Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1933)
- Date
- 1933-11-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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2. November 1933 Der J ä t a i! i! Nr. 44 Seite 13 DieWoche. Jacob Besthofs Trauerkunde machte Sonntag Abend die Runde durch Stadt und Gemeinde. Jacob Be st ho ff ist, so sanft und harmonisch, wie sich sein ganzes Leben abrollte, in seinem Sessel eingeschlafött. Erschüttert in stiller Trauer weinen wir um einen der Besten in unserem Kreise. In ganz jungen Jahren kam Jacob Besthoff, nach einer sonnigen Kindheit am Rheine, mit seinem heiter offenen Temperament, mit seiner reichen Vorbildung und seinem aufgeschlossenen Sinne für Welt und Wissen nach Frankfurt a. M., in die Firma Beer, Sond heimer u. C o. Er stieg mit dem Hause und wuchs in hohe, soziale Stellung hinein. Was er als prominen tes Mitglied der Firma in nahezu 60 Jahren bis zu sei nem Lebensende hier geleistet hat,-kommt in Nachrufen der Mitarbeiter in den Tageszeitungen deutlich zum Ausdruck. Neben dem geschäftlichen und sozialen Auf stieg bedeuteten aber seine ersten Frankfurter Jahre für _ ihn auch einen geistigen Aufschwung. Rasch wurde der begabte und seingebildete junge Mann in Frankfurt von dem Samson Raphael Hirsch-Kreise in den Bann gezogen. Er wurde intimer Freund und ver ständnisvoller Mitarbeiter von Dir. Mendel Hirschen und fand so den Boden, auf dem er sich auch in jüdischem Wissen und Wollen, Fühlen und Denken immer tiefer verankern konnte. Es lag im harmonischen, innerlich ausgeglichenen Wesen Besthoffs, daß er eine einmal ge wählte Lebenslinie einhielt bis ans Lebensende. Zusammen mit der Gattin, Frau Henriette Besthoff geb. Moses, jener unvergeßlichen Hochmeisterin der jüdischen Wohlfahrt, führte er ein von tiefem jüdischen Glück besonntes Haus, in dem Kinder für Emuna erzogen wurden und im Geiste der Eltern uufblühten. Die zähe Treue Besthoffs zu seiner Kehilla und sei ner Synagoge wird sprichwörtlich in der Geschichte der K e h a l A d a ß I e s ch u r u n bleiben. Bald dreißig Jahre war er ununterbrochen, mit einer Liebe und Tatkraft ohnegleichen, führend im Synagogenkomi t e e tätig, vorübergehend auch eine Zeitlang im G emeinderate. Jahrzehnte hindurch sahen wir ihn Morgen für Morgen, bei Wind und Wetter, im Sommer wie im Winter, an Wochentagen wie an Sabbat- und Feiertagen, in aller Frühe als einen der ersten das G'tteshaus betreten, um es als einer der letzten zu verlassen. Es galt immer, Verorderungen zu treffen, Anregungen zu geben für die Verschönerung des G'ttesdienstes, für die Hebung der Andacht in Würde und Schönheit. War doch der ganze Mann vom Scheitel bis zur Sohle ein Bild schöner Harmonie und geruhiger Ordnung. Ob er still auf seinem Platz in tiefer Andacht sein Gebet, das' ihm täglich von neuem zum Erlebnis wurde, verrichtete, ob er, wenn Not an Mann war, am Omud stand und ohne jegliche Künstelei, mit klarem Ausdruck und verständnisvoller Betonung, die Gebete vortrug, ob er im Frühling durch die blühenden Anlagen, oder am herbstlich grauen Morgen zwischen den fallenden Blättern ins G'tteshaus wallte, immer sahen wir den jugendlichen Greis von einer Freude bewegt und beschwingt, die uns an das Psalmwort denken ließ: mnvv ", Die Leitung des Haschkomo-G'ttesdienftes am Sabbat und an Feiertagen war feit vielen Jahren sein Vorrecht, das er als heilige Pflicht nahm und ausübte. Noch am letzten Jomkippur sahen wir ihn den ganzen Tag, bis zun, Schlußgebete, in Weihe und Würde die Stufen zur heiligen Lade, auf- und abgehen und den Ehrendienst für seine Gemeinde verrichten. Wer ahnte, daß es der letzte Ehrendienst am heiligsten der Tage für