Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1935)
- Date
- 1935-10-24
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 20 Nr. 43 Der Israelit 24. Oktober 1935 Sichron Esther und Sichron Mordechai. (Geträumt von einem Jerusalemer Vorstädtler.) Von Seew Chajoth in Jerusalem. ' (Schluß.) Der Nahag erzählte ganz stolz, sie wären jetzt in dem Rechow Mordechai Jeruschalmi, der schönsten Straße Palästinas. Mordechai Jerusalemski sei der Name eines amerikanischen Juden, dem man den Bau von Sichron Esther zu danken habe. Die Benennung dieser wundervollen Straße nach ihm sei nur ein kleiner Teil des Dankes, den das palästinensische Judentum diesem verdienstvollen Manne abzustatten verpflichtet sei. Der Mann im Auto glaubte zu träumen. Seine Augen füllten sich mit Tränen und er konnie vor Erregung kein Wort sprechen. Aber wie war er erst erstaunt, als er ein wenig später vom Hügel aus ganz Siohron Esther übersehen konnte. Da hatte er eine große herrliche Stadt vor sich, die es mit den schönsten Villenvorstädten der Welt aufnehmen konnte. Und das alles hatte R. in der kurzen Zeit von sechs Jahren mit dem verhältnismäßig nicht großen Betrag von einer halben Million zustande gebracht. Wie rasch auch in diesem Lande die Bäume wuchsen. Vor sechs Jahren war alles kahl und jetzt sah er einen riesigen Nadelholzwald, in dem die Villen harmonisch eingebettet waren. Nun wunderte es ihn nicht mehr, daß der Nahag im Hafen von Ghaifa die Angabe von Sichron Esther ganz natürlich fand. Im Hause des Waad fand er Dr. R. vollauf beschäftigt. Das Wartezimmer war voll von Leuten, die um Baukredite ansuchen wollten. Jerusalemski übergab dem Diener seine Karte und zur großen Ueberfaschung der Anwesenden stürzte R. aus seinem Zimmer, begrüßte stürmisch den fremden Herrn und bat die Wartenden ein anderesmal zu kommen, denn der Gast sei kein anderer als Reb Mordechai Jeruschalmi. Als sie kurz nachher das Haus des Waad verließen, mußten sie durch ein langes Spalier und die Hedadrufe wollten kein Ende nehmen. Jerusalemski drückte R. seine Bewunderung und seinen tiefsten Dank aus, dieser wieder erstattete genauen Bericht, wie alles sich entwickelt habe und wie seiner Berechnung nach Sichron Esther sich weiter entwickeln werde. Daß diese Vorstadt in so kurzer Zeit solch große Fortschritte verzeichnen konnte, habe man in erster Reihe den günstigen Baukrediten zu danken, andererseits der großen Alia, die in den letzten Jahren aus den Vereinigten Staaten, Deutschland und Südafrika eine Menge bemittelter Juden nach Palästina brachte, und viele von ihnen bauten ihre Villen in Sichron Esther. Insgesamt habe R. bisher bei dreitausend Baükredite gewährt und er sei in der Lage, aus den Eingängen derselben monatlich weitere fünfundzwanzig Kredite zu bewilligen. Ueber dreitausend Parzellen in Sichron Esther wären noch nicht verbaut, jedoch bereits an Privatleute verkauft. Bei zwölfhundert Gesuche um Baükredite seien in seinem Büro vorgemerkt, die letzten werden fast vier Jahre warten müssen, bis sie ihre Kredite erhalten. Trotzdem laufen von Tag zu Tag weitere Gesuche ein. Die Hypotheken seien alle auf den Namen Mordechai Jerusalemski eingetragen und dessen Vermögen in Sichron Esther betreffe jetzt über sechshundertfünfzigtausend Pfund, die durch die Hypotheken hundertprozentig