Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1931)
- Date
- 1931-04-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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fflT Der jsraelit M! MM Der Seder in der Fremde. Novelle von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Jener aber wiederholte hartnäckig: „Reb Kalman? Reb Kalman? Nein. Ich kannte nur noch Reb Kalman Bäcker aus Kowno, der für unsere Schul eine Sefer-Thora schreiben ließ ..." „Kowno?" fragte Mr. Davis, „wo liegt denn das? Nicht weit von Stanislau?" „Stanislau?" verwunderte sich der andere. „Kenne ich gar nicht, habe ich niemals gehört." „Was? Ihr habt niemals von Stanislau gehört? Unweit von Kolomea . . „Kolomea? Mir ganz unbekannt ..." ‘ „Auch Kolomea nicht? Von wo seid Ihr denn 'her, Reb Korew?" machte Mr Davis verdrießlich. Er konnte nicht begreifen, wie jemand nie im Leben etwas von Stanislau, noch von Kolomea gehört haben könnte. Jetzt erst merkte er, daß fein Landsmann mit seinem fremden Akzent sprach. Er war „Litwak". Es stellte sich heraus, daß der Schneider aus reinem litauischen Städtchen unweit Kowno -stammte, aus einer wildfremden Gegend also, von t<er Mr. Davis nicht einmal eine Vorstellung hatte. Ein jeder fühlte sich enttäuscht, daß der lndere nicht aus seiner Heimat stammte. Bei näherer Bekanntschaft fanden sie jedoch, daß es i ort ganz so aussah, wie hier, daß es im Grunde, '! is auf den leichten Unterschied in der Aussprache, -anz dasselbe war. Im Vergleiche zu der unge- ^! »euren Entfernung Amerikas verschwand der - ■ stand zwischen Stanislau und Kowno, 'schrumpfte in ein Nichts zusammen, die beiden ■ t egenden rückten näher und- Mr. Davis und Mr. lock fühlten sich ganz heimisch miteinander. Auch i )re Schicksale waren einander sehr ähnlich. . ,-ortan verbrachten sie ihre Mußestunden zusammen, erzählten sich gegenseitig ihre Lebensge- ■ ' sichte und ein jeder gab dem anderen nachträg- ' ch gute Ratschläge, wie er es hätte machen müsn, damit es bester gekommen wäre, als es kam.!s Mr. Davis diesmal wegen eines fchwebenen Prozesses, in dem er just an den beiden Feiergen unter Androhung einer schweren Strafe 4ls Zeuge auftreten mußte, verhindert war, die ßveite Reife nach Cincinnati auf die Feiertage zu -machen, verfiel er auf den glücklichen Gedanken, Mit Mr. Flock zusammen bei sich zu Hause den s'Seder zu veranstalten. Der Schneider, der diesem Tage mit Bangen entgegensah, war über den Vorschlag beglückt und teilte dem Freunde seine .Entdeckung mit, daß der neue Geselle von Mr. "Smith, dem Goldarbeiter, ebenfalls Jude war. st,Doch das ist so einer . . . verstehen Sie mich t . . stark angebrannt, gibt sich nicht gern als f,Jude zu erkennen, beinahe schon gar kein Jude f:-lehr . . ." ij Zu dem größten Erstaunen beider nahm der jjunge Goldschmiedgeselle die Einladung mit unverhohlener Freude an. Mr. Davis beschloß auch,?bie beiden jüdischen Grubenarbeiter aus dem einige Meilen entfernten Struck Oll einzuladen und so versprach es, entgegen seiner anfänglichen Befürchtung, ein recht heiterer und angenehmer Tag zu werden. „Mrs. Rollmson," sagte er einmal zu seiner . Wirtin, „nach zwei Wochen haben wir jüdische Ostern." „Da werden Sie wohl nach Cincinnati fahren?" „Das kann ich leider nicht. Ich reife jetzt und komme nach acht Tagen wieder. Diesmal werde ich zu Hause feiern." „Schön. Mr. Davis, ich backe Ihnen einen hübschen Kuchen." Mr. Davis lachte. „Ich danke, liebe Mrs. Rollinfon, aber zu Ostern dürfen wir nur Mazzoth essen." „Ach