Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 ‘Vnfere &ßrlchwbem Toleranz. Berlin, 3. Januar. Schriftleitung der „C. B,-Zeitung". In den eben verflossenen Tagen, in denen unsere christlichen Mitbürger das „Friede aus Erden" predigten, sei einmal an jene viel zu wenig bekannten w re n d e r - vollen Ausführungen er< innert, mit denen schon vor zwanzig Jahren einer der bedeutendsten deutschen Vorkämpfer für die soziale Demokratie, sür die absolute Gleichberechtigung aller Klassen und Rassen, Professor Gerbart v, Schulze- G a e v c r n i tz , zum Wcihnacktssest mahnend zuin deutschen Dolle flnnd). Seiner Abstammung nach ist er verbunden m i t den hervorragendsten Trägern deutscher Humanität und d e n t s ch e n L i b e r a l i s m u s, so konnte ihn Friedrich Na udc u ts'ch c r~ Id e a l'?stc n"^be! zeichnen. Toleranz ist untrennbar von dein Bekenntnis zum deutschen Idealismus. In diesem Sinn sagt er in seinen „R andbemerkungen zum deutschen Idealismus": „Ein aus geklärter I u d e, der sich von der eigenen, gewiß verchrungswürdigen Tradition losgefchnitten^ hat, sucht I n h alt 3 u" e t?ü l l e'm "Äst Vorliebe wendet er sich — wenigstens in der Oberschicht der internationalen Finanzaristokratie — an die angelsächsische Kulturüberlieserung. Aber das Puritanertum — in herber Größe ihm ohnehin abliegend — mutet ihm als modernen Menschen den Glauben an Unglaubliches zu. Hochkirchentum und Acsthetizismus eines R u s k i n wurzeln im Mittelalter, während die religionslose Aufklärung — auch sie ein Kind britischen Geistes — das Ideal heimatlos läßt, Dis Moderne endlich eines Oscar Wilde und B e r n a r d S h a w endet in der Vernichtung der Welt. Durch den deutschen Idealismus kann der deutsche Jude, wie erleuchtete Beispiele dartu», seinem Leben neuen lüweckinhalt setzen und — allen Rassenapofteln zum Trotz — jener einen fiegbaften Schar Wahren Fortschritts Genosse werden, welcher in grauer Borzeit jüdische BsalmensSnger voranschrittcn. Toleranz ist ein beliebtes Schlagwort der Gegenwart. Aber unsere vielgepriesene Toleranz entspringt vielfach dem Mangel an eigener Messung, der Gleichgültigkeit gegenüber dem Wahrheitswert überhaupt— die Toleranz des Pilatus, Die wahre Toleranz beruht demgegenüber aus jener bejahenden G r u n d st i m - m u n g, welche alles Sein mit der „Liebe holden Schranken" umfaßt — wieviel mehr den Gipsel des Seins, den Menschen, Sie betrachtet die Wahrheit, an deren Möglichkeit sie glaubt, als ein. onvertrautcs Gut, nicht eigener Krajt entsprungen, sondern schrittweiie in der Menschheitsgeschichte entfaltet, in diesem Sinne „ofsenbart". Dies uns überkommene Vermächtnis einen ZinSgewinn vermehrt, den Nachsahren weiter z u reichen*). Mögen dies« Worte denen zu denken geben, die Toleranz nicht auszuüben Pflegen, Dr. KurtZielenzige Locarno unö üie Mischen Deutschen. Schristleitung der „C, V.-Zeitung". In Nr. 48 der „C. D.-Zeitung" ist ein Auszug aus einem Vortrag von Dr. Ludwig Holländer wiedergegebcn. Der Vortrag beschäftigt sich mit Locarno: er rühmt den Geist der Besriedung, der dem Wesen des Judentums entspräche. Insoweit Holländer betonen will, „Friede aus Erden" sei ein Ideal unserer Religion, wird eine MeinungsverschiedenlM nicht bestehen können. Der Vortrag oder doch der Auszug könnte akr die Anschauung nuskonnnen lassen, als billig« die Gesamtheit der im C -V. vereinten jüdischen Deutschen durch einen ihrer bcrusensten Sprecher den viel umstrittenen Vertrag. Auch den Anschein gilt es zu vermeiden, daß dem so sei. Es handelt sich um keine Frage, über die Einhelligkeit der Ansichten beim jüdischen Teil der deutschen Bevölkerung bestände. Gewiß: die Parteien, die Locarno ablehnen, gehören überwiegend zu denen, die uns befehden: die ineisten der