Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1896-01-01 · 10 (1896) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
52 (1896)
Issue
10 (1896)
Date
1896-01-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2554541-2555048-2555058--09622-2565798
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

75 Größe zusammengenommen dem Ganzen gleich sind, daß zwei Größen, die einer dritten gleich sind, auch einander gleich sind, daß Gleiches, zu Gleichem addiert, Gleiches giebt: so ist es nicht minder Thorheil, zu leugnen, daß die Seele unsterblich ist. Dem geistig gesunden Menschen erscheint ihre Unsterblichkeit als etwas Selbstverständliches. Auf den geschichtlich-logischen Beweis lassen wir den psychologischen folgen. Dieser Beweis wurde besonders von Plato und seinen Schülern, ferner von Leibnitz, Wolfs und Moses Mendelssohn geführt. Nach Plato ist das Wesen der Seele Einfachheit. Er meinte, weil sie keine Teile habe, könne sie nicht aufgelöst werden, müsse sie also nach den: Tode des Leibes fortleben. Aber ihre Unteilbarkeit wäre erst zu beweisen. Vielmehr haben wir die Erhabenheit über die Materie (den irdischen Stoff) als das Wesen der Seele zu bezeichnen. Die letztere ist daher dem Leibe gegenüber frei, nicht nur dessen Funktion, sondern eine selbständige Substanz. Der Materialismus, welcher dies nicht zugiebt, verwechselt Bedingung und Ursache mit einander. Ein Telegramm entsteht allerdings nicht ohne elektrische Batterie und Telegraphendraht, wird aber deshalb nicht von der Batterie und dem Draht hervorgebracht. Ohne den Telegraphisten, der diese Mittel an wendet, würde es nie zustande kommen. Das Harfenspiel entsteht nicht ohne den Musiker, der die Harfe spielt. Vor 30 Jahren hat nicht das Zündnadelgewehr, sondern das Heer, welches diese Waffe gebrauchte, Österreich besiegt. So kann sich die Seele der Gehirnnerven bedienen, aber diese sind nicht die Seele. Für die Unabhängigkeit der Seele zeugen der Traum, die Ahnung, desgleichen die von Ärzten beglaubigte Thatsache, daß die Seele ohne die Vollkraft des Gehirns wirken kann. Teile des Gehirns können mehr oder weniger zerstört sein, ohne daß im Denkvermögen eine entsprechende Schädigung eintritt. Nicht immer ist die Seele krank, wenn das Gehirn krank ist. Aber selbst die kranke Seele weiß oft, daß sie verkehrt handelt, oder sie hat doch lichte Augenblicke, wie sie denn namentlich vor dem Tode manchmal die Fesseln zerreißt, welche sie an den Leib binden. Das alles wäre nicht möglich, wenn die Seele nicht immateriell wäre. Zn dieser ihrer Eigenschaft aber liegt die Bürgschaft für ihre Fortdauer nach dem Eintritt des leiblichen Todes. Sterben kann nur, was der materiellen Welt angehört. Daß die Fortdauer eine Wirklichkeit ist, bekunden auch die vielfach bezeugten Fälle des Wiedererscheinens Verstorbener. Der dritte Beweis ist der moralische. Kant schloß von der sittlichen Beschaffenheit der Seele auf ihre Unsterblichkeit. Da das Ergehen des Menschen auf Erden nicht immer im richtigen Verhältnis zu seinem sittlichen Verhalten steht, da es hier den: Guten oft schlecht, dem Schlechten oft gut geht, so muß die Seele weiter leben, damit in der andern Welt ein Ausgleich erfolgen könne. Denn die Glückseligkeit des Guten und die Bestrafung des Bösen sind unzerstörbare Forderungen des sittlichen Bewußtseins. Aber folgt hieraus nicht nur eine partielle Unsterblichkeit? Könnte nicht die Seele vielleicht erlöschen, sobald jener Ausgleich geschehen ist? hiergegen spricht ^ihre vorhin dargelegte Erhabenheit über die Materie.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.