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Der Israelit · 1930-06-19 · Heft 25 (19.6.1930) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 25 (19.6.1930)
Date
1930-06-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und INürtyrergefchichte. Von S. Schachnomitz. (Fortsetzung). XVIII. Es war der letzte Versuch der zweiten Macht, ihn. zu retten, dann gab sie den Kampf gänzlich aus. Ein leiser Hauch aus dieser zerfallenen Macht wehte ihn noch einmal an, in den Worten Ambrosius, da erin fein Gefängnis kam und nur wenige Worte in seinem zahnleeren Munde hatte. Diese wenigen Worte konzentrierten sich um den Gedanken, man' könne doch auch pro forma sich zu einem Glauben bekennen und im Innern d e n Gott anbeten, an dem man Lust habe. Wie machten es die in Spanien? Er würde mit einem Worte zwei Menschenleben retten, das seine'und das seiner Mütter, die seinen schmachvollen Tod auf' dem Scheiterhaufen kaum überleben würde. Abraham nahm sich nicht die geringste Mühe, die undeutlich gesprochenen Worte in ihrem Zusammenhänge zu verstehen. Die erste Macht, die sein Verderben wollte, hatte ganz die Oberhand-. Sie kannte kein Erbarmen, sie wollte ein Sakrifizium, sie wollte sich und ihre gefährdete Sache am Scheine eines Scheiterhaufens wärmen. Allmorgendlich läuteten die Glocken über ihm, Tag für Tag zogen die Prozessionen mit Singen und Summen und Klingen der Meßglöcklein an feinem Gefängnisse vorbei. Und die dritte Macht? Sie arbeitete in den Herzen und Häusern und vielen Schulen und Betstuben des jüdischen Wilna unausgesetzt für ihn; er spürte es bis in die Fingerspitzen. Wer wird siegen? Dort hinter seinem Gefängnisse zählten sie je mit Nachbeginn die Tage und Wochen zwischen. Auszug und Gesetzgebung und sagten Gebete und Verse dabei voll Trauer und Schwermut und Welthoffnung. Und am Sabbat sangen sie Lieder zwischen Schema und Achtzehngebet, so schwer und wehmutsvoll wie,letztes Seufzen von Märtyrern. -Damals, in der Zeit, aus der diese Gebete und Melodien stammten, hatte die Macht gesiegt. „Es w ar Nicht Zeitz^ fiel Aötaham ein Wort des Gaon ein. „Wenn Männer zu Großem berufen "sind und die Zeit für diese Be< Wftlng't-ist' -nicht gekommen, dünn scheitert 'das Große; und die Erkorenen gehen daran zu Gründe --rues find dies die M är t y Ne t v i; Fast schien es Abraham vermessen, all dieses auf seinen Fall zu beziehen. Auch er zählte mit der Gemeinde Abend für Abend bis zum Feste des Gesetzes, an dem er, wie keiner der anderen, "die Flammen des Sinai schauenwürde 7 . . Und alle Töne des Om-er- .zäMns/.ln; ^.sestl«n Phasen klängen und zitterten in diesen einsamen Sefivogebeten des Gefängnisses mit: Die Sehnsucht' des bpäntlich sich schmückenden Volkes M. seinen Ehrentag am Trauhimmel des Sinai;' der', Rüstige Schmttergesang der mit den ersten ' Gersteähren zum heiligen Tempel Ziehenden; Kampfgewühl und Siegesrausch in den Reihen, des,, Helden von Bethar, und letztes Röcheln heiliger Glaubenshelden;anRhein und Main . . - -Alle - Gebete und Formeln, / Stzt-nfücht, Leid, Glück und Erivärtung, Mr d'ie'Zahlen: erfunden und geschaffen,' hatten'm diesen endlosen Nächten des Hangens und Bangens für ihn ihr eigenes warmes Leben. Sieben Sphären, die m.rr IM eine über der anderen gelagert, beherrschten die sieben Wochen: Mit „Chessed", der>'großen unerschöpflichen Liebe Gottes, begann es