Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 7)
- Belongs to
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73 Schwingen des Kapitalismus, der dem Kampf 11ms Dasein eine bisher ungeahnte Schärfe verlieh und den Broterwerb zum Lebensinhalt erhob. Die Wissenschaft endlich gewann nun erst das Recht zu völlig freier Forschung und gestaltete den Menschengeist zum obersten Gesetzgeber des Weltalls. Gleichzeitig aber fielen in Westeuropa unter den Stößen des Liberalismus die Ghettomauern zusammen, und hemmungslos fluteten die neuen Tatbestände in die Judengasse. Ein jeder dieser neuen Tatbestände war dem Gottes wort durchaus feindlich und gefährlich. Dem Gott es wort ist die Einzel- Persönlichkeit nicht Gabe, sondern Aufgabe; ist die Humanität nur Vorstufe der höheren Idee der Gottesdienerschaft der Einzelnen wie der gottgewollten Nationen; ist der Kapitalismus als Lebensbestimmung wahre Götzenverehrung; ist die Wissenschaft und der in ihr waltende Menschengeist in erster Reihe Mittel zur Menschenhefrschaft über die Erde, aber keineswegs, ungeleitet, letzte Quelle der Wahrheit. Niemand sah den Gegensatz zwischen den neuen Tatbeständen und dem Gotteswort klarer als Moses Mendelssohn. Aber dieser Moses war weder ein legitimer, noch ein illegitimer Revolutionär. Er war nur ein kleiner Evolutionär, der wacker mithalf, die neuen Tatbestände an sein Volk heranzubringen, in der stillen Hoffnung, es werde sich ihnen allmählich das Gotteswort schon von selber anpassen. Von ihm führt der Weg unmittelbar zu den illegitimen Revolutionären der Reform, die das Gotteswort zerbrachen, um es den neuen Tatbeständen gefügig zu machen. Mit dem sicheren Instinkt treuester Liebe zum Gotteswort fühlten auch die alten Rabbiner den Gegensatz. Nicht einen Augenblick zauderten sie, auf die weltlichen Vorteile einer Emanzipation zu verzichten, die nur mit der Preisgabe des Gottesworts zu erkaufen war. Aber sie klammerten sich nicht nur mit der ganzen Kraft ihrer Liebe an das Gotteswort, sondern auch, mit der tragischen Zähigkeit der Verzweiflung, an die alten, mit unheimlicher Sicherheit dahinschwindenden Tatbestände, die sich in jahrhundertelanger Uebung dem Gotteswort und seinen Anforderungen völlig angepaßt hatten, steigerten damit die Spannung zwischen dem Gott es wort und den unaufhaltsam eindringenden neuen Tatbeständen bis zur Unerträglichkeit, bis die Gasse das Gotteswort und die alten Tatbestände völlig identifizierte, bis der Untergang der alten Tatbestände fast schon den Unter-