Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1930)
- Date
- 1930-06-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Lg7"' Der jsr aelit mruz Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und MärtyrergeWchle. Von S. Schachnowitz. (Fortsetzung). VXI. So kam Abraham auf ungeahnte grausame Werse wieder mit der Welt in Berührung, zu der er alle Brücken hinter sich abgerissen hatte. In der Festung der Ostrabranrakathedrale, nur eine Straße von der großen Wilnaer Schul entfennrf}, war er von Wilna weiter entfernt, als in Amsterdam und Paris. Wieder dröhnten Glocken in seine Ohren und Gebete umsummten ihn, unterbrochen von kurzen, harten Besehlsworten. Eine SLurmwelle packte ihn, er wußte nicht wie. um chn mit Wucht durch den Wettenraum ins andere Ende, dem er entronnlen war, zurückzuschleudern. Wenn er bei Tagesanbruch mit brummigem Kopfe sich von der Steinpritsche erhob, dröhnten und höhnten die Frühgilocken vom Turm der Kathedrale: „Valentin! Valentin! . . . Va—len—Mn! tin! ... tin! . . . Sein Gefängnis war nicht viel anders, als das in der Pariser Dominikanerburg, in1 der er Menachem Leib schmachten mußte. Nach außen hatte der Steinbau eine leuchtende Fassade mit vergoldetem Stuck und Heiligenbild erschmuck tragenden Toren. In dem vergitterten Kellerraum^, der schon lange keinen! Menschen gesehen, der gleichsam in all den« Jahren unbenutzt auf diesen Edelfang gewartet hatte, war esdumpf und düster und trostlos genug. Aber irgend eine geheime, liebevolle Hand schien sich für ihn in den ersten Tagen zu regen. Es waren warme Decken da, und der eisernen Fesseln war er schon nach der ersten Nacht entraten. Zu den Essenszeiten strömte guter Duft durch die Luke herein mit Speisen, die er nicht berührte. Brot und Wasser waren stets reichlich da, zuweilen auch Früchte. Bücher kirchlichen Inhalts lagen auf dem Brette, das bei Tag als Tisch aufgeklappt war. Die Wärter, ungeschlachte brummige Gesellen, befleißigten sich, soweit sie es konnten, eines menschlichen Tones. Es war offenbar Befehl von« oben, ihn mit Liebe kürre zu machen. Das beunruhigte ihn, wenn er sich auch noch stark genug fühlte, jeder Versuchung standzuhalten. Als ihn der Wärter am zweiten Morgen gar „Herr Graf" anredete, verweigerte er jede Antwort, tat, als galt es ihm gar nicht und erzwang sich dadurch, daß ihn für die Folge die Wärter ohne Titulierung anfprachen oder wortlos ihren Dienst in der Zelle verrichteter«. Noch war er keiner richtigen Vernehmung unterzogen worden. Er erhielt nur „Besuch". Als erster kam zu ihm Vater Ambrosius, der Prälat, der ihn vor zwölf Jahren nach Paris geschickt hatte. Wie alt der Kirchenmann inzwischen geworden war! Die glatte rosige Haut hing ihm lose wie ein Sack in groben Falten über den breiten Backenknochen. Er war ganz zahnlos und sprach so, als hätte er einen fetten Bissen im Munde, . schmatzend und mit aufeinander pressenden Lippen. In seiner langen, schwarzen Sutane und seinem haarlosen Gesichte war er kaum von einer kahlgewordenen alten Frau zu unterscheiden. Seine Augen hatten aber noch die des guten Vater Ambrosius, und seine Worte waren, soweit man sie verstand, wie in Oel getaucht. Er sagte nur „mein Sohn!" und „junger Freund! " undsprach milde und gütige von menschlichem Irren, vom Teufelswerk des Versuchers, und vom Himmel der ewigen Seligkeit, der feine Pforten dem reuig Rