Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1842)
- Date
- 1842-04-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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6» Sctchiclilc dcs T»gkS. (Schluß der Rede des Vorstehers der Gesellschaft der Freunde in Berlin.) »Lins ist eS hauptsächlich, was noch zu unserer vollen inner» Befriedigung sehlt: die längstersehnte Ordnung unserer kirchlichen Verhältnisse, eine Ordnung, die bereits vor dreißig Jahren in dein Paragraphen 39 des denkwürdigen Edikts vom 11. März 1812 in Aussicht gestellt worden. Aber wenn nicht alle Anzeichen täuschen, so ist auch die Zeit nahe, die diesen Wunsch endlich in Ersüllung gehen sicht. Möge daun der Geist unserer Gesellschaft, wie er in früheren Jahren gezeitigt und gefördert hat, waö wir seitdem als Frucht gcärndtet, auch dasjenige unterstützen, was unS nicht minder thcucr ist, als die Errungenschaft der bürgerlichen Rechte, ja unserin Herzen noch näher liegt, denn es hängt davon die religiöse Bildung unserer Zinder ab, die Erziehung derselben nicht bloS zu unbescholtenen Bürgern, sondern auch zu würdigen Mitgliedern einer gottesdienstlichen Gemeinde, — einer Gemeinde, der wir mit Liebe angchören, weil wir von dem sittlichen Werthe ihres Familienlebens die Uebcrzeugung in uns tragen, und weil wir besser als irgend ein außerhalb Stehender wissen, daß als AuSnahmeu in derselben nicht die Guten, sondern die Schlechten zu betrachten sind, nicht die mit den bessern Christen in jeder Beziehung gleichstehenden, sondern die Verworfenen, der Pöbel durch Gesinnung und That! Aber weil wir dies wissen, weil wir, ob dieser Uebcrzeugung, auch in dieser unserer Gesellschaft zusammen halten, wollen wir auch hier und mit dem vollen Bewußtsein aller der Erinnerungen, die uns heute erfüllen, den Vorsatz erneuern, einig zu sein, in der Unterstützung alles dessen, was die sittlichen Zwecke der Gemeinde fördern kann, und diese Einigkeit auch in weiteren Kreisen durch unfern Einfluß zu verbreiten." »Sic ist um so dringender nöthig, diese Einigkeit, als der Kampf der Humanität gegen das Vorurcheil, der Kampf, den Moses Mendelssohn begonnen und der iu unserin mit jedem geistigen Fortschritt befreundeten Staate im Jahre 1812 einen so schonen Triumph gefeiert, noch immer nicht ganz beendet ist. Ja, in manchen Gauen unseres deutschen Vaterlandes, wie im Königreich Sachsen, in Hannover, in Baiern und in den sogenannten freien Städten, scheu wir noch immer das alte AuSschlicßungSsystem und die klcingeistigen Vcrthcidigcr ungleicher Rechte und Pflichten ankämpfen gegen die Forderungen eines erleuchtete» Jahrhunderts. Allerdings dürfen wir darauf vertrauen, daß dieses Jahrhundert sich und seinen auf Vernunft und Menschenliebe basirten Grundsätzen endlich den Sieg verschaffen werde, aber wir sollen darum doch nicht bie Hände in den Schooß legen. Wir sollen beweisen, daß wir dieses Jahrhunderts würdige Söhne sind. Dies können wir jedoch nur, indem wir, obwol an den Traditionen unserer Väter und an dem mit dem Familicnband verwobenen religiösen Gedanken derselben fcsthaltend, doch gegen jede Voraussetzung protcstiren, die unS in dem Lande unserer Geburt, in dem Lande, das wir lieben, wie cs nur von irgend Einem seiner Kinder geliebt wird, nicht bloß eine besondere kirchliche Stellung, sondern auch noch eine abgesonderte Rationalität, mit der wir gleichsam einen Staat im Staate bilden würden, vuidizircn well. Nein, nicht bloß dem Worte nach sind wir keine »Nation" mehr; wir haben eS auch durch die That bewiesen, daß wir er würdig sind, einem großen europäischen Lande und Volke anzugehören. Vor fünfzig Jahren harten wir allerdings noch Ursache, unS eine »Nation" zu nennen, und die Stifter dir Gesellschaft werden in den ersten Acienstücken derselben überall noch als »junge Männer Mischer Nation" bezeichnet. Aber wie fremd kringt uns heule dieser Ausdruck! Es ist, als ob er einem andern Zeitalter und nicht auch noch dem Anfang unseres Jahrhunderts angehörte! Ja, unser ganzes Denken und Fühlen bat sich seitdem so idcnlifizirt mit deutschen Gedanken, deutschen l^cnnnungen, daß wir mit Herz und Sinn selbst dann noch Deutsche bleiben und unsere Kinder als Deutsche crzicben müßten, wenn auch unsere christlichen deutschen Milbürger die Bruderhand, du wir ihnen reichen, je von sich weifen könnten! Doch Goir i i Dauk! dieser furchtbaren Kränkung unserer Ehre und wir wenigstens in dem Staate, dem wir als Bürger angchören, nicht mehr ausgesetzt. Hier weiß man ja, daß wir zu jedem Opfer bereit sind, wenn cs den Ruhm, die Lerthcidigung unseres Landes gilt', hier lebt eS noch in der Erinnerung vieler Taufende, daß kaum ein Jahr verflossen war, nachdem wir in die Ehren des Bürgcrthums eingesetzt worden, als unsere Jugend, bereitwillig wie alle andere Landeskinder, dem Ausrufe des Königs folgte und mir ihrem Blute den Bund besiegelte zwischen dem Vaterland und seinen neuen Söhnen. Und wir sollten das in jenem heiligen Krieg erworbene Recht, das Recht, die Waffen für den König und unfern Hecrd zu tragen, jemals ausgebcn können? Nimmermehr! Ten Dienst im National-Heer, den wir bisher getban, durch Geld ersetzen, das hieße unsere eigene Ehre verkaufen, das hieße die alte Schmach der Jahrhunderte von neuem über uns herauf beschwören." Oeffcntliche Blätter melden folgendes aus London: ,,Seit einiger Zeit hat sich hier von der alten Svnagoge eine Gesellschaft etwas freier Denkender losgcmachr, eigentlich nur, um niedrere lästige Festtage zu rcdneiren. Einiges an dein Ritual zu ändern und die englische Predigt in den Gottesdienst einzuführcn. Der Ober-Rabbiner, ein starr Orthodoxer, belegte daraus die neue Gemeinde nebst dem neuen Licderbuche, in welchem einige alle Absurditäten weggelasscn waren, mit dem Anathema; dieses wurde an die betreffenden «uwinben in England versandt. Einige, ebne sich grade der neuen Richtung anzuschließcn, nahmen keine Notiz davon, in Plymouth aber wurde die Anathemafchrift verbrannt. Der Zelotismus schlug nun in volle Flammen aus, zerriß bie und da selbst Familienbandc. So machte Moses Moiitcfiorc (durch seine Reise nach Syrien in der TamaSkrls-Angelcgcilheit bekannt), einer der Haupteiferer der alten Synagoge, allen seinen Einfluß geltend zur Unterdrückung der Häresie. Da sein Bruder mit unter den Apostaten genannt wurde, so bedrohte er ihn und seine sehr zahlreiche Familie mit Enterbung. Der arme schwache Mann wollte zurückkebren, gab aber seiner stärkern Frau nach, es nicht zu thun. Tie bedrohte Ent-