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Der Israelit · 1935-05-29 · Heft 22 (29.5.1935) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 22 (29.5.1935)
Date
1935-05-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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29. Mai 1935 Oer Israelit Nr. 22 Seite 3 Werte der thoratreuen Hachschara - Gemeinschaft. (Fortsetzung von Seite 1.) Die religiösen und sittlichen Pflichten sind allen gemeinsam. Es sind grundlegende Pflichten, die vom Menschen genaueste Beachtung verlangen. Das Bestreben geht nun dahin, sie intensiv zu betätigen und sie zu gemeinsamen, alle verbindenden Eigenschaften sich auswachsen zu lassen. Dies Bestreben wächst mit dem Grad der Verschiedenartigkeit. Die Tefilla erfährt auf diese Weise eine vertiefte Kawana. Den von außen Herantretenden überrascht die Inbrunst der religiösen Uebung. Besonders der Akademiker, der in den eisigen Hallen der Wissenschaft kaum einen Hauch von G'tteswärme verspürt, fühlt sich tief getroffen von der Glut der Hingabe, die sich manchmal zur Extase steigert. Seine Anschauung ändert sich grundlegend. Galt ihm bisher das Wissen als Selbstzweck und der wissende Mensch als Idealtyp, so bricht sich jetzt die Erkenntnis durch, daß alle Werte nur aus ihrer G'ttbezogenheit den Charakter von Werten gewinnen. So stellt sich ihm nach dem Ausspruch des R. Chanina ben Dossa der g'ttesfürchtige Mensch als erstrebenswertes Ideal hin, das Wissen wird ihm Mittel der Erkenntnis g'ttlicher Eigenschaften, die im Leben betätigt werden sollen. Es sind altjüdische Anschauungen und Forderungen, die hier neues Leben gewinnen und zur Tat reifen, die man — da in der Theorie verharrend — nicht empfand und kaum beachtete. Das G'ttesbewußtsein äußert sich in einer hingebungsvollen Hilfsbereitschaft. Sie hat ihre Wurzeln nicht in Ueberlegungen der Klugheit, entspringt nicht dem plötzlichen Aufwallen eines bald verlöschenden Mitleidgefühls, es ist der starke, soziale Trieb, welcher der unverfälschten, reinen Menschennatur innewohnt. Nunmehr tritt der innere Wert des Menschen vor das Auge des Beobachters. Sein Urteil richtet sich nicht nach Gesichtspunkten der Aesthetik, des Schönheitsempfindens oder nach dem Ausmaß des Wissens. Die Lauterkeit der Gesinnung, aus der die sittlich reine Tat fließt, bildet den einzigen Maßstab, nach dem er sein Urteil orientiert. Ein weiteres Gebiet, auf dem man sich begegnet, ist die Arbeit. Für die an physische Betätigung Nichtgewöhnten ist die Arbeit etwas Neues, über das man spricht und sich eingehend unterhält. Ein Austausch der Gedanken findet statt, gute Ratschläge werden erteilt und praktische Winke gezeigt. Eine Annäherung der Menschen vollzieht sich. Der Akademiker erweckt im Kaufmann das Interesse für die Probleme des Geistes, der Kaufmann lehrt den Akademiker die praktische Handhabung und den Sinn für die Wirklichkeit. Eine gegenseitige Schätzung und Bewunderung ist die Folge dieser Annäherung. Ist einmal die gemeinsame Basis gefunden, entsteht das Verantwortungsgefühl. Es zielt auf den Nebenmenschen in seiner Eigenschaft als Mensch, losgelöst von seiner Stellung als Glied der Gemeinschaft. Es äußert sich in einer regen Anteilnahme an den persönlichen Interessen des Nächsten, mit dem man Schmerz und Freude teilt. Als Folge dieses Verantwortungsgefühls regt sich das Verlangen, das Wohl des Nächsten nach besten Kräften zu fördern. Dieses Verlangen gewinnt den Charakter einer Pflicht. II. Der Raum, auf dem die Idee ihre Verwirklichung finden soll, ist E r e z J i s r a e 1. In der Gemeinschaft nimmt die Vorstellung des Landes im Bewußtsein deutliche Formen