Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JtHilletOM, Beilage Im roten Golus. P3L iV# ßme TNarannengefchrchte aus Rußland. Als DudHe im Morgendümmer aufwachte, sah er mit benommenem Sinn zum Fenster hinaus. Die Straße brütete im herbstlichen Nebel und im Zimmer Herrschte graues Dunkel. Eine Weile überlegte er etwas, dann trat er entschlossen aus bem Bett und warf sich in die Kleider.. Er ging ans Fenster und neigte sich über das Kinderbettchen. Darin lag das einjährige Kind, den Daumen im-Munde und das Engelsgesichtchen zu einem traumhaften Lächeln verzogen. Sein Atem ging leise und ruhig. Daneben stand das Bett seiner,Frau Scheindel, es war leer, und er hatte ihr Aufstehen nicht gemerkt. Wie früh sie sich aus dem Bett gemacht hat, wunderte er sich. Sie wird doch nicht schon wieder Dummheiten machen! Wie damals, am Pesach. -Heute abend ist Rosch-Haschono, und sie wird mich doch noch eines Tages durch ihre Unvorsichtigkeit, jüdische Feste varzubereiten und zu feiern, bei den Kommunisten in Verruf bringen und brotlos machest^ wenn nicht noch Schlimmeres kommt ... Langsam ging er aus dem Schlafzimmer. Im größeren Wohnraume war der Fußboden blitzsauber gescheuert. Da stand auch seine Frau Scheindel mit Besen und Schaufel, um die letzten Handlungen zu vollziehen. In einer Mulde quoll der weiße Teig der Festbrote. Im Ofen prasselte das Holz und sammelte sich schon die Hitze für das Festgebäck. An der anderen Ecke, saß seine alte Schwiegermutter und putzte Besteck und Hausgeräte, alles dem Festtage zu Ehren. Scheindel empfing ihren Mann mit leisem Vorwurf. - . . . „Warum schon so früh aus dem Bette? Dein Dienst beginnt ja erst um achte, es ist jetzt kaum sechs Uhr?" Ohne die Mahnung zu hören, fing Judke, nicht gerade erregt, an: „Du. solltest doch ein für allemal den Traramm mit der Festvorbereitung lassen. Hast Du noch nicht genug vom letzten Pesach? Du bringst uns nach eines Tages ins Verderben. Du weißt, wie sie draußen mit hundert Augen über uns wachen." , : „Wachen?", wunderte sich Scheindel. „Kann uns jemand auch das Reine'mächen verbieten? Jst!,Säuberkeit Sünde? Wen jgeht das was an, daß'wir'1ms Brote backen?. Kann uns jemand vorschreiben, was/und wie Wir essen sollest?" „Alles verboM, 'man fchreibh uns alles vor," seufzte Judke. '" ° ' , . ,. ' „Aber ihnen ist doch nichts verboten," mischte sich die Alte ein. „Die nichtjüdischen Genossen feiern ihre Feste sogar auf der Straße. Warum bei uns die ewige Furcht?" „Alte Fragen," schüttelte Judke das Haupt, „sie dürfen alles, aber wir ... ich insbesondere, ein Neuling in der Organisation, der im Verdachte steht, mit der Religion zu halten. Markomitz sagte mir wiederholtdaß, sobald noch einmal derartiges über mich verlautbart wirdich gus dem Komitee fliege und aus meinem Difnste dazu. Was dann?" „Herr der Welt," weinte Scheindel. „Was doch alles über uns gekommen ist. Partei, Komitee und Organisation! Nichts wie Partei. Kein G'tt, kein Sabbat und keine Feste mehr, nur noch Partei! Ich aber sage dir, ich habe am Pesach kein Chomez gegessen, ich werde auch am Jomkippur fasten und: werde Rösch-Haschono halten/ und komme, was wolle." „Pst!" beschwichtigte sie Judke, „nicht so laut. Wenns Markowitz hört . . ." „Warum hie Aufregung? Habe ' ich denn etwa Chomez am Pesach gegessen? Aber wir müssen vorsichtig sein. Gib her, den Besen