Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 52 (1896)
- Issue
- 7 (1896)
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Monatsblatt für Israeliten und Freunde Israels. Ar. 7. — 52. Jahrgang. — 1886. Inhalt: Spaziergänge im Berliner Tiergarten. — Das 88. Iahresfest der £. I.-M. — Aus den Thoren des Todes (ps. 9. W). - Zu Luk. J9, \l f. — Zu Lph. 2, 8 f. — ’J\ P. Spaziergänge im Berliner Tiergarten. I. A. : Das Blättchen, bas Sie mir anbieten, ist für mich nicht geeignet. Religionssachen haben für mich gar kein Interesse. Ich glaube an nichts. B. : Verzeihen Sie, mein Herr, daß ich Ihnen widerspreche! Sie befinden sich in einer Selbsttäuschung. A. : Wie verstehen Sie das? B. : <£s ist nicht möglich, ohne Glauben zu leben. A. : O, es ist vielmehr recht gut möglich. B. : Das bestreite ich. Sie werden es ebensowenig fertig bringen wie sonst jemand. Wer sagt Ihnen z. B., daß die prächtigen Bäume, an denen wir hier vorübergehen, wirklich vorhanden und nicht ein Erzeugnis Ihrer Einbildungskraft sind? A. : Ei, das sagt mir mein Auge. B. : Und Sie glauben dem Zeugnis des Auges. Sie sind gewiß, daß es Sie nicht täuscht, sondern Ihnen die Wahrheit sagt. Ebenso verhält es sich mit den übrigen sog. Sinnen. Goethe bezeichnet« sich diesen fünf Sinnen gegenüber als einen Gläubigen. A. : Nun ja, in dieser Beziehung bin auch ich kein Ungläubiger. B. : Sie glauben aber ebenso an die Zeugnisse Ihres Innern, wenigstens an dasjenige Ihres Verstandes. Sie sind davon überzeugt, daß die Denkmaschine in Ihrem Haupte in Ordnung ist und mit ihren Schöpfungen, den Gedanken, Sie nicht betrügt. A. : Alles Denken beruht allerdings auf dem Glauben an den Verstand. Aber mein Verstand belehrt mich nun eben darüber, daß der religiöse Glaube unberechtigt ist. B. : Nicht jeder religiöse Glaube ist berechtigt. Wenn ein Hinduweib sich bewogen fühlt, ihr Aind der heiligen Gang« zu überliefern, so liegt eine grauenhafte religiöse Verirrung vor. Aber mein religiöser Glaube hat einen zureichenden Grund. A. : Ich fürchte, der Grund reicht nicht zu. B. : Gott hat sich mir so machtvoll bezeugt, daß ich mich gezwungen sehe, diese seine Selbstbezeugung anzunehmen. A.: Ich muß Ihnen ehrlich bekennen, daß ich solche Selbstzeugnisse nie vernommen habe und darum nicht an Gott glaube.