ihn sein sollte! Ein treuer hatte er im Sinne des 'l>rr 'ib’ immer den Anschluß an die höheren Sphären der G'ttlichkeit und Geistigkeit, und es machte ihm besondere Freude, auch Andere durch Wort und Vorbild diesen Anschluß zu verschaffen. Wie freudig und voller Bewunderung lauschten wir seinen Worten, wenn er lange Stellen aus Goethe und Shakespeare, ja aus halbvergessenen Dichtern und Denkern der Nachklassikerzeit mit herrlicher Betonyng aus dem Gedächtnis zitierte; wenn er aus dem reichen Schatz seiner heute leider so spärlich gepflegten humanistischen Bildung gern und willig auspackte; wenn er von der vielfacher; Größe und Schönheit der Natur, wie er sie in guten Jahren zusammen mit der kunstliebenden Gattin überall gesehen und auf sich einwirken ließ, in einem Gefühle tiefen Nacherlebens sprach! Für ihn waren aber — darin war er treuer Schüler von S. R. Hirsch — Welt und. Wissen und Bildung, alle Macht und alle Pracht der Natur nur Wege zu G'tt, Bindemittel der Emuna. Alles Wissen war Glauben, alles Naturerleben ein Bekenntnis zum m i'vsn irn rn-Auch seinen geliebten Klassikern spürte er in den letzten Jahren mit Vorliebe dahin nach, wo sie sich mit jüdischen Motiven, mit jüdischen Ideen und Anschauungen treffen oder kreuzen. Er ahnte und suchte die große gemeinsame Linie im Reiche des Geistes. Darauf war auch sein Lernen in den letzten Jahren eingestellt. Seit vielen Jahren sahen wir ihn Sabbat für Sabbat bei den Liwjat Chen-Borträgen aus seinem ersten Platze zur Linken des Dozenten, den keiner einzunehmen gewagt hätte, in stillem Mitschaffen, verständnisvollem Mitgehen. Das Gehirn registrierte blitzartig jeden Satz, der ihm besonders zusagte oder strittig schien, um gleich nachher darauf zurückzukouuuen. Dann regnete es bei der Aussprache auf dem Nachhausewege Stellen aus Faust und Hamlet, von Rousseau oder Chamisso, zum Vergleich, als Parallele oder Ergänzung, als dichterische Illustration, oder als Widerspruch zu dem eben gehör ten Midrasch und seiner Deutung, so daß der Dozent oft innerlich mit dem stillen Talmudwort von seinem alte ren Freunde schied: 'i'vbni -ai „Mein Schüler und mein Lehrer! ..." Die letzten Freudenfeste sahen ihn noch in der Syna goge beim heiligen Dienste, der Haschkomo-G'ttesdienst am Schmini Azereth hatte ihn noch als Vorbeter. Als min ]nr und N'vrria ]nn , vermählt mit der Thora und mit dem All in seiner Schönheit und Größe ging er von dannen, wenige Wochen nach dem Feste. Am Donnerstag, den 28. Oktober, nachmittags ver ließ er zum letzten Mal das G'tteshaus. Eine Erkäl tung, wie er sagte, hinderte ihn am Sabbat, zur Syna goge. zu gehen. Am Montag gedachte er, seine Arbeit wie der aufzunehmen. Am Sonntag Abend aber setzte er sich in den Sessel zur Ruhe, zur ewigen Ruhe Möge er,_ der glühende Freund unserer Gemeinde und unserer Synagoge, der an ihrer Glanzzeit mitgewirkt und in ihrer Notzeit ihre Sorgen wie die eigenen mit getragen, möge er wie für seine Kinder und Kindeskin der auch für unsere Kehilla ein -vn f'b» sein. Line Trauerkundgebung für den Lubliner Raw Der Lubliner Raw, Rabbi Meiir Schapiro früher „der Sanokcr" genannt, war auch in Deutschland und erst recht in Frankfurt kein Unbekannter. Der Eindruck seiner machtvollen Vorträge in unserer Stadt ist noch nicht verwischt, und es ist somit kein Wunder, daß sein früher Heimgang auch in Deutschland und in weiten Kreisen unserer Gemeinde große Bestürzung hervorgerufen hat. Der allgemeinen Stimmung entgegenkommend, veranstaltet die Agudas Jisroel-Orts- und Jugend gruppe nächsten Sonntag, den 5. November, eine größere T r a u e r k u n d'g eb u n g in den Räumen des Mekor Ehajim, Hans Handwerkstruhe (Langestraße). Die Gedenkrede hat Herr Redakteur Schachnowitz übernommen, der vor zwei Jahren Gelegenheit hatte, die Lubliner Jeschiwa und ihren genialen Leiter an Ort und Stelle in ihrer ganzen Bedeutung kennen zu lernen. Ferner werden der Herr Gemeinderabbiner Joseph H o - r o w i tz und Herr Jacob R o s e n h e i m Ansprachen halten. Die Veranstaltung beginnt präzis 6 Uhr und haben Gäste, auch Damen, Zutritt. Der Sijum hagodaul des Schaßvereins. In etwas vereinfachter Form feierte der Sch aß- Ber ein dieses Jahr, der Zeit entsprechend, seinen großen Sijum am letzten Sonntag in den Räumen des Mekor Ehajim. Es zeigte sich, daß Frohsinn, Gemütlichkeit und Feststlinmung weniger von Raum und Ausmachung abhängig sind und sich umso eher und spontaner einstellen, wenn das innere Feuer dazu treibt. Der Saal war schon in den frühen Nachmittagsstunden von einem festgestimmten Publikum überfüllt. Die Herren des Mekor Ehajim, die Gastgeber des Festes, sorgten in aufopfernder Weise für den würdigen und schönen Rahmen, und Damen aus dem Kreise des Schah-Vereins stellten sich, wie immer, in den Dienst der guten Sache und waren eifrig bemüht, daß über der Fülle der geistigen Genüsse, die Bewirtung nicht zu kurz kam. Herr Rabbiner Karpel, der uns leider bald verlassen wird, knüpfte an einen anderthalbstündigen ungemein geistvollen Hadron ergreifende Worte des Abschieds an. Mit dieser halachischen Exkursion und dem festlichen Maar-iwgebet, vorgetragen von unserem Oberkantor, konnte der weihevolle Akt in die Feststimmung übergehen. Die Kandelaber warfen ein Helles Licht auf die schön und festlich gedeckten Tafeln, an denen jeder 'einen Platz fand. Herr Oberkantor P e i s f a ch o w i t f ch trug der geselligen Stimmung mit dem schönen Bortrag des ö-ya n»i 3it3 n» nan Rechnung, und nun bestieg der Präsident des Schaß-Vereins, Herr B. R a ch e l f o h n , das Podium, um ein kräftiges Wort an das Auditorium, die Mitglieder und dis Ehrengäste zu richten. Das iW2i> fagte er unter vielen anderen schönen Deutungen, gehe dem y»r>a voran, nicht etwa weil es bedeutender fei, sondern well ein theoretisches ohne praktisches nvva wertlos wäre. Die Kehillah mit ihren herrlichen religiö-;<m Institutionen pflege das mm die Lernvereine und insbeondere der Schaßverein, komme ergänzend mit dem rwva hinzu. Er richtete herzliche Begrüßungs- und Ab- Wedsworte an Herrn Rabbiner Karpel, der in den 16 Jahren seit Bestehen des Schaß-Bereins zehnmal den Hadron, stets in gleich meisterlicher Weise, gehalten habe. Sodann hielt Herr Gemeinderabbiner I. Horowitz eine längere Ansprache in Anknüpfung an bekannte Scheidegrüße im Talmud, die der Herr Rabbiner in geistvollen Ausführungen auf Herrn Robb. Karpel anwandte, der auch ihm persönlich stets treuer Mithelfer war. Er wünschte ihm, daß sich alle ln jenen Formeln enthaltenen Segenswünsche an ihm in seinen; neuen Domizil auf heiligem Boden erfüllen möchten. Redner überbringt auch die Grüße derKhalAdaß I e sch u r u n an den Schaß-Veroin und an Herrn Rabbiner Karpel. Nachdem Herr Engelmayer ein schön vorgetragen hatte, kan; Herr Redakteur S ch a ch n o w i tz im Namen des Mekor Ehajim wie der Agudas Jisroel-Orts- und I u g e n d g r u p p e zu Wort. Nach einigen launigen Wendungen gab er einige Worte des Lubliner Raw und dos Chofez Ehajim reicher, die in tiefer Ergriffenheit angehört wurden. Ueberflüffig zu sagen, daß die Listen der Traktateverteilung wieder überzeichnet wurden. Das Be n f ch e n brachte dann in sehr gehobener Stimmung das schöne Fest in nicht allzu später Nachtstunde zu Ende. Wie immer bedeutete das Fest auch dieses Jahr eine wirksame Kundgebung für die Thora und die Thoralernenden unserer Stadt. Das 