorfall der markgrüslicheu Regierung, die damals aus Sicherheitsgründen in Basel ihren Sitz hatte. Diese ordnete an, das Bich müsse nach Oellingen (bei Lörrach) gebracht iverden, und der Bogt Hütte den Inden nicht laufen lassen, sonder» „ihn am Kopf nehmen sollen, ivonach sich in Zukunst zu richten sei", Mathias meldete den Vorfall seinem Auftraggeber und führte ans. er (Mathias) habe nichts Ungebührliches begangen, viel weniger sich einer Niajestätsbeleidignng. deren er geziehen werde, schuldig gemacht, noch auch das Geleit'gebrochen, „alS ivclches nicmalen bei diesen Kricgszeiten gehalten und genonnnen worden, da man auch die Juden bei solchen nicht, wie in FriedenSzeitcn, schützen könne". Er habe sich „uff den erhaltenen königliche» (französischen) Schutz verlassen, durch welchcii er bis anherr in der Markgrasschast in allen Orten viel Jahr her sicherlich gehandelt und niemalen dergleichen einigen Inden zugcmuthct oder von selbigem begehrt worden". Mathias bat schließlich den Komma»danken, ihnr luchilslich zu sei», daß er „entweder zu dem Vieh oder zu dein Geld, so ihm sonsten zu erstatten »nmüglich ivieder gelangen oder außer Schaden möge gesetzt iverden". Der Kommandant verlangte nun vom Vogt in Rheinweiler die Herausgabe deZ Viehs. Dieser erwiderte, nicht er habe die Beschlagnahme ausgesprochen, sondern der Markgraf, an den sich der Kommandant wenden möge; >vas auch geschah. Die markgräflich Kanzlei antwortete dem Kommandanten von Breisach: Man ivollc nicht aimehmen, daß er willens sei. das Recht der Regierung zur Wegnahme des Viehs zu bestreiten. Indes sei man nicht gemeint, ihm datz Vieh vorzueiithalten. vorausgesetzt, daß er den Inden zu der Regiermigskanzlei schicke, damit man sich init ihm vergleiche. Hiermit endigt die attemnäßige Darstellung. Damit diesem Kultnrbilde das Gegenstück nicht fehle, sei noch von dem Jndeu B e h n s (Aniß) in P h i l i p p S b n r g — es mag dies der Jude von Philippsburg sei», de» Grimmelshausen im „Simplicissimus" erwähnt — berichtet: BehnS bat als bischöflich speyerischer Schutzjudc bald nach Kriegsende den badischen Markgrafen mir Bewilligung eines Jahresgeleits im badischen Ländche» und gab als besondere Begründung an: er sei. ivie bekannt, während deS Krieges für die badischen Untertanen, die viel in Philippsvurg amtlich zu tun hatten, bei dem französischen Gubernatore und anderen hohen Offizieren eingetreten, er habe ihnen auch mit Geld Vorgeholsen, einiges Interesse (Zins) aber daraus niemals empfangen, auch kcins begehrt. Da sein Gesuch uiibeantwortet blieb, legte er das Zeugnis einer Reihe bon Eemeindeschiiltheißen vor, die folgendes bekundeten: Ihre Gemeinden hätte» in der Zeit, da Philippsburg von den Franzosen besetzt ivar, viel unterschiedliche Lohndienste leisten müsseii. Es sei oft vorgekommen, daß die Kontributionen nicht pünktlich entrichtet iverden lvnntcir, „wodurch entiocder wir oder gemclte Bürgermeister mit Rentier oder Musketieren abgeholt, nach besagtem Philippsburg gefänglich geführt und daselbstcn entweder arrestiert oder ins Gefängnis geführt ivorden sind". In solchen Fällen sei nun Baiß, der der französischen Sprache mächtig ivar, ihr Fürsprecher gewesen und habe ihnen alle Hilfe geleistet. Nach Beendigung des Krieges besorgte er den Gemeinden zur Abtragung ihrer Kricgsanflagen. in einer Zeit, wo sie „in anderen Orten i» schneller Eil kein Geld zu entlehnen gewußt hatten", die nötige , Summe. Deshalb baten die Schultheißen von Linkenheim, Neureut, , Schreck, Hochstetten, Graben, Liedolsheim und Rußhcim „für ge- ■> meldeten Fleiß des Juden und für seine erzeugte Freundschaft" seinem - Ersuchen z» entsprechen. Trotz alledeni wurde das Gesuch abgclehnt. Zum Schlüsse muß noch erwähnt werden, daß auch jüdische Soldaten am Dreißigjährigen Kriege tcilnahmen. I« Ueberlingen bewarb sich während des Krieges ein Jude, der vorher Soldat gewesen war, um Ausnahme. Er wurde jedoch unter Be- ■■ riisung auf ein altes kaiserliches Privileg abgeivicscn. Bester war:« ein anderer Jude daran, der sich bei der Verteidigung der Stadls Zabern i. E. 1622 durch besondere Tapferkeit hervorgetan chatte^ Zum Danke für seine Leistung erhielt er in Zabern daS Woh.nrxchU Verlag u. Schriftleituna: Tentralverein deutsch. Staatsbürger jitd.Claubgn» Berlin 81V 08. Ltndenstr. lg. Für d. Echrtstleit. verantw.c t. VrD«,M Wiener. Berlin SW 08. - Druck: Rut>okk Rolll,.MtzW

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