Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1931)
- Date
- 1931-05-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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7. Mai 1931 Der Israelit Nr. 19 Seite 15 Umderecke. Sefirah-Zeit. Ich habe Euch versprochen, dieses Mal über die. schrecklichen Zeiten zu berichten, an die uns die Trauer der Omerwochen erinnern soll. Viele schmerzliche Erinnerungstage weist der jüdische Kalender auf, aber nach den Gedenktagen, die sich an Jerusalems Fall anknüpfen, ist keine Trauerzeit beim jüdischen Volke mit so furcht baren Erinnerungen verbunden wie die an mw 11NN' an die Verfolgungen des Jahres 1096. In blühenden, aufstrebenden Gemeinden leb kn die hüben ibamalg in den Städten am Rhein Sie durften sich geschützt Und sicher fühlen, sie , konnten sich unbehindert dem Handel widmen und kamen allmählich durch Fleiß und' Geschick zu einem bescheidenen Wohlstand. Da trat im Frühling des Jahres 1096 mit dem Beginn des ersten Kreugzuges der schreck li-che Wandel ein. Aus allen' Gauen Frankreichs und Deutschlands sammelte sich das bunt zusam mengewürfelte Heer der Kreuzfahrer. Sie zogen dem Rhein entlang, dem Morgenland e zu, um Jerusalem aus den Händen der Ungläubigen zu befreien. Nicht alle aber trieb der heilige Glaubenseifer,' viel fahrendes Volk und Gesindel war dabei, das von den kostbaren Schätzen des Orients sich reiche Beute erhoffte oder sich aus reiner Abenteurerlust den Pilgern anschloß. Als nun dieses bunte Heer auf seinem Zuge - durch die Städte längs des Rheines kam, wo die Juden in friedlichem Wohlstand wohnten, da sprach wohl einer zum andern: „Nun ziehen wir so weiten Weg, um mit den Ungläubigen zu kämpfen und cm ihnen Rache zu nehmen, und siehe, hier unter uns wohnen die Juden, die auch unfern Glauben nicht ehren und nicht bekennen. Wollen wir uns nicht zuerst an ihnen rächten und „sie ausrotten unter den Völkern?" Da bedurfte es keines langen' Aufhetzens — ungläubig waren die Indien und Schätze auch bei ihnen zu holen — und schonstürzten sich mordend und plündernd die erregten Massen auf die unglücklichen Juden. In Speyer begann der furchtbare Sturm. Die Juden weigerten sich, von ihrem Glauben abzufallen und viele wurden -erschlagen, die nicht im Palast des edlen Bischofs Johann Schutz vor den Verfolgern fanden. Dann kamdie Reihe an Worms: 800 jüdische Männer wurden hinge mordet, viele gaben sich selbst den Tod, um der Taufe zu entgehen — eine ganze Gemeinde war vernichtet! Das nächste Ziel war die bedeutendste jüdische Gemeind-e am Rhein, Magenza, das alte Mainz. Das schrecklichste Schicksal erwartete die dortigen Juden. In ihrer Rot und Angst nach den Schreckenskunden aus Worms und Speyer hatten sich die Häupter der Gemeinde an den Erzbischof Ruthard gewandt. Er sägte ihnen seinen Schutz zu und forderte sie auf, mit ihren Frauen und Kindern und all ihrem Vermögen in die feste Bischofspfalz zu kommen, bis die mordenden Scharen vorübergezogen waren. Die ganze Gemeinde verbarg sich im Palaste des Erzbischofs — aber gefangen waren sie dort, wie man Fische im Netze fängt! Hatte sie der Bischof verraten oder einer seiner Diener oder kam ein anderes furchtbares Verhängnis den schrecklichen Scharen zu Hilfe? Unter dem Grafen- Emicho, dem grimmigsten Judenfeind, rückte der Haufe vor die Mauern der Bischofsburg, stürmte das Tor und drang in den Hof, wo ihnendie ersten frommen Verteidiger zum Opfer sielen. Die entsetzlichsten Szenen -aber spielten sich im Innern des Palastes ab; Frauen töteten ihre Kinder in -ihrer Verzweiflung, Männer ihre Frauen — und wer noch lebte beim Eindringender Feinde, wurde grausam hingeschlachtet. 1300 Männer, Frauen und Kinder waren umgekommen. Ein«.- der schönsten Gemeinden-, in der sich Reichtum und Größe und Thora und Wohltun vereint hatten — war zerstört! Auch in den übrigen Städten am Rhein wüteten die plündernden Massen, hinterließen blutige Spuren auf ihrem ganzen Wege. Unendlich waren die Leiden der Juden in diesen Monaten des Jahres 1096, das als ein- Schreckensjahr bei unserm Volke unvergessenbleibt. Es ist freilich nicht die einzige Zeit, die mit so grausamen Verfolgung en die Juden Europas heimfuchte. In den nächsten Jahrhunderten brachten die alljährlich nach Pessach austretenden Blutbefchuldigungen noch Tausenden von Juden in der Sefirah-Zeit die entsetzlichsten Leiden und Qualen. Aber das Jahr 1096 ist uns deutschen Juden doch schmerzlicher eingeprägr durch die furchtbare Aufeinanderfolge der Metzeleien unschuldiger Menschen. So haben auch die Piutim der Sabbate zwischen Pessach und Schewuoth diese Erinnerungen vor allem aufgenommen an die Zeit, in der ganze Gemeinden von Juden den Tod erlitten, um G'tt nicht zu verleugnen und ihr Leben Hingaben mit dem Bekenntnis: Es ist kein G'tt außer Dir! Rabbi Schimon den Zoch-n In der Nähe von Safed liegt in Galiläa ein kleiner Ort mit einer großen Vergangenheit, das alte Meron, in dem in früheren Zeiten viele berühmte Chachomim gelehrt haben. Heute ist es fast ganz verfallen und fettenbesucht, nur einmal im Jahr, an Lag V'Omer ziehen große Menschenmengen aus Safed und aus anderen Gegenden Palästinas hinauf nach dem einsamen Meron, um dort den Todestag des berühmten Rabbi Schimon den Jochai feierlich zu begehen. Von diesem großen Rabbi erzählt uns die Gemoro folgende Geschichte: Es war einmal, da saßen Rabbi Jehudoh und Rabbi Jose und Rabbi Schimon beisammen und Jehudoh den Gerim saß auch bei ihnen. Rabbi Jehudoh sagte: „Wie schön und wie angenehm sind doch die Ein-richtungen tbier Römer. Sie veranstalten Märkte, sie bauen Brücken über die Flüsse und errichten Badehäuser, daß das Volk sich reinigen kann!" Rabbi Jose antwortete nichts, Rabbi Schimon aber sagte: „Alles, was sie tun, tun sie nur sich selbst zuliebe! Märkte richten sie ein. damit sie ihren Lastern dienen; Vadehäuser, um sich selbst zu verschönern und Brücken bauen sie,, damit sie Zoll -erheben können!" So sprach er schlecht von den Römern. Jehudoh ben Gerim hatte dabei zugehört und erzählte seinen Eltern weiter, was die Rabbonim gesagt hatten, diese berichteten es anderen und schließlich gelangte es zu den Ohren des Kaisers. Da sprach der Kaiser: „Jehudoh hat unsre Taten gerühmt- — so soll auch er gerühmt und erhoben werden: Jose, der nichts gesagt zu unserm Lob. oll auch nicht mehr weilen dürfen in unserm Reich. Schimon aber hat unser Werk verachte: und geschmäht — den Tod soll er dafür erleiden!" Als dies R. Schimon ben Jochai erfuhr, verteckte er sich eilends mit feinem Sohne im Lehrhause und jeden Tag brachte ihm seine Frau heimlich Brot und Wasser ms Bethamidrasch. Eines Tages erzählte sie chm, daß die Soldaten des Kaisers nach ihm gesucht hätten. Da fürchtete Rabbi Schimon, seine Frau könnte auf vieles Drängen und Quälenhin das Versteck verraten, und so flohen sie aus dem Lehrhaus und verbargen sich in einer Höhle. Kein Mensch konnte wissen, wohin sie gekommen waren, und niemand 'onnte ihnen Speise und Trank bringen. G'tt ließ aber durch ein Wunder ihnen in der Höhle einen Johanmsbrotbaumerstehen, und bescherte ihnen auch eine Quelle, so daß sie zu essen und zu sinken hatten. Um ihre Kleider zu schonen, legten sie sie nur zur Zeit des Betens an, sonst vergruben sie sich bis zum Hals im Sande der Höhle. So bliebensie viele Jahre lang in der Höhle und beschäftigten sich mit dem Studium der Thora. Als 12 Jahre verstrichen waren, kam der Prophet Elijahu, stellte sich cm den Eingang der Höhle und rief: „Rabbi Schimon ben Jochai^ komm' heraus, der Kaiser ist gestorben, und das Unheil ist von dir abgewendet." Da ging R. Schimon mit se-inem Sohne aus der Höhle heraus und sie kehrten zu den Menschen zurück. Aber sie waren so lange dem täglichen Lebenferne gewesen und als sie einige Bauern trafen, die ihren Boden pflügten, da zürnten sie über deren Tun, weil sie zu sehr an diese Welt gedacht und die künftige Welt außer acht gelassen hätten. Und sie straften die Menschen mit brennenden Blicken, da rief eine Stimme ihnen zu: „Seid ihr deshalb aus -der Höhle gegangen, um die Menschen zu strafen? So wäre es besser, ihr wäret darinnen geblieben!" Darauf kehrten sie in die Höhle zurück und blieben dort nochmal 12 Monate. Rach Ablauf dieser Zeit kam wieder eine Stimme vom Himmel: „Nun gehet wieder heraus aus der Höhle!" Da traten sie ins Freie, aber noch immer waren sie zornig über die Weise der Menschen und noch immer glaubten sie, daß das Volk feine heilige Lehre mißachten würde. Nun war es gerade ein Freitag, als sie aus der Höhle kamen und sie sahen einen alten Mann, der trug zwei Bund Myrten in seiner Hand. Da fragte R. Schimon den alten Mann, wozu er die Hadasfim brauche. „Zu Ehren des Schabbath", antwortete der Alte. „Da hast du doch wohl an einem Bund genug?" sagte R. Schimon. „Nein, ich brauche sie beide," erwiderte der alte Mann-, „einen entsprechend dem „Hüten" und einen zum „Gedenken" des Schabbath!" Da freute sich R. Schimon.und sprach zu seinem Sohne: „Nun weih ich doch endlich, daß das Volk Jisrael die Gebote des Heiligen (gelobt sei er) noch innig liebt" und ihre zornigen Gedanken beruhigten sich. Inzwischen hatte sich die Kunde schon verbreitet, daß R. Schimon ben Jochai zurückgekehrt, den jeder schon totgeglaubt hatte. Sein Schwiegersohn, R. Pinchas, kam ihm entgegen und traf ihn bei den warmen Quellen von Tiberias, wo R. Schimon feine matten, narbenbedeckten Glieder badete. Rabbi Pin-chas weinte bei dem Anblick der vom Sande zerrissenen Haut und rief: „Wehe mir, daß ich dich so sehen muß." Aber Rabbi Schimon erwiderte: „Nicht wehe dir, sondern heil dir, daß du mich so siehst! Würdest du mich nicht so in meinen Wunden schauen, so könntest du auch den Glanz der Thora nicht sehen, die ich mir in den Jahren meines Hählenlebens erworben habe." Denn Rabbi Schimon ben Jochai war ein ganz großer Weiser geworden, weil er sich so lange Jahre nur der heiligen Thora gewidmet hatte. Briefkasten. Wir bekamen vor Pessach ein nettes Gefchichtchen gesandt, das vom Wettstreit der einzelnen Dinge auf der Sederschüssel handelte. Beim eifrigen Reinemachen «änderte leider die kleine Karte in den großen Papierkorb und der Absender war nicht mehr zu ermitteln. Wir möchten ihm deshalb an dieser Stelle dafür danken und ihn bitten, uns doch wieder einmal etwas zu senden! Silben-Rälsel M EJ Anstatt der Zahlen ist in jedes Feld eine Silbe zu setzen. Es ergibt dann: und 3: und 4: 1 und 3 und 4: 5 und 4: 1 und 2 und 5: Einen Propheten Einen Propheten Einen treuen Freund Einen Empörer Einen Hohepriester. Auflösung des Rätsels in Rr. 14: Der Buchstabe „b ". Richtige Lösungen sandten ein: Ilse Lewin, Rastenburg (Ostpr.); Meier Front; S. Knöpfelmacher, Kopen' Hagen; Frede! Bamberger, Frankfurt a. M.; Heinz I. Heilbronn, Gailingen; Kurt Eisemann, Nürnberg; Hanna u. Jakob Feuchtwanger, Nürnberg; Josef Tayer, Frankfurt a. M. Eine sehr hübsche Lösung sandte Hermann Tayer, Frankfurt a. M.: Es sei das Wort i'ö di-, das in jeder Megilloh (d. h. in Megillas Esther) und in jeder Tfilloh (d. h. in jedem Siddur) vorkomme, das man am Sederabend zweimal sage, das aber in der Tauroh nirgends steht. Gemeint war diese Lösung freilich nicht, aber sie ist doch gut, nicht wahr? ii •Fl