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Der Israelit · 1934-07-19 · Heft 29 (19.7.1934) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 29 (19.7.1934)
Date
1934-07-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 29 D Israelit 19. Juli 1934 stützen; — aber meine Mutter möge das Kind nicht mehr selbst nähren." Der Wiener hatte die Erzählung des Hand werksburschen mit steigendem Interesse ange hört; als von dem Fanatismus des Kaplans und der Roheit der Bauern die Rede war, hatten sich seine freundlichen Züge verdüstert und waren erst wieder heiter geworden, als der Geselle von dem wirksamen Einschreiten des edlen katholi sehen Geistlichen berichtete. (Fortsetzung folgt.) Eine Tischo-b'aw-Nacht in Jerusalem. Dr. —b. Soeben hat man — jeder in sich versunken — den 200 Jahre alten Klagegesang, na'K ni>':ia/ beendet; man hat sich von der Erde erhoben, nur noch wenige Kerzenstummel erleuchten den Raum. Lautlos verläßt man das fioaan n»a und. glaubt nun draußen auf der Straße freier atmen zu können. Aber merkwür dig — zwar weht wie immer der abendliche frische Gebirgswind, aber die Straßen, die Häuser und vor allem die Menschen, die soeben aus den Hunderten von Synagogen herausströmen, strahlen eine tiefe Weh mut und Trauer aus, die allmählich die ganze Atmosphäre erfüllt. Niemand denkt daran, nach Hause zu gehen, jeden einzelnen zieht es in die gleiche Rieh tung, hin zur Stelle, die noch letzte Ahnungen er fühlen läßt des einstmaligen'D' rf^bo und r"isn bzb wipb- Es ist die Stelle, die Zeugnis ablegt für unser Go lusleid, angefangen von jenem 9. Aw, da sie als ein zige Mauer den Kampf gegen die rings um sie wütenden Flammen bestand und sich inmitten des aaW]VJ{ nn behauptete, hinweg über jene schwere Prüfungen des Mittelalters bis zur heutigen Zeit, wo immer wieder die Kinder Zions den Weg zu ihr finden, ihr das Herz ausschütten und Trost finden, wenn schweres Leid sie trifft. Und am heutigen Abend sieht man jene Kinder wieder zu ihr hinpilgern, dieses Mal, weniger um Trost zu suchen, vielmehr Trost zu geben. Ist sie es doch, die am heutigen Abend des Trostes bedarf: ■n'inm n'jy 'a' &bvvv> mar — ">rib by nns?»n nV'^a naan naa Und so ziehen sie denn hin, selbst erfüllt von der Trauer der ]vn ra nain, durch die Straßen Jerusalems, die in der heutigen Nacht den Lichtschein, der sonst aus den offenen Läden dringt, vermissen müssen. Je mehr man sich der Altstadt nähert, desto dichter wird die Menschenmenge, und mündet man erst in die Gäßchen der Altstadt ein, so wird schon ein Ordnungsdienst der Polizei notwendig, um es jedem einzelnen zu ermöglichen, an sein Ziel zu gelangen: auf der rechten Seite die lange Reihe derer, die sich auf dem Hinweg, links die lange Reihe derer, die sich schon auf dem Rückweg befinden. — Und wer bildet diese langen Reihen, die sich durch die engen, spärlich mit Petroleumlämpchen erleuchteten Gäßchen bewegen? Nicht nur diese, die auch sonst im Jahre in jener Mauer mehr als eine Ruine, als uns vom Altertum überkommene tote Quadersteine erblicken, nein, heute sind auch jene von der Trauer um unsere nationale Vergangenheit erfaßt, die über der nationalen Gegenwart die nationale Vergangenheit fast vergessen hatten. Die gemeinsame Trauer hat sie heute alle zusammengeschmiedet, und nun ziehen sie, die Kinder Zions, verschieden höchstens noch in der äußeren Kleidung, aber heute innerlich gleich gestimmt, hin zu ihrer Mutter. Sie nähern sich und stehen nun vor jenen Quadersteinen, und plötzlich empfinden sie es alle, daß hier kein totes Gestein ist, welches von den letzten Strahlen des untergehenden Mondes beleuchtet wird, Sie