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Der Israelit · 1938-07-28 · Heft 30 (28.7.1938) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 30 (28.7.1938)
Date
1938-07-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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kussion führen kann, vielmehr dadurch, daß er eine Leistung, die er als Pflicht empfindet, mit innerer Zustimmung vollzieht. Dabei ist jede Leistung, wenn sie in dieser Haltung vollzogen Wird, eine echt sittliche Tat. Darauf kommt es uns entscheidend an. Damit meine ich, daß Bildung schön und angenehm sein kann, aber die in echter Werthaltung vollzogene Tat, gleich welcher Art sie ist, ob im Kuhstall oder in der Werkstatt, ist sittlich gut. Das ist entscheidend. Ueber dieser Schicht der sittlichen Tat erhebt sich die Schicht des rein geistigen. Auch diese Betrachtung muß vom Prinzip der Freiwilligkeit geleitet sein. Bei uns Juden ist der geistige Inhalt identisch mit der sozialen und geistigen Ordnung der Gemeinschaft. Beide müssen in strenger Bindung nach innen und nach außen vollzogen werden. Jeder Schittr soll Ausdruck der Freiwilligkeit des Lebens sein, jede Mizwah soll erkannt und daher schön gestaltet werden. Die Thora selber werde — nach einem alten und doch neuen Weisheitswort — täglich neu erlebt. Aus dieser Haltung erwachst unseren Chawerim die Kraft, nach schwerer mit Freude getaner Arbeit noch einmal das Sefer zu nehmen und mit Inbrunst und Demut als Ausdruck echter Gemütswaltung zu lernen. Zur Kenntnis der Lebensordnung gehört das Wissen. „En am haarez chassid" das Wissen um die Thora, aber auch das Wissen um das Schicksal der Thora im Gange der Menschen durch die Jahrhunderte, kurz, das Wissen der Geschichte des jüdischen Volkes. Dieses wird uns durch das Lernen des Tenach und durch die Beschäftigung mit den Problemen der jüdischen Galuthgeschichte vermittelt. Es ist eine interessante Erfahrung, daß im jüdischen Kreis der Versuch immer wieder erneuert wird, die Welt als solche, die Grundfragen des Lebens zu verstehen und zu deuten. Jeder verlangt ein Weltbild. Diese Methode., die im echten Sinne philosophisch sein kann, wird jedoch in den meisten Fällen nicht sachlich genug unterbaut. Es entsteht ein Reden über anstatt eines Redens von den Dingen. Demgegenüber gehört zu einer klaren geistigen Haltung die Kenntnis zum Zwecke der E r kenntnis, der Steigerung des eigenen Lebens. Nicht die Fülle des Wissens ist entscheidend, sondern das erlebte Wissen, die Tatsachen, die ein Stück des Menschen geworden sind, in denen er geistig und seelisch lebt. Die geschichtlichen Epochen wirken nicht alle in. gleichem Maße auf den Menschen. Bestimmte Wesensformen zünden im jungen Menschen und nehmen auf seine Entwicklung einen tiefgreifenden Einfluß. Darum muß das Aus Wahlprinzip vorherrschen. Wir wissen, daß immer wieder die Gegenwart aus der Vergangenheit beseelt wird und umgekehrt. Dabei muß uns die Erkenntnis leiten, daß es um die Probleme f_ geht, die in unserer Gegenwart einer Lösung entgegensehen und doch wieder ihre Wurzeln im Erdreich des Geschichtlichen haben. Die moderne Kultur hat uns gelehrt, wie wir Geschichte zu betrachten haben, Auch hier gilt eine weltanschauliche Standortgebundenljeit. Es kommt darauf an, wer Geschichte deutet. Nun ist für uns Juden Geschichte zugleich Lebensunterweisung, so daß das Geschichtliche nicht nur als Erinnerung, sondern auch als Wegweiser für die Zukunft gilt. Wir müssen darum das Leben in seinem Sein, in seinem Gewordensein und in seinem Werden verstehen, Darum ist ein Abschluß von der Welt eine Flucht vor der Wirklichkeit. Wenn einer im Zimmer sitzt und draußen tobt ein Sturm, so zieht er die Vorhänge herunter. Ist dann aber der Sturm vorüber? Hier gibt es kein Zurück mehr. Es ist interessant, daß in der Fragestellung zur Welt gerade die ablehnenden jüdischen Menschen diese Welt meistens sehr eingehend erlebt haben. Sie sollten ihre eigenen Lebensgefühle nicht mit einer Art objektiver Begründung anderen aufzwingen wollen. Gewiß haben sich unsere Bildungsbedingungen geändert, niemals haben sich die Anschauungen in unserem Kreis gefestigt, die die Existenz der geistigen Welt einfach nicht