Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 74 (1933)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1933)
- Date
- 1933-03-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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23. März 1933 Der Israelit Nr. 12 Seite 13 Die Woche. Marcus Hirsch ■ In schwerer Zeit wird unsere Gemeinde in tiefe grauer versetzt. Nia-rcus Hirsch eine der Perjönlichkeiten, wie sie heute nirgends . dicht gesät sind hat uns verlassen. Die Aufregung, die sich am Montag morgen aller Gemüter in der Synagoge bemächtigte^ als : ein leise gesprochenes ]-ns die erschütternde Tatsache zur Kenntnis der Gemeinde brachte, zeigte, daß seder es im tiefsten wußte, was Marcus Hirsch ihm bedeutete, was er an ihm verloren hat? . Er bedeutete jedem etwas, denn ein G'tt hatte es ihm gegeben, mit jedem zu fühlen und mit jedem zu sprechen in seiner eigenen Sprache: mit dem östlichen Thoragelehrten von Dingen der jüdischen Lehre, mit dem Bibelkenner über Fragen der Exegese und Grammatik, mit dem Mann von Weltbildung über Klassiker und moderne Literatur, mit dem Kaufmann über Geschäfte, Weltwirtschaft und Bankfach, darin er sich Jahrzehnte in einer Weltfirma an leitender Stelle betätigte, mit dem an Geist und Bildung kleinen Manne über das, was i h n beglückte und bedrückte. Wenn es einen Mordechai gab, der im« '121 war, so war es Mordechai ^Marcus) Hirsch, der dem Größten der Großen nicht auszüweichen brauchte, aber glücklich war, dem Kleinsten der Kleinen eine Freude zu bereiten. Cr gehörte zu den edlen Naturen, die geben mit dem, was sie sind, das empfand so jeder, und darin lag der Schlüssel zu der Liebe und Verehrung, die er in einem selten jemand zukommenden Maße genoß. Aber die Schlüssel zu diesen menschlichen und jüdischen Qualitäten lagen weiter zurück. Er war Enkel von S a m i 0 n Raphael Hirsch und Sohn von Julius Hirsch Er war Schüler, Kenner und Interpret Samson Raphael Hirschs, Geist von seinem Geiste. Niemals leitete Marcus Hirsch aus dieser hohen Abkunft persönliche Sonderrechte für sich ab, sie war ihm eine heilige V e r p s l l ch t u 11 g. eine Verpflichtung für Lehre und Leben. Darin war er ganz kongenialer Sohn seines unvergeßlichen Vaters Julius Hirsch, der. ein Manu von Welt und Leben, auf dem Katheder so zu Hause war wie auf der Börse und uns einen ganz auf dem Gedankengeleise von S. R. Hirsch gelegenen Iesaias komm ent ar schenken konnte. Durch die Persönlichkeit und Wirksamkeit dieses Vaters war für -Marcus Hirsch das Hirscherbe noch vermehrt und vergrößert, und er trat es an und Verwalters es, wie em Enkel und geistiger Nachkomme solch heiliges Erbe nur vertreten und verwalten kann. Wer denkt nicht an die vielen Jahre, da Marcus Hirsch den Mekor Ehajim-Verein als erster Vorsitzender giekeitet hat, an seine feinsinnigen und tiefschürfenden Mikrovorträge in diesem Vereine, oder gelegentliche Veröffentlichungen im „Israelit", die in Sprache, Aufbau und Gedankenfülle stets ein Leckerbissen waren für geistige Feinschmecker. Hier stand ein Interpret von S. R. Hirsch vor uns. der nicht nur einer der besten Kenner seiner Schriften war, nicht nur seine Ideen und Anschauungen alle ausgenommen und zum Bestandteile seiner Seele gemacht, sondern der in. ganz jungen Jahren auch dem Meister zu Füßen saß und aus den Erinnerungen an einzelne scheinbar kleinmenschliche Züge des großen Lehrers schöpfte, wie aus einem Iungborn reinsten Menschentums. So war auch seine langjährige Tätigkeit im Vorstände der I. R. G. eine Friedenstätigkeit