Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 40 (7.10.1937)
- Date
- 1937-10-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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P--r^WC, -Jf.V^v* 193/ t feM Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mains Frankfurt a. M. 7. Oktober 1937 2. Marcheschwan 5698 Nummer 40 Von der Reichsve r t reiung der Ju den in Deutschland ergeht an die Judenheit Deutschlands folgender Aufruf: „Das neue jüdische Jahr hat vor kurzem begonnen! Mit ihm ist uns die Aufgabe, die Jüdische Winterhilfe innerhalb unserer Gemeinschaft durchzuführen, aufs neue gestellt worden. im letzten Jahr konnten wir fast 82.000 Menscheii vor Not und Bedrängnis bewahren. In den größeren Gemeinden war jeder fünfte Jude hilfebedürftig, in den kleineren Gemeinden brauchte schon jeder Vierte unsere Hilfe. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung ist im Vergleich zum Jahr vorher um etwa 20.000 Menschen, die Zahl der Hilfsbedürftigen,. aber nur um knapp 1000 gesunken. Das aber heißt Zunahme der Not, Anwachsen des Anteils der Hilfsbedürftigen. Seit dem Abscnluß der letzten Aktion für die Jüdische Winterhilfe hat die Zahl der Opferfälugen<'-'un^£''üns_ "sich'..'wieder um Tausende vermindert. Wir müßten an unserer Aufgabe verzweifeln, wüßten wir nicht, daß die Zurückbleibenden sich auch dem erhöhten Anspruch nicht entziehen werden. Aermer sind wir geworden, doch wir haben immer erfahren, daß auch unser Besitz uns nur dann ein Segen sein kann, wenn er auch anderen zum Segen wird. Wir rufen die Juderiheit Deutschlands auf, die 'Jüdische Winterhilfe, in der jeder an seiner Stelle seine Pflicht erfüllt, zu einem lebendigen, schützenden Walle zu machen gegen die Not des Winters!" . Neben der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde, zu Berlin und den jüdischen Landesverbänden haben u. a. den Aufruf unterzeichnet die Land es Organisation der Agudas Ji sro e 1 in. D eu t s c h 1 a n d , die Rabbinerverbände in Deutschland, der Jüdische Central- Verein, der Jüdische Frauenbund, der Reichsausschuß 1. der jüdischen1; Jugendverbände, der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, der Reichsverband derv jüdischen Lehrervereine, die Vertretung:'deru n a b. h.ä n g i g e.n j ü d i S:C h e n 0 r th.o d o x i e D e u t s c h 1 ä n-d s;,. der Zentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands und: diie Zionistische Vereinigung für Deutschland: . " .' ' Berlin, 6. Oktober. ' Am Sonntag, den 10. Oktober, beginnt in allen Bezirks- und Zweigstellen der Jüdischen Winterhilfe B er Ii n die Annahme der Anträge. Am gleichen Tage ist der erste Eint o p f - sonntag der Jüdischen Winterhilfe. Jfeder Sammler der Eintopfspende ist durch einen von der Leitung der Jüdischen Winterhilfe unterschriebenen und unterstempelten braunen Ausweis legitimiert. Auch die Pfundspende der jüdischen Frauen setzt mit ihrer Arbeit ein. Die Jüdische Winterhilfe Berlin richtet an die jüdischen Frauen den Appell, sich zu diesem Werk zur Verfügung ZU stellen. Aus dem Inhalt: Die Regierungsaktion in Palästina . . Seite 2 Wochenrundschau .........Seite 3 Erziehung zum Znius . .-' . '. Seite 5 Typische Fehler unserer Auswanderung Seite 6 Die „Times" zu den Vorgängen in Palästina Seite 6 Brief aus Brasilien.........Seite 7 Aus der Agudas Jisroel-Bewegung .' . Seite 3 Eindrücke in Wien......... Seite 9 Zum 100. Todestage Rabbi Akiba Egers Seite 9 Erez Israel ..... .; . . . Seite 10 Zu den „Problemen aoudistischer Führung". Von Dr. Jakob Katz in Tel Awiw.*) In Nummer 34 des „Israelit" nimmt Herr Rabb. Wolf aus Berlin Stellung zu dem Inhalt der neuen Broschüre Isaac Breuers. Rabb. Wolf versucht dabei zu erklären, warum die Ideologie Isaac Breuers nicht den Erfolg gehabt hat, der ihrer literarischen Bedeutsamkeit entsprechen würde, Rabb. Wolf glaubt, der Grund dafür liege an dem Ausbleiben der Bestätigung von seiten der rabbinischen Größen der Zeit. . Die Breuer sehe Ideologie blieb eine . Laientheorie ohne autoritative Beglaubigung. Warum blieb aber diese Beglaubigung aus? Sie blieb aus, weil die Breuer'sche Theorie auf dem Boden .. des Thora im Derech Erez-Prinzips erwachsen ist, das das Grundproblem des Judentums in dem Verhältnis der Thora zum Leben Und seinen Wandlungen sehe, das aber in der Tat ein ganz anderes sei, nämlich die Seele des jüdischen Menschen und des jüdischen Volkes und ihre Annäherung an Haschern. Wirklichkeit und Leben seien nur die Schauplätze dieser Aufgabe. Hätte sich Rabb. Wolf auf eine Kritik der BreUer'schen Schrift beschränkt, wäre eine. Polemik gegen ihn nicht am Platze. Er zieht aber aus seinen Ausführungen praktische Konsequenzen und behauptet,' eine Bewegung auf dem Bo- *) Dieser Aufsatz, der vor der Kenessio Gedaulo geschrieben wurde, ist heute, nach den Beschlüssen des;Rabbinischen Rates und den Resolutionen der K. Q., in manchem überholt. Seine Grundgedanken können aber " auch heute noch zur Diskussion gestellt werden. Red. den des historischen Judentums habe nur einen Sinn, wenn sie unmittelbar dieses letzte Ziel . der Thora im Auge habe und es auf erzieherischem Wege zu erreichen strebe. Eine Bewegung, die die Gestaltung der Wirklichkeit ^zum Ziele habe und daher notwendigermaßen mit politischen Mitteln arbeite, sei auf dem Boden des historischen Judentums sozusagen illegal und daher von vornherein aussichtslos. In diesem Sinne, hofft Rabbiner Wolf, wird die Erziehung: im Kreise des Noar Agudati in Deutschland fortgeführt werden und sie den „hohen erzieherischen Wert, den der kibbuzische Weg in sich birgt, deutlich werden lassen." Ohne die Ideologie Isaac Breuers verteidigen zu wollen, sei es gestattet, zu der Sache> selbst , Stellung zu nehmen. Rabb. Wolf sieht, meiner Ansicht nach, die Stelle des Ideologischen in den Faktoren der Gegenwartsproblematik falsch. Er hält das Ideologische für den Ausgangspunkt, er erwartet, daß eine Ideologie eine Art halachische Sanktion der Großen, der Thora erhalte, damit man sich ihr bedenkenlos anschließen kann. Damit verschiebt er aber die Stellung des Ideologischen und verdeckt das eigentliche Problem, um das es sich beim Schweigen der Großen ' der Thora handelt. Nicht um die Bestätigung einer der Ideologien handelt es sich dabei, sondern um konkrete Fragen der Wirklichkeit, die, wenn sie auch auf dem Gebiet der Politik entstanden sind, im Grunde halachischer Natur : (Fortsetzung siehe Seite 3.)