Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1933)
- Date
- 1933-05-11
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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ih n e n Leb ensstärke z u steän iit einer Stunde traurigster Trostlos ig k-e i t? Cs ist fürwahr Zeit, daß der agudistifchen Lethargie in Deutschland ein endgültiges Ende gemacht wird. Cs >ijL höchste Zeit, daß die g'ttverlassene Suprematie menschlicher Willkür in der Führung und Vertretung des jüdischen Volkes durch die vom Weltenschöpfer dem jüdischen Tauroh-Rationalrecht verliehene Omnipotenz ersetzt wird. Cs ist 5 Minuten vor 12, wahrlich höchste Zeit! Auch an der deutschen Orthodoxie selber gibt es Flickarbeit in reichem Maße zu leisten. Das Degradieren der Mizwaus zu bloßen mechanischen Handlungen c>der zeremoniellen Hofgebräuchen muß einer Vergeistigung unserer religiösen Handlungen weichen. In orthodoxen Kreisen muß stch wieder das Bewußtsein des ideellen Wertes des freiheitlich-schöpferisch arboitenöen menschlichen Denkvermögens. Bahn brechen und die Erkenntnis, daß die Persö n li chkeit schlechthin, aber erst recht die jüdische Persönlichkeit, in deren Zentrum der Geist seine ürästeenergien-Ausstrahlungen auf den ganzen Menschen wirft, das höchste Glück aller Menschenkinder darstellt, müßte mit der Zeit Gemeingut der ganzen Orthodoxie werden. Das, was stch die großen Männer vor 20 Jahren in Kaiiowitz ursprünglich unter Agudas Iisroel vorstellten, das, was sich Jacob Rosenheim und Isaac Breuer heute von.der Verbreitung der aguöistischen Idee versprechen, muß sich als greifbare Wirklichkeit erweisen. Wo ein »fester, unbändiger Wille ist, da muß die Tgt erfolgen! Und wo der Wille fehlt, muß er geweckt werden. „Ja, das ist alles ganz berechtigt; wir haben aber keine Persönlichkeiten, um diese Ideen durchzuführen. Cs müßte sin Rabbiner Hirsch noch .einmal kommen." Was heißt das: wir haben keinen Rabbiner Hirsch? Soll die Orthodoxie deswegen ihre Schalter schließen?! Wenn uns unsere Weisen in der Tiefe ihrer Weisheit überliefert haben, daß Iiftach für sein Geschlecht so groß war wie Schmuel für das seinige, so wollten sie,uns ein für allemal dokumentieren, daß öle Autorität und der Aufgabenkreis der verantwortlichen jüdischen Führer, unabhängig von ihrer Größe im Vergleiche zu früheren Führergestalten, ewig bindend sind. Das gilt auch heute für die deutsche Orthodoxie, das gilt auch für Agudas Iisroel, die mit den ihr von . 6et. g'ttlichen Vorsehung gegebenen Führern Vorwärtsschreiten und zeigen sollte, daß nicht trotz, sondern eben wegen der Diffamierung und Entrechtung, von außen, der jüdische Stolz und das jüdische Selbstvertrauen, geschöpft aus den. unversiegbaren Ouellen der g'ttlichen Lehre, lebendige Begriffe sind. Und für Agudas Iisroel würde es, völlig im Bereiche der Möglichkeiten liegen, eine neue, das Judentum verjüngende und belebende R e n a i f f a n c e - Beweg u n g ins Leben zu rufen.; Roch ist es nicht zu spät! Die Tatsache, daß Agudas Iisroel kein Verein unter Vereinen darftellt, sondern die Organisierung aller Iereim auf der ganzen Crdenrunde unter der turmhoch über alle Augenblicks- Nichtigkeiten flatternden Tauroh-Fahne ist, und ihr Arbeitsziel in der Lösung der Gegenwartsprobleme und der-Bereitstellung der jüdischen Ration für die Mefstasankunft verankert sieht, diese Tatsache' scheidet Agudas Iisroel vo.n allen anderen jüdischen Organisationen und. erhebt Agudas Iisroel zu d e r jüdischen Volksbewegung. Als solche hat sie stch zu fühlen und zu b e t ä t i g e n. An die a g u ö i st i s ch e n Führer Deutschlands darf nun die Jugend in erster Reihe den Appell richten, die Vorarbeiten für die sofort zu verwirklichende Umgestaltung d er Agudas Iisroel in ein e werdende V o l k sbewegung in Angriff zu nehmen. Di e n eu e aguöistische Aufbauarbeit in Deutschland m u ß allumfassend seün. Sie hat stch ans politischem, religiösem, wirtschaftlich-beruflichem, s ozi a l em , sozio I og em und g e su n dh e i!tl r ch e m Gebiete planmäßig zu konzentrieren. Düs; > die Aguda dergestalt bei organischer Gliederung und sachgemäßer vernünftiger' Einteilung der verschiedenen Ressorts, die sich teilweise aus Fachmännern züsammensetzen müßten, nicht nur eine ersprießliche Arbeit von gewaltigstem Ausmaße vollbringen könnte, sondern daß es ihr dann bei einer sorgfältigen Zusammenstellung einer P ro p ag a n d a - K o m m i ss i o n graöczu eine Leichtigkeit sein müßte, Zehntausende für Agudas Iisroel und damit für die Ideale der Tauroh zu gewinnen, ist leicht ersichtlich. Gewiß sind Schwierigkeiten dabei vorhanden, aber sie sind nicht unüberwindbar. ' 1 Wir halten es für unzweckmäßig, uns in Cinzelheiten über den hier nur ganz grob skizzierten Plan, der einer gründlichen Bearbeitung noch bedarf, einzulassen, wenn wir uns auch schon über ihn und seine Auswirkungen ' teilweise konkrete Gedanken gemacht haben. der flgndäs Jisroel in Deutschland. Das Postscheck - Konto der Landesorganisation der Agudas Jisroel in Deutschland ist nunmehr: Berlin Nr. 112594 für A. Rzeszewski. Cs kann aber nicht stark genug betont werden, daß die selbstverständlichste Voraussetzung für die Durchführung und das Gelingen dieses Planes in der opferwilligen Bereitschaft der schon vorhandenen Aguöa-Mitglieder der Orts- und Jugend - Gruppen und vor allem d.re der Führer liegt. ’ * * * Wir haben es eingangs erwähnt, wie schwer, ja zum Erdrücken schwer, die Sorgen des heute hereingebrochenen Gvlus auf nns lasten. Die Schar der Verzweifelten ist groß, w i r A g u d i st e n w e rden aber st a n ö h a l t e n! Unser jüdischer Optimismus und unsere jüdische Heiterkeit, verbunden mit einem unerschütterlichen G'ttvcrtrauen, sie können und werden uns helfen. ('i 'i"' ,iöt>) :inv2» 'n rrm 'ra *j*nn „Gesegnet ist der Mann, der auf G'tt vertraut, und dem G'tt allein Gegenstand des Vertrauens ist." So redete einst der Prophet Iirmejah zum jüdischen Volke — auch für uns hat er es gesprochen. Daher wollen und dürfen wir nicht verzweifeln. Cs gilt, einem unjüötfchen Fatalismus nicht zum Opfer fallen, sondern darin bestehe unsere Parole, als Cinzelmenfchen und Angehörige des jüdischen Klall alles aufzubieten, tutt uns selber zu helfen in Anverstcht auf den g'ttlichen Segen. Mit dieser Zuversicht treten wir, denen die jetzige Lage keine politische Zufallskonstellation bedeutet, als agndistische Jugend in die noch verhüllte Zukunft. Wenn alle Agudisten in richtigem Verständnis des agudistischen Wesens und der immensen Tragweite ihrer Äguda-Ausgabe, bestehend in der Durchdringung des impulsiven jüdischen Volkslebens mit dem Goisteshauch des für ewige Zetten in unantastbarer Souveränität herrschenden Tauroh-S t a a t srechtes, und wenn stch auch die führenden Persönlichkeiten der aguöistischen Organisation in verständnisvoller Deutung und Losung dieser so schicksalsschweren Stunde zu h ö ch st g e st e i g e r-- t e r Aktivität bereitsinöen, dann wird es Agudas Iisroel möglich sein — davon sind wir felsenfest überzeugt — ihre bisherige Aschenbrödelstellung von sich abzuschütteln, um als d i e j ü di s ch e Tauroh - V o I ks b e w e g u n g die nach Zehntausenden zählenden jüdischen Massen um die Tauroh „als organisierende Seele" zu