Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1936)
- Date
- 1936-01-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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23. Januar 1936 Der Israelit Nr. 4 Seite 13 Die Frankfurter Woche. „Einstellung der Agudas Jisroel zu den Gegenwartsproblemen". Die seit einiger Zeit recht aktive Aguda-Ortsgruppe hatte am Sonntag Abend zu einem religiösen Vortrag geladen, um den vor zwei Wochen stattgefundenen 'Delegiertentag zu besprechen und zu den aktuellen und von ihm aufgeworfenen Fragen Stellung nehmen zu lassen. Der Besuch war überaus gut. Herr Dozent Ehrentreu fand die passenden Worte, um seinen Freunden 'die Pflicht, durch .die Aguda für den Klall zu wirken, nahezubringen. Die Zeit — so führte der Redner u. a. aus — gäbe uns; Probleme auf, und wir hätten die heilige Aufgabe, sie einer Lösung entgegenzuführen. Man hörte insbesondere über die an den letzten Wochen besonders! stark behandelten grundsätzlichen Fragen, wie beispielsweise Tauroh-Mussar und Tauro-im/Derech-Erez, Schultypen im Heiligen .Lande, die Werbung uns. bis heute fernstehender Menschen, die zu gewinnen die Agudas Jisroel sich unablässig bemühen muß. Des ferneren erstrebt die Aguda einen weitgehenden Einfluß auf die Auswanderungsarbeit, die der Hilfsiverein leistet, ohne sich um die religiösen Erfordernisse zu kümmern. — Das Landschulkinderheim in Frankfurt, dem andere in möglichst vielen Städten folgen sollen, bedarf der finanziellen Unterstützung, um so unsre Pflicht gegenüber unsern Gesinnungsfreunden auf dem Lande zu bekunden. — Dem Vortrag schloß sich eine ausgedehnte Aussprache an. Man kann den Abend als einen vollen Erfolg buchen. Die Leitung der Gruppe wird es, unter Hinzuziehung erprobter Kräfte, zweifellos verstehen, 'die arbeitswilligen, interessierten und sich ihrer Verantwortung bewußten Kräfte aus allen Schichten der taurohtreuen Judenheit 'dieser Stadt im Interesse einer wirklich gründlihcen Agoida-Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten zu verwerten. Aus dem Referat über Ziel und Arbeit des Noar Agudati. Auf dem Frankfurter Delegiertentag führte Herr Albert Sonn ungefähr folgendes aus: Der Sinn unseres Judeseins findet im Limud seine Erfüllung. Wir erkennen durch das Hineinwachsen in die Thora unser Sollen. Diese Erkenntnis'bestimmt' unseren geistigen Weg. Jede Zeit muß die Maßnahmen treffen, die zu diesem jüdischen Erziehungsziel, der Verwirklichung der Thora in allen ihren Forderungen, führt. Eine solche Tat bildet der von der gesetzestreuen, bündischen Jugend gegründete Chaluzimbtuid Noar Agudati. Die Verbindung zu schaffen mit den jüdischen Menschen, mit der durch die Thora geformten jüdischen Geschichte im Lebens- 'volizug des arbeitenden Chaluz, da® war und ist die Aufgabe unseres Bundes, Der Weg zu diesem Ziel war unschwer zu erkennen. Das Zentralerlebnis der Jugendbewegung von früher war die Gemeinschait, die Gemeinschaitsidee, die Zuordnung der Menschen zueinander bestimmt auch den Erziehumgsweg des Noar Agudati, Der zweite Faktor, der die Struktur des Bundes bestimmt, ist Erez Israel. Dieses Land verlangt einen Menschen, der thoratreu, weltoffen und innerlich aufgeschlossen den Typus des thoratreuen Poel darstellt. Es ergeben sich für die Praxis des Bundes zwei Forderungen: 1. der mindest einjährige Jeschiwabesucfa und 2. eine geistig-weltanschauliche Durchbildung. Die Leitung der Jeschiwah in Frankfurt hat immer den besonderen Wünschen und Notwendigkeiten der Erziehung zum gesietzestreuen Chaluz weitgehendes Verständnis entgegengebracht. Dafür sei ihr auch an dieser Stelle unser Dank ausgesprochen. Der