schönster Art auch in bewegten Zeiten geblieben, frei von jeder trübenden Mischung einer persönlichen Leidenschaft. Er konnte für Ideen, für eigene Ideen, sich mit aller Glut des Herzens einsehen, aber niemals gegen Menschen, die andere Ideen vertraten und von denen er. der tieffühlendc Mensch, am besten wußte, daß sie ihre ehrliche lleberzeugung so wenig verleugnen konnten, wie er die seinige. Er ist von uns gegangen. Seine letzten Sorgen galten dem Wohle seiner Gemeinde und ihren Institutionen. Neben der gleichgearteten, in Geist und Güte mit ihm lange Jahre verbundenen Gattin und den Söhnen trauert ein großer Kreis um Marcus Hirsch. Möge aus all der Liebe und Güte, die hier zu früh zu Grabe getragen wird, uns jener Friede erblühen, nach dem heute eine Welt, und Israel in der Welt, lechzt. .brrnv' Frau Henriekle Besthoff (Zur ersten Iahrzeit am Mittwoch pn rr-n 'n 29. März.) Ein Jahr hat sich gerundet, man möchte es nicht wahr haben, seitdem Frau Besthoff von uns gegangen ist, mitten auH dem Leben herausgecissen wurde, mit dem Rufe: „Genug der Arbeit, es ist Zeit zu ruhen und Lohn zu ernten." Es war kein gutes Jahr für die Well und für das Judentum, das auf deu Heimgang der Frau Henriette Besthoff gefolgt ist. Aus schweren Tagen erwuchsen neue Ausgaben, sie schossen tagtäglich aus oem schwarzen Boden im Bezirke der jüdischen Not hervor. Und sie mußten gelöst werden, ohne sie, ohne jene mutige Kämpferin, die gesteigerte Aufgaben nicht erschreckten, sondern zum festen Zupacken, zu gesteigerter Arbeitsfreude amegten. Ohne sie? Co war es nicht. Die Kolleginnen und Mitarbeiterinnen der Frau Besthoff im Vorstande und in den Kommissionen der Jüdischen F r a u e n Vereinigung, auch die Tochter an der Spitze des Mädchenhortes, sie taten sich zusammen, um mit gemeinsamer Kraft und mit gemeinsamem Willen die neuen Aufgaben des schweren Jahres zu lösen. Und Wegweiserin war und blieb sie, wie mit geheimer Hand aus himmlischen Höhen. Die Marschroute wurde eingehalten, ihr „Es muß sein!" als Parole und als Vermächtnis gehütet und beachtet. Und so waltet ihr Geist weiter in ihrem Hause und im größeren Räumen ihrer Wirksamkeit. Ihr Segen ruht auf dem Werke, das sie geschaffen und aufgebaut hat. Viele werden am Mittwoch der seltenen Frcm gedenken. Noch sinniger könnte das Gedenken begangen werden, wenn es sich in Mithilfe äußerte, in einem Beitrag für die Zwecke der Jüdischen Frauenvereinigung, vornehmlich für den Mädchenhort, der stets das Lieblings¬ und Sorgenkind von Henriette Besthoff rry, gewesen ist. Schtuhfeier der Samson Raphael Hirsch-Schule. Die diesjährige Schlußfeier der Samson Raphael Hirsch-Schule am Sonntag, den 2. April 1933. weicht insofern von der üblichen Form ab, als sie diesmal in zwei Teile zerfällt. Morgens um 10.30 Uhr findet in der Aula die akademische Feier, abends 8 Uhr in Dr. Hochs Konservatorium eine rein musikalische Darbietung statt. — Es gelangt als Erstaufführung das Märchenripiel „Es war einmal", ein Werk für Chor, Sopran, Alt, Violinsolo, Klavierbegleitung mit verbindender Deklamation von C. Mtenhofer zur Ausführung. Mar N e u m a n n hat das Werk für Orchester instrumentiert. ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT » FRANKFURT A. M. OSTENDSTR. 83 TELEFON 45866 Ausführende sind: Der Mädchen- und Knabenchor der Samson Raphael Hirsch - Schule, Marcel Oppenheimer (Violine). Frau Llärchen Wohlfarth (Klavier). das Frankfurter Tonkünstlerorchester. Eefamtlcitung M a r Neu m a n n. — Für die Abendveranstaltung sind im Sekretariat der Schule Karten zu Mt. 1.22, 1.