alle stehen eine kurze Weile und sie sehen eine belebte Mauer vor sich; sie horchen hin und deutlich vernehmen sie ein Rauschen: nain nym Vrua 'TTin iy>x» leise entrinnen der Mauer jene ewigen Tränen um den Verlust ihrer Pracht und ihrer Kinder. Und diese Kinder, sie stehen vor ihr, fangen ihre Tränen auf, und das ganze Leid, wie sie es vorher im dunkel erleuchteten Bethause aus der na'K- Rolle vernommen, wird in ihnen wach. Und sie suchen in ihrer Brust nach Worten, die der weinenden Mauer Trost zu spenden vermöchten. Da entringt sich ihnen der Aufschrei: mpa w «nn nawai ybvt 'n ua'Prv Für einen Moment stockt der Tränenstrom, der!W»*t bns. aber schon beginnt er von neuem, und Zion wartet weiter in Trauer, bis alle ihre Kinder, zerstreut auf der ganzen Erde, jenen Aufschrei verstehen und verwirklichen. Nach kurzem Aufenthalt tritt man, leisen Trost im Herzen, den Rückweg an. Tausende Brüder und Schwestern besuchen heute Nacht noch die weinende Mauer. Könnten sie nur alle die Mauer zu trösten verstehen — auch nach jener Nacht! Hajischuw Haschlischi. Von den unter diesem Titel erscheinenden Mitteilungen der Bundesleitung des Noar Agudati liegt uns das inhaltreiche Tammusheft vor. Es enthält im allgemeinen Teil nach einem — früher bereits im „Israelit" erschienenen — Programmartikel von Fredi Lustig über Noar Agudati und Erez Jisroel eine be achtenswerte Aeußerung von Dr. M. Schlesinger, Ffm. über die aus Hachscharahgemeinschaften von Jungen und Mädchen erwachsenden Schwierigkeiten die wir wegen ihres allgemeinen Interesses halber demnächst an anderer Stelle wiedergeben. Darauf folgen Mitteilungen über, den gegenwärtigen Stand der Arbeit des Noar Agudati und Auseinandersetzun gen von Josef Baer-Almelo und Sami Stollberg, Frank furt über die Organisationsformen der palästinensi sehen Arbeiterschaft, insbesondere über die Vorzüge und Nachteile der Kwuza und des Moschaw-owdim unter den spezifisch-religiösen Gesichtspunkten, die für den Noar Agudati in Betracht kommen. Stollberg befürwortet eine Synthese zwischen Kwuza und Mo schaw-owdim und weist darauf hin, daß die Kwuza in ihrer strengen Form unseren Empfindungen und Anschauungen zuwiderläuft. Er tritt für die Kombi nierung von Lohnarbeit und kleiner zusätzlicher Eigenwirtschaft ein, wie sie der „Jischuw Hathora' bisher schon ins Auge gefaßt hat. Der zweite Teil des Heftes bringt eine reiche Stoffauswahl für Arbeitsgemeinschaften und Unter rieht in den Hachschara-Stellen, eine Zusammenstel lung der talmudischen und midraschischen Quellen zu Golus und Geulla sowie über Erez Jisroel und Mizwas Jischuw Erez Jisroel; ferner Fortsetzungen für den Grammatikunterricht für die Einführung in die Literatur der Palästinakunde, Pflanzungstypen usw. Den Schluß machen Briefe aus Erez Jis r o e 1 aus der Mitte der Poale Agudas Jisroel, die wir der Aufmerksamkeit der Führer empfehlen. Ein Widerhall der Organisationskämpfe im deutschen Judentum. Soeben ist unter dem unten vermerkten Titel *) aus der Feder von Oberrabbiners Philipp Fischer in Sarospatak eine Broschüre erschienen, die einen Sonderdruck mehrerer bereits in früheren Jahren veröffentlichter Aufsätze des Verfassers zur Frage der dogmatischen Gegensätze innerhalb der heutigen Judenheit darstellt. Der Zusammenhang, der in der Broschüre enthaltenen Auseinandersetzungen mit den aktuellen Ereignissen der Gegenwart kommt in einem ausführlichen Vorwort zum Ausdruck, aus dem wir folgende Stellen v/iedergeben: „Und nun noch ein kurzes Wort. Die erschütternd und ernüchternd herniedersausenden * Hammerschläge des Geschickes in vielen Staaten erwecken in so manchem noch nicht