sammeln. Aus der Agudas Zisroel. Sonntag und Montag voriger Woche - fand in Brüssel in Anwesenheit zahlreicher Delegierter der Landesorganisationen von Frankreich, England, Belgien, Holland Itallcn und der Schweiz eine Konferenz der Agudas Iisroel statt. Den Vorsitz führten die Herren Oberrabbiner Hirsch, Zwolle, Rabbiner Langer/ Paris, Rabbiner Dr. T. Lewenst ein, Zürich und Obrecabbinec Rottenbcrg, Antwerpen. Die Konferenz beschäftigte sich sehr eingehend außer mit allgemeinen -organisatorischen Fragen besonders mit der religiösen und bürgerrechtlichen Lage der deutschen Juden sowie mit dem in dieser Beziehung im Aufträge der westeuropäischen Landesorganifationen von den Herren Generalkonsul 8. G u g-- g e n h e i m , Basel, H. 21. Goodman, London, und M. D. L e w e n st e i n / Zürich, unternommenen Schritten, über welche der Konferenz genaue Berichte Vorlagen. Mit dem Großen Londoner Hilfskomitee für deutsche. Juden wurden Verhandlungen geführt and eine gegenseitige Verständigung vereinbart. Aehnliche Schritte werden bei den übrigen großen Hilfsorganisationen unternommen werden. Cs wurde beschlossen, eine Wirtschaftskommission in Zusammenarbeit mit den übrigen bestehenden Hilfsorganisationen für die deutschen Juden ins Leben zu rufen, dessen Vorsitzender Maitre Machten Müller, advoccit a la cour d’appel Paris, ist und dessen Mitarbeiter die Herren Advokat Lebba, London, Advokat S ch n u r in a n n , Straßbourg, Advokat de Haas, Utrecht, Advokat Dr. G r t l i e b , Zürich, und S. Richter, Antwerpen, sind. Unter die Aufgaben dieser Kommission fällt insbesondere die Schaffung von Hachschara-Zentren in verschiedenen Ländern sowie die Crvichtung von Fachschulen zu ermöglichen, um die Berufsumschichtung durchzufübren. Cs wurde ferner bestimmt, daß die Landcsorganisationen sich aktiv an den 2lrbeiten der bereits bestehenden Hilfsorganisationen beteiligen und, wo solche noch nicht bestehen, gründen sollen. Im Interesse des Weiterbestandes der jüdischen Gemeinden, Lehr- und Crziehungsinstitutionen in Deutschland ergebt der Ruf an die Juden der ganzen Welt, stch eine 5- bis lOprozentigc Erhöhung der Gemeindesteuer aufzuerlegen. Die Leitung der Delegierten-Konferenz wurde beauftragt, die Möglichkeit zu prüfen, eine interkonfessionelle Cinheitsfront zur Bekämpfung der immer mehr stch in der Gesellschaft mehrenden g'ttesfe.inölichen Strömungen ins Leben zu rufen. Das westeuropäische Büro der 2lgudas Iisroel wird nach Z ü r i ch verlegt. Ferner wird in London ein Crez-Iisroel-Amt und in Zürich ein presseunö Informationsdienst sowie eine Rechtsschutz- und Wirtschaftshilfsabteilung für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland geschaffen. Aus der Bewegung. Dsrlln. Durch den Ausbau des Kindergartens zu einem Tagesheim hat die hiesige Jugendgruppe ein neues Heim in der Hallerstr. 45 bezogen. Am 21. Nissan versammelten sich zahlreiche Mitglieder und Freunde der hiesigen Gruppen zu einer schlichten und ernsten Feier. Zunächst erfolgte dos Einlernen unter Leitung dos Herrn Rabbiner Dr. S. Auerbach', Würzburg, der im Anschluß daran ausführte, daß gerade in der heutigen Zeit das eifrige Streben nach tieferer jüdischer Geistigkeit wieder einsetzen müsse. Agudas Jisroel als Bannerträger des Thorajudentums fei berufen, hier zu führen. Er setzte sich mit der Bedeutung jüdischer Forschungsmethode und der anderen Wissenschaften auseinander und brachte überzeugende Darlegungen über den jüdischen Geist, dem er eine sichere und stete Stätte in dem neuen Heim wünschte, zum Ausdruck. Nach ihm ergriff Herr V. I. Jacobson das Wort, der namens des Vorstandes 07199