gesichert sind. Die Verwaltungskosten seien minimal, da der Waad gerne alle Spesen auf seine Rechnung nehme. Jerusalemski erkundigte sich nach dem Betrage, der für die sofortige Erfüllung der zwölfhundert Gesuche nötig sei, und als er hörte, daß sechshunderttausend Pfund dafür ausreichen, erklärte er sich bereit, sie R. sofort zur Verfügung zu stellen. Zugleich teilte er ihm seinen Wunsch mit, auch sich ein Denkmal zu errichten und es würde ihn sehr freuen, wenn es noch bei Lebzeiten geschehen könnte. Am liebsten wäre es ihm, wenn R. in der Nähe von Sichron Esther eine ähnliche Vorstadt Sichron Mordechai entstehen lassen wollte, und er sei bereit, ihm anderthalb Million Pfund dafür zur Verfügung zu stellen. R; stimmte freudig zu, Er erledigte sich dieser neuen Aufgabe mit noch viel größerem Geschick, als er es in Sichron Esther getan hatte. Bildete dieses den Westen von Jerusalem, so umfaßte Sichrön Mordechai den 'Süden und einen Teil des Ostens. Es erstreckte sich, an Sichron Esther anschließend, Mekor Chajim mit Talpioth, verbindend, bis nach Beth Anja und dem Har hasethim. Bildet Sichron Esther die jüdische Vorstadt Jerusalems auf dem Wege nach Tel Awiw, so Sichron Mordechai auf den Wegen nach Ghewron und dem Jam hamelach, Nach zehnjährigem Aufenthalte in Palästina erlebte es Jerusalemski, das Denkmal seiner Esther und das seinige vollendet zu sehen, Sein Leben hatte einen Zweck gehabt und nicht sinnlos war sein rastloses Arbeiten und Sparen gewesen. Meyers Lexikon, neunte Auflage, bei ,,Jaffa": Früher Palästinas bedeutendster Hafen, heute unbedeutender Vorort von Tel Awiw (s. d.); bi»i „Jerusalem": Besteht aus dem älteren und dem erst^seit 1935 von Jerusalemski (s. d.) erbauten neuen Jaffa, das sich aus den beiden Teilen Sichron Esther (s. d.) und Sichron Mordechai (s. d.) zusammensetzt. Das Licht der Ewigkeit. Von Rabbiner Dr. Ehe Münk. Hermon-Verlag, Frankfurt a, M. Erhebt sich -der Geist auf der Stufenleiter der Seelenhoheit so weit, daß gleichsam die Fesseln gesprengt werden und der Weg zur höheren Vollkommenheit frei wird, so befindet sich der Mensch im Reich der höchsten irdischen Seligkeit. Dort lagern nicht mehr Wolken auf unserer Stirn.und nichts ha ben wir zu fürchten, nichts als nur die Trennung von G'tt. Wahrlich! keine Kleinigkeit, «ich bis zu jenen Regionen emporzuarbeiten, wo heilige Freude Wurzel ansetzt, wo die Heldentat erwächst und wo die tiefsten Leiden und die höchsten Feruden nebeneinander liegen. Wie ist es möglich, dorthin zu gelang gen, zumal es sich um Pardes-Gefilde handelt, in denen nur ein Rabbi Akiba sicher ein- und auszugehen vermochte, während drei große Talmudlehrer auf dem gefahrvollen Weg« in verschiedener Weise zu Fall kamen?! In tiefer G'ttesfurcht und Demut führt uns Elie Münk den Weg zum „Licht der Ewigkeit", zu dem überirdischen Lichtreich, zu dem Glanz, der wie der „Glanz des Himmels" (Daniel 12, 3) leuchtet. Er legt uns das gigantische Gedankensystem der Kabbala klar, wie aus dem Urg'ttlichen mehrere Stufen der Schöpfung bis zur psychischen Welt herabreichen. Er führt uns die Welt der „Aziluth", „Beria", „Jezira" und „Assija" vor Augen und zeigt uns, wie das in der Schöpfung zur Welt niedersteigende G'ttldche in der Form der zehn Sefiroth in zehnfach organischer Entfaltung sich kundgibt. Die erste Stufe bezeichnet ein überzeitliches Aussichgehen des ewigen Urgrunds. An der obersten Spitze der ersten Sefira befindet sich das verschlossene Tor, hinter dem das ewig-Unerforschliche des Unendlichen liegt. Die unterste Stufe der Schöpfung bezeichnet den Schauplatz der irdischen Welt. Hinter der Schöpfung verborgen steht G'tt, der «ich im Augenblick des Sündenfalls vom Menschen zurückzog, der aber ständig die Geschicke der Menschheit lenkt und am Ende der Geschichte wieder für alle der alleinige König der Welt sein wird. In gleichem Maße, in welchem die entfesselten sinnlich-materiellen Kräfte sich auf Erden ausbreiten, zieht sich der G'ttesgeist vom Menschen zurück. Der leuchtende Strahl des gütlichen Geistes läßt aber im Menschen Funken zurück. (Es bleiben immer noch Reste der Heiligkeit im Menschen verborgen, die. wie Kohlen unter der Asche glimmen. Mag das Kernchen der Urkraft auch schon eingeschrumpft sein:*welk ist 6« nicht, üer g'ttlichs Funk? zündet das Feuer wieder an und das Kernchen kann sprossen und gedeihen. So kann der schwache Mensch wieder zum Mitarbeiter an der Weltharmonie werden. In der kleinen Menschenbrust umschlossen liegt eine ganze Welt mit allen ihren lebendigen Kräften des Geistes', des Wollens und des Triebes. Alle Wesen und Gegenstände der Schöpfung tragen in sich die Bestimmung, Träger eines Höheren zu werden. Die kreisenden Planeten, der rauschende Wald, das stürmende Meer, der zuckende Blitz, sie alle wirken nach gütlichem Auftrag.' Der Mensch kann so hoch steigen, daß er zum unmittelbaren Träger des G'ttlichen sich, adelt und auch der Tod ihm kein Unheil bedeutet. „Daß für immer G'tt unser G'tt ist, das führt selbst über den Tod uns hinaus" (Ps. 48, 15). Es ist klar, daß die Welt der „Klifoth" — Schalen überwunden werden muß, denn wenn durch Dummheit, Versehen oder Vergehen wir/die Schale für den Kern nehmenj verursachen wir Verdunkktnig und- Zersplitterung. Sobald wir den Menschen als Zentraiwesen der Schöpfung begreifen, der erst als Seelenwesen im eigentlichen Sinne Mensch ist, erfassen wir auch, wieso die Erzväter und Frömmsten der Welt durch ihre Uneigennützigkeit, Opferwilligkeit, Friedensliebe, Gottesfurcht und Frömmigkeit gleichsam die Verkörperungen der g'ttlichen Emanationen ge-- worden sind und dadurch den Heilesbund zwischen G'tt und Israel veranlaßt und erneuert haben. Wir erkennen dann auch, daß selbst solche Vorstellungen wie die von der schöpferischen Kraft und Wesenhaftigkeit der Laute, welche im „Urwort" gegründet ist, die Spezifizierung der Laute, welche in dem G'ttesnamen ihren Anfang nimmt und verschiedene Etappen des Schöpfungswerks bezeichnet, alle nur dazu dienen;- die Brücke zwischen JHimmel und Erde zu schlagen. - Das Bindeglied par excellence, das Israel mit G'tt zu einer Einheit werden läßt, ist das G'ttesgesetz. In seinen Wirkungen liegt die Harmonie des Irdischen und Himmlischen geheimnisvoll verborgen. Die Thora ist das universelle Harmoniegesetz. Die Thora offenbart die Harmonie 'der gesamten Schöpfung, sie erstrebt für Israel und die Menschheit die harmonische ideale Lebensform. Diese Harmonie, die zumal in dem Frieden mit sich selbst, mit der Natur und mit G'tt zum Ausdruck kommt, soll innerhalb Israels beispielwirkend verwirklicht werden. Israel hat das Licht, das es selber