Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1933)
- Date
- 1933-11-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450756-2450801--80018-2537744- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 Nr. 47 Der Israelit Vermögen besitzen, leider keinerlei Aussichten vorhanden sind. Wenn ab und zu einmal eine Vakanz vorhanden ist, werden in der Regel nur Litauer bevorzugt, da auch fast alle Rabbinate nur durch litauische Rabbonim besetzt sind. Vor einigen Wochen ist hier eine höhere Knaben- und Mädchenschule „Moriah" durch deutsche a'*n’ ins Leben gerufen worden, auch eine apjr m?.Schule ist im Entstehen begriffen. Es sind dieses die ersten streng konservativen Privatschulen. Inzwischen haben sich mehrere bisher nicht religiös geleitete Schulen aufs alt überlieferte Judentum umgestellt. Die auf Zertifikate herkommenden Olim werden darauf aufmerksam gemacht, daß sie die mitzubringenden Möbel, Bücher, Wäsche ufw. innerhalb 24 Stunden nach Ankunft beim Zollamt in Jaffa oder Haifa anzumelden haben, auch wenn diese Gegenstände erst innerhalb dreier Monate nachgesandt werden. Bei Verabsäumung dieser Frist werden diese Sachen nicht mehr zollfrei hereingelassen. * * * Das Straßenbilü Tel-Awiw und Haifas verändert sich zusehends. Alle alten Läden werden modernisiert und von Deutschen bezogen, auch fast alle Neubauläden gehen in deutsche Hände über. Es werden Abstandssummen von zweihundert Pfund und mehr gezahlt. Die erste deutsche Fleisch- und Wurstwarenfabrik ist jetzt in streng moderner, allen hygienischen Errungenschaften entsprechender Aufmachung, eröffnet worden. Der Inhaber dieser Fabrik stammt aus Berlin und' stand dort unter Aufsicht der Synagogen-Gemeinde Adaß Iisroel. * * Die Stadtverwaltung Tel-Awiw hat bekanntlich fünf? tausend Pfund für die deutschen Einwanderer gespendet, große Summen sind in Erez Iisroel selbst gesammelt worden, Konzerte, Kinovorführungen, Ausstellungen und sonstige allerhand Veranstaltungen werden zu Gunsten dieser Einwanderer inszeniert, sogar Detailgeschäfte gewähren hier für diesen Zweck Extrarabatte. Jetzt werden neuerdings wieder große Sammlungen — angeblich zur Errichtung von Baracken für die Aulim — tm ganzen Lande, von Haus zu Haus, veranstaltet. Nach dem Diktat der hiesigen Presse darf sich niemand von diesen Sammlungen ausschließen. Viele Millionen wurden bereits in der ganzen Welt für die deutschen Peleitim gesammelt. Es wäre jedoch eine große Bereicherung der für diesen Zweck veranstalteten Ausstellungen, wenn man den ersten Flüchtling, der auf Kosten dieser Sammlungen nach Erez Iisroel gebracht wurde, dort vor stellen konnte. Nicht einmal ein Nachtlogis, oder eine Mahlzeit ist ohne Bezahlung zu erlangen. Wenn nicht von privater Seite so manches geschehen würde, so wären viele Einwanderer dem Verhungern ausgesetzt. Wo versacken die ganzen gesammelten Gelder??? * Der Verkehr zwischen Tel-Awiw und Pethach Tikwah hat jetzt einen solchen Umfang angenommen, daß Besitzer von Privatautos diese aufgeben wollen, um sich der Automnibusse zu bedienen, da ein Vorwärtskommen der Privatautos kaum noch möglich ist.. Korrespondenzen * Nachrichten. Paiüflma. Ein Bericht über die Sammlungen zu Gunsten der deutschen Juden. Jerusalem, 19. Okt. Der dieser Tage nach halbjährigem Aufenthalt in Europa hierher zurückgekehrte Leiter des Hauptbüros des Keren Hajessod, Herr Leo Hermann, hat in einer Unterredung mit Vertretern hiesiger Zeitungen folgende Mitteilungen über das Hilfswerk für die deutschen Juden gemacht: Man stand Ende Oktober, als die schwierige Lage der deutschen Juden offenbar wurde, vor drei Aufgaben, einer politischen, mit der sich der verstorbene Dr. A r l o s o r o f f beschäftigt und der zu diesem Zwecke nach Deutschland reiste, um mit der deutschen Regierung zu verhandeln, einer wirtschaftlichen, die Herrn Pinchas Ruthenberg übertragen wurde und bei der es sich darum handelte, den deutschen Juden, die nach Erez Iisroel auswandern wollen, zur Seite zu stehen, und einer rein philantropischen, zu deren Lösung man vor allen Dingen Geld aufbringen mußte. Da der Keren Hajessod zu Gunsten dieses Hilfswerks seine Sammlungen in England für dieses