an. Zweierlei sind ihre Aeußerungen: Erez Jisrael als geistige Erscheinung, Erez Jisrael als realer Ausdruck gegenwärtigen Seins. Die geistige Erscheinung tritt in mannigfachen Formen auf. Die Stätte der G'ttesherrlichkeit verlangt ein vertieftes G'ttesbewußtsein. Das Land der Propheten pflanzt in den Menschen die Liebe zum Recht und mahnt zur eifervollen Tat gegen Ungläubigkeit und Unrecht. Das Land der Väter verknüpft mit dem Volk. Wie aus dem Verantwortungsgefühl gegenüber dem Nächsten, so fließt in stärkerem Maße aus dem historischen Charakter des Landes das Bewußtsein der Zugehörigkeit zum Volke, mit dem Blut und Schicksal verbinden. Das Land der Zukunft schafft frohe Hoffnung und führt zur Anspannung aller geistigen und sittlichen Kräfte. Eine geistige Erscheinung läßt sich jedoch nur geistig erfassen. Aus dieser Erkenntnis resultiert ein starker Wissensdrang, der sich an die großen Probleme heranwagt, die im Zusammenhang mit dem transzendentalen, historischen und für die Zukunft weltbedeutenden Charakter des Landes entstehen. Das Streben nach Erkenntnis weckt die Energie und läßt die Chaluzim auch nach den Anstrengungen der Arbeit Muße zur Vertiefung in geistige Fragen finden. Die Vorstellung des realen Erez Jisrael rät zur Anspruchslosigkeit. Sie verleiht die Kraft der Anpassungsfähigkeit an alle Situationen. Stärkster Ausdruck des gegenwärtigen Erez Jisrael ist die Arbeit. Sie entspringt einem seelischen Bedürfnis ^und befriedigt den Drang nach Produktivität, der die Chaluzim treibt. Der Weg der geistigen Arbeit ist dornenvoller und erfordert um so größere Entsagungen, als das Ergebnis der geistigen Arbeit nicht in greifbaren, körperlichen Formen zutage tritt. Die Leistung der physischen Arbeit dagegen zeigt sich in konkreten Formen. Zugleich bietet sie einen sichtbaren Gradmesser der Befähigung zur Anteilnahme am materiellen Aufbau des Landes. Der gemessene Zuwachs an gewonnener physischer Kraft löst eine große Freude aus und spornt zu intensiverer Betätigung an. So geht neben dem Wissensdrang ein Streben nach Körperlichkeit und Erdverbundenheit einher. Die Vereinigung beider stellt das ersehnte Ziel dar. Steht doch die gesamte, geistige und physische Arbeit im Zeichen der von Rabban Gamliel erlassenen Devise. Wenn man nach den Anstrengungen der Arbeit eine Gemarastelle mit einem schwierigen Tosafot klar erfaßt hat, so glaubt man dem Ziele bedeutend näher gerückt zu sein. Die Aussprüche der Chachamim über die Arbeit erfahren hier ihre Bestätigung. Es knüpft sich eine seelische Verbindung mit den Geistesheroen des Talmuds an und Fragen nach ihrem persönlichen Leben werden laut. Die Arbeit schafft Schnelligkeit und Beweglichkeit des Körpers, die Beweglichkeit des Körpers erzeugt aber, wie auch Mesillat Jescharim feststellt, Beweglichkeit des Geistes. Uebcrhaupt erhebt sich die Gestalt M. Ch. Luzzattos, des Verfassers dieses klassischen Werkes, zur Idealfigur. Seine hohe sittliche Auffassung, die positive Stellung zur Arbeit, seine im Streben nach sittlicher Vervollkommnung wurzelnde Liebe zu Erez Jisrael gelten als vorbildliche Tugenden und regen zum eifrigen Studium seiner Werke an. Die Arbeit vermittelt eine innigere Beziehung zur Natur. Die Natur ist der Gesundbrunnen, aus dem Geist und Körper neue Kraft schöpfen. Der Blick haftet nicht an vereinzelten Erscheinungen, er sucht das große Weite. Die Linien der Einzelheiten fügen sich in die Weite des Blickfeldes. Zugleich schwingt in der Seele des Schauenden ein leises Ahnen von G'tt mit. Zahlreich sind die Werte, welche die Hachschara vermittelt: G'tt, Mensch, Natur, Thora, Volk, Land, Arbeit. Mannigfaltig