Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 29 (14.7.1932)
- Date
- 1932-07-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 29 L Israelit 14. Juli 1932 Zigarren ACk Wolf w Zell Tel. Hansa 27930 das sofort zum Anlaß, um das gesamte Universitätsgebiet zu terrorisieren. Sie stellten vor das Denkmal eine uniformierte Wache und machten dann auf jüdisch aussehende Studierende und Studenten, die das Abzeichen irgendeiner republikanischen oder anderen Links organisation trugen, systematisch Jagd. Jüdische und republikanische Studenten wurden blutig geschlagen und von den Nationalsozialisten durch den Misthaufen, der in einer an die Universität grenzenden Straße zusammengekehrt war, geschleift. Die Linksstudenten sind ahnungslos in diesen erneuten Terror hineingeraten und konnten, da sie sich nur einzeln in den Hörsälen oder in den Gängen befanden, an Abwehr überhaupt nicht denken. Hilfe von außen wurde nicht hereingelassen, da die Pedelle sofort die Tore schlossen. Es erregte den Unwillen der republikanischen Studenten, daß die Tore von den Pedellen jedesmal dann geöffnet wurden, wenn die Nationalsozialisten einen Linksstudenten hinausschleiften, um ihn durch den Misthaufen zu ziehen, andere Studenten aber auch bei diesem Oeffnen nicht hineingelassen wurden. Die übliche Polizeistreife, die sich in der Nähe der Universität aufhält, fand ebenfalls keinen Zutritt. Erst als eine verstärkte Streife energisch verlangte, vor die Universität geführt zu werden, öffneten die Pedelle die Tore. Dann kam ein Ueberfallkommando, das die Ruhe aber nur dort Herstellen konnte, wo die Polizei sich gerade aufhielt. Während in ihrem Rücken auf die einzelnen jüdischen und Linksstudenten weiter eingeschlagen wurde. Der Rektor erklärte einer Abordnung des Deutschen Studentenverbandes, daß er an das Entfernen der Schleifen durch Linksstudenten nicht glaube. Für so dumm halte er keine Studentenorganisation. Der Deutsche Studentenverband nimmt an, daß es sich um eine bewußte Provokation von rechts handelt. Tagung der 16. Synode der badischen Israeliten. Karlsruhe, 10. Juli. Die 16. ordentliche Synode der Israelitischen Religionsgemeinschaft Badens tagte am 3. und 4. Juli 1932 in Karlsruhe. Unter dem Alterspräsidium des Abg. Kauffmann- Mannheim wurde das Büro wie folgt gebildet: Präsident: Abg. Dr. Jeselsohn-Mannheim (lib.), Vizepräsident: Abg. Bauer-Mannheim (kons.), Schriftführer: Abg. Dr. Appel-Mannheim (kons.). Zur Beratung stand zunächst der Voranschlag für die Rechnungsjahre 1932 bis 1934; über ihn berichtete nach der eingehenden Beratung durch den Haushaltsausschuß der Abg. Kassewitz-Freiburg (kons.). Der Vorschlag stand unter dem Zeichen der Not und der Ungewißheit. Die Not fand ihren Ausdruck darin, daß die Ausgaben stark gekürzt werden mußten, aber diese Kürzung konnte nicht in dem vollen Umfange durchgeführt werden, wie es der tatsächlichen Finanzlage entsprechen würde. Denn je stärker sich die Not in den Gemeinden auswirkt, desto lauter und dringender ertönen die Rufe nach der Hilfe der Zentrale. Nachstehend einige Zahlen aus dem Voranschlag (die Zahlen des früheren Voranschlags find jeweils in Klammern beigefügt): Aufwand für die oberste kirchliche Landesbehörde 28.400 Mk. (39.000 Mk.); Zuschüsse zu den Gehältern der Rabbiner 90.000 Mk. (122.800 Mk.); Zuschüsse zu den Gehältern der Religionslehrer und Kantoren 87.000 Mk. (114.000 Mk.); Aufwand für den Religionsunterricht in Gemeinden ohne Religionslehrer 12.000 Mk. (12.000 Mk.); Aufwand zur Ausbildung von Rabbinern und Lehrern 21.000 Mk. (27.750 Mk.); Zuschüsse an Gemeinden für Instandsetzung der Gebäude usw. 12.000' Mk. (20.000 Mk.); Zuschüsse an den Pensionsfonds zur Bestreitung des laufenden Aufwandes 70.000 Mk. (100.000 Mk.); für soziale Zwecke 70.000 Mk. (100.000 Mk.) Die Unsicherheit der Zeitlage zeigte sich darin, daß der Oberrat nicht in der Lage war, einen bestimmten Deckungsvorschlag zu machen, da jede Uebersicht über die Steuergrundlagen und damit jede Möglichkeit einer Festsetzung des Steuerfußes fehlt. Die Synode genehmigte einstimmig den Voranschlag und ermächtigte den Oberrat, den bisherigen Stsuerfuß weiter zu erheben; der endgültige Steuerfuß soll vom Oberrat mit dem