Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1933)
- Date
- 1933-11-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Israelit Nr. 47 Seite 11 23. November 1933 Drakonische Handhabung der Bestimmungen gegen illegale Einwanderung nach Palästina, — Razzien und Verhaftungen. — Sonderbehandlung von Juden bei der Grenzkontrolle. Jerusalem, 14. Nov. Die Pakästinabehörden haben begonnen, die vom Koloniemninister Sir Philip Cunliffe Lister im Unterhaus angekündigten Maßnahmen gegen illegale Einwanderung nach Palästina mit einer Schärfe Lurchzuführen, die wachsende Unzufriedenheit und Empörung unter der jüdischen Bevölkerung- Palästinas hervorruft. Die neuen Bestimmungen werden in einer Weise gehandhabt, die eine ausgesprochene Spitze speziell gegen jüdische Einwanderung zeigt und geeignet ist, den für Palästina unter allgemein wirtschaftlichen Gesichtspunkten außerordentlich bedeutungsvollen Touristenverkehr schwer zu beeinträchtigen. Im Hafen von Haifa wurde ein besonderer Kontrolldienst durch Polizeimotorboote eingerichtet, die Hasen- - Patrouillen wurden vermehrt. Durch arabische Bauern verstärkte Abteilungen englischer und arabischer Polizisten haben längs der Küste Razzien nach jüdischen Einwanderern, die ohne Erlaubnis ins Land gekommen sind, durchgeführt und zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Die verhafteten Männer wurden ins Gefängnis der Festung Akko, die Frauen ins Frauengesängnis von Bethlehem, die Kinder in ein Waisenhaus in Haifa gebracht. Die Regierung hat Prämien für die Ergreifung illegal Eingewanderter ausgesetzt. An der Nordgrenze Palästinas wurde die Kette der Grenzwachabteilungen verdichtet. Bei der Paßkontrolle werden ausschließlich die Pässe jüdischer Reisender kontrolliert. An der syrisch-palästinensischen Grenzstation Ras-el-Nakura halten englische und arabische Polizisten alle aus Syrien kommenden, Autobusse und Privatautos an und fragen die Chauffeure, ob sich Juden unter den Passagieren befinden. Bei der Paßkontrolle werden die Reisenden nach dem Religionsbekenntnis befragt. Aus Akko wurden Polizeiabteilungen an die Nordgrenze abkommandiert, um ein Durchschmuggeln jüdischer Reisender abseits der Straßen zu verhindern. Aus D e r a a (Syrien) wird berichtet, daß dort eine Besprechung des französischen Beraters der Gendarmerie und des Gendarmeriekommandanten mit palästinensischen Zollbeamten zwecks Erzielung eines gemeinsamen Vorgehens gegen illegale jüdische Einwanderung aus Syrien nach Palästina stattgefunden hat. Die Behörden von Libanon beabsichtigen, die Wachen an der Grenze gegen Palästina zu verstärken. Die Jerusalemer Tageszeitung „Haarez" erklärt, Kenntnis davon zu haben, daß arabische Kreise in Syrien und im Libanon von arabischen Politikern Palästinas aufgefordert wurden, die Palästinaregierung bei ihren Bemühungen, illegales Ueberfchreiten der syrischpalästinensischen Grenze durch Juden zu unterbinden, tatkräftig zu unterstützen. Wie die ITA. erfährt, sind weitere Maßnahmen zur Einschränkung jüdischer Einwanderung nach Palästina in Aussicht genommen. Zunächst wurde beschlossen, kein Schiss mit mehr als 230 Einwanderer an Land gehen zu lassen.' Diese Maßnahme trägt zwar vorläufig nur zeitweiligen Charakter, in jüdischen Kreisen -befürchtet man aber, daß sich aus ihr ein ständiges Prinzip entwickeln könnte. Die neue Einschränkungsbestimmung trifft die palästinagerichtete Judenheit nicht nur moralisch aufs schwerste, sondern dürfte sich auch aus den Umfang der tatsächlichen jüdischen Einwanderung. stark auswirken. Die Zahl der palästinensische Häfen anlaufenden Schiffe ist an sich schon nicht sehr bedeutend. Kommt nun noch die Bestimmung hinzu, daß nicht mehr als 250 Einwanderer an Bord fein dürfen, so werden die Schisfahrtsgesellschaften genötigt sein, die Intervalle des Palästinaverkehrs zu vergrößern, da