— und 0.72 erhältlich. „Agudas 3rsroel und die Gegenwart". Zu diesem Thema äußerte sich Dr. Isaac Breuer in einem Vorträge, zu dem die hiesige. Agudas Iisrock! Jugend- und Mädchengruppe sowie die Agndistische Schü'lergemeinschaft am 19. 3. in die Aula der S. R. Hirsch-Schule geladen hatte. Der Redner legte sich die Frage vor, welchen Sinn das politische. Geschehen unserer Tage habe, und welche Ausgabe es uns stelle. Die nationale Revolution stellt die Reaktion dar gegen das Unrecht, das dem deutschen Volke im letzten Friedensvertrage und in den ihm folgenden Jahren geschehen ist. Dieses Schicksal führt zur iselbstbesinnung und zur Rückkehr zum Glauben an die Nation. In dieses ungeheure politische Geschehen werden zum ersten Main seit der sogenannten Emanzipation die Juden hineingarissen keine' Ghettomauer schützt sie mehr vor der Welle der allgemeinen Völkerpolitik. Aber nicht nur von außen werden wir politisch erfaßt, sondern wir haben auch im Innern des Judentums eine rein politische Strömung, den Zionismus. Jetzt brauchen wir eine Bewegung, die den wirklichen Sinn des jüdisch-geschichtlichen Lebens offenbart, die die Juden zu politischen Menschen erzieht. Hierin liegt die heutige Aufgabe der Agudas Iisrocl. Was aber Erziehung leisten kann, das sehen wir gerade an den Verbänden, die die nationale Erhebung bejahen. Aufgabe der Agudas Iiscoel ist es, auf dem Wege der E r z i e h u n g die Bahn zu weifen, die wir gegenüber den politischen Strömungen unserer Tage zu gehen haben, klarzulegen, daß die Ordnung der menschliche» Gemeinschaft nicht von Menschenhand, sondern nur von G'tt geschaffen werden kann. Die jüdische Ausgabe der Gegenwart kann nicht mehr von dem N u r religiösen gelöst werden, sondern nur von der Gemciiischast derer, die G'tt als den G'tt der Geschichte erforschen und sich der geschichtlichen Aufgabe des jüdischen Volkes bewußt Und 'und in ihrem Sinne erziehen. Mit einem Hinweis auf. den großen Anteil, der dem Heiligen Lande innerhalb dieser Aufgabe zukomme, schloß der Redner seine Ausführungen, denen ergriffene Spannung und am Ende reicher Beifall dankte. —T- Fürsorgekasse der 3, R. G. Die Fürsorgekasse der I. R. G. überreicht ihren Freunden eine hübsche Mappe mit Briefbogen mit der Bitte, mitzuhelfen, Hunger zu stillen und Rot zu lindern. Der Preis von Mk. 2.— ist nicht zu hach für dg? Bewußtsein, an der Linderung namenloser Not nntgewirkt zu haben. Es ist bekannt, in welchem Kampf die Fürsorgekasse steht, es geht um die nackte Existenz hunderter jüdischer Familien aus ehemals bestem Mittelstand. uni die Errettung und Erhaltung verzweifelter junger jüdischer Menschen, welchen ein hartes Schicksal den Weg zu Arbeit und Erwerb versperrt. Jede Spende hilft nicht nur die Not lindern, sondern spornt die Fürsorgekasse an weiter zu kämpfen und ZU helfen, insbesondere, da das Peßachfeft mit seinen großen Ansprüchen vor der Türe steht. Dühnenschaulurnen der kinderableilungen des Jüdischen Turnerbundes. Am Sonntag, den 26. März, nachm. 3 Uhr findet in der Herderschule. Wittelsbacherallee, das Vühnettschauturnen der Kinderabteiluugen statt. Die Mädels und Iungcns werden in 14 Nummern ihr turnerisches Können auf verschiedenen Gebieten zeigen, so daß sich das Kommen bestimmt lohnt. Eintrittskarten zum Preise von Mk. 0.50 und 0.75 sind im Kaffee Erünebaum, bei den Mitgliedern und an der Kasse erhältlich. Wohnräume der Weiblichen Fürsorge. Die Wohnräume Frankfurt a. M., Bäckerweg 26. geben an Frauen und Mädchen auch tageweise Zimmer mit und ohne Verpflegung (rituell). Preis pro Tag mit Frühstück Mk. 1.20, für volle Pension Mk. 3.50. Personalien. Bremen, 17. März. 