Weg unserer Menschen ist bewußt agudistisch. Unsere Chawerim und Chaweroth wissen, daß der Selbständigkeitsgedanke nicht aus wirtschaftlichen Gründen etwa gesprengt werden darf. Wir lehnen darum eine Gemeinschaft mit der in Palästina wirtschaftsmächtigen Histadruth ab. Die Grundlage unseres Chaluziuth ist die unbedingte Anerkennung der herrschenden Thora. Eine 'geistige Bindung an andere Gemeinschaften — wie etwa Bachad — Zionismus — kommt für uns nicht in Frage. Durch Schaffung von Hachscharoth in Skgburg, Enschede (Holland), Wintringen (Luxemburg), Halberstadt will der Bund seinen Menschen den beruflichen Ausbildungsweg sichern. Die Jeschiwah Ketanah in Fulda schafft für die jüngeren Chawerim die geistigen Voraussetzungen für die Teilnahme an unserer Jugendalijah. Im Beth Hachinuch in Frankfurt und auch in Berlin werden die Chawerim geistig weiter ausgebildet und erzieherisch betreut. Auch die Mittleren-Hachscharah in Darmstadt bildet einen wertvollen Beweis für die Bemühungen des Noar Agudati. Für unsere Chaweroth hat die Form des Maclchenseminars — bisher in Hamburg und in Berlin — sich als außerordentlich wertvoll erwiesen. Die freundschaftliche Zusammenarbeit mit •der Palästina-Zentrale hat auch die Vorbereitung für die erste Jugndalijah außerordentlich erleichtert. Der Palästina-Zentrale sei auch jetzt öffentlich für ihre wertvolle Unterstützung unserer Arbeit gedankt. In den Sniftm sind die Chawerim und Ohaweroth zusammengefaßt, die sich für die Hachscharah vorbereiten wollen. Wir hoffen, daß die agudistische Landes.organisation 'unsere Arbeit unterstützen werde, um eine thoragemäße Gemeinschaft in Erez Israel aufbauen zu können. Verein Mekor Chajim. Der Doppel-Sijum findet, wie bereits angehündigt, Sonntag Nachmittag, 4.15 Uhr, im Vereinslokal statt und zwar beginnt die Veranstaltung mit nnin rfotn — Ein Kartenverkauf bei der Vranstaltung selbst findet nicht statt, zumal 'die verfügbaren Karten bereits verkauft sind. Freitagabendveranstaltungen der Israelitischen Religionsgesellschaft. Freitagabend, den 24. Januar, 20.30 Uhr, spricht im Hörsaal, Friedbergeranlage 5, Herr Dr. Salomon E h r m a n n. Zutritt haben nur Jugendliche, sofern sie schulentlassen sind. Lehrgänge des Jugendausschusses der Israelitischen Religionsgesellschaft. Die Vorlesung des Herrn Studienrat Dr. Marcus Lange über „Das Buch Hiob" findet am Dienstag, den 28. Januar, abends 20.30 Uhr, im Zeichensaale der S. iR. Hirsch-Schule Am Tiergarten 8 statt. Sitzung der Gemeindevertretung „Israelitische Gemeinde". Die gemäß Punkt 1 der Tagesordnung der Sitzung am Donnerstag, den 16. Januar, vorgesehen gewesene Neuwahl des Büros, der Kommissionen und Delegationen fand nur Anwendung auf die Neueinsetzung des Büros, worüber sich die Fraktionen geeinigt hatten, wie das Herr Dr. Mainzer von den Liberalen zu Beginn mitteilte. Von der Volkstpartei ergänzte und verdeutlichte Herr Dr. Pommeranz diesen Hinweis noch dahin, daß seine Gruppe die bereits angebahnten Verhandlungen mit der Hberalen Fraktion in den nächsten Tagen fortzuführen gedenke unter Einreichung präziser Vorschläge. Das Büro der Gemeinde setzt sich nunmehr wie folgt zusammen: Vorsitzender; Herr Dr. 