sehen. Zum geistigen Bild unserer Chaluzim, soweit sie aus dem westlichen Kulturkreis kommen, gehört die werthafte Anerkennung der geistigen Welt, die die Weltkultur geschaffen hat. Wenn auch die jüdische Kultur von lebensbestimmender Bedeutung sein wird. Das bedeutet kein „Bindestrichjudentum", sondern es ist klar, daß hier die führende Hand unserer Thora sichtbar ist. Keine Verengerung unseres Lebenskreises, sondern eine Erweiterung durch Vertiefung unseres Limmud. Damit gewinnen wir den Maßstab für die innere und äußere Auseinandersetzung mit den täglichen Fragen im Leben. Geschichte und Kultur unserer Zeit tragen die Bewegungstendenzen zu grundlegender Neuordnung deutlich in sich. Unsere Auseinandersetzung bezieht sich jedoch nur auf die neuen Anschauungen," die im jüdischen Kreise auftauchen. Das jüdische Volk im Bewußtsein des agudistischen Chaluz. Wir müssen bei der Betrachtung des jüdischen Volkes die Gedanken fruchtbar machen, die die Jugendbewgeung uns einmal näherzubringen versuchte. Wir dürfen niemals vergessen, daß uns dabei der Grundsatz führen; muß: „Nichts Menschliches ist uns fremd''Die Verschiedenheit der Anschauung im jüdischen Kreis hat oft zu einer persönlichen Entfremdung geführt, die unangenehme, ja verwerfliche Folgen, hatte. Man bekämpfe niemals einen Menschen, sondern immer nur seine Anschauung, sofern diese der Thora widerspricht. Jeder Fanatismus, der in Haß umschlägt, ist verwerflich. Jeder Fanatismus, der sich im Werben für die Idee äußert, ist segensreich. Diese Idee ist nicht für einen Teil, sondern für das umfassende jüdische Volk geschaffen. Wir müssen das arbeitende Volk sehen, die Menschen, die aufbauen , und ringen. Erinnern wir uns doch einmal der Sätze, die Isaac Breuer nach seiner Erez Jisroel-Reise gesprochen hat: (Nachlath Zwi 4. Jahrgg. 33/31, S. 183 f.)" . . . Was nützt es denn, wenn man immer sagt — es ist der orthodoxe Grundfehler — man braucht Geld. Jawohl, ich weiß es, wir haben kein Geld. Ich weiß das, ich will das Geld nicht, die Menschen will ich , haben, um die Menschen sollen wirkämpfen, ich will haben, daß jeder orthodoxe Jude sich die Nacht darüber Sorge macht, was .wird mit Erez Jisrael, was wird mit unserer Zukunft, icV will, daß man nicht nur an sein privates „Lebehchen" denkt, sondern, daß man sich zur Verantwortung für das Leben des jüdischen Volkes erzieht. Menschen will ich haben, Menschen für. uns gewinnen, die sich fühlen als Bürger des kommenden G'ttesstaates, die klar ihre Kinder als Bürger des kommenden G'ttesstaates erziehen. Ich weiß nicht, wofür sonst Ihr sie erziehen wollt. Wo sonst wollt Ihr sie einbürgern, daß sie «ine Heimat haben? Wollt Ihr sie als Staatenlose in der Welt herumlaufen lassen? So faßt den Entschluß: Macht sie zu Bürgern des kommenden G'ttesstaates und lehrt sie gleich unsern Vätern leben, nicht ein Leben der Vergangenheit, nicht ein Leben der Gegenwart, lehrt sie ein Leben der Zukunft!" ... In diesen Worten ist der große geschichtliche Zusammenhang deutlich, in dem die schöpferische Aufbauarbeit des jüdischen Volkes steht. Können wir den Bund in diese schöpferische Entwicklung als aufbauenden Faktoreinfügen? Die Verwirklichung dieses Wunsches hängt von der Klarheit in unserem Kreise ab, ob wir uns zum Aufbau Erez Jisraels als Poalim bekennen. Der Bund muß sich darüber klar sein, daß er in erster Linie den Binjan Haarez zu fördern hat. Jeder Chawer auf Hachschara muß sich innerlich auf diese große Aufgabe einstellen. Wir bejahen die Lebensform des Kibbuz, weil in dieser ein wertvoller Schlüssel zum Aufbau des Landes ruht. f ^j^J ' Rein vor G'tt und Menschen. Zum Wochenabschnitte. Von B. Cohen, „Erst wenn das Land vor G'tt bezwungen sein wird, dürfet ihr heimkehren (in das von euch erwählte Land) und seid dann.rein vor G'tt und Menschen; dann erst wird euch dieses Land vor G'tt zum> Erbbesitze". Mit diesen Worten (Bern. 32, 22) verwarnte Mose die Stämme Reuben und Gad, welche sich vorden Toren des heiligen Landes Bodenbesitz erbeten hatten, nicht ihre Brüder in den Kampf um das heilige Land ziehen zu lassen und selber untätig in ihrem außerhalb des Landes erwählten Wohnsitze zu verbleiben. Mit ihren Brüdern, den übrigen