Abgeordneten, mit deren Stimmen der Vertrag angenommen wurde, werden unS gerecht. Doch dies kann für das Urteil nicht ausschlaggebend, ja es sollte nicht einmal wesentlich sein. Es ist hier nicht zu erörtern, ob nicht auf Entscheidungen der Außenpolitik bei den deutschen Parteien Erwägungen und Unwägbarkeiten der Innenpolitik einen zu großen Einfluß ausübm; der C. B. jedenfalls wird sich von einem solchen Fehler freihalten müssen. Nur das kann entscheidend sein: Nützt Locarno Deutschlands Stellung, Deutschlands Geltung in der Weit? Gleichermaßen von, besten Willen beseelte Deutsche werden die Frage verschieden beantworten. Me einen erhoffen von unmittelbaren und mittelbaren Wirkungen Beginn und Fortführung des Wiederaufstieges: die andern erblicken in dem Werk eine freiwillige Anerkennung erzwungenen Unrechts, einen Verzicht auf Boden, den deutsche Menschen bewohnen, und können sich damit nicht abfinden. Unter jenen ist ein Großteil, aber sicherlich auch unter diesen eine Anzahl jüdischer Deutscher. Nicht abzuwägen gilt cs an dieser Stelle das Für und Wider, nicht zu entscheiden ist die aufgeworfene Frage. Sondern nur klarzustellen: Daß zu ihr Stellung zu nehmen der C, V. nicht berufen ist und er seine Neutralität aufzugeben weder Anlaß noch satzungsgemäße Möglichkeit hat. Dr. Berlin (Nürnberg). Gegen Schunü Un-Schmutz. Beckum 1. W., im Deumber. Schristleitung der „C. V.-Zeitung". Es ist erfreulich, daß endlich auch in der „C. V.-Zeitung" einmal der , Kampf gegen dm Antisemitismus ausgenommen wird, der aus. jüdischen Kreisen heronL wirkt und der seine widerlichsten Blüten iti' Kabaretts und ähnlichen Stätten sogenannter „moderner" Kultur der Oesfentlichkeit zur Schau stellt. Ein solcher. Kampf gegen Geschmacklosigkeit und Kitsch ist gerade jetzt vonnöten, und es wäre zu begrüßen, wenn sich auch der C, B. all den Organisationen ossiziell anschließcn wurde, die sich zusammengcsunden haben, um den Schmutz in der Kunst und Literatur zu bekämpfen. Wir haben als Juden die Pflicht, aus größtmöglichste Reinheit in unseren eigenen Reihen zu sehen, und müssen deshalb überall dort scharfen Einspruch erheben, wo Erzeugnisse hergcstcllt werden, die irgendwie entsittlichend wirken könnten, gleichgültig, ob sich derartige Unternehmungen in christlichen oder in jüdischen Händen befinden. Angebracht wäre ein recht deutlicher Hinweis aus den „Wert" dieser „modernen" Literatur („Neigen", „Berliner Leben", „Galantes Leben", „Magazine" usw.), die heute unser ganzes Volk vcrgislct. Es möge an alle C, V.-Anhänger, denen der sittliche Ausbau unseres Vaterlandes ebensosehr am Herzen liege» sollte wie der materielle, die entschiedene Mahnung ergehen, all diese Zeitschriften eines Zeitalters des Verfalls zu meiden, llnd dabei dars ans keinen Verlag Rücksicht genommen werden: denn das Wohl und Wehe der Gesamtheit hängt von der Bckämpsung dieser Krankheit ab. Eine Reihe verschiedener Verbände, darunter führende katholische und protestantische, haben eine Lifte der Schundhcfte init einer sich daran knüpfenden Mahnung schon seit langem vervfsentlicht und unterzeichnet, — cs ist Zeit, daß auch von jüdischer Seite der Schritt getan wird. Das gehört auch (nicht zuletzt!) in das Kapitel der Abwehr des Antisemitismus. I. Rap h n e l, Lehrer. Helft öem Mischen Mittelstanö. *> Wer sich in diese Ecdankengänge weiter vertiefen will, den verweisen Vir auf das soeben e r s ch t e n e n e B u ch von D r. kt u r t 8 i e l - n. »tger: „G erhärt v. E ch ulze-tSaevernttz. Ein« Darsteltun 8.Ä.! nes Wirkeng und leiner Werk e." (R.L.Prager,Berlin.) Wie Tchri ttettung.) . ' Schristleitung der „C. V.