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Der Israelit · 1933-05-11 · Heft 19 (11.5.1933) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
74 (1933)
Issue
Heft 19 (11.5.1933)
Date
1933-05-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 2 Nr. .4 D e r Israelit Blätter 11. Mai.1933 Zur Lage. 1. Das schwere Schicksal, das uns Juden in Deutsch land betroffen bat, bat ein vielgestaltiges Echo. ge funden. Beglückend ist der Strom der Liebe, der sich über uns von allen Seiten ergießt. Erhebend äst die Teilnahme, die die ganze Welt erweist. Rührend sind die Berichte, die uns erreichen, daß nicht nur die großen Organisationen, gewohnt zu helfen und be währt im Helfen, sich zu einheitlicher und darum doppelt wirksamer Leistung zusammenschließen, daß viel mehr auch kleine und kleinste jüdische Gemeinden in Gebieten, wo man selber mit der Rot des Tages aufs Schwerste ringt, ihre Mitglieder zu Spenden für ihre jüdischen Brüder und Schwestern in Deutschland aufrufen. Und in das frohe Bewußtsein, daß das 'alte Wort, daß „Israel nie verwaist ist," eine so herrliche, über alle Waffen kraftvolle Bestätigung er fährt, mischt sich leise die selbstpcüfende Frage, ob wir Juden in Deutschland so viel Liebe und Hingebung verdienen, ob in uns deutschen Juden allen das Klalbewußtsein wirklich immer so lebendig war, wie es uns jetzt von draußen bekundet wird. Diese Hilfsbereitschaft, dieses Werk der Liebe, das auch von zahlreichen edlen Ujchtjuden in hervor ragender Weise mitgetrrgen wird, brauchen wir, denn „der Gefangene kann sich nicht selbst aus den Fes feln befreien"; wir brauchen sie, damit die Juden in Deutschland, die -deutschen Juden auch unter den neuen Verhälnissen existieren können, damit das Werk der Umschichtung und Umsiedlung zahlreicher Menschen — eine Aufgabe, die weise Menschen unter uns schon lange forderten und die nun unter dem Zwang der Dinge in (Eile gelöst werden muß — durchgeführt . werden kann. Die Schicksalflunde der Juden in Deutschland fand bei der Welt draußen ein starkes und großes Geschlecht; wie fand sie uns deutsche Juden? 2. - In einem deutschen Denkspruch heißt es: „Im Glück nicht stolz sein und >im Leid nicht zagen. Das Unvermeidliche mit Würde tragen, Und fest an G'tt und bessere Zukunft glauben, Heißt leben, heißt dem Tod sein Bittres rauben." <Db wir deutschen Juden im Glück nicht stolz waren, ob wir die uns gegebenen Geschenke nächt zu übermütig benutzten? Einer rechten Selbsterkenntnis wird die Antwort hierauf nicht schwer fallen. Daß wir aber nun im Leid nicht zagen, daß wir mit einer Würde, die keine Entehrung schmälern kann, das Unvermeidliche jetzt tragen, dies wird uns jeder, auch der Gegner, zugestehen. Auch an eine bessere Zukunft werden die meisten von uns glauben, denn es kann nicht fein, daß die deutschen Juden in dem Land, das sie gebar, für das alle lebten und leben, für dessen Ehre Zehntausende stritten und Tausende starben, für immer nur Fremdlinge bleiben sollen, die man achtet, nicht aber wieder - vollberechtigte' Bürger werden! Wie aber steht es mit dem Glauben an G'tt? Mit dem festen Glauben an Ihn, als Den, der alles gestaltet, der allein alles gestaltet? Cs ist dies die entscheidende Frage, die Frage, die wir an uns selbst, die jeder von uns an sich zu richten hat. Fand unsere Schicksalsstunöe in uns ein großes und verstehendes Geschlecht? Gewiß, viele Entwurzelte fanden zurück zur Iudenheit, aber fand die Iudenheit zurück zum Judentum? Fühlt sich, um nur eines berauszugreifen, die ganze deutsche Iudenheit durch das Schechita-Verbot praktisch getroffen oder ist nicht vielmehr auch jetzt noch für viele, für die meisten die Schechita nur eine abstrakte Angelegenheit? And der Schabbos! Wir alle denken an den \. April dieses Jahres, der jeden von einer jüdischen Mutter Geborenen zur Sabbatruhe zwang — und wie viele von uns vergaßen dennoch am 8. April jene erschütternde Lehre, die im 34. und 38. Verse des 26. Kapitels des Wajikro-Buches, alle Zeiten überdauernd^ zu ewiger Mahnung steht! Und wenn wir bei Schechito und Schabbos vielleicht mehr an die anderen denken, im Gesetzbuch G'ttes stehen noch viele, viele andere Vorschriften,! die jeden von uns angehen und an denen wir vor übergehen. Und wenn 'wir die Mizwaus i schon erfüllen, bedarf das W i e der Erfüllung nicht bei allen fast allen, einer starken Korrektur? i ... ö. Darin wollen w i r uns grundsätzlich von d en anderen unterscheiden! Prof. Brodetzky meint „es könne wohl heute kaum einen Juden geben, der die Vorgänge in Deutschland genau verfolge und nicht Zionist werde. Cs müsse ein Land, geben, in dem Juden loben können, ohne von der Gnade einer Mehrheit abhängig zu süin." Die Konsequenzen, die Jabot i n sky aus der Lage in Deutschland zieht, gipfeln in dem einen Satz: „gebt uns unseren Staat wieder." Und wir, wir ziehen die Konsequenz, die nach den Tagen des furchtbarsten Iudenleids Ieremijahu einst zog: „Führe uns G'tt, zu Dir zurück,.-' so werden wir unsere Rückkehr erlangen, erneue, wie in der Vorzeit, unsere Tage!" Die anderen wollen dem Recht, das Menschen zerbrochen, ein Recht entgegen stellen, das Menschen stützen. Menschen versagen sich uns, mögen andere Menschen sich unserer um . so dringender annehmen! So sagen die anderen. Und wir: so dankbar wir die Hilfe von Men schon anerkennen, für uns ist sie niemals das Ziel sondern nur der Weg, ja nicht einmal der weg, sondern nur e >i n S ch r i.t t aus d i e s e m W e g e! Daß wir unck dies klar j zum Bewußtsein bringen, daß wir über dem Tag, dem unsere ganze angespannte Energie, unsere auch das Kleinste und den Kleinsten nicht vergessende Sorge gehört, nicht.die Ewigkeit vergessen, über den Menschen und Organ! sationen, die uns helfen, nicht G'tt, der uns dürck sie Seine Hand entgegenstreckt, über diesem Golüs- I e i d nicht den Golus sinn: dies äst die Aus gäbe von Agudas Iisroel in dieser Zeit. -.? Und wenn die deutsche Agudas Iisroel uns im Schewat dieses Jahres aufrief zu S e l b st b e s r n -- n u n g, .8 e,l bst e rziehung und S e l bst -- Hilfe, dann sind wir heute vielleicht schon ein wenig näher zum Ziele! ... .... Und werben bie großen Aufgaben der Selb stbesrnnung und S e l b ft e r zie h ün g auch vielleicht nicht so augenfällig im agudistischen Rah men gelöst — das Leid nahm ja alle gleichermaßen än feine Schule, so daß das Programm unserer Organisation zur Ausgabe und Bewährung aller wurde — tritt heute die ausgesprochen agudistische 2lrbe.it hinter das zurück, was jeder einzelne in fei nem Kreise und an seiner Stelle in dieser Richtung zu tun und anzuregen sich bemüht — dem Bedauern hierüber gibt die Zuschrift eines jungen Freundes, die wir in dieser Rümmer veröffentlichen, bewegten Ausdruck — so haben wir das Werk der Selbsthilfe zieloewußt und entschlossen angepackt, und wir danken herzlich all den Freunden, die uns hierbei gütig und selbstvergessen zur Seite siehen, 4. Im Rahnten dieser Selbsthilfe spielt die Hach- 'choroh eine bedeutende Rolle: Hachschoroh auf Landarbeit, Hachlkoroh auf neue. Berufe, Berufe, die, wie cs damals in unserem Aufruf hieß, uns aus der anormalen Ausschließlichkeit kaufmännischer Betätigung herausholen wollen. Dieser Hachschoroh dient das Wirtschaftsa nitöer deutsch enAgudaS Iisroel, das wir jetzt gründeten; es leistet eine Arbeit, in so ernster Zeit aus alle Propagandamöglichkeiten gewollt verzichtend, geräuschlos, aber zielbewußt und stetig. Ls weiß, daß unseren Menschen, den jungen zumal, schnell und umsichtig und individuell geholfen werden muß. Ihm ist die Tatsache stets vor Augen, daß „ohne Mehl keine Lehre", es weiß, -daß „die Toten G'tt nicht rühmen können", Nur Menschen, die eben, die im Leben stehen, können für G'tt wirken. Aber andererseits: Gegenüber der Gefahr, die darin besteht, daß alles auf die materielle Sicherung und Wiederaufvichiung seinen Hilfswillen konzentriert, demgegenüber isi es unsere besondere agudistische Aufgabe, darauf hinzuweisen, daß „ohne Lehre kein Mehl", zu betonen, daß der Mensch nur dann nicht tot ist, sondern lebt, wenn er G'ttesruhm verkündet, wenn ihm über seinem Beruf, der aus der Zeit fitti die Zoll ist, feine Berufung steht: na2N nV2.n ffnri'1- Der Gewinn' rechtverflan-dener Hachschoroh ist die Weisheit, die zu G'tt führt! Cs ist die Aufgabe der Agudas Iisroel, gerade heute daran..