Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1937-10-07 · Heft 40 (7.10.1937) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 40 (7.10.1937)
Date
1937-10-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450961-2450999--83275-2541295
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

7. Oktober 1937 § e r I s r a e 1 i t Nr. 40 Seite 3 Zu den „Problemen agudisfischer Führung (Fortsetzung von Seite 1.) sind.; Eine Ideologie bleibt legal, auch wenn sie keine ausdrückliche Bestätigung erfährt, sofern sie nur dem Grundgedanken des Judentums nicht widerspncEit und n,ictit. den direkten Widerspruch; efer Großen herausfordert. Daß .das Bedürfnis' nach ausdrücklicher eindeutiger und: autoritativer Führung von selten der Grqßenkann es leugnen? Der Anlaß zur Gründung der Agudas Jisröel •entsprang diesem Bedürfnis,/als es nämlich klar wuraej daß die. W der Wirklichkeit des-jüdischen zutage förderten, die :öhne. eine W|eltorganisation des Volkes und die";; Errichtung einer zentralen rabbinischen Autorität ..nicht mehr gelöst werden können. Hat diese zentrale rabbinische Autorität die an sie geknüpften Hoffnungen erfüllt? Unsere Pflicht ist . aber '/nicht', wie Rabbiner Wolf es tut, das Schweigen der Großen zu deuten, sondern unser Recht und unsere Pflicht ist,- ihr Reden zu.fordern.- Freilich auch Isaac Breuer deutet dieses Schweigen; aber seine Deutung hat gerade die Absicht, das Schweigen zu überwinden, und den Großen die Forderungen der Zeit vor Augen zu führen und sie ihnen zur Entscheidung vorzulegen. Isaac Breuer geht freilich einen Schritt weiter und versucht den historischen Ort unserer Gegenwart in dem jüdischen Geschichtsprozeß aufzuweisen. Seine .Ueberzeugung ist, daß diese unsere Zeit eine dem Endziel der jüdischen Geschichte nähere Phase darstellt. Diese Ueberzeugung will er mit seiner ganzen Beredsamkeit auch änderen beibringen, weil er glaubt, daß nur eine solche Ueberzeugung die Kraft zu einer wirklich lebendigen Volksbewegung und einer autoritativen und eindeutigen Führung zu schaffen imstande ist. Wer diese Ueberzeugung teilt, dem kann aus ihr in der Tat Kraft zum Wirken und Glaube zum Harren erwachsen. Aber auch wer die belebende Kraft einer solchen Ueberzeugung nicht erfährt, kann die reale Voraussetzung dieser Ueberzeugung nicht leugnen. Daß das orthodoxe Judentum bei politischer Passivität und Zurückhaltung nicht mehr bestehen kann, liegt offen am Tage, und diese Erkenntnis ist durch die Gründung der Agudas Jisroel seiner Zeit bestätigt worden. Die Wege der geübten Politik, die eine jüdische Gestaltung der yeränderten Wirklichkeit erstreben muß, sollten von der Halacha und ihren Trägern gepflegt und begleitet werden. Was besagt demgegenüber die Wolf'sehe Behauptung, es sei bedeutender, „was die Thora jedem Geschlecht gleichermaßen zu sagen hat, als das, was an ihren Problemen sich mit dem Zeitablauf wandelt"! Nicht die Rangordnung der Dinge ist wichtig, sondern ihre brennende Aktualität. Wenn es unserer Generation aüferlegt ist, einer veränderten Wirklichkeit gegenüber Stand zu halten, so bleibt es bloße Romantik, sich nach Zeiten zu sehnen, an denen die Wirklichkeit keine noch ungelösten Probleme aufzugeben hatte und man sich ausschließlich dem Ueberzeitlichen zukehren konnte. . Insofern sind die Isaac Breuer'sehen Forderungen eine Frucht des Thora ini Derech Erez- Prinzips, als daß sie gleich dem Vorbild des Thoraim Derech- Erez-Prinzips die Gestaltung der neu aufgetauchten Gegebenheiten verlangen. Bleibt das von der Zeit Aufgegebene ungelöst, so wird damit auch das Ueberzeitliche im Judentum in Frage gestfeilt. Darin liegt doch die eigentliche