Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 45 (1889)
- Issue
- 1 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Kleine jüdische Chronik. Bei dem im September ^888 in Rassel abgehaltenen Kongreß für Innere Mission sprach Pfarrer Wottich-Frankenhain über die Bekämpfung des Wuchers -auf dem Lande. An der auf seinen Vortrag folgenden Debatte beteiligte sich auch -der . jüdische SeminardirektorStein aus Kassel. Derselbe erklärte: „Die besseren Juden verabscheuen den Wucher ebenso wie die besseren Christen. Es ist ungerecht, in jedem Juden einen Wucherer zu sehen. Auch da, wo es keine Juden giebt, finden sich allerlei Schäden." Dr. Stein bat schließlich die versammelten, ste möchten als wahrhaft christliche Männer auf die Förderung eines freundschaftlichen verhältlüsses zwischen Christen und Israeliten, wie es früher z. B. in seinem Heimatsdorf bestanden habe, Bedacht nehmen. — Ebenso wie Stein urteilt der jüdische Amtsrichter A. Kalischer in Schwiebus in seinem „Offenen Brief an Dr. Heinr. v. Treitschke" (Berlin: Walter & Apolant) über den Wucher und verwandte Sünden. Er schreibt: „Es giebt zur Zeit noch unter uns eine nicht unerhebliche Anzahl Wucherer und Spekulanten, deren Herz mehr für ihr Geld, als für ihr Vaterland schlägt, unsolider Geschäftsleute, deren Gebühren einen auffallenden Mangel an gesundem Gefühl für das Wohl und Wehe der mit ihnen in Verbindung stehenden Mitbürger und für die Schändlichkeit des Betruges und der Ausbeutung zeigt, unwissender Zeitungsschreiber, die Ernstes und heiliges in Staat und Volk ohne Scham und ohne Scheu in den Staub ziehen, modernfrivoler Genußmenschen, die keinem Ideal, keinem überlieferten Glauben mehr recht zugänglich sind, deren aller wir uns schämen, die wir, soweit es unmöglich wird, sie zum Besseren zurückzuführen, weit von uns weisen." — Aus Anlaß seines 20jährigen Priesterjubiläums wurde der Erzbischof von München, Dr. v. Steichele, auch von Abgeordneten der dortigen jüdischen Gemeinde begrüßt. Der Jubilar fprach denselben seinen Dank aus und wies dabei auf die Zusammengehörigkeit von Christentum und Judentum hin. „Unsere Meister und Lehrer waren ja Israeliten. So lassen Sie uns denn ferner in Frieden Zusammengehen!" — Am 20. November wurde der Ingenieur und Verlagshuchhändler Fritsch in Leipzig, welcher in seinem im Lauf von Jahren in sechs Auflagen verbreiteten „Antifemitenkatechismus" und in seinen „Brennfragen" die jüdische Religion und i>cu jüdischen Gottesbegriff beschimpft hatte, vom Landgericht zu einer Woche Gefängnis und zur Tragung der Kosten verurteilt. Zugleich ordnete der Gerichtshof die Vernichtung der beschlagnahmten Exemplare seiner Schriften an. Die Anklage war nicht von jüdischer, sondern von christlicher Seite aus veranlaßt worden. Ein evangelischer Geistlicher hatte in der „wissenschaftlichen Beilage der Leipziger Zeitung" an jenem Katechismus eine scharfe Kritik geübt und dadurch die Aufmerksamkeit der Königlichen Staatsanwaltschaft erregt. — Der im vergangenen Sommer gestorbene ungarische Kultusminister August Trefort hat sich durch die Errichtung des Rabbinerseminars in Budapest und die Organisation der jüdischen 'Gemeinden in Ungarn hohe Verdienste um das dortige Judentum erworben. — Am \ö. September starb in Montmorency der Großrabbiner von Frankreich, Lazare Isidor, 75 Jahr alt. Sein Nachfolger heißt: Zadok Kahn. — Baron Hirsch in Paris hat aus Anlaß des Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Josef I. eine Stiftung von 92/3 Millionen Mark errichtet, von deren Zinsen jüdische Schulen in Galizien gegründet oder erhalten werden sollen. Noch bedeutender ist das Geschenk, welches der große Eisenbahnunternehmer für denselben Zweck dem Kaiser von Rußland gemacht hat. Es beträgt qo Millionen Mark. Man beabsichtigt von den Zinsen dieses in die Bank von England eingezahlten Kapitals;ooo Schulen für 50 000 russisch-jüdische Kinder ins Leben zu rufen. Die israelitische Allianz zu Paris verausgabt alljährlich für jüdische Llementar- und Fortbildungsschulen, besonders im Morgenland, etwa 240 000 Mark. — Der im Jahre ^888 zum Brigadegeneral beförderte bisherige Oberst Ottolenghi ist der erste Jude m Italien, der zu diesem Rang gelangte. — Der Verein von jüdischen Geistlichen in Amerika, dessen Vorsitzender Dr. Gottheil in Neu-Hork (Madison Av. töO ist, schreibt einen Preis von 200 Dollars für die beste Biographie von Leopold Junz aus. Die Bewerber können sich der hebräischen, deutschen, englischen oder französischen Sprache bedienen und haben ihre Arbeiten