Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 33 (20.8.1937)
- Date
- 1937-08-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 33 1937 ..-- ■■■^m fmffcy Reminiszenzen an die jL Kenessio Gedaulo 1923*)- Vc ii S. Schachnowitz. Das Agudaschiff. Die Verhandlungen und Beschlüsse, die rednerischen und effektiven Leistungen der ersten zwei Agudakongresse sind niedergeschrieben und man kann sie in den'Protokollen und alten Berichten nachlesen. Es. gab aber Eindrücke, die ungeschrieben und unregistriert blieben, die sich in der Seele festsetzten, wie die Töne in einer Wachsplatte, die gelegentlich zum Singen und Klingen kommt., Die Gelegenheit ist da. Man rüstet sich zur Kenessiofährt, sieben Jahre nach dem zweiten, fünfzehn Jahre nach dem ersten rgroßen Treffen . der TJioratreuen, und jene . Platte der Erinnerungen ist wieder eingestellt, gibt Worte, und Töne von sich, , Man führ in den ersten Elultagen nach Wien zu; der Arsten Kenessio Gedäülo, von der man sich noch keinerichtige Vorstellung machen konnte, hocbgestimmt, erwartungsvoll. Es war eine Pilgerfahrt einem Ziele entgegen, das hoch und verschwommen, von Nebelhöhe winkte. In .lebhaftere Erinnerung bleibt mir eine durchwachte Nacht in i'Päs s au, Denn die Bahnen gingen damals, 1923, keineswegs in dem Tempo unserer hochfliegenden 'Gedanken, Passau war damals, zur Zeit der langsamen .Konsolidierung nach dem Kriege und der Inflation, ein Völkertor Europas, Station einer neuen Völkerwanderung, Die Halle war angefüllt mit, übernächtigen Menschen aller .Typen und Zonen. Der jugendliche Flügel der Agudjsten— vuhd wer wollte damals nicht jugendsich sein? — beschloß, die Reise;;atif der österreichischen. Seite auf dem Wasserwege fortzusetzen. Wochenlang sprach man von dem' „Aguda-Schiff", das aller Phantasie beflügelte. Mit Morgengrauen gegen 5 Uhr schifften wir uns ein. Es war zunächst ein kleiner Dampfer und wirklich ziemlich homogenvon Agudisten bevölkert. Aber nur wenige Stunden bis Linz. Dort wurden.wir auf einen großen Donau-Dampfer umgeschifft, -der oben und unten voll angefüllt war mit Marktfrauen, Touristen, Händlern und sonstigen Menschen, die mit Aguda und Kenessio nicht , das geringste zu : tun,-hatten. Trotzdem hatten wir uns diV große Kajüte der Zweiten Klasse annektiert, um gemeinsamen .Frühg'ttesdienst abzuhalten. Wir haften einige Rabbiner an Bord. Chässidisches Temperament setzte sich durch. Man wiegte und schaukelte sich, in Tallith gehüllt, als wäre man im heimatlichen Beth HamidraSch und überschrie zuweilen die Schrauben der Maschinen. Ein paar spöttische, auch unfreundliche Bemerkungen von Reisenden drangen zu uns hinunter. Man, kümmerte sich nicht darum. Oben am Eingang zur" Kajüte saß eine geschlossene Gesellschaft um einen 'Tisch, ganz den Freuden der Kaffeetafel . hingegeben" . und ohne An-, stoß an uns zu nehmen, obwohl der Lärm von unten zu ihnen am ehesten dringen mußte. „Es gibt doch doch anständige Leute auf Erden!" Erst später'erfuhren wir, daß es. ein T a u b st u nun enklub aus ijftz war, der einen Dohauausflug .machte ... Zehn Uhr nachts landeten wir erst im Praterhafen von Wien. Durch die lange Fahrt und die vorhergehende durchwachte Nacht waren wir wie gerädert, trotzdem ließen wir uns von den Freunden sofort, i« später Nachtstunde, an den Kongreßsaal fahren, einen Zirkusbau, der sich