von G'tt empfanden hat, über die Menschheit wieder hinauszustrahlen. Dem g'ttlichen Gesetz wohnt' die Kraft inne, das irdische Leben seiner Träger fortdauernd zu sichern und es zu herrlicher Segensfüll« sich entfalten zu lassen. Die Thora ist der neuerstandene „Baum des Lebens". Solange Israel noch seine Thora hochhält, kann es durch sie sich erheben und bleibt ihm berechtigte Hoffnung, auch wenn es äußerlich im Goluth. ist. Erst die Beherrschung aller vier Methoden der Schrifterklärung (oiis) befähigt zum Eintritt in jene geistige Welt, in der die Thora ihren Ursprung hat. Die Zeit wird kommen, da eine ganze Welt die Ewigkeitswerte der Thora erkennen wird. Das durch das Halten der Thoravorschriften erblühende Glück muß eine ganze Welt zur Einsiaht zwingen und sie nötigen, da« Leben entsprechend zu modifizieren, > Münk bietet uns einen in die Tiefe dringenden Abriß des Kabbalasystems. Die Treffsicherheit des Ausdrucks, die Fülle und Feinheit des Verständnisses sind bewundernswert, Man ikann etwas Schwieriges belehrend mitteilen, ohne .daß <ler innere Mensch dadurch ergriffen wird. Münk gibt die höchsten Begriffe, auch wenn es sich nur um Uebersetzung handelt, in einer Weise wieder, daß das Gemüt belebt wird und der enthaltene Mussar erzieherisch auf die Seele wirkt. Wir werden dahin gebracht, zu ~ lauschen, was die Harmonien des Weltenalls uns zuflüstern, so daß die Seele sich uns weitet zum Hei- » ligtum G'ttes. Wir bekommen einen kleinen Vorgeschmack von den g'ttlichen Visionen, von denen aus den Tagen Secharja's berichtet wird (Chronik II, 26, 5) und wir begreifen, daß erst in der Harmonie der Seelenkräfte das Große liegt, }'*rn B"P möchte ich ernstlich Bedenken tragen, ob es richtig, ist, dem gewöhnlichen Mann esoterische Lehren vorzutragen. Mag man bei der Erfassung der Entfaltung des G'ttlichen als eine Vielfältigkeit übersinnlicher Potenzen auch zugleich stets an einer höchsten transzendenten g'ttlichen Einheit festhalten, so läuft man doch Gefahr, daß der Durchschnittsmensch nicht ohne weiteres versteht, daß die unendliche Vielfältigkeit der Erscheinumg in G'tt ihren einheitlichen Urgrund gewinnt. Dem eingeweihten erleuchteten Geist gelingt es natürlich, die Einheit in der Mehrheit zu erkennen und zu verstehen, daß in jeder Monade immer wiederdie dem Ganzen eigene Urkraft steckt und daß auch der scheinbar getrennte Teil die Elemente des Ganzen enthält. In einer höheren Einheit findet sich der Schmelzpunkt für die sogenannten Gegensätze. — Nachdem nun aber Männer wie Rabb. Dr. Pinchas Kohn und Rabb. Dr. Klein dem Buch solch schöne Geleitworte mit auf'den Weg geben und somit die Sache auf ihren Rücken nehmen, müssen meine Bedenken schweigen und habe ich es nur mit der Besprechung der Leistung Münks zu tun. Darüber aber kann es nur eine Stimme höchsten Lobes geben. * Die rätselhafte Stelle in. a-">j? p'nosj» daß zu den Erben von «an nbrs audh gehöre v"Toa r»n t»y t»i:mn< was die 'IM selbst dahin erklärt snbTatlV swH'pra 1»»»»^ verstehe ich dahin, daß der .höchsten 'Seligkeit teilhaftig wird, wer von der Heiligkeit des Sabbat mit hinüber nimmt in das Leben der Woche. Nunwohl, Münk hat es durch seine Darbietung verstanden, Heiligkeit,: Glückseligkeit aus den oberen Regionen hl'unser Leben des Alltags zu pflanzen. \ Dr. M. Ascher, Bex.