und mit „Malchuth", der Gotteshuldigung-, schloß es ab. Und dazwischen die „Liebe in der Macht", und die „Macht in der Liebe" . . . Abraham dachte eine Weile nach. Er war heute mit dein Beginn der siebenten Woche in das-Zeichen des „Malchuth" getreten. „Chessed" im „Malchuth" . . Liebe in der Gotteswaltung . / . Roch sechs Tage waren zu zählen, bis zum „Malchuth in Malchuth". Dann wird die Zahl voll und es wird aus sein ... Diese Hochgedanken begleiteten den einsam hinter Licht Schmachtenden durch seine letzten Tage und Nächte; sie waren die dritte Macht, die auf geheimnisvollem Wege von der Schulgasse zu ihm hinemftrömte und ihn Mit letzter Kraft wappnete; Welche der Mächte im harten Kantpf mit;.einander den Sieg davon trägt?! ' Vielleicht war die Menschheit in den Tagen ihres Zählens und Rüstens erst da, wo Chessed und Gwnro steht, die Liebe sich in der Kraft offenbarte! ... ■ xix; / Ein Schwuosfest nahte für Wilna heran, wie keines zuvor. Die Omertrauer pflegte mit Siwanbeginn abzuebben, da das Sinaifest feine Strahlen vorausschickte. Auch diesesmal leuchtete Junisonne über Berg und Tag. Ah?r die Entspannung kam nicht. Die Schulen und Bethäuser wurden nicht leer von Betern. Tag und Nacht erklangen Psalmgebete für die Rettung des Gefangenen in der Kathedrale der Oftrabrama. Am Tage vor dem Neumonde hatte die ganze Gemeinde gefastet und Slichausgebete wie an hohem Fasttage gesagt. Das Fest begann mit Sabbatausgang. In der großen Klaus des Gaon drängte sich die Menge nachts wie nie zuvor. Hier pflegte der Gaon nach Mitternacht aus dem Tikkun zu lernen und viel Tiefes zu sagen, und es gab welche, die einem Worte des Gaon in dieser Mitternachtstunde, da sich der Himmel spaltete, die Kraft zutrauten, daß es die Mauern, hinter denen das Opfer schmachtete, sprengen würde, wie die Posaune Jofuas die Mauern von Jericho einstürzen liehen ... ' Noch leiser und kürzer denn sonst sprach aber der Gaon, mit fibrierender Stimme, nur den Nachstsitz enden verständlich.. Diese gabendann die Worte weiter und weites bis sie die untersten Reihen erreichten:! -<L«chttal sprach er vom Kampfe der „ErMm"' und „Mezuknn^Mer „Himmkffchen" und- „Ir-: dischen" um eine heilige Lade. Ob „gowar iloo" oder „gowar tatoo", „Oben" oder „Unten" siegt, war, die: Frage:;: Der ■ Endsieg stand aus .; :! Ein Mann mit großer jüdischer Seele, - vielleicht mit der des Onkelos Hager, war von G'tt zu großem Tun gerufen. War es zu früh und das Volk für fein Werk nicht reif, dann scheitert er an feinem Werke, und sein Unglück wäre dann unser al'ler Unglück! . . . „Und ich nehme Euch, einen aus der Stadt und zwei aus der Familie, und führe Euch heim nach Zion." Was bedeutete der Vers aus Jeremias in dieses Zusammenhänge? .Der Gaon übersetzte: „Einer aus der S t adt — es ist Elijahu, der Prophet, der - Giladi nach seiner Geburtsstadt genannt wird. Und zwei aus F a m i l i e — es sind der Gesalbte aus dem Hause Ios -efs und der letzte Gesalbte-aus dem Hause Dawids, die beide nach Familie und- Stamm bezeichnet werden. - .. Die drei werden erst kommen, der eine nach der Stadt gerufen, die zwei nach der F a - milie, bevor G'tt fein Volk gen Zion heitnführt-—". „Aber", fügte der Gaon hinzu, und fein Mick streifte durch das offene Fenster die letztenfchwärzer denn früher sich zufammenziehenden Nachtschatten. „Mehr als e i n mal wird- Elijahu