später als der ungeeignetste Räum für den Kongreß zeigte. In den oberen Stockwerken waren noch alle Fenster beleuchtet. Abend vor der Eröffnung, und die einzelnen Kommissionen, so auch die' Exekutive, saßen noch kei der Arbeit. Diese ersten A g u d a 1 i c h t e r absorbierten unsere Müdigkeit vollkommen. Wir Waren wieder jung und frisch und ich konnte noch an\ gleichen Abend meine Arbeit mit einem Vorberich! beginnen. . Die Akustik. Vrit Rundbau des Zirkus mit seiner weiten Arena Und großen Galerien zeigte sich schön bei der ersten Sitzung als Arena für die geistigen Kämpfe der Aguda-Vertreter• als absolut ungeeignet. Man. hörte die Reden wie das -Echo im Walde doppelt und dreifach und verstand kein Wort. Alles verhallte in dem ,,*) Erschienen in der ersten Kongreßnummer der dritten Kenessio Gedaulo. Riesenraum des Kuppelbaus. Man mußte voider zweiten Sitzung Arbeiter und Sachverständige herbeiholen, um die Schallweite von der Tribüne aus möglichst' zu korrigieren. Ein junger Rabbi mit strahlendem Gesicht, dessen volle Bedeutung uns erst viel später aufging, damals noch ein aufgehender Stern — leider ein Komet, der ebenso rasch und : unvermittelt verschwand —■ knüpfte in seiner ersten Rede nach Verbesserung der akustischen Verhältnisse an diese Misere an. Ich höre ihn noch mit feurigen Worten hinausrufen: „Ein wunderbares Haus, ein herrlicher Saal, mitten in der Residenz- und Kaiserstadt Wien. Aber das Haus gab kein Echo. Dann kamen die Meister, und siehe, die Akustik stellte sich wieder ein. Das ist das Thorajudentum, das ist die Aguda! Es ist das Haus Israels, alles herrlich ausgestattet und ausgestaltet, aber es fehlt das Echo. Die Welt, auch die jüdische Welt, hört uns nicht, versteht uns nicht. Nun sind wir da, die Meister des Hauses, und wir werden uns auch die- Akustik, das Ohr der Welt, verschaffen, vor allem das Ohr der jüdischen Welt." Diese—Rede wurde zum ersten Male gut und deutlich gehört und verstanden. Der Chofez Chajim. Die markanteste Gestalt auf. der ersten Kenessio Gedaulo war unbestritten der Chofez Chajim Die gesamte jüdische Welt stand schon seit Jahrzehnten . im Banne dieser jwundersamen Persönlichkeit und viele waren eigens nach Wien gekommen, um diesen „Heiligen aus alten großen Zeiten" von Angesicht zu sehen. Es. bildeten."sich ganze Märchen über sein Leben, seine Art und auch seine Reise nach Wien. In der Zeit der strengsten Paßkontrolle in allen Ländern war ihm gestattet, mit einem. Paß ohne Bild über die. Grenze zu fahren, weil er sich nicht pho.tographieren ließ, so erzählte man sich^ Nun sah man das Originälbild: Ein kleines, unscheinbares Männchen, einfach, wenn nicht dürftig gekleidet, die typisch litauische Mütze auf dem Kopf. Im knochi- . gen, asketischen Gesicht leuchteten aber zwei Augen, die aus anderen Welten in andere Welten zu schauen schienen. Unsere Welt sah der Mann wohl nur flüchtig im Vorüberschauen — und er sah doch immer das Richtige, das Eigentliche, worauf es ankam. Es kam der große Moment der Eröffnung, Der Chofez Chajim wird reden! Die Spannung des Augenblickes, da der kleine Mann, nicht ohne Hilfe, das Podium bestieg, wird für den Teilnehmer unvergessen bleiben. Da stand er am Pult, e^in wenig verlegen, verschüchtert, die Blicke in unbestimmte Fernen gerichtet, und seine Lippen bewegten sich. Was sprach er? Man hörte kein