Jahr sinstellen mußte, so wurde ein sechsgliedriges Komitee, bestehend aus drei Zionisten und drei Nichtzionisten gebildet, das die Sammlungen in die Hand nahm. Bekanntlich find 180.000 Lft. gesammelt worden. Aber das Werk ist nicht abgeschlossen und man hofft, daß die englischen Juden auch im nächsten Jahr dem Ruf wie dieses Mal folgen werden. Dem Keren Hajessod sind zur Ablösung seiner Sammlungen aus dem Fond 18.000 Lst. zur Verfügung gestellt. In der Ende Juli stattgehabten Sitzung des Ausschusses wurde beschlossen, 50.000 Lst. für die deutschen Einwanderer nach Erez Iisroel bereit zu stellen, davon 30.000 Lst. für den Bau von Wohnungen in den Kolonien und 20.000 Lst. für die Ausbildung von Einwanderern. Das Geld wurde der Zentralkasse übergeben, die sich mit den deutschen Einwanderern beschäftigt und an deren Spitze Dr. Weizmann in London und Dr. Ru pp in in Jerusalem stehen. Zwischen den Zionisten und Nichtzionisten ergaben sich keine Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die Verteilung der Gelder, denn auch die Nichtzionisten standen auf dem Standpunkt, daß man konstruktive Hilfe leisten müsse und konstruktive Hilfe zur Zeit nur in Erez Iisroel möglich sei. Auf die Frage, wie es mit den Sammlungen in anderen Ländern stehe antwortet Hermann: In Italien sind etwa 10.000 Lst. gesammelt worden, wovon 75 Proz. nach Erez Iisroel geschickt und die restlichen 25 Proz. für Ausbildungszwecke in Italien verausgabt werden. In der Slovakei müssen die gesammelten Mittel zum größten Teil für die dort befindlichen Flüchtlinge Verwendung finden. Nur 8—10.000 Lst. sind für die Arbeit in Erez Iisroel bestimmt, davon zwei Drittel für den Keren Hajessod zu Gunsten deutscher Einwanderer, der Rest für den Keren Hajemeth zum Zwecke des Voüenkaufs. Sammlungen haben auch in Skandinavien stattgesunden, wo aber auch sehr viel für Flüchtlinge gebraucht wird, insbesondere in Dänemark. In diesem Land hat die Regierung Beihilse geleistet "zur Gründung von Hachscharastätten für Chaluzim. Zwischen der Hachschara-Arbeit in Europa und derjenigen in Erez Iisroel besteht kein Gegensatz, denn solange es nicht genug Zertifikate für Aulim gibt, muß ja ein großer Teil von ihnen, im Ausland bleiben, um sich dort für die Atija vorzubereiten. Es genügt zu erwähnen, daß in Deutschland allein sich 16.000 organisierte Chaluzim befinden. Der britische Zentralsond hat in der letzten Zeit 30.000 Lst. auch für Deutschland selbst bewilligt, davon 20.000 für Schulen, 10.000 Lst. für Hachschara-Arbeit. Außer diesen allgemeinen Sammlungen hat auch die Agency zu Gaben für einen besonderen Fond aufgefordert. Für diesen sind in Südafrika etwa 30.000 Lst. für Erez Iisroel gesammelt worden. Davon werden etwa 25 Proz. nach Deutschland geschickt, der Rest nach Erez Iisroel. Von diesem letzteren die Hälfte für den Keren Hajessod, die Hälfte für den Keren Kajemeth. Argentinien hat versprochen, 30.000 auszubringen und hat bereits 10.000 Lst. gesandt. Zur Zeit wird verhandelt wegen Ueberführung der Gelder nach Erez Iisroel und -ihrer Verteilung. Auch in Aegypten sind 20.000 Lst. gesammelt worden. Der größte Teil des Geldes kommt von Alexandrien. In Australien hat. Herr Sidney Keith 4000 Lst. für den Vau von Häusern im Hafen von Haifa für deutsche Einwanderer gestiftet. In betreff der amerikanischen Sammlung ist bereits sru Uebsroinkommen erzielt worden. 60 Proz. des Geldes werden dem Keren Hajessod zufallen und 40 Proz. der Einwanderung deutscher Juden. Die Sammlung in Amerika wird Dr. Weizmann zu Anfang des Jahres 1934 perönlich einleiten. Ein Nachwort zu den Unruhen. Jerusalem, 1. Nov. Das Bemerkenswerte bei den Oktober-Unruhen war, daß sich zwar die arabischen Feindseligkeiten an und für sich gegen die Juden wandten, daß aber Zusammenstöße und Demonstrationen sich nur in Bezug auf die Mandatsregierung und ihre Beamten ereigneten. Es war eigenartig, zu bemerken, daß z. B. in Jerusalem zur gleichen Zeit, in der Altstadt die Polizei von der demonstrierenden Menge angegriffen wurde, in der Jaffastraße und auch in rein jüdischen Gegenden Araber, Händler, Fellachen, die ihren Bedarf einkauften und Spaziergänger, in aller