Schwäche der orthodoxen Position! Daß die Orthodoxie den Leistungen der Zionisten nichts Ebenbürtiges an die Seite zu stellen hat, ist bei weitem nicht so schlimm. Den Zionismus, der eine neue Konzeption des jüdischen Weltbildes darstellt, kann sich eben nur durch Erfolge und Errungenschaften legitimieren. Die Orthodoxie ist auch ohne solche Leistungen durch ihre historische Kontinuität legitimiert. Das Versagen begann bisher dort, wo die Orthodoxie für die Bewältigung der nun einmal vorhandenen Wirklichkeit das - in ihrem .Sinne aufgestellte Programm bieten sollte. "Hier versagten wir und kamen über die Feststellung, daß es die anderen falsch machen, kaum hinaus. Gesetzt, der jüdische Staat wird eine Wirklichkeit, gesetzt ferner, daß die gesamte Orthodoxie sich im jüdischen Staat zu einer Partei vereinigen wird, die für die Durchsetzung der Thora im Leben des Staates kämpfen soll. Die Aussichten dieses Kampfes werden viel weniger davon abhängen, wie weit die Orthodoxie an der Gründung des Staates beteiligt sein wird, viel mehr davon, ob diese Partei ein halachisch bestätigtes und für die Praxis brauchbares Programm der Staatsführung in der Hand haben wird. Ohne ein solches Programm wird die Partei weder von den Gegnern noch von ihren eigenen Mitgliedern ernst genommen werden. Rabb. Wolf freilich erklärt, der Staat sei gar nicht Gegenstand der Thora. Die Seele der Juden und die des jüdischen Volkes sei es. Ist damit die Staatgründung gemeint, darüber läßt sich streiten. Man kann vielleicht der Meinung sein, daß man nicht unbedingt verpflichtet ist, "> politische und wirtschaftliche Tatsachen zu schaffen. Die Orthodoxie hat ja stillschweigend nach dieser Auffassung gehandelt. Kann man aber im Zweifel darüber sein, daß die Gestaltung des schon vorhandenen Staates ein Gegenstand der Thora ist? Lernt Herr Rabb. Wolf nicht auch |'*nnjD rDD»? Ist es nicht ein Gebot sogar für nj ^3' einen Staat zu bilden und Recht zu pflegen? Sind die jüdischen Staatsgesetze der Vergangenheit und der messianischen Zukunft auf den Staat der Gegenwart nicht anwendbar, so müssen doch Gesetze auch für einen Staat Tim föT1? ableitbar sein. Herr Rabb. Wolf stellt einen Gegensatz auf: Nicht der Staat ist der Gegenstand der Thora, sondern die Seele. Mit demselben Recht könnte er sagen; Nicht die Ernährung und nicht die Ehe ist der Gegenstand der Thora, sondern ... Herr Rabb. Wolf tröstet sich und uns, daß der Weg der religiösen Verwirklichung möglich sei, wenn nur darunter der erzieherische und nicht der politische ,Weg gemeint sei. Beweis dafür sei der Erfolg der Beth Jakob-Bewegung und der des Esra. In diesem Rahmen sieht er auch die Beglaubigung der Kibbuzim, da auch sie eine Erziehungsgemeinschaft darstellen können, „wenn nur der Kibbuz von den ärgsten Existenzsorgen befreit ist." Wir aber meinen, daß wenn es ein Gebiet gibt, wo es sich klar genug ergibtj daß ohne Politik^ ,auch auf geistigem Gebiet kein nennenswerter Erfolg erzielt werden kann, so ist es das Gebiet der Erziehung. Gibt es.hifeute in den Tagen der politischen Spaltungen innerhalb der Judenheit überhaupt noch eine Möglichkeit, jüdisch zu erziehen, .ohne in der Erziehung die erstrebte Politik als eine der Zielrichtungen einzubeziehen? Wir erziehen freilich aus Mangel an einer lebendigenorthodoxen politischen Zielrichtung, ohne diesen Faktor zu berücksichtigen. Dies aber geschieht nicht zum Vorteil, sondern sehr, zum Schaden des erzieherischen Erfolges. Ferner hat der Mangel an politischem Ofg^nisiertsein der Orthodoxie eine viel unmittelbarere negative Wirkung für* das Erziehung^wesen. Das Fehlen: eines autonom orthodoxen, Schulnetzes im Lande ist die unmrl> telbare Folge ihrer politischen Unzulänglichkeit. -Der Anteil der Parteien an dem Erziehungswerk des Landes/eiit^ politischen Stärke der Partei,'.Nur eine starke orthodoxe : fl p ■> .-sTT-Va •■■n - F< ' 'rt ■ : .„ Partei wäre imstande, em .Erziehungswerk für dieorthodoxen'"MasSenr zu sichern, denn, nur sie hätte die* ••Macht,**: die;'Fin^nziero^ [' ''dieser Schulen durch die örtlichen Lökalk^rpericftaften (Irijah) bei Beibehaltung seiner ktilturelldh Unabhängigkeit'durchzusetzend So aber bleiberi die meisten orthodoxen Schulen, die-vorhanden sind, Lehranstalten für die mittlere Bürgerschichti die sich die Zajblüng^ de* hohen Schulgelder leisten kann. •'< ■' '■■•>" „. ..^ Und dasselbe gilt von den Kibbuzim, was nicht besonders hervorgehoben werden muß. Es ist sehr erbaulich, von Berlin aus den Kibbuz als eine Erziehungsgemeinschaft zu preisen und die Existenzsorgen des Kibbuz in einem Nebensatze abzutunj;'solange der Kibbuz als eine Pionierarbeit leistende Arbeitergruppe nicht von einer politischen Organisation, die damit wirklich ernst meint, wirtschaftlich wenigstens am Anfang getragen wird, bleibt auch die kibbuzische Erziehungsgemeinschaft eine Illusion. Mat hat bei der Lektüre von Aeußerungen von der Art des Wolf'sehen Aufsatzes den Eindruck, daß Unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Deutschland der Blick für die palästinensische Wirklichkeit beengt wird. Die Einengung des jüdischen Lebens in der Gola nimmt die Möglichkeit, für eine erweiterte Wirklichkeit zu denken. Das ist weiter nicht tragisch, denn es ist die natürliche Anpassung an die Zeitumstände. Unbedingt müßte man sich aber frei machen von dieser Beengung in den Kreisen der Erzieher, die die Jugend in Wirklichkeit gar nicht für das enge Leben in der Gola, sondern für ein erweitertes und vielfältiges in Erez Israel erziehen. Die Erziehung darf sich keineswegs nur darauf beschränken, zu lernen, wie man das Fremde erduldet, sondern auch wie man das Eigene gestaltet. Wocherirundschau, Eine Wendung in Palästina — Das jüdische Winterhilfswerk — Thorarolle und Schöpfungshymnus — Frohe Kunde aus Jerusalem — Schofar und Auto in Tel Awiw. Während in Genf und London am Palästina-Teilungsprojekt herumlaboriert wird, fallen Schüsse in Palästina, in Jerusalem und in Galiläa, die zunächst einen verdienten hohen - englischen Beamten trafen, unmittelbar und weit empfindlicher aber die intellektuellen Urheber, des Attentates selbst, das Oberste Arabische Komitee,' das aufge- , löst ist, den Groß-Mufti, der in der Angst. vor der Gefangennahme sich ,im freigewählten Gefängnis der Omar-Moschee verbarrikadiert, und seine treuesten Mannen, die in Haft genommen und zum Teile deportiert wurden.; . All diese Maßnahmen sind auf direkten Befehl von London getroffen worden. England macht Ernst. . Man wird aber dabei den Gedanken nicht los: Wäre England das Blut von mehreren hundert jüdischen Menschen, das' seit 1936 im Lande geflossen ist, so teuer gewesen wie das des einen Distriktskommissars — es (ist ein kostbares Leben, dessen Auslöschung im jüdischen Kreise aufrichtig bedauert wird — und hätten die Londoner und die Paiästinaregierung damals schon mit gleicher Energie zugepackt, es wäre uns und.. den Engländern und nicht zuletzt den Arabern selbst vieles erspart geblieben. Erkennen wir dankbar an, daß England nun etwas spät, aber immer noch nicht zu spät, das Richtige findet. - aukh Herr.ertvväsehe, Trikotagen und Badewäsche Herfenkleidung a gut und preiswe Auf Wunsch t uz 3 -Verarbeitung Frankfurt a, M, Hlndenburgplatz 12 am Hauptbahnhof

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.