sie jedesmal vor Abfahrt eines Schiffes werden warten müssen, bis eine genügende Anzahl anderer Passagiere vorgemerkt ist. Für manche Linien scheint die Rentabilität infolge der neuen Bestimmung überhaupt gefährdet. So erwägt bereits die Leitung der erst vor kurzem geschaffenen Polen-Palästina- Linie die Einstellung der weiteren Fahrten des Dampfers „Potonia" zwischen Konstanza und Haifa. (Siehe Leitartikel.) Der Protest gegen die neuen Cinwanderungsverordnungen in Palästina. Jerusalem, 19. Nov. Gleich nach Bekanntwerden der neuen drakonischen Verordnungen über die Einwanderung und gegen die als Touristen Eingewanderten, begab sich eine Abordnung der zionistischen Exekutive zum Hochkommissar, um nachzuweisen, daß all diese Maßnahmen den klaren Worten und dem Sinne des Balfour-Mandats wie all seinen Auslegungen in den verschiedenen Briefen und Memoranden der späteren Minister widersprechen und den Aufbau in seinen Grundlagen bedrohen. Eine Kundgebung der I e w i s h Agency bewegt sich in ähnlichen Gedankengängen. Die hier enthaltene Berechnung der Aufnahmefähigkeit Palästinas übertrisit die Schätzungen der Regierung um ein weites. Professor Brodetzky erklärt die (Quote von 5500 Zertifikaten für das nächste Halbjahr als absolut unzureichend. Lag es im Sinne Balfours und der englischen Negierung, Palästina zu jüdischem Hei m e zu machen, so müßten die Juden das Recht haben, dahin zurückzukehren, wann und wie es ihnen beliebt, so wie die Engländer nach England zurückkehren können, wann sie wollen. Es fei ungeheuerlich, daß ungeachtet der Anerkennung ' des historischen Anspruches des jüdischen Volkes auf Palästina der einzelne Jude fernen persönlichen Anspruch auf das Land habe. Ein solcher Zustand müsse als „illegal" bezeichnet werden. lieber die Antwort der Regierung auf diese Proteste und Aufklärungsversuche wird bis jetzt nichts Greifbares verlautbart. - verschiedenes aus Erez Jisroel. Jerusalem, 12. Nov. Die B. B.-Loge in Jerusalem hat für jüdische Einwanderer aus Deutschland ein zweites Einwanderungsheim eröffnet, da das bisherige Heim, das 30 Betten hat, sich als unzureichend erwiesen hat. Der Jerusalemer Hilfsfonds, die Hadassah und Privatpersonen haben die Mittel zur Einrichtung beider EinwanÄsrerheime zur Verfügung gestellt. Auch im ersten Heim wurde der Belegraum vergrößert, so daß in beiden Heimen zusammen jetzt mehrere hundert Personen Unterkunft für die erste Zeit ihres Aufenthalts in Jerusalem finden können. Jüdische Einwanderer aus Deutschland haben in Palästina eine psychoanalytische Vereinigung ins Leben gerufen, die demnächst ein Psychoanalytisches Institut mit einer eigenen Klinik Imter Leitung des ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung und Vizepräsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung Dr. M.E it i n g e n errichten wird. Ende Oktober wurden in Jaffa 4387 Kisten Grape Fruit nach Deutschland verladen. Die Gesamtcitrusausfuhr bis Ende Oktober betraf 31.139 Kisten Grape Fruit, 7716 Kisten Zitronen und 12 Kisten Tangerinen, insgesamt 38.867 Kisten. In einzelnen Gebieten des j u d ä i f ch e n B e r g - landes wurde auf Initiative des Landwirtschaftsdepartements der Palästina-Regierung mit der Terrassierung der Abhänge zwecks Anlage von O b st p l a n t a - gen durch arabische Bauern begonnen. An einzelnen Stellen wurden schon Weingärten angelegt und Apfel-, Nuß- und Aprikosenbäume gepflanzt. Stecklinge wurden den Bauern teilweise von den Behörden geliefert, teilweise wurden sie von den Arabern in jüdischen Baumschulen in Moza, Kirjath Anawim, Venjamina usw. gekauft. Für die Weingärten wurden phylloxerafeste Reben geliefert. Sachverständige versichern, daß durch die systematische Bepflanzung der Berghänge mit Wein und Obstbäumen eine neue Epoche des palästinensischen Gartenbaus eingeleitet werden wird. Irak. Unterbindung der Hetzpropaganda im Irak. Bagdad, 10. Nov. Wie immer, verhielt sich das offizielle Bagdad bei den Unruhen in Palästina vornehm und korrekt. Es fehlte nicht an Treibern und Hetzern, aber die Regierung untersagte strengstens jede Demonstration. 