Stämmen, sollten sie zunächst ins heilige Land ziehen und dort mitsamt den anderen Stämmen die Kämpfe gegen die Einwohner des Landes bestehen und erst danach in den Landstrich .zurückkehren, den sie erwählt und schon für ihre Familien und Herden eingerichtet hatten. In doppelter Bedingung war den zwei Stämmen Reub.cn und Gad diese Verpflichtung auferlegt worden (tenai kaful): Wollet ihr dieser Bruderpflicht als Erste und als Gerüstete „vor G'tt einherziehend" erfüllen, so habet ihr Anspruch auf das besondere Land; wollet ihr diese Pflicht nicht erfüllen,, dann müsset ihr vorlieb nehmen mit demjenigen Weidelande,. das euch die. anderen Stämme in ihrem Lande zuweisen werden. Unsere Weisen haben aber (Schekalim III, 2) hieraus noch etwas Anderes herausgehört: Die Stämme Reuben und Gad sollten auch vor dem bösen Schein einer nicht erfüllten Pflicht sich in Acht nehmen und rein nicht nur vor G'tt, sondern auch vor den Menschen dastehen. Ja, sie haben.. von hier aus uns die allgemeine Lehre erteilt: Jeder Mensch hat sich zu allen Zeiten vor jedem bösen Schein in Acht zu nehmen. Niemand darf .sich-damit begnügen, nur vor G'tt und dem eigenen Gewissen rein dazustehen; auch der Anschein einer Uebertretung soll gemieden werden. Wir sollen uns nicht eine bessere Reputation erschleichen,' als wir sie verdienen; aber wir sollen auch nicht leichtfertig den Anschein erwecken, als hätten wir es mit. irgendwelchen Pflichten nicht genau genommen, die wir G'tt oder Menschen gegenüber zu erfüllen haben. Der Sinn dieser Vorschrift mag der sein: Wir machen durch unseren G'ttesgehorsam gleichsam die Erde zur Stätte G'ttes; voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit, — durch unseren G'ttesgehorsam nämlich. Wird irgendwo auch nur der Anschein erweckt, als sei G'ttes Gebot übertreten worden, dann ist dieser Glänz der G'ttesherrlichkeit getrübt. Ist der Mensch von dem .Anscheine des Bösen frei, dann trifft ein Strahl seines seelischen Lichtes als Abglanz G'ttes selber die Welt. So galt in der mit der Herrichtung des Räucherwerks betrauten Priesterfamilie Abstinnas (Joma38a): das Verbot: Keine der Töchter -dieser Familie durfte jemals mit Wohlgerüchen versehen einhergehen, damit man nicht sage, sie habe vom geweihten. Räucherwerk genommen. Diejenigen, welche: an den Kassen des Tempels zu-arbeiten hatten . (Schek. das.), waren mit einem taschenlosen und gurtlosen Gewände bekleidet, damit nicht, wenn sie reich würden, sie . in den Verdacht kämen, vom geheiligten Gelde genommen zu haben, und damit nicht, wenn sie arm würden, man sage, dies sei die Strafe für Veruntreuung am Heiligtume. So wacht der Allgütige (und die Vorsorge seiner Gesetzeslehrer) über die Ehre seiner Kinder wie über die g'ttliche Ehre selber.— Aus dem * gleichen Grunde vermieden die Kinder der mit. der Herrichtung der Schaubrote betrauten Priesterfamilie Garmo gänzlich den Genuß von weißem Brote, (ebd.). Das Meiden des bösen Scheins ist unsaber darüber hinaus auch dann heilige Pflicht, wenh.es sich um Vorgänge „im innersten Gemache" handelt, (Sabb. 146b) Kleidung, die am Sabbat unterwegs durchnäßt worden ist, darf man nach Meinung eines Ungenannten dort in die Sonne hängen, wo keine Menschen vorbeigehen und denken können, die Kletdung sei am Sabbat ausgepreßt öder gar - gewaschen worden; nach Rabbi Elieser und Rabbi Schimon aber, denen auch die geltende Halacha folgt, Isi die-J überall verboten,' auch da, wo der böse Anschein nicht erweckt werden kann, zu dessen Vermeidun g" dieses Anhängen verboten ist. Diese Vorschrift, de; bösen Anscheins wegen auch dort manches zu unterlassen, wo der Anschein gar nicht erweckt werden kann, bedarf -besonderer Begründung. Sie. war mn' allezeit .unerklärlich, bis mich ein besonderes Ereignis über ihren Sinn ganz unerwartet aufklärte: Ich erwähnte in einem Dimmkursus so ganz im Nebenher, daß; unsere religiöse Trauung Von, der anderer Völker, und Religionen dadurch sich wesentlich unterscheidet, daß ein Tausch der Ringe bei uns sinnlos - ist; -bei uns soll ein Gegenstand von Wert. aus dem Besitze-des Mannes in den der Frau übergehen, und erst dadurch weiß sich die -Frau dem Mannz

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