'Richard Merzbach (Üb..); Stellvertreter: Felix Mayer (kons.); Heinrich G e r 1 i c h (Volksp.); Schriftführer: Dr. Heinr. Maver (Mb.), Dr. Schönberg (kon&Ji; Moos er (Volksp.) Auf Vorschlag des Vorsitzenden bleiben die Mitglieder der übrigen Gremien in ihren Aemtern bestätigt bis zum 29. Februar 1936. Das Krankenhaus der Gemeinde wird unverhältnismäßig stark von Minderbemittelten besucht, die in der Umgebung Frankfurts wohnen. Dadurch ist der Dispositionsfonds sehr in Mitleidenschaft gezogen, weshalb man beschließt, dem Preußischen Landesverband die Bitte um einen Zuschuß für diesen Zweck zu unterbreiten. Ein Leihvertrag mit der Jeschiwoh (Theobaldstr.) auf Ueberlassung von sieben Zimmern mit Nebenräumen in der Langestraße 30 wird genehmigt. Ferner wird ein Vertrag gutgeheißen mit dem Hausmeister Ulimann auf unbestimmte Zeit mit dem Recht jederzeitigen Widerrufs. Für die Prüfung der Jahresrechnung 1934/35 werden die Herren Stiefel nud Felix Mayer ernannt. Die bislang im Senckenbergischen Museum untergebrachten 15 Porträts berühmter jüdischer Männer werden von diesem als Leihgabe zur Unterbringung im Krankenhaus übernommen, wobei die Kosten-für Versicherung getragen werden. — Dieser Sitzung schloß sich eine nichtöffentliche an. Wie wir noch erfahren, ist in 'aller Kürze mit der Umbesetzung der Gemeindevertretung und des Vorstande® zu rechnen. Die Zionisten erstreben im ganzen Reich einen überragenden Einfluß, und zwar auf Kosten der Liberalen, die in Frankfurt die meisten Vorstandssitze innehaben. Obgleich die Legislaturperiode in Frankfurt erst gegen Jahresende abgelaufen ist, unterstützt die Reichsvertretung den voliksparteilichen Anspruch, um kostspielige und kräftebeanspruchende Wahlkämpfe zu unterbinden. Ha. „Und das sind wir!" Bunter Abend der Esra Pirche-Agudas Jisroel. Der Titel klang etwas orakelhaft und trug vielleicht mit dazu bei, daß schon lange vor Beginn alle Säle des Vereinshauses bis auf den letzten Platz besetzt waren, selbst die Boderuplätze vor der Bühne waren von der Jugend der Schule und der Bünde wie von lebenden Blumen bestreut. „Und das sind wir! . . Wie sie ist, unsere junge Generation, hat der Abend gezeigt. Wenn man Vergleiche mit Festen in den früheren Jahrzehnten anstellt, so drängt sich einem die Wandlung im deutschen Judentum geradezu auf. Damals war die schöngeistige und modern-künstlerische Note alles, übermoderne Tänze, etwas klassische Musik und mehr oder minder wertvolle Stücke ausi der klassischen Literatur oder aus fremdem Milieu, waren die Attraktionen. Heute, und an diesem Abend: Hebräische Gesänge, hebräische Sprechchöre, Erez Israel und der Jischuw, Gruppen am Jarden, Chaluzim mit dem Spaten in der Hand und mit dem Aufbaulied im Munde. Und durch den ganzen Abend Iwrith, Iwrith und Iwrith! Man erkennt die Zeit an der Art, wie sie Feste feiert. Und diese Wandlung darf gewiß als Aktivttm unserer Zeit gebucht werden. , Mit 'dieser Bemerkung ist alles gesagt, so daß sich ein Eingehen auf Einzelheiten fast erübrigt. Immerhin sei nicht verschwiegen, daß das Stückchen von Julia Bodenheimer den Aufeinanderprall von Deutsch und Iwrith auf dem Markte zu Tel Awiw in heiteren Bildern veranschaulichte; daß Herr Dr. Jacob Rothschild den Abend mit einer kurzen, markigen Begrüßungsansprache eröffnete; daß es recht gute Musikeinlagen gab, u. i. gutes Geigenspiel von einem jungen Künstler. Ausgezeichnet durchgeführt wurde das hebräische Stück „Giborim ktannim" aus der Makkabäerzeit, und eine andere hebräische Nummer gab Gelegenheit, die Leistungen des Keren Hajischuw und die heute schon bestehenden orthodoxen Stützpunkte in Erez Israel in das rechte rote Bühnenlicht zu rücken. Den Schluß bildete nach der Pause, in der sich ein bewegtes Leben am Büffet entwickelte, die Aufführung eines tragikomischen Streifbildes „Wenn Moschiach kommt". Die Idee war gut. Messiasi kommt, die Stunde ist da und findet ein schwaches Geschlecht. Die Aufführung brachte gute Szenen, könnte aber im Schlußakte eine durchgreifende Aenderung vertragen. Alles in allem erlebte man einen Bunten Abend, der