Wort, obwohl Totenstille im Saale, herrschte'. Unser Pressetisch stand unmittelbar vor dem Podium, zwischen Tribüne und Delegiertenbänken. Nur einen Augenblick überlegte ich, dann schwang ich mich — man war in diesem Augenblicke wirklich jung — mit einem Satz zum Podium hinauf, wohin ich nicht gehörte. Meine Leser hatten Anspruch darauf, zu erfahren, was der Große, wohl der Größte in Israel, ihnen zu sagen hatte, Ich stand ganz dicht hinter ihm mit gespitzten Ohren und gespitztem Bleistift. Letzterer war kaum vonnöten, da sich die : Worte tief in die Seele eingruben."* Wie , groß'muß der Mann gewesen sein, der in so einfachen Worten aus dem kleinen Leben des Tages ,das vermitteln konnte, was er im Herzen trug und worauf es ankam. Er sträubte sich gegen die ihm gewordene Ehre, dem Kongreß seinen Segen zu erteilen. „Ich bin ein alter Mann, was wollt Ihr von mir? Oder wollt Ihr nur den Priestersegen aus dem Munde eines Greises empfangen? Nun wohl, daß ich Kohen und Greis bin, kann ich nicht leugnen," Er erzählte dann von einem großen Rabbi, der in eine Stadt kam, die ihm große Huldigungen entgegenbrachte. Als sie halachische Fragen ihm vorlegten, war er aber nicht imstande, auch nur eine einzige zu beantworten. Alles Wissen war von ihm plötzlich gewichen, und Schuld daran waren die ihm entgegengebrachten Huldigungen. Wo Stolz und Hochmut in einem Menschen geweckt werden, da weicht die Weisheit und die Wahrheit. Darum heißt es auch vom Kohen "m /vfcwaa nVyn «Vi „Besteige nicht irfcyan mit den Dir zugesprochenen Eigenschaften den Altar! . . ." Und nun spricht der Rabbi von den Problemen der Kenessio, dem Problem aller Probleme. Und wieder eine Geschichte: Ein Kranker liegt ani Wege, und die Aerzte sinnen auf Heilmittel. Der eine will ihm die Augen heilen, 'damit :er wieder sehen kann, der andere die Füße behandeln, damit sie sich wieder bewegen, ein Dritter die Hände, die nicht mehr ausgreifen wollten. Da kommt aber der richtige Arzt und spricht: „Das Herz ist krank, heilen wir das Herz, dann ergießen sich" die Lebensstrpme vom Herzen auch auf alle anderen' Organe und Gliedmaßen, und der Mann ist gestindi" Der. Herzpunkt unseres Lebens ist die Thora, hier hat der Heilprozeß einzusetzen. Alle anderen jüdischen Fragen finden dann bald ihre Lösung ... ■!'■ So und ähnlich spricht der Rabbi. Das Thoraproblem im'Westen? Es steht geschrieben, daß, wo sich die Thora in drei Generationen bewährt hat, sie immer ihre alte Herberge wieder aufsucht, so daß sie aus den späteren Geschlechtern nicht mehr weicht. Wie aber, fragt der greise Rabbi, konnte es überhaupt noch Ignoranten und Thoraverachter im Judentum geben, nachdem doch die drei ersten Generationen, Abraham, Isaak und Jakob, gewiß tr.eu zur Thora hielten? Antwort: Es heißt ja nur, die Thora sucht ihre Herberge auf. Wenn man sie aber nicht herein läßt — und der Rabbi weint förmlich, da er das Bild des Wanderers zeigt, der an die Türe der Herberge klopft, sich darauf beruft, daß seine Vätersväter schon hier gewohnt hätten und dennoch nicht hereingelassen wird — dann sucht sie sich eben ein anderes Nachtquartier. Wie hatte die Thora an die Pforten Deutschlands vor hundert Jahren " geklopft! „Es ist ja meine Heimat," flehte sie, „Raschi, die Tossofisten!" Aber es war kein.Platz hier,, alles; besetzt, hieß' es. Emanzipation, moderne Schulen, profane .Bildung, Erwerbsleben. Da suchte sich ebendie. Thora ein Quartier anderswo, in Polen,; in Li-; tauen. Und heute? „Die Thora ist auf der Rückwanderung, wohin? Wir wissen es nicht. Nehmt sie auf,' Ihr Männer des Westens, haltet sie fest! ..." .. Dieses hörte ich unmittelbar aus dem heiligen Munde, und es hörte sich ganz an.ders an,, äfs 'äus,-: den Berichten, die man später in den Zeitungen las.; Der „Sanoker". Und wie die Lehrer der ganz alten Zeiten für ihre leise hingemurmelten Worte ihren Dolmetsch,' hatten, den „ M e t u r g e m a n " , der sie (n das Volk ' hinausschrie, so hatte auch der Chofez Chajim an", jenem ersten Tage seinen Dolmetsch und Interpre-; ten, den jungen Rabbi mit dem leuchten'den Gesichte- und dem herzinnigen, einschmeichelnden Organe, von» dem wir schon sprachen, dem „Sanoker", wie [ wir ihn damals nannten und noch nicht richtig kannten. Wir sollten erst später erfahren, was dieser neue. Stern dem Judentum und der Aguda bedeutete. Es kamen in den ersten Verharidlungstagen npchj sehr Viele zu Wort. Größe, berühmte und wehiger < berühmte Rabbis, mit geistsprühenden Reden und; auch mit solchen, deren Tiefe durch umständliche, Breite ersetzt war. Man beklagte sich, daß manche/ an Sachlichkeit fehlen ließen. „Was wollt Ihr?" rief; der Sanoker. „Brüder kommen nach vielen Jahr-1 zehnten wieder einmal zusammen. Unvermeidlich," daß sie im Ueberschwang der Gefühle einmal auch; von anderen Dingen sprechen und nicht immer streng1 sachlich nur von der Erbschaftsteilung reden. Laßt sie sich erst einmal brüderlich ausreden, ausweinen, die Sache wird nicht darunter leiden . . ." Und wie recht hat dieser kluge Rabbi behalten. In der zweiten Kenessio,, sieben Jahre' später, in einem Saale mit vorzüglicher Akustik, und in dem; der „Sanoker" — damals schon der „Lubliner" —; mit die Seele der Veranstaltung war, war man sach-ilieh und abgewogen. Es ging ein harter. Kampf umf Lebensfragen der Aguda. Man erinnert sich an die. heißen Debatten um den Paragraph 4, man erinnert sich an die Meisterrede Jacob Rpsenheims. ein Glanzstück rhetorischer Kunst und logischer Schaffe, über das Verhältnis zur Jewish Agency und' zum Zionismus. Und nun fahren wir zur dritten Kenessio Ge-'j' daulo, die ganz im Zeichen der realen Dinge steheni wird. Erez Israel, der Kommissionsbericht in Lonr don, die Verhandlungen und Beschlüsse in Genf und' in Zürich, Die Kenessio. Gedaulo wird" über Chinuch. Poalim und -hundert andere brennende Fragen zu sprechen haben. Es wird nicht -viel Zeit übrig blei-J ben für theoretische und sentimentale Erörterungen! und Auseinandersetz"ungett. . . ■■! Die dritte Kenessio Gedaulo wird sachlich sein, aber der Mann, der diese sich einmal einstellende. Sachlichkeit vorausgesehen hat, ist nicht mehr dabei. Und auch die Stühle vieler Anderer, die neben dem Chofez Chajim und dem .j.Sanoker" zu den markantesten Persönlichkeiten, 'der ersten und zweiten Ke* nessio Gedaulo gehörten, werden dieses Mal leer bleiben. Man wird wohl schon am ersten Abend ihrer, in Ehrung und Dankbarkeit gedenken. Bleiben wir dessen eingedenk, daß es nicht zuletzt die Frucht ihrer Arbeit ist. die wir jetzt in kritischer Stunde genießen Und daß ihr Geist segnend auf uns herabsieht. —tz. Das Feuilleton „Eindrücke in Paris" kann aus Platzrücksichten erst in den nächsten. Nummern fortgesetzt werden.