und die Schaufel. Ich wachs für Dich, hilf Du Deiner Mutter die Brote kneten und flechten." , Mit eiligen Bewegungen holte Judke den Besen aus, immer vorsichtig nach der Türe auslauernd. Ein Geräusch. Er hielt still und löschte rasch das Licht aus. Es war nichts, vielleicht nur eine Katze. Aber er zündete das Licht nicht mehr an. Es war bereits Tageslicht im Zimmer genug. Dann aber beeilte er sich, schloß sich in ein Zimmer ein, um etwas zu tun, was keines Kommunisten Augen schauen durfte, zu beten, nahm etwas Speise zu sich und ging mit der Aktenmappe aus dem Haufe; eine halbe Stunde .früher als nötig, mochten sie hier machen, was sie wollten, e r wollte keine Verantwortung haben. ' - .r ' ' s Eiligen Schrittes ging Judke ins Büro. Durch seinen Kopf jagten wirre Gedanken. Fünf Monate ohne Arbeit und richtige Nahrung hatten seine Kraft vollkommen aufgerieben. Und erst das Elend von Frau ynd Kind mit angufehen! Nb'in, er war unschuldig, rechtfertigte er sich. Man konnte einem raschen Märtyrertode trotzen, aber nicht dauernd Märtyrerleiden ertragen. Er war einem fremden Dienste, einem Götzendienste, verfallen, fremd seinem Sein und seinM> Anschauungen. Was konnte er aber machen, wenn keiner von seinen Jugendfreunden ihm beistand? „Wohin so rasch und so eilig, Judke?" hielt ihn jemand auf und reichte ihm die Hand. „Guten Morgen, Genosse Markowitz! Wohin ich eile? Selbstverständlich zur Arbeit." „Und ich glaubte schon," höhnte der Genosse, „Du bist hinter dem Honig her, der heute abend genossen wird, vielleicht auch nach dem Süßapfel oder einem Schafskopf, der von rechtswegen heute abend auf den jüdischen Tisch kommen muß. Hast schon für Kapores gesorgt?" Markowitz, klein wie in Zwergs aber breit wie ein Faß, war einer von den ersten Kommunisten und stand auf verantwortungsvollem Posten in der bolschewistischen Verwaltung. Er hatte den Geruchsinn eines Hundes und wurde besonders für Schnüffeleien mit Erfolg verwendet. Judke gegenüber fühlte er sich als Pate, denn er hatte ihn in die Organisation und in das Amt. gebracht. und er. hatte gewissermaßen für ihn die Verantwortung übernommen. Das verpflichtete Judke zur-größten Vorsicht diesem feinem Schutzpatron/' gegenüber. Stand er doch schon ohnehin im Verdacht, ein „Ketzer.der schwarzen' Punkte" zu sein, und mit der 'Religion zu liebäugeln. Die Emschmuggelung religiöser Gedanken und Bräuche war in den Augen des Markowitz und feiner Gegossen ehrloser und strafbarer ,ä(s der Warenschmuggel, worüber sie für ihre 'Person weit gelinder dachten.- Judke hatte zu all den schlechten Witzen Markowitz's über die Religion zu lachen. . „Es ist gut," sagte er tonlos, um nur etwas zu sagen, „daß wir die Bräuche nun los sind." „Los?" triumphierte Markowitz. „Wer sagt denn, daß wir die Bräuche abgeschafst haben? Hatten wir nicht am Pesach im Klub ganz offiziell roten Seder gehalten, bei Schinken,. Schwarzbrot und Vier, genau vier Bechern? Und am Abend zu Jomkippur werden wir auch dieses Jahr unfern roten Ball feiern. Heute abend haben wir R o f ch - H a f ch o n o im Klub. S ch a f s k ö p f e werden genug dabei fein. Und morgen ziehen wir mit Pauken und Trompeten durch die Straßen an den Synagogen vorbei. Wollen sehen, ob ihr oder unser Schofer lauter ist. Komm nicht <u spät." „Ich komme." „Auf Wiedersehen." nr.4« 1930 III. 1 Ueber die Geschäftsbücher gebeugt faß nun Judke in feinem Büro, rechnete, addierte, machte Eintragungen und stellte Register auf. Zwischendurch stahl sich seine eigene Lebensrechnung in sein Herz, die nicht stimmen wollte. Er legte die Feder hin und dachte sttll nach. 