ganz verschütteten Gemüte auch scheinbar ganz Entfremdeter ein gewisses Bedenken und Besinnen, das dem sogenannten „konservativen Zuge" z\igute kommt. Aber es können und werden früher oder später mildere Zeiten kommen, da dem „liberalen Zuge" der Sucht nach möglichster Befreiung von d'BW maVa dem „Joche des himmlischen Königreiches", der Sucht nach einer „jüdischen Religion" ohne Belastung und Belästigung mit Mizwoth wieder neue Flügel wachsen können. Eine solche Erwägung rechtfertigt schon an und für sich die Herausgabe ähnlicher Arbeiten, wie die vorliegende. Eine derartige Erwägung entkleidet sie ihres ephemeren Charakters. Obiges haben wir bereits vor ca. 2 Monaten niedergeschrieben; und leider sollten die in obigen Ausführungen geäußerten Erwägungen und Befürchtungen viel früher eine geradezu unwiderlegbare Bestätigung finden als wir solches erwarten. Man braucht nämlich bloß den Artikel „Reichsvertretung und unabhängige Orthodoxie" in dem führenden Organe der deutschen Orthodoxie „Der Israelit" in Nr. 8 vom" 22. Februar d. J. zu lesen, um zu erkennen, wie weiteste Schichten der deutschen Judenheit, vor allem aber ihre maßgebendsten Führer, die gegenwärtige gar traurige politische und wirtschaftliche Lage als den geeignetsten Zeitpunkt betrachten, um die „Doktorfrage", ob das nvrn ba 'fi naTi buchstäbliche Wahrheit ist, oder eine nebelhafte Redefloskel, von deren Beantwortung doch das ganze Leben der Orthodoxie abhängt, 13'»' -pwi I3"n K'n, um nun diese Frage und das ganze Bewußtsein von der Bedeutsamkeit und Folgenschwere deren Beantwortung für das echte, traditionelle Judentum aus dem Gesichtskreis der verschiedenen Parteien einfach nach Möglichkeit wegzueskamotieren! Da müssen nun Arbeiten wie die vorliegende, einem klärenden Agens gleich auf das Wirrwarr verschwommener Gedankenbildungen und unklarer Ideenverbindungen einwirken." Die Broschüre wird in den interessierten Kreisen hoffentlich eine günstige Aufnahme finden und dem Verfasser die Möglichkeit der Veröffentlichung seiner sonstigen an verschiedenen Stellen zerstreuten Areiten eröffnen. *) Das Buch von Dr. L. Klecskemeti: „Gibt es bloß eine jüdische Religion oder mehrere?" Zugleich eine Anfrage wegen Herausgabe seiner gesammelten religionspolitischen und polemischen Arbeiten von Philipp Fischer, Oberrabbiner in Sarospatak. („Durch die Luft nach. Palästina".) Zu dieser Notiz in Nr. 27 Ihres gesch. Blattes dürfte ein Hinweis nicht unbeachtenswert sein, daß unsere alten Weisen schon vor ungefähr zweitausend Jahren den Rekord unserer vorgeschrittenen Technik voraussahen, die es allen Erdbewohnern außerhalb Palästinas ermöglichen wird, innerhalb einiger Stunden Jerusalem zu erreichen. Bezugnehmend auf die Prophezeiung (Jesaja 66, 23} „Und es wird sein von Neumond zu Neumond und von Sabbat zu Sabbat, da wird alles Fleisch kommen, sich zu bücken vor meinem Antlitze, spricht der Ewige," bemerkt 'Jm xnp'OBtWie ist es denn möglich, den in entlegenen Weltteilen Wohnenden allsabbatlich und monatlich Jerusalem aufzusuchen? Darauf antworten R. Levi und R. Pinchas: am D'^en-i'^ nrnx D'K'aai riaa^na onis atrial a'na o'ayn *6r •on'na^ oni« a'wia am ipiaa nv o'^sna „Von Wolken getragen und früh in Jerusalem eintreffend, beten sie dort morgens — und die Wolken bringen sie am selben Tage wieder nach Hause." Das ist, so fährt der genannte Midrasch fort, der Sinn des Prophetenwortes (Jesaja 60, 8). „Wer sind diese, die wie eine Wolke herfliegen, (sich früh in Jerusalem zum Morgengebet einfindend) und wie die Tauben zu ihrem Fensterchen" (zu Mincha nach Hause zurückkehrend.) — Im noa bv »yactr b">b fi'ansra (deutscher Ritus) ("Di nmM KaN 'na) bringt der Dichter apy na anaa diese Interpretation in herzerhebender Weise' zum Ausdruck, woraus hervorgeht, daß sie keine bloße Allegorie ist. Jacob Teßler, Nürnberg. (Zwei Reden.) Seltsames Geschick, das der Orthodoxie; da ist einer ihrer Führer in Palästina gewesen, um das neue Leben dort gründlichst kennen zu lernen. Er sah vieles, er sah mit aufmerksamem Auga, er sah mit dem Herzen. Er sah auch, was fehlt. Und nun kam er zurück, um seine Gesinnungsgenossen darauf aufmerksam zu machen, welch große Aufgaben ihrer dort im heiligen Lande wartet. Die Welt horcht auf; man sollte meinen, daß die Zionisten darob froh wären. Sie müßten es sein, wenn es ihnen nur um die möglichst große Besiedlung Palästinas zu tun wäre, um möglichst große Ausdehnung des Kreises jüdischer Menschen, deren Antlitz und Seele Palästina zugewandt ist. Nunmehr liegen die beiden Reden in Druck vor,*) mit denen Dr. Isaak Breuer und Jacob Rosenheim gemeinsam den Auftakt zu einer neuen Bewegung innerhalb der Orthodoxie zu geben versuchen. Es mag sein, daß ein späterer Historiker in diesen Reden den Beginn einer neuen Epoche sieht. Wie immer man die Zeiten betrachtet, eines ist klar, die Wendung der Dinge in und um Palästina bringt einen Leidenszug in die Geschichte des Weges der Thora durch das jüdische Volk. Es besteht die Gefahr, daß die seit der Zerstreuung des Tempels zum ersten Mal völkerrechtlich anerkannte Beziehung Israels zu Palästina ein Galuth Scheenina zeitigt, eine G'ttesferne, wie sie gleichfalls in der Geschichte Israels noch nicht war. Mag man es nun geschichtsphilosophisch begründen, wie es Dr. Isaak Breuer versucht, mag man es aus dem Diktat der Religion ableiten (Mizwas Jischuw Erez Jisroel), wie es Jacob Rosenheim unternimmt, beide Redner sind darin einig, daß die Orthodoxie die Pflicht hat, einzugreifen und dafür zu sorgen, daß nicht aus diesem Aufbau die furchtbarste Katastrophe für das Thoravolk sich entwickelt. Es gab Zeiten, in denen Israel ob drückenden Leides, es gab wiederum Zeiten, in denen es bs a*ia ob der Fülle irdischen Wohlergehens seines unlösbaren Zusammenhanges mit dem Lande seiner Väter, mit dem Lande seiner Enkel vergaß. Immer fanden sich Männer, die einen Weckruf hinaussändten. Einen solchen Weckruf stellen diese beiden Reden dar, Man weiß es doch, daß jüdische Eltern niemals mit Opfern kargen, wenn es dem Aufbau kommender Generationen gilt: den letzten Pfennig für das Thoraglück der heranwachsenden Generation, das ist die Mahnung der Redner. Sie wiederholen, was König David im 137. Psalm meinte. Wenn Zeiten kommen, in denen man Jerusalem in seinen Grundvesten zu erschüttern droht — und das ist möglich, trotz blendenden Aufbaus — dann hat sich der Jude zu fragen, wie er Jerusalems gedacht. Kampflös zuschauen, wie man dieses Jerusalem dieses heilige Land zum Tummelplatz g'ttentfremdeter, ja g'ttesfeindlicher Unkultur macht, dagegen wendet sich die Orthodoxie, dagegen muß sie sich wenden. Wir wiederholen, wie immer man die Zeiten betrachet, es ist durchaus geschichtlich, daß der letzte Kampf um die Beziehungen Israels zur Thora, die ihm der Allmächtige gab, in Israels Land ausgefochten werde. Wenn die beiden Reden den Erfolg haben, daß die Erkenntnis dieser Lage jedem Thorajuden ins Bewußtsein tritt, dann haben sie eine neue Epoche eingeleitet. Und das wollen wir hoffen. . Dr. N. ') Erez Isroel und die Orthodoxie. Preis 25 Pfg. Frankfurt a. M. Verlag ■ der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel. «rt&L _ 1'.\IlJ*:j*>-^ ■ "-•"» W^IÄr.TTi1. '»»WLiUi ^<.JTr.

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