'Kaum sind wenige Wochen verflossen. daß das angesehene' Mitglied des Gemeinderates. 'Rechtsanwalt und Notar Dr. Hugo Abraham, das Zeitliche segnete, als die Israelitische Gemeinde wiederum von einem heftigen Schlage getroffen wurde. Oberkantor Jacob M e h r g u t hatte noch am Vormittage des Sabbat Sachor am Morgeng'ttesdienst und der Kriegergedenkseier in alter Rüstigkeit teilgenommen, da überfiel ihn ein leichtes Unwohlsein und schmerzlos endete ein sanfter Tod das Leben dieses durch ^vorbildlichen Fleiß ausg - zeichneten Beamten. Erst im September 1932 konnte der Verstorbene nach Vollendung seines' 70. Lebensfahres das seltene Fest des goldenen Amtsjubiläums begehen. 12 Jahre war er in Münstereifel und 35 Jahre lang i» Bremen als Lehrer, Kantor und Schochet tätig gewesen. Welch außerordentlicher Beliebtheit sich Herr Mehrgut in allen Kreisen der Bevölkerungerfreut hatte, davon legte die ungewöhnlich große Beteiligung bei seiner Beerdigung Zeugnis ab. Namens der Gemeinde rief ihm Herr Rabbiner Dr. - Abec Worte der Anerkennung und herzlichen Dank nach: für den Verein jüdischer Lehrer in Nordwcstdeutschland sprach Herr Lehrer Löwenstein- Osterholz-Scharmbeck. Der Bremer Lehrergesangverein, dessen eifriges Mitglied der Verstorbene war, brachte einige Lieder eindrucksvoll zum Vortrag, während für lne Nachbarkollegen Herr Lehrer Goldfchmidt-Verden am offenen Grabe Abschiedsworte sprach. Während der Beerdigungsfcierlichkeit bildeten die Schüler der Religionsschule. an der Oberkantor Mehrgut dreieinhalb Jahrzehnte segensreich gewirkt hatte, Spalier. — In der Sitzung von Vorstand und Gemeinderat am 18, 3. hielt der erste Vorsteher, Herr Mar Markreich, dem treuen Beamten, dem g'ttbegnadeten Sänger, dem anerkannten Hüter des Kaschruth, dem unermüdlichen Lehrer, einen tiefempfundenen Rachruf. Oberkantor Mehrgut wird in der Bremer Gemeinde. schmerzlich vermißt werden. Durch sein Wirken hat er sich ein Denkmal für alle Zeiten gesetzt. •rraxan Kitzmgcn a. M., 19. März. Zwei angesehene streng fromme Männer unserer Gemeinde, und zwar die Herren Hermann Schönfärber und Soser O p p ende i in e r erhielten von unserem Raw die i2n-Würde. vermischtes. Darmstadt, 20. Mürz. Von geschätzter Seite wird uns geschrieben: Meschulochim mit Sammelbüchsen der Talmud Tauro in Kriwa (Tschechoslowakai) reisen wiederholt herum. Da diese den Eindruck von Fälschungen machen, srug ich direkt au und erhielt die Nachricht, daß dicke Meschulochim Schwindler und ihre Bücher gefälscht sind. Dieser Hinweis ist im Interesse der anderen Ie- 'chiwaus notwendig. Hamburg, 19. März. An der Talmud Tora Schule (Oberrealschule) in Hamburg, die vor einem Jahre die Berechtigung als Vollanstalt erhielt, fand am 7. März dieses Jahres zum zweiten Male das Abiturienteneramen statt. Sämtliche acht Oberprimaner bestanden die Prüfung mit gutem Erfolg, sieben Prüflinge konnten vom mündlichen Examen ganz befreit werden. Wir weisen die jüdische Oeffentlichkeit darauf hin, daß die Talmud Tora Schule die einzige jüdische Oberrealschule in Deutschland ist. Anfragen und Anmeldungen sind an die Schulleitung. Grindelhof 30, zu richten. Zürich, 14. März. Das „Schweizerische Komitee für Erez Iisroel" hielt unter 'Vorsitz des Herrn Jacob Gut jun. seine ordentliche Generalversammlung ab. In dem Tätigkeitsbericht wird mitgeteilt, daß das Komitee den rituellen Arbeiterküchen im heiligen Lande, den Schulen