m dieser oder jener Gestalt kommen und mehr als e i n Moschiach, Sohn Josefs, wird fallen müssen, bevor der: wahre und letzte Moschiach aus dem Häufe Davids kommt, um G'ttes Volk nach Zion heimzuführen ..." Ein dünner, silbergrauer Streifen kam vom Osten her, drang unaufhaltsam vor und umschleierte bald das matte Talgkerzenlicht im Raume. Der lichte Streifen wuchs, wurde länger und länger, als wollte er den Nachthimmel entzweireißen. Mit übernächtigen Gesichtern schauten die Leute ergriffen und sprachlos heraus. Graue Nebelmassen und schwarze^ Schatten liefen vor dem breiter und breiter, heller und heller werdenden Lichtstreifen einher, wie eine in Flucht geschlagene dunkle Herde. Langsam, aber endgültig, blühte ein goldener Morgen heran. Der Gaon sprach das Segenswort über die Schaufäden des Talith ... Am ' Montag war, indes 'die in der Schulgaffe den zweiten Festtag feierten, in der Stadt vor der Kathedrale große Messe zu Ehren des heiKgen Bonifacius. Der großen Messe pflegte sich eine Volksbelustigung mit Sang und- Tanz und Spiel auf dem großen freien Platz anzuschließen. Heute aber harrte vorher noch ein Schauspiel seltener Art der Menge. Auf dem grasbewachsenen, von mächtigen Linden und Kastanien umsäumten Viereck vor dem goldgezierten und bilderreichen Hauptportal waren schon seit Tagen große, vielsagende Vorbereitungen vor aller Augen getroffen worden. Viele Hände regten sich, um das Schauspiel würdig und wirkungsvoll in Szene zu setzen. In der rechten Mitte des Plateaus war der Rasen wegrasiert mrd in den kahlen Boden eine runde geringe Vertiefung eingedrückt worden. Um diesen großen flachen Erdkessel herum war ein hohes Eisengitter gezogen, aber so, daß die einzelnen Eisenstangen in weiten Intervallen die Sicht frei! ließen. In den letzten Tagen wurde viele Reiserhaufen aufgetragen und in der Vertiefung so auseinander geschichtet, daß sie weit über den Rand hinaufragten. Dann gingen Schreiner und Zimmerleute daran, eine Estrade aus Balken und Brettern zu bauen, die in einigem Abstand sich im Halbkreis um den- Reiserkessel schmiegte. Hälbmondartig. übereinandergetürmt erhoben sich drei Bänke mst je fünfzig Sitzen wieein.AmphitDater.' 'Me obersten Sitze?-für. die -hohe. Geistlichkeit waren mit.-rotem Sh-mt belegt.',. .,^Seit Tagen .ständen die Menschen in Häufen da und gafften. Seit Jahrzehnten hatte man schon das Schauspiel eines Scheiterhaufens, eines richtigen Scheiterhaufens mit röstendem Menfchenlsib nicht mehr gesehen. Kinder kannten so etwas nur noch aus Geschichtsbüchern. Diesen Morstgg sollte aher das große Licht zu Ehren des heiligen Bonifacius angezündet werden, zum Exempel und zur Sühne . .. .. Man zählte schon die Stunden. Viele Kirchgänger waren von Sonntag her gleich in der Stadt geblieben, neue Scharen strömten in endlosen Zügen seit Morgengrauen aus allen Richtungen, singend und spielend, wie främme Pilger. ' In d«r Judenstadt hatte der Tillim-Verein auch die zw e ite Festnacht bei Psalmen durchwacht, zu Ehren des Sängerkönigs, der am siebenten des Monats Siwan ausgesungen hatte und mit seinem: „Alles wäsSeele hat, lobt G'tt" feine Seele ausjauchzte. Viele, die nicht zum Vereine gehörten, schloffen sich ihnen dieses Jahr an. Als am Montag morgen von der anderen Seite, dröhnender und drohender denn sonst, die

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