bei all seiner Buntheit uns doch den einheitlichen Willen unserer Jugend gezeigt hat, den Willen zu Iwrith, den Willen zu Erez Israel, den Willen zur Thora. Der Reingewinn des Abends, der nach der Besetzung befriedigend sein mußte, fließt dem L i m - m u d a m t e zu. In den Dienst des Abends haben die Mitglieder der Esra Pirche -Agudas Jisroel und des Beth Chinnuch ihre Kraft und ihr reiches Können gestellt. Wiederholung! Des großen Erfolges wegen wird die Veranstaltung „Und das sind wir!" wiederholt! Der Vorverkauf beginnt Anfang nächster Woche. Näheres wird noch bekanntgegeben. Der Reinertrag fließt dieses Mal dem Beth Chaluz des Noar Agudati zu. Großer Heiterer Abend. Samstag, den 1. Februar, findet im Großen Saale des 'Saalbaues ein großer heiterer Abend statt. Zur Mitwirkung wurden folgende Kräfte gewonnen: Fritzi Jockl (früher Frankfurter Opernhaus und Staatstheater München); Joseph Plaut (der bedeutendste jüdische Vortragskünstler und musikalischer Parodist Deutschlands); Fritz Emmel (der bekannte Frankfurter Conferencier). Das verstärkte Orchester steht unter Leitung von Max N e u m a n n , dem auch die künstlerische Gesamtleitung des Abends übertragen wurde. — Der Vorverkauf hat bereits begonnen. Kinderoper in der Israelitischen Volksschule. Bei den Freunden der Israelitischen Volksschule haben die Aufführungen der Schüler schon langa einen guten Namen. In diesem Jahre wird man mit „Herscheie bei den Chelmern" einen vergnügten Abend verbringen können. Die Kinderoper findet am 11. und 12. Februar in der Aula der Samson Raphael Hirsch-Schule statt. Da es sehr wenige Dichtungen und dazu passende Kompositionen für Kindertheater gibt, hat Herr Siegfried Köster.ich eigens für die Kinder unserer Schule ein Theaterstück mit Tanz und Gesang verfaßt und vertont. Die rege Arbeit bei den Proben, die begeisterte Hingabe der Mitwirkenden verspricht erfolgreich zu werfden. Aus technischen Gründen können jedoch nur zwei Aufführungen stattfinden, und es ist nötig, daß man sich rechtzeitig Karten sichert. Karten zu Mk. 1.— und zu Mk. 0.50 bei Herrn Willi Strauß und beim Schulhausverwalter, Röderbergweg 29, Mazzoh-Aktion des „Achduth", Ortsgruppe Frankfurt. Die Frankfurter Ortsgruppe der „Achduth" liefert auch in diesem Jahre für den bevorstehenden Pesach an Minderbemittelte Mazzen und Mazzenmehl zu dem außerordentlich reduzierten Preis von M. —.43 bezw. M. —.48 das Pfund. Mazzen und Mazzenmehl sind unter Aufsicht der Ritual-Kommission der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. hergestellt. Die Bestellungen müssen spätestens bis zum 25. März 1936 bei dem Vorsitzenden, Herrn Dr. Schönberg, Ffm., Gärtnerweg 44, erfolgen. — Das Nähere wird durch Inserate bekanntgegeben. Konservativ-Jüdischer Gemeindeverein zu Frankfurt. Am 14. Dezember 1935 hielt der Konservativ- Jüdische G e m e i n d e v e r e i n im Hörsaale der Synagoge am Dominikanerplatz seine Generalversammlung ab, die gut besucht war. Herr Dr. Schönberg, der Vorsitzende des Vereins, erstattete einen Bericht, aus dem sich die vielseitige Tätigkeit des Vereins auf allen Gebieten, die die konservativen Belange der Gemeindeorthodoxie betreffen, ergab. Nach einem Bericht des Kassenführers und des Rechnungsführers wurde dem Vorstand und dem Kassenführer Entlastung erteilt. Hieran schloß sich die Wahl von neuen Vorstandsmitgliedern und die Wahl von zwei Rechnungsrevisoren. Den Abschluß bildete der Vortrag des Herrn Dr. med. Ernst Frei.mann über „Religiöses Judentum". Der Vorsitzende dankte dem Redner für seine belehrenden, tiefgründigen Ausführungen, die von der Versammlung mit reichem Beifall belohnt wurden.