Synodalausschuß festgesetzt werden. Die Woche. Berlin. Der preußische Minister des Innern erwidert auf eine kleine Anfrage, daß die Einbürgerung in Preußen nur nach sorgfältiger Prüfung jedes Einzelfalles mit Zustimmung der außerpreußischen Länderregierungen, sofern der Reichstag deren Bedenken nicht für unbegründet erklärt, erfolge. Nach einer neueren Entschließung des Reichsrates soll die Einbürgerung von Ausländern nichtdeutscher Herkunft erst nach einem Aufenthalt von 20 Jahren erfolgen. — Auf dem jüdischen Friedhof in Butzweiler bei Trier wurden IS Grabmäler umgeworsen; die 125. Friedhofsschändung. — Der Hilfsverein der deutschen Juden sorgt für die Unterbringung von Kindern der durch die Hochwasserkatastrophe in der Bukowina und Beßarabien obdachlos gewordenen jüdischen Bevölkerung. — Der Präsident des deutschen Anwaltoereins, Rudolf D i x, veröffentlicht einen scharfen offenen Brief an den Führer der nationalsozialistischen Fraktion im preußischen Landtag, Kube, worin er dessen beleidigende Anwürfe gegen den deutschen Anwaltstand mit Entrüstung zurückweist. Kube hat darauf erneut mit noch stärkeren Beschimpfungen geantwortet. — Der Maler Max Liebermann feierte seinen 85. Geburtstag. In seinem 80. Lebensjahre hat er bekanntlich ein Blatt „Die Mutter der 12 000" geschaffen zum Gedenktage an die 12 000 im Krieg gefallenen deutschen Juden, gewidmet dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Dortmund. Bewaffnete Nationalsozialisten drangen in das Grundstück der Synagoge und schossen auf den Wächter und einen hinzugekommenen Polizeibeamten,, ohne daß glücklicherweise jemand verletzt wurde. Chemnitz. Jn^ der hiesigen Synagoge wurden sämtliche 24 (scheiden in der Straßenfront zertrümmert. London. Im Parlament erklärte der Kolonialminister, daß er palästinensischen Regierungsangestellten nicht gestatten könne, einer Gewerkschaft als ordentliche Mitglieder anzugehören, weil sonst Konflikte zwischen etwaigen Streikparolen und den Beamtenpflichten entstehen könnten. Das gelte auch für die Zugehörigkeit zur allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation. — Am 14. August findet in London die 5. Weltkonferenz der zionistisch-revisionistischen Union statt. Die Wahlen finden auf Grund der neuen revisionistischen Legitimationsmünze, des Dinars, statt. Das neue Programm lautet: „Ziel des Zionismus ist die stufenweise Umgestaltung Palästinas einschließlich Transjordaniens in einen jüdischen Staat". — Die gegenwärtige furchtbare Wassernot in Palästina bildete Gegenstand einer Anfrage im englischen Parlament. Der Kolonialminister erwiderte, es würden von Regierung und Stadtverwaltung gemeinsam Schritte unternommen, um eine ausreichende Wasserversorgung Jerusalems aus einer neuen Quelle in die Wege zu leiten. Gegenwärtig werde der Plan, dessen Durchführung etwa 2 Jahre beanspruchen werde, finanziell geprüft. Madrid. Im spanischen Parlament wurde beantragt, die geschichtliche denkwürdige Synagoge in C o r d o v a der sefardisch-jüdischen Gemeindeorganisation zurückzugeben. Die Synagoge ist 1884 unter dem Ueberbau einer Kirche aufgedeckt worden und stammt aus dem Jahre 1315. Sofia. Das neue Zentralkonsistorium der Juden Bulgariens ist durch einen Ministerialerlaß bestätigt worden. Tokio. Auf Initiative des japanischen Politikers Shonun Sakoi wurde in der japanischen Hauptstadt eine Gesellschaft gegründet, deren Ziel laut Statut die Unterstützung des Wiederaufbaus des auserwählten Volkes auf theatralischer Grundlage in seiner alten Heimat Zion ist. Jerusalem. In der Kolonie englischer Juden K e r k u r, die sich im nördlichen Küstengebiet landeinwärts zwischen den Kolonien Gan Schmuel und Binjamina befindet und die in ihrem 19jährigen Bestehen unter Wassermangel litt, gelang es, in 160 Meter Tiefe eine Quelle zu erbohren, die 300 Kubikmeter Wasser bester Qualität in der Stunde liefert. Die Kolonie Kerkur und ihre ganze Umgebung geht einem neuen Aufschwung entgegen. — Aus Anlaß des 100. Geburtstages des großen jüdischen Philantropen Baron Maurice de Hirsch wird gegenwärtig in Palästina auf Keren Kajemeth-Boden eine Baron Hirsch-Kolonie errichtet. — Nachdem alle Stppeüe an die Palästinaregierung, dem in Not geratenen Zentralhospital in Afule im Emek Jesreel finanziell zu Hilfe zu kommen, resultatlos geblieben sind, mußte das Hospital wegen Mangels an Mitteln seine Tore schließen. Bei der Aussprache standen Unterrichtsfragen und die Fürsorge für die Landgemeinden im Vordergrund. Abg. Darmstädter-Mannheim (kons.) forderte die Anschaffung von Lehrmitteln durch den Oberrat und deren Verteilung auf die Gemeinden, um bedürftigen Schülern diese Lehrmittel zur Verfügung zu stellen. Das Rabbinat Gailingen-Randegg bleibt in der bisherigen Form erhalten (Siehe „Israelit", Nr. 27). Eine Eingabe des Bundes Israelitischer Wohlfahrtsvereinioungen in Baden forderte Maßnahmen für die Arbeitslosen. Den Bericht über diese Vorlagen erstattete der Abg. Neumann-Karlsruhe (lib.). An der Aussprache über den letzten Gegenstand und über die ebenfalls erörterte geistige und seelische Not der Landgemeinden wies der Abg. Dr. Schiff-Karlsruhe auf die Notwendigkeit einer ausgedehnten Erwerbslosenfllrsorge hin. Oesterreich. Der Nazi-Ueberfall auf den Lainzer Golfklub. Wien, 5. Juli. Der Ueberfall auf den Lainzer Golfklub, bei dem mehrere ausländische Diplomaten, samt Gattinnen, Söhnen und Töchtern als „Juden" schwer verprügelt wurden, ist aufgeklärt. Entgegen der Behauptung der nationalsozialistischen Partei, daß Kommunisten, mit Hakenkreuz-Abzeichen maskiert, den Anschlag verübt hätten, hat die Untersuchung sehr schnell ergeben, daß nationalsozialistische SS-Führer das Unternehmen geleitet haben. Der SS-Führer Anton Puhr hat vor der Polizei unter der Last der Beweise ein Geständnis abgelegt. Außer ihm befinden sich noch 21 Nationalsozialisten wegen des Lainzer Ueberfalles in Haft. Der SS-Führer verantwortete sich damit, man habe den Nationalsozialisten in der letzten Zeit vorgeworfen, daß sie nur gegen arme Juden vorgingen, aber reiche Juden verschonen. Diesmal nun sollten auch „reiche Juden" daran glauben. Die verhafteten Nationalsozialisten waren erstaunt zu hören, daß dem Fest des exklusiven Golfklubs Juden gar nicht beiwohnten. Sitzung des Geschäftsausschusses der Agudas Jisroel. Wien, 8. Juli. Am 5. Juli fand unter Vorsitz des Herrn Wolf Pappenheim eine Sitzung des Geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Jisroel statt, zu der, abgesehen von den Wiener Mitgliedern, eine Reihe auswärtiger ^Vertreter zur Besprechung aktueller Fragen geladen und erschienen waren. Für Erez Jisroel nahm Rabbi Mosche Blau aus Jerusalem, für Polen Rabbiner Tobias Horooitz-Rzeszow, für Deutschland Wolf S. Jacobson- Berlin teil, außerdem die Herren Rabbiner Hager-Wischnitz als Vertreter der rumänischen Agudas Jisroel und Sejmdeputat S. Vittenberg-Riga als Vertreter Lettlands. Die Tatsache, daß zum ersten Male ein agudistischer Parlamentarier sich an den Arbeiten des Kongresses der europäischen Minderheiten, der in Wien stattfand, beteiligte, gab Anlaß zu einer ausführlichen Aussprache über die Stellung der Agudas Jisroel-Weltorganifation zu den Problemen der Minderheitspolitik. Die Herren aus Polen und Rumänien vertraten nachdrücklich den Standpunkt, daß an der von der Agudas Jisroel von vornherein umrisienen reservierten Stellung der agudistischen Politik gegenüber einer auf internationale Garantien gestützten Minderheitspolitik festzuhalten sei. Dabei wurde nicht verkannt, daß es im Einzelfalle nützlich sein könnte, wie dies von Seiten der lettländischen orthodoxen Parlamentarier geschehen sei, in einem Auskahmefalle lediglich zu informativen Zwecken, an einem ulchen Kongresse teilzunehmen. Die allgemeine Linie der agudistischen Politik, die die jüdischen Minderheiten ür die Lösung der sie berührenden religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Probleme grundsätzlich auf die loyale und friedliche Auseinandersetzung im Innern des eigenen Staatswesens verweist, darf jedoch, wie insbeondere die Vertreter der Exekutive hervorhoben, in keiner Weise berührt werden. | In Bezug auf Organisation wurde beschlossen, den> aus allen Teilen Rumäniens der Zentrale fortgesetzt zugehenden Bitten zu entsprechen und in den Herbstmonaten eine stärkere Propaganda in ganz Rumänien zu unternehmen. Die Propaganda soll Ihren Abschluß in einer großrumänischen Agudotagung in Czernowitz oder Großwardein finden.