Ruhe und ohne Austehen zu erregen sich 23. November 1933 bewegten: da die arabischen Kaffees geschloffen waren, sah man viele arabische Gäste in den jüdischen Kaffeehäusern. Außerhalb der Altstadt war nichts Besonderes zu bemerken, lediglich eine größere Zahl bewaffneter Polizisten bewachte die großen Gebäude.. Behindert war allerdings der Reiseverkehr, da die großen jüdischen Autobusse, die einen glänzend organisierten Dienst nach allen Richtungen des Landes versehen, z. T. stilliegen mußten, weil man es nicht riskieren wollte, durch arabische Städte zu fahren. Mit großer Verspätung kamen die Passagiordampfer an, da die arabischen Bootsleute und Hafenarbeiter mehrere Tage streikten. Vielleicht geht man nach dieser empfindlichen Verkehrsstörung doch dazu über, auch Juden zu dieser Hafenarbeit zuzulassen. Grotesk ist es geradezu, daß diese Bootsleute, die nur von der jüdischen Einwanderung leben, im arabischen Demonstrationszug mitmarschierten und so' gegen die Alija demonstrierten. . Im Allgemeinen ist zu sagen, daß das entschiedene Auftreten der Regierung und die besonnene und dennoch energische Haltung der Polizeiorgane einen starken Eindruck aus die Bevölkerung gemacht haben. * * * „ . In Jerusalem ist bei der Versicherungsgesellschaft Phönix die Versicherungsabteilung des Keren Hathora ins Leben gerufen worden. Im Rahmen des Begünstigungsvertrages zwischen Phönix und Keren Hathora, der den Versicherten Vorteile sichert, werden von dieser Abteilung, die unter Leitung des Herrn Manfred Neuberger (früher Frankfurt a. M.) steht, alle Verstcherungsangelegenheiten, speziell auch Versicherungsberatung für Einwanderer, Umwandlung usw. bearbeitet. Das Büro befindet sich bei der Direktion des Phönix, Ben Jehudastraße. Die Jerusalemer Stadtverwaltung ohne Juden? Jerusalem, 6. Nov. Der arabische Bürgermeister von Jerusalem, Ragheb Bey N a s h a s h i b i, hat in Uebereinstimmung mit dem Stadtrat, der sich aus moslsmitischen und christlich-arabischen Personen zusammensetzt, — die jüdischen Stadträle haben seit ihrem Exodus im März 1930 als Protest gegen Nashashibis einseitige Stellungnahme für die Unruhestifter vom Herbst.1929 an den Sitzungen des Stadtrats nicht mehr teilgenommen — die Entlassung des Geschäftsführers des Departements für Wafserbelieferung, Andrew Koch, verfügt. Koch bekleidete dieses Amt seit 15 Jahren und zeichnete sich stets durch große Pflichttreue aus. Kurze Unterbrechungen in der Wasserbelieferung waren keineswegs auf Mängel in seiner Verwaltung, sondern auf Regenmangel zurückzuführen. Die Maßnahme hat die Jerusalemer jüdische Bevölkerung in große Erregung versetzt: man glaubt, daß Nashashibi und der ihm ergebene Stadtrat darauf ausgehen, den Verwaltungsdienst judenrein zu machen, obwohl die Juden nicht allein die große Mehrheit der Einwohnerschaft Jerusalems bilden, sondern auch die weitaus größere Hälfte der Steuern aufbringen. Koch hat durch seine Rechtsvertretung Einspruch gegen seine Entlassung erhoben. Inoffiziell verlautet, daß die Entlassung wegen „Ueberschreitung der Befugnisse" erfolgt sei, die darin gesehen wird, daß Koch, um die Wasserbelieferung der Bevölkerung zu sichern, Arbeiten durchführen ließ, die der Sladtrat noch nicht endgültig bewilligt hatte. Der Stadtingenieur A. K. Park, ein Engländer, wurde interimistisch" mit der Leitung des Wasserbelieserungsdepartements betraut. (ITA.) Die Jeschiwa des (vberrahbiners Duschinski. Jerusalem, 8. Nov. Die Eröffnung der „Chuster Jeschiwa" in Jerusalem unter Leitung von Oberrabbiner Duschlnski kann als Wendepunkt in der Geschichte der heiligen Stadt gelten. Die Eröffnung geschah in aller Stille, ohne Feierlichkeiten und ohne Prunk, man sing einfach zu lernen an. Den Grundstock der Jeschiwa bilden die Bachurim, die mit dem Oberrabbiner ins. Land gekommen sind, zu denen sich noch einige wertvolle Jünger aus Jerusalem zugesellten. Es ist gewiß in Jerusalem kein Mangel an Jeschiwoth. Wer aber den Geist der Jeschiwa IN Christ kennt, wird den neuen Jeschiwatyp, der, wie wir hoffen, bahnbrechend im heiligen Lande sein wird, zu schätzen wissen. Mögen sich all unsere an diese Anstalt geknüpften Hoffnungen erfüllen.