25 Gesuche um Genehmigung von Protestzügen wurden abschlägig beschieden. Als im Parlamente ein Abgeordneter die Vorgänge in Palästina berühren wollte, entzog ihm der Präsident das Wort. Trotzdem konnte vor einer Moschee im Anschluß an den Freitagsg'ttesdienst eine st i l l e D e m o n st r a t i o n zustande kommen. Griechenland. Jomkippur Staatsfeiertag in Saloniki. Saloniki, 12. Nov. Das griechische Amtsblatt veröffentlicht ein Dekret des Präsidenten der Republik, in dem für Saloniki neben den allgemeinen staatlich festgesetzten Ruhetagen sieben weitere Zwangsruhetage bestimmt werden. Zu diesen neuen staatlich anerkannten allgemeinen Ruhetage n gehört auch der I o m k i p p u r. Die Verordnung des Präsidenten ist auf eine Anregung der Handelskammer von Saloniki zurückzuführen. Es ist das erste Mal, daß ein jüdischer Feiertag in Griechenland zum Staatsfeiertag erklärt wird. (ITA.) Amerika. Zeiirci Agudas Jisreel in Amerika. N e w y o r k, 8. Nov. Die Jahreskonferenz der Z e i r e i A g u d a s I i s - roel in Amerika fand dieses Jahr unter einer überaus starken Beteiligung statt. Die großen Städte Amerikas waren fast alle durch Delegationen vertreten. Hauptreferate hielten Rabbi H o f m a n n und Dr. Sitno n. Als Gast begrüßte die Versammlung und wurde von ihr herzlichst begrüßt Rabbi F e i v e l s o h n , einer der prominentesten Führer der litauischen „ T i f e r e t h Bach u r i m - O r g a n i s a t i o n. Wahlsieg La Guardias in Newyork. R e w y o r k. 8. Nov. Bei der am 7. November stattgefundenen B ärger m e i st e r m a h t in Newyork ist der Kandidat der Unabhängigen Demokraten, La Guardia, gegenüber dem offiziellen Wahlwerber der Demokratischen Partei, MacKee, gegen den während der Wahlkampagne schwere Vorwürfe wegen seiner vor Jahren bekundeten antisemitischen Haltung erhoben worden waren, siegreich geblieben. Zum Vorsitzenden des Stadtrats von Newyork wurde der Präsident des American Jewist) Eongreß, Bernard S. Deutsch, der auf derselben Liste wie La Guardia kandidierte, gewählt. Bernard S. Deutsch, der aus Baltimore gebürtig ist, steht im 49. Lebensjahre. Er ist eitler der hervorragendsten Rechtsanwälte Newyorks. Als er im vorigen Jahre als" unabhängiger Kandidat sich um das Amt eines Richters im Obersten Gerichtshof bewarb, fehlten ihm nur wenige Stimmen zur Wahl. (ITA.) Argentinien. Antisemitismus in Argentinien. V u e-n 05 A i r e s, 10. Nov. In Argentinien hat der Fafchisinus von allen Staaten Südamerikas am meisten Fuß gefaßt, und hier hat er im Gegensätze zu Italien ausgesprochen antisemitischen Charakter. In Buenos Aires allein leben 300.000 Juden, kein Wunder, daß es oft zu schweren Zusammenstößen kommt. Führer der Bewegung ist ein Oberstleutnant K i n k e l i n , die Zahl seiner Anhänger wird auf 100 000 geschätzt. Ihr Kampf richtet sich in erster Reihe gegen den Kommunismus, doch treibt daneben eine Judenhetze in die Höhe, die die Juden oft zu energischer Abwehr veranlaßt. Die Haltung der Regierung ist recht unklar. Als eine jüdische Protestversammlung von Faschisten mit Gummiknüppeln gesprengt wurde, wurden solche Kundgebungen ein für allemal verboten. Wochevkalender. vom 25. Nov. bis 2. S)ea, 1933 | 7, - 14, Kislew 5694 ■>av t]T 0»TTi Samstag 25 7 X' Sonntag 26 8 3’ Montag Nov 27 9 Ä’ Dienstag 28 10 3' Mittwoch 29 11 1v Donnerstag Dez. 30 12 TU Freitag 1 13 r> Samstag 2 14 IT> Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. S ch ach » nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon ®. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei. Frankfurt a. M.