-zu erinnern, daß materielle Wohlfahrt davon abhängig äst; unter allen Verhältnissen zuerst an die Lehre und ihren Segen zu denken: rpnn.n max na jnVnn nmnn 1212 xVw an narr n*nrp an narr Diese Sefira-Tage waren von jeher Tage jüdischen Leides; am Ende dieser Leidenswege fleht das Fest der ThorannninWafanWir wollen hieran denken, dann tragen wir das Unvermeidliche nicht nur mit Würde, dann ist auch fest unser'Glaube an G'tt und wir sind froh im Gesetz. w. S. I. Die historische Mission der Agudas MZisroel in schwerer Stunde. Von Edgar IN. Stern in Frankfurt a. IR. Daß der än die Freiheit der deutschen Juden so plötzlich vorgenommeue Eingriff äußerst schmerzhaft wirkte, haben die 600 000 -Betroffenen, jeder am eigenen Leibe, nur allzu deutlich zu spüren bekommen. Roch hat sich die deutsche Iudenheit von dem schweren Schlage nicht erholt, noch vermag sie das- Gefcheheue nicht zu deuten, noch weiß sie keine Antwort auf die Frage: Ouo vadis? Riedergeschlagen, ' deprimiert und verbittert — zum Weinen ift’s -—, ihrer wohlverdiente Rechte beraubt, steht die jüdische Minderheit, die nicht einmal 1 Prozent des gesamten deutschen 60 Mällionenvolkes ausmacht, ohnmächtig und kraftlos in einer bizarren Gegenwart, und weiß sich nicht zu helfen. Bei manch Einem, der früher aus beruflichen und gesellschaftlichen Gründen wenig Geneigtheit und kein Interesse für die , Beschäftigung mit. jüdisch-religiösen Problemen an den Tag legte, wird unter der einbämmernöen Wucht der politischen Geschehnisse in den innersten Winkeln seines verzagten Herzens ein Intuitionsvorgang sich entwickeln, und im Dunkeln tastend wird er vielleicht leise ahnend aine unentwickelte Vorstellung bekommen von dem Postulat desaltüberliefecten jüdischen Monotheismus, wie er in der mündlichen und schriftlichen Lehre uns überliefert ist. Und das Wesen des jüdischen Volkes wird ihm, dem kein Interpret der Wahrheit.zur Seite stehss mindestens problematisch erscheinen.' Wieder andere — Tausende dürsten sich zu diesen zählen — werden in verbissenem Pessimismus den Kopf fallen lassen, und im aussichtslos erfchoinenden Kampf gegen das Hydra-Schreckensgespenst der zermürbenden Zorans die Flinte ins Korn werfen, rum der Verzweiflung kläglich anheimzufallen. Die deutschen Juden hatten den Begriff des Golusjudefeins verlernt und jetzt, wo ihnen das Vergessene in einem Anschauungsunterrächt, der an Deutlichkeit Nichts zu wünschen übrig läßt, von keine Milde kennenden Lehrmeistern beigebracht worden sott, scheinen sie den Crziehungsschlägen der Geißel nicht widerlichen zu können. was wird aus Deutschlands Inden?. Die orthodoxen Führer rufen voll Liebe zur Tauroh in predigten, Vorträgen und in Zeitungsauf- 'ätzen zur T e s ch u w 0 h auf. Sicherlich nicht ganz ohne Wirkung, sicherlich aber ohne d i e Wirkung, wie wir sie gern registrieren möchten. Cs dürfte keine Ieceim geben, die nicht mit vollem Herzen eine begeisternd mitschwingende, alle Schlacken des Herzens 'ortfchwemmende Teschuwoh-Bewegung herbeisehnten. Cs wäre aber naiv, über Rächt kategorisch Zu verlangen, daß alle deutschen Juden gute Iehuöim werden, ohne über die für die Erreichung dieses Zieles notwendigen Mittel nachzustnnen. Hier, bei dieser wichtigen Ueberlegung, sollte die Agudas I i s - 0 el in Akti 0 n treten. Die Kraft einer Idee vermag Gewaltiges zu leisten, das haben wir in Deutschland gesehen. S 0 N t e d i e e r h a b e n e , a b s 0 l n t tv a h ritz aste Idee Agudas Irsroels es nicht vermögen, die H u nd e r t t a u se nd e n von irrenden jüdischen Brüdern und Schwestern für das Mensch-Isroel- Ideal der Tauroh zu begeistern und 1

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