die Aeußerungen und Erscheinungen, reich im Wechsel und vielgestaltig in der Form im Rahmen eines in engen Grenzen gesteckten, bunten Volkslebens. Was ihr aber das Hauptgepräge gibt, ist das Hinüberleiten von der Ebene zum Raum, vom Leben der Theorie zum Leben der Tat. Die Tat, das ist ihr stärkster Ausdruck, Tat im weitesten Sinne, Tat in aller Reinheit, Schönheit, G'ttinnigkeit. Ein tiefes Erlebnis ist der Sabbat. Nach dem Lernen erheben sich die Chaluzim zum Tanz. In maßvollem Rhythmus gehalten und mit zierlichen Bewegungen ausgeführt bekundet er die Freude am Sabbat und die Freude am Leben. In der geheimnisvollen Dämmerstunde aber entkleidet sich die Seele der Körperhülle und schwingt sich auf zum Flug in höhere Sphären. Die Hachschara ist die Vorbereitung zur Schaffung eines neuen Menschentyps, in welchem Geist und Körper ihre Vermählung feiern. Die Arbeit ist seine zweite Natur. Im Besitz von Körperkraft, ausgestattet mit Vorzügen des Geistes und der Seele greift er das Leben mit beiden Händen und meistert es. Die Öffentlichkeit ist das Feld seiner Betätigung. Hier übt er dank seines vorbildlichen Charakters und seiner überlegenen Thorakenntnis segensreiche Wirkung aus. Wochenrundschau. Man diskutiert über den Sabbat... Daß man den Sabbat auch und leider erstrecht in Palästina in der Tat entweiht, ist schon traurig genug, nun muß der Tat auch noch das Wort folgen, mit dem im „Dawar" eine theoretische Begründung und ideologische Fundierung der Sabbatentweihung in Erez Jisroel versucht wird. Im genannten Arbeiterorgan wird zur Zeit über den Sabbat und die Notwendigkeit seiner vollen Beachtung in Palästina heftig diskutiert; also eine Auseinandersetzung über ein Gebot der Thora, das als Grundstein der Schöpfung noch älter ist als Israel und sein Staatsleben, (snpö ^aWI rU5?n, erst Sabbat, dann Israel.) I. Bernstein wünscht Sabbatruhe und Sabbatfeier in der traditionellen Form. Demgegenüber proklamiert Mosche Perlmutter „den Sabbat ohne Schabbosgoü", denn es gehe nicht an, im jüdischen Staate oder in der großen jüdischen Gemeinschaft die auch am Sabbat unumgänglichen Arbeiten ruhen oder durch einen Nichtjuden verrichten zu lassen. Wie sollte, im ersteren Falle, der Verkehr, auf den man doch ganz auch am siebenten Tage nicht verzichten könne, aufrecht erhalten werden? Was wollte man in Krankheitsfällen machen, wenn die Angehörigen oder der Arzt auf das Telefon oder den Taxidienst verzichten müßten? Im anderen Falle, d. h. wollten wir die unentbehrlichen Arbeiten am Samstag durch Nichtjuden besorgen lassen, so wäre das ein Verstoß gegen diernatt .TTllJ?' gegen das „Gebot der jüdischen Arbeit", das für Mosche Perlmutter weit wichtiger und heiliger ist als der Sabbat und alle anderen neun Satzungen, die auf den Bundestafeln der Sabbatruhe vorangehen und nachfolgen. Zunächst hat der Ankläger des Sabbat im „Dawar" das letzte Wort. Ob noch eine Replik des Verteidigers folgt, ist abzuwarten. Wäre eine Auseinandersetzung mit solcher, eine bestimmte Praxis nachträglich sanktionierenden Theorie angebracht, so wäre diese in allen drei Punkten nicht gerade schwer. Herr P. macht sich Gedanken über den Auto- und Bahnverkehr am siebenten Tag in einem ausschließlich jüdischen Palästina und man sollte füglich diese Sorge dem Messias überlassen, mit dessen Ankunft doch erst dieser Zustand eintreten könnte. Alle vorzeitigen Theorien über diesen Punkt sind, wie das der Talmud ausdrückt, als KrPtta^ SUD^n anzusehen. Was den Krankendienst betrifft, so haben die weisen Lehrer schon Jahrtausende bevor es noch jüdische Chauffeure und „Dawar"-

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