-Zeitung". Unter Bezugnahme aus den Leitartikel in Nr. 48 und die Notiz in Nr. 48, Jahrgang 182b, dieser Zeitung über den freiwilligen Tod eines Börsenmaklers mit Frau und Kind, woran die Redaktion die Bemerkung knüpst, daß cs an der Zeit sei, einen Hilfsfeldzug in größter Oesscntlichkeit einzuletten, um neues Unglück zu verhüten, sei es mir gestattet, aus meiner Erfahrung zu zeigen, wie der betrübenden Zeitkrankheit abgehoben werden könnte. „Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid," lautet die stereotype Aufschrift an den Wänden der Gemcindesüle unserer christlichen Mitbürger, und die religiösen Vorträge und Ansprachen sind aus den Gedanken abgcstimmt, den um ihre Existenz ringenden Menschen Kraft und Ausdauer einzuimpsen, damit sie gestärkt an Leib und Seele den Lebenskampf von neuem bestehen können. Wo finden wir eine Analogie bei uns Juden? Hier müßte meines Dafürlzaltens der Hebel angesetzt werden. Unverzüglich sollten unsere Seelsorger an Feiertag- oder Sonntagabenden in Gemeindestuben oder Logensälen Gemeinschastsadcnde arrangieren, zu denen neben den Brüdern und Schwestern, die es besonders angeht, auch die erscheinen müßten, die guten Willens und von der wirtschaftlichen Not noch nicht so schwer getrosfln sind. Hier werden die, die sehen und hören wollen, verstehen, waS Or. moä. Werner B a b (Berlin) in einem Aussatz einer jüdischen Zeitschrift, betitelt „Die Zunahme der Selbstmorde unter uns Inden", so richtig betont, daß cs notwendig sei, die seelischen Nöte unserer Zeit zu erkennen. Gewiß, wir haben zu wenig jüdische Erholungsheime, uns fehlen noch die großen Darlehnskajsen. Das gibt uns aber nicht das Recht, mit verschränkten Armen zuznschen, wie ein Bruder nach dem andern freiwillig auS dem Leben scheidet.- Die Not ist schrecklich groß, und die verschwiegene, das stumme denkt nach! Wenn jeder, t halbivegs kann, nur einen sich anssucht, mit einen betreut, so wird viel Leid in dieser kalten und ernsten Winterszeit behoben werden können. Des weiteren fordere ick unsere so hart um ihre Eristcnz kämpscnden, oder durch Krankheit und Alter in ihrem Fortkommen behinderten Glanbensbrüder dazu auf, sich mehr als bisher vertrauensvoll an die Rabbiner bzw. Lehrer zu wenden, da sie bei ihnen Verständnis für ihre Sorgen und Nöte sin.de,r werden. Zum Schluß möchte ich hier noch einen Auszug aus der Kundgebung des Kölner Erzbischofs, Kardinals Schulte, vom 13. November an seine Diözcsancn wiedergcbcn. Da heißt cs: „Einer trage des andern Last, so erfüllet ihr das menschliche Gebot! Täglich schwillt die Zahl derer an, die trotz Arbeitskraft und Arbeitswillen ans Arbeit und Verdienst entlassen oder zu karg entlohnter Kurzarbeit gezwungen sind, die Zahl derer auch, denen ihr Geschäft und Gewerbe trotz Fleißes das " g st e , ..nt. Gewiß, ihr habt fast alle selber keinen Uebcrslutz, mit Not und Sorge in der einen oder andern Form habt ihr selbst zu kämpfen. Trotz alledem lasse ich nicht von der Bitte: Schließt euch nicht aus bei diesem gemeinsamen Liebesweri sür die notleidenden Brüder und Schivestern in eurer nächsten Umgebung! Ich will die gute Absicht jener Menschenfreunde nicht bestreiten, die zur GepslogenlM früherer Zeiten zurückkehren wollen, da man zugunsten der Notleidenden Lustbarkeiten veranstaltete und besuchte. Aber eine solche Form der Hilfe m u ß heute grundsätzlich abgelehnt werden, aus Ehrsurcht vor den Mitmenschen, deren Not zu ernst ist, um andern eine Beranlassung zum Vergnügen werden zu dürfen , . Wir sind fest davon überzeugt, daß diese ernste Mahnung des edlen Kirchensürsten auch in unseren Kreisen Widerhall finden wird. I. Rothen st ein. Verlag u. Cchristleituna: Centralverein deutsch, Staatsbürger jUd. Dlaubens e. V., Berlin SW 68, Llndenstr. 18. Für die Schrtftlstt. verantwort!.: Dr. Ludw ig Holländer, Berlin 8W 88. - Druck: Rudolf Masse, Berlin 81V 88.