Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 38-39 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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Seite 4 Nr 9 Der Israelit 21. September 1934 kamen und morgen wieder verschwanden, warf sie sich willenlos in die Arme. Das aber ist die unzulässige, die niedrige Assimilation. Die Orthodoxie hielt zunächst Assimilation nur soweit für möglich, als sie in keinem Punkte mit dem jüdischen Religionsgesetze in Widerspruch stand, als die talmudische Ueberlieferung sie gestattete. Es ist aber auch falsch, als ob diese Assimilation nun auch soweit ging, als der Rahmen des Gesetzlichen es ermöglichte. Noch heute unterscheidet sich der orthodoxe Jude sogar in seinm Aeußeren, in der Beibehaltung des Bartes etwa, typisch von seiner Umgebung. Vor allem aber unterscheidet er sich in wesentlichen Dingen: in der Sittenstrenge, in der Erfüllung seines Lebens mit religiösen Motiven, in dem ganzen religiösen Lebensrhythmus, der ihn mit G'tt verknüpft, wie dem täglichen dreimaligen Gebet, dem täglichen Thoraschiur, der Weihung von Küche und Tisch, der Begleitung jedes Genusses mit dem Segensspruch, was alles die Reform aus Assimilation über Bord geworfen hat, obwohl für sie kein Zwang des Lebens vorlag, aber nicht aus Assimilation an die Frömmsten unter den Nichtjuden, sondern an die, denen selbst die Religion nur eine untergeordnete Bedeutung hatte, Gewiß war es ein ungeheuer schweres Problem, das sich durch die Emanzipation und durch den Zwang zur Teilnahme an der allgemeinen Kultur dem Judentum stellte. Es war aber ein Problem, das schon in früheren Zeitabschnitten, das von der alexandrinischen Judenheit sowohl wie von der spanischen siegreich gelöst worden war. Niemals ist die Lösung darin erblickt worden, daß man das Judentum als solches zu ändern habe. Das Primat der Religion war nie zweifelhaft. Im Einzelnen mag es mancherlei Abstufungen und Grade gegeben haben, wie weit das Individuum in die allgemeine Kultur hineintaüchte. Der unendliche Reichtum, die Unerschöpflichkeit und Vielseitigkeit der Thora gaben auch den individuellen Verschiedenheiten Raum genug; der Optimist und der Pessimist, der Rationalist wie der Mystiker, der Welthungrige wie der Beschauliche, der Aktivist wie der Theoretiker; alle fanden sie ihre volle und ganze Rechnung im Thoraleben Israels und konnten originale, wertvolle Verwirklichungen jüdischen Seins in sich präsentieren. Gingen Einzelne im Philosophischen oder in der Nachgiebigkeit an die Welt zu weit, so hat der Gesamtgeist des Volkes ihre Uebertreibungen immer wieder korrigiert; manchmal unter schweren inneren Zukkungen, manchmal durch das stille Uebergewicht des Wahren und Echten. Aber nie hat der Lebensstil aufgehört, ein jüdischer zu sein, nie ein Wunsch oder Wille sich geregt, die jüdische Daseinsordnung anders denn als eine von G'tt geoffenbarte, vom jüdischen Sanhedrin maßgeblich gedeutete und bestimmte zu fassen. In diesem gleichen Sinne hat auch die gesamte deutsche Orthodoxie bei allen Schattierungen ihrer Kulturfreudigkeit allgemein sich an der g'ttgegebenen Unveränderlichkeit des jüdischen Daseinsgesetzes nichts rauben lassen. Und es ist bei Wiener Unkenntnis eben des Lebensstils der Gesetzestreuen, wenn er das völlig verkennt. Er hat keine Ahnung davon, wie intensiv in frommen Gemeinden die Durchdringung der Häuser und Herzen mit jüdischer Lebensluft ist, die meist auch im nachbarlichen Zusammenwohnen um ihre Synagogen als Zentrum, in jüdischen Volks- und Mittelschulen, in ihrem ganzen Vereinsleben und in geistigen Veranstaltungen die Geschlossenheit eines kraftvollen jüdischen Milieus festhalten. Ueber das Verhältnis zur Weltkultur und zu den sie tragenden Nationen haben Maßgebende bereits bei früheren Gelegenheiten sich ausgesprochen. Wir können uns daher beschränken. Es sind in jedem Volk Geister und Gedanken und Werke ewigen „messianischen" Charakters, Menschen und Einrichtungen, die gewissermaßen über die heutige Weltlage hinaus Ewigkeitsgeltung in Anspruch nehmen können, Teile des Zukunftsreiches, auf die gesagt werden kann; „von Zion heißt es: der und der ist dort geboren." Mit diesen fühlen wir eine Gemeinschaft. Diese Menschen und diese Werke sind es, die uns die Möglichkeit bieten zu einer seelischen Gemeinschaft und Verwurzelung im Galuth. Es sind die CrTasside umoth haolam. In diesem Geiste hat S. R. Hirsch Schillers Andenken gefeiert. Prophetenauge hat für alle Völker, selbst für Miz- Weltfroh ist es hinausgestürmt, das G'tteskind. Bei Sonnenleuchten, Blumenpracht und Blütenduft Hat es voll Leidenschaft der Erde Zauber Genießerisch in sich gesogen, die leichte Freude Des Augenblicks als bill'ge Ernte des schnellen Lebens eingeheimst. Nur nicht lang fragen. Was sich dir beut, nimms mit! Wo Du erwerben kannst; greif zu ohn' viel Bedenken! Die Welt ist Dein; sie will nicht lang befragt, Sie will bezwungen sein in kühnem Zugriff, Dann gibt sie geil sich preis, gibt alles her, Was ihre Speicher, ihre Keller bergen. Nur schau nicht in Dich, um Dich, über Dich! Dem Träumerauge ist sie bald verhüllt. .. So trägt der Lebensdrang es fort und fort Ein Hasten, Jagen, atemloses Ringen, Ein dauernd Selbstvergessen in der Dinge Strom, Hin über Schnellen, Klippen, Widerstände Zu immer neuem Glück und andren Ufern, Wo ungekannte reiche Früchte locken. Schon sind der Monde sechs voll Sonnenpracht verrauscht, Schon gilbt das Laub am grünen Baum des Lebens, Da tönt ein Horn dem G'tteskind ins Ohr, Ein schriller, herber Ton, wie herbes Schluchzen Posaunenschall, des Schofars Klänge. Er dringt ins Herz. Das G'tteskind bleibt stehn. Was ists? Was hemmt des Stürmers leichten Fuß? Was pocht das Herz ihm plötzlich? Doch ein Klang nur, Ein leicht verwehter Schall, ein flücht'ger Hauch? Und dennoch bleibt er ihm im Ohre haften -Und bobrr und drängt sich ihm ins Herz. Er lauscht. Ist das der Ruf nicht seines G'tts und Vaters? Der Ruf von Sinai und Morija? Nicht Messias Horn, Das ihn bestürmt? Der Ruf wird deutlich Und spricht ihn warnend an mit ernster Kraft: „Wohin des Wegs? Hast Du vergessen, Daß Du ein Kind des ew'gen G'ttes bist? Schau auf den Weg zurück, den Du gegangen! Mit wieviel Tränen hast Du ihn gepflastert? Was blieb von all den leichten Freuden Dir des Augenblicks Als schale Leere?" So fragt es immer neu in seinem Herzen. Wie klein und nichtig wird ihm all sein Tun, Wie arm und feig die wilde Glückesjagd, Die Selbstischkeit der nimmersatten Brust! Und ihn ergreift ein längstentwöhntes Sehnen Nach Reinheit, Unschuld, stiller Innigkeit, Das Heimweh nach dem hohen Reich der Seelen, Drin voll Geheimnis die Schechina leuchtet. „0 G'tt und Vater Du im Himmel! Ich höre, Hör' Deine Stimme, fühle Dein Gericht. Du bist der allgewalt'ge Herr der Menschenherzen, Die Du erweckst durch leichten Schall des Horns. Laß Du zurück