ja, die ungesäuerten Brote, das steht alles in der Holy Vible." „Wissen Sie, Mrs. Rollmson, das ist ein sehr fröhliches Fest. Bei uns daheim, in Polen, bereitet man sich vier Wochen lang daraus vor." „Kann ich mir auch denken; das ist ja das Fest der Befreiung. G'tt hat mit erhobenem Arm das Volk aus der Knechtschaft geführt," rezitierte sie feierlich mit ihrer mächtigen Stimme. „Dann hat der Herr ..." „Ach nein, nein," unterbrach sie Mr. Davis. „Dies war viel, viel später. Jenes war lange, lange vordem. Damals regierte «der alte Herrg'tt noch allein die Welt," sagte er lachend, da ihm ein hübsches, altes Witzwort einfiel. „Und wissen Sie, Mrs. Rollinfon," fuhr er nach einer Welle fort, während sein Gesicht einen ernsten und strahlenden Ausdruck annahm, „Es steht geschrieben, nicht durch einen Engel, noch durch einen Abgesandten hat G'tt unsere Väter erlöst, sondern selber, in seiner vollen Herrlichkeit, offenbarte er sich ihnen." „Und Moses?" wandte die bibelfeste Mrs. Rollinfon ein und machte Miene, eine ihrer öfteren theologischen Diskussionen anzufangen. Aber Mr. Davis hatte keine Zeit, denn er mußte verreisen. Nach acht Tagen kam er zurück mit einem Kasten voll Mazzoth, auch „pessachige" Fleifchkonserven, Gänseschmalz, Rosinen, sogar eine Flasche Sliwowitz von der besten Sorte, mit einem mächtigen Siegel des frömmsten Rabbiners von Cincinnati darauf und eine Menge anderer Dinge brachte er mit. Fische, Eier und Kartoffel sollte, wie immer, Mrs. Rollinfon liefern. Die gute Dame erbot sich sogar, ihr blitzendes Kochgeschirr dem Mieter zur Verfügung zu stellen, und war fast beleidigt, als dieser trotzdem neue Pfannen, Töpfe und Schüsseln und soar ein neues Wassergefäß anschaffte. Jetzt stand sie an bscr Tür und sah zu, wie Mr. Davis selber den Küchenmeister machte. Sie hatte dabei jenes spöttische Lächeln auf den Lippen, welches Frauen zur Schau tragen, wenn ein Mann sich unterfängt, in das Gebiet der Kochkunst einzudringen, und verfehlte nicht, ihm in betreff der auf dem Herde schmorenden Fische, der Eier und der Kartoffeln von Zeit zu Zeit einen guten Rat zu geben. Mit schwerem Herzen hatte Mr. Davis auf die traditionellen Knödel verzichtet, die ja unter diesen Umständen unerreichbar waren. Bei all diesen Vorbereitungen war allmählich der Seder-Abend herangerückt. Mr. Flock trm ein. Die beiden Alten stritten noch eine Weile gutmütig darüber, ob man zum Abendgebet das Hallet zu sagen habe und kamen schließlich überein, „daß es jedenfalls nicht schaden kann, ein paar solch heiliger Kapitel Tehillim zu sagen." Darauf erschienen die beiden Grubenarbeiter vor: Struck Oil. Ihre müden, düsteren Gesichter heiterten sich auf bei dem Anblick der hell erleuchteten, von einem unfaßbaren Festhauch durchwehten Stube und bei dem feierlich lieblichen Klang der Hallel-Melodre, die sie G'tt weiß wie lange schon nicht gehört hatten. Mrs. Rollinfon, der sich die Feststimmung mitzuteilen begann, wies die Ankömmlinge in eine Kammer, wo sie sich wuschen und umkleideten, dann trat sie selber in die Stube herein, die schwieligen derben Hände unter Aufsicht des Mr. Davis frisch gewaschen, sie war mit einer blitzblanken Schürze umgürtet, und beobachtete voller Neugier, wie Mr. Davis die „Kaara" anrichtete. Sie war ganz erstaunt, da Mr. Davis gar keine Anstalten traf, um ein Lamm zu schlachten und mit religiöser Scheu betrachtete sie das Stückchen Fleisch, das zur Erinnerung an dieses Osterlamm, „wie es in der Holy Bible stand", diente. Mr. Davis