'Wie komme ich daher? Wie passe ich zu diesen Menschen und diesen Dingen? Wer brachte mich in dieses Haus? Wie mich die Frauen daheim dauern! Sie haben aufrechte Seelen und schützen sie vor Schändung. Sie wollen ihre Heiligtümer sich bewahren und werden ihr Roschhaschonoh haben, ihren Jomkippur, wie sie ihren Pesach hatten. Ich aber . . . Es gab Marannen in Spanien, dachte er, die ihr Judentum nach außen verleugneten, um nicht, auf den Scheiterhaufen zu kommen. Aber dort war es die Inquisition. Hier soll man seine jüdische Seele verleugnen oder wenigstens im tiefsten verbergen vor feinen eigenen Brüdern. Das tut weh. Die Wanduhr schlug sechs. Der Arbeitstag war beendet. Eine Entspannung auf den.. Gesichtern der Angestellten. Für Abend war im Klub ein Ball angesetzt, bei dem die jüdischen Festbräuche markiert und verspottet werden sollten. Anschließend Tanz. Auf der Speisekarte: Schinken mit Süßapfel in Honig getaucht. Alle Angestellten und Arbeiter hatten Freikarten. Das Büro hallte jetzt schon wider von Lachen in der Vorfreude über die heitere Veranstaltung. „Höret Genossen," berichtete einer. „Eine ergötzliche Sache ereignete sich heute auf dem Markt. Ging da eine Jente (charakteristischer Name für ein jüdisches Weib), vollbeladen mit Töpfen und Körben und Einkäufen für die Feiertage. Unter dem Arm hielt sie zwei lebende Hühner, wohl schon für Kapores. Da kam einer von unseren tapferen Jungen mit seinem Schinkenbrot vorbei, wollte sich einen Spaß machen und warf ein Stück von seinem Schweinefleisch der Frau in den Topf. Da hättet Ihr das wilde Geschrei und die Aufregung der Jente sehen sollen. Im ersten Schrecken ließ sie auch ihre Hühner fallen, jagte ihnen über Stock und Stein nach, indes die Töpfe klirrend zu Boden fielen und sich der Inhalt über das Pflaster ergoß. Es war ein Riesenspaß, der einen großen Menschenanlauf anzog." Ein anderer erzählte von seinen Heldentaten. Er hatteim.Rabbinerhaus, in dorn er ein Zimmer inne hatte, am Rüstetage zu Pesach, nachdem sich die arme Frau lange Wochen mit dem großen Reinemachen abgerackert hatte, Bror in alle Zimmer getragen. Der.Ehrgeiz war einmal angeregt und ein jeder suchte denänderest mit seinen Großtaten zu übertreffen'. Alle lachtest vergnügt. Rur Judke lachte nicht. Er siel sogar durch seine ernste Miene auf, merkte es und verzog den Mund zu einem gewaltsamen Lächeln, aber es gelang nich.t Als die Genossen gingen, blieb Judke unter irgend einer Ausrede noch da. Cr war entschlossen, nicht in den Klub zu gehen, und komme, was wolle. Er wollte bis gegen Abend arbeiten, dann hinter geschloffenen Türen das Rofchhaschono- Abendgebet verrichten, dessen herzige Melodie ihm jetzt dauernd auf die Lippen kam. In später Abendstunde, wenn die,Genossen im Rausche von Trunk und Tanz seiner ganz vergessen haben würde, könnte er wohl daheim die Türe von innen verriegeln und mit Frau, Mutter und Kind irgendwie Jomtow halten . . . Es ging nicht ganz nach feinem Wunsche. Schon vor Nacht kam der Portier und drang darauf, die Türen zu schließen. Auch er hatte eine Freikarte für den Klub. (Schluß' folgt.)