25jährige Jubiläum des Herrn Kantor Saiomon Slelnberger. Zur Feier des Amtsjubiläums des Herrn Kantor Salomon Steinberger fanden sich Vertreter des Vorstandes und des Gemeinderates wie auch anderer Verwaltungen neben dem Herrn Gemeinderabbiner Jos. 5) o r o w i tz am Sabbat vormittag im Hause des Jubilars ein. Der Herr Rabbiner eröffnete den feierlichen Akt durch eine Ansprache, die anknüpfend an Stellen der Sidra die Amtspflichten eines Borbeters, eines Sendboten der Gemeinde vor G'tt, wie sie auch Herr Steinberger auffaßt und erfüllt, kennzeichnete. Mit schlichten dankbaren Worten überreichte dann Herr Philipp P o - s e n den; Jubilar im Rainen der Gemeinde und des Vorstandes einen silbernen Pokal mit entsprechender Inschrift. Herr Hugo B o n d i im Namen des S y n a goge n k o m i t e e s und Herr I. Offen b a ch e r im Namen des G e m e i n d e r a t e s sprachen Worte des Dankes und der Anerkennung. Darauf ergriff Herr Kantor Steinberger selbst das Wort, >um in formvollendeter Rede den Gemeindeinstanzen für alle Ehrungen zu danken, womit die schlichte Feierstunde des Dankes und der Ehrung ihr Ende erreichte. Agudas Jisroel-Jugendgruppe E. V. lieber das Thema „ G e i st i g e Situationen der jüdischen Vergangenheit" findet am Mauzoe Schabbos, den 4: November, in; Heim Schwanenstr. 12 p., erstmalig der Kurs des Herrn Dr. Arnold Merzba ch statt. Teilnahmebeitrag RM. 0.40 im Vierteljahr. Anmeldungen sind an Julius Rosner, Thüringerst;'. 55, 1. zu richten. Abwechselnd mit den; Kurs des Herrn Dr. Merzbach findet alle 14 Tage am Mauzoe Schabbos die Erez- I i s r o e l - A r b e i t s g e m e i n s ch a f t unter Leitung des Herrn Dr. S. Ehrmann statt. Gäste willkommen! Ein Synagogenkonzert. In einer Zeit, da wir uns mehr denn je auf das Innenleben in Haus und Familie zurückziehen, werden wir unseren Herrn Max N e u m a n n besonderen Dank wissen, daß er uns wieder einmal Gelegenheit für einen reinen Kunstgenuß bietet, wie wir ihn von ihm erwarten dürfen. Er bereitet ein großes jüdisches Konzert vor, das ausschließlich s y n a g o g a l e r Ai u s i k gewidmet ist. Das Konzert findet an; Sonntag, den 3. Dezember, in der Frankfurt- Loge statt, woraus jetzt schon hingewiesen werden sott. Näheres wird an dieser Stelle noch bekannt gegeben. Ein Bild des Lubliner Raw. Im Berlage von Joel Sänger, Frankfurt a. M., Herderstr. 30, erscheint soeben ein Bildnis von Oberrabbiner Schapiro, des „Lubliner Rares" b-sr. Der Preis des Bildes beträgt 40 Pfg., gerahmt Mk. 1.50. Ein Teil des Erlöses wird, einer Vereinbarung mit dem Landesdireltorium des Keren Hatorah zufolge, demselben zugesi'chrt. Städtische Leihgabe für das Rothfchild-ZNuseum in Frankfurt. Die in der unter städtischer Verwaltung stehenden Freiherrlich Carl von Rothschild'schen Bibliothek vorhandenen Bilder und Büsten von Mitgliedern der Fainilie Rothschild sind mit Zustimmung des Städtischen Kulturaintes den; Rothschild-Museum der Israelitischen Gemeinde als Leihgaben überlassen worden. VERLAG DES ISRAELIT UND HERMON G.M.B.H. A. M., RECHHEIGRABEHSIRASSE 7. vor kurzem erschien in unserem Verlage: mVann Kommentar zu den Werktags-- und Gabbatgcbeten, nebst Uebersctzung von Rabbiner Dr. die Munk in Ansbach. 374 Setten Groß-Gktav. preis in gediegenem Leinwandband rnr. s.sv Das Buch ist durch alle besseren Buchhandlungen zu beziehen. Der Berlag liefert direkt gegen Nachnahme oder Voreinzahlung des Betrages (zuzügl. 40 Pfg. Porto innerhalb Deutschlands) auf Postscheckkonto Frankfurt-M. 19802. Auf Wunsch wird Abonnenten des „Israelit" im Einzelfall Zahlung in zwei Raten eingeräumt, wovon die erste mit Mk. 3.- zuzügl. 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