mich kehren, heim zu Dir!" Und rückwärts wendet er den eil'gen Fuß, Zehn lange Tage währt's ohn' Unterbrechen Doch leicht wird ihm der langen Reise Müh', rajim und Aschur, es vorausgesehen, daß sie in den Spuren dieser ihrer Chassidim. einst das messianische Ziel gemeinsam erreichen. „An jenem Tage wird Israel das dritte im Bund sein mit Aegypten und Aschur, ein Segen inmitten der Erde, daß der Herr der Welten sie gesegnet und spricht; gesegnet sei mein Volk Aegypten, das Werk meiner Hände Aschur und mein altes .Erbe Israel. (Jes. 19, 24.) An diese zukunftsträchtigen Elemente unter den Völkern knüpft jede jüdische Assimilationsmöglichkeit an. Es sind die metukanim schebahem, denen wir uns im Rahmen des Thoragesetzes angleichen dürfen. (Fortsetzung folgt.) Ein jeder Schritt bringt ja dem Ziele näher, Nach dem das Heimweh sehnsücht'ge Arme breitet, Bis endlich er's erreicht, der Seele Vaterhaus. Die Scham erfüllt ihn. Kann er je es wagen, Befleckt von Fehl die Schwelle zu betreten? Darf noch des Vaters Blick sein Aug' begegnen, Das je und je gebuhlt in Sinnenlüsten? Kann er die Lippen' noch zum Kusse bieten, Die er am Kelch der Unreinheit gelabt? So wallt sein Inneres von bitt'rer Reue, So steht zerknirscht er an des Tores Pforten Wohl eine Nacht und einen langen Tag. Nicht Speis' und Trank berühret seine Lippen, Nicht süßer Schlummer sänftiget das Auge, Immer erneut kommt die Erinnerung An seine sünd'ge Bahn, den Selbstverrat, Den er am Besten seines Ich begangen, Doch mählich wird es stiller ihm im Herzen; Mit jedem Mal, da er die Schuld bekannt, Wird es ihm leichter, ruhiger in ihm. Er fühlt, wie ihn der Sünde Drang verläßt, Wie alles Gute, das bisher geschlummert Am Seelengrunde, wieder mächtig wird. Schon dämmert's um ihn vonder nahen Nacht, Schon recken sich des Abends lange Schatten, Noch immer steht am Eingang er voll Reu', . Da plötzlich öffnen sich der Tore Flügel, Ein Glanz des Lichtas ergießet sich daraus, Des Vaters Stimme tönt, die heiß ersehnte, Er hört's voll Seeligkeit, ist wie entrückt, Unsichtbar schlinget sich ein Arm um ihn : „Du sündig' Kind! Und doch bist Du mein Kind Und Ich Dein Vater, komm nur zurück zu mir! S o 1 a c h t i, sprech Ich, habe Dir verzieh'n ... Nun tritt hinein iti Deines Vaters Haus, Um nimmermehr es wieder zu verlassen.. 0 hohe Stunde du des Wiederfindens, Es jauchtzt in ihm. „Ich hab' den Vater wieder, Hab' wieder meinen G'tt, bin wieder Kind Im Schatten seines ehrfurchtbaren Hauses." Nun kommen Tage seligen Erlebens, Vergessen ist der Fremdheit kalte Nacht. Wie neu geboren, jung in grünem Hoffen Wird heimisch er in seiner Jugend Land. Ganz anders scheint ihm jetzt die Sonne, strahlt sie doch Des Vaters Gnadenauge licht ihm wieder; Und die Natur mit üpp'ger Herbstespracht Wird ein Geschenk ihm aus der hohen Hand, Die ihn zur Kindschaft wieder aufgenommen. Er pflückt sich sattes Grün von allen Feldern, Er holt den Palmzweig vom hohen Stamm, Vom Paradies der Schönheit gold'nen Apfel, Sucht Weidenzweige und der Myrte Strauch. Und alles dies, das bindet er zum Strauß Und schmückt das Haus mit Blumen und Gezweig Und feiert selig sieben Tage lang Ein Fest, ein einziges, der Freude, Ein Fest der Kindschaft und des Wiedersehens, Ein Fest der Dankbarkeit und frohen Jubels. Wer dieses Fest nicht sah der G'tteskinder, Hat Freude nie geseh'n in seinem Leben. Des Tischrimonals Vierklang (Gericht. Umkehr, Sühne, Freude.)