erklärte ihr auch, was die bitteren Kräuter und Salzwasier bedeuteten, und ihr größtes Interesse erregte es, als er einige Walnüsse öffnete, deren Kerne zusammen mit einem Apfel zerstampfte und dann einige Tropfen Wem hineintat, um so die Charosset herzustellen. In Mrs. Nollinfon regte sich ein gewaltiger Respekt vor diesen kleinen Vorgängen, die hier in dem kleinen Häuschen eines weltverlorenen amerikanischen Nestes, die ungeheuer entlegenen und großartigen Ereignisse lebendig werden ließen, von denen das heilige Buch mit so lebhafter Anschaulichkeit erzählt und «die sie als etwas Abstraktes, Höheres, wovon man nur träumen und das man sich nur vorstellen kann, 'betrachtet hatte. Die einfachen Männer mit den groben Zügen und den schwieligen Händen erschienen ihr wie eine Art Priester, wie Geweihte und Auserwählte, heilige Handlungen vollführend, die mit etwas Ueberweltlichem. Unfaßbarem, G'ttlichem in einem geheimnisvollen Zusammenhang standen und sie erwartete mit Spannung, was da kommen würde. Mr. Davis sah aber auch ganz anders aus als gewöhnlich, feine mageren welken Wangen glühten, in seinen erloschenen Augen glomm ein sWes Feuer, um feine Lippen zuckte es allemal. Bald lachte er kurz auf, ohne jeden sichtlichen Anlaß, woraus dann Mr. Flock, der durch die Brille in das große, dicke Gebetbuch schaute, mir einem Seufzer antwortete. Dann seufzte wieder Mr. Davis und Mr. Flock ließ ein kurzes, heiseres Lachen vernehmen. Es herrschte eine Stille, denn jeder war wohl mit seinen eigenen Gedanken und Erinnerungen beschäftigt. Mittlerweite war auch der Goldschmiedegeselle von Mr. Smith gekommen. Er war sein herausgeputzt, geschniegelt und pomadisiert, aber da er hier nicht das geringste Verständnis für seine Eleganz fand, setzte er sich in eine Ecke und schwieg, bis Mr. Flock ihn über feine Verhältnisse auszufragen begann. Alles war schon angerichtet, und man erwartete nur noch den Fremden, von dem Mr. Davis gesagt, er verstünde Kinder zu unterrichten und schön vorzubeten. Allmählich tauten alle ans und das Schweigen wich einem anregenden Gespräch. Allerlei muntere Geschichtchen, Anekdoten und Witzworte sprudielten auf, es dauerte nicht lange und alle fühlten sich heimisch untereinander, als hättensie sich von der frühesten Jugend auf gekannt, ein unsichtbares Band alter Verwandtschaft schlang sich um sie, alle lachten und wurden immer fröhlicher und niemand hatte es eilig, zum Seder zu schreiten, als fürchteten sie unbewußt, die schöne Stimmung könnte nachher verfliegen. Während der Unterhaltung trat endlich der Erwartete ein. Er wurde lärmend, wie ein alter Bekannter, begrüßt. „Was, Reb Korew? Wo seid Ihr so lange geblieben? In der Mikweh lichwod Jomtov oder in der Synagoge? He?" Nein, er war natürlich weder in der Mikweh lichwod Jomtov, noch in der Synagoge, sondern war einfach in seiner Todesangst umhergeirrt, der Sprache der Bevölkerung unkundig, bis er in die Wohnung feines Gastfreundes fiel. . Sein Gesicht war in Schweiß gebadet und er atmete schwer. Man konnte auf den ersten Blick an den feineren Zügen seines Gesichtes und an seinen weißen Händen erkennen, daß er einer anderen Gesellschaftsklasse angehörte als die übrigen Anwesenden. Cr schien ein ehemaliger Kaufmann zu sein, der einst bessere Tage gesehen und jedenfalls eine ganz andere Bildung und andere Lebensgewohnheiten hatte, als jene. Jetzt war. er ein Schiffbrüchiger, der nach dem fernen Westen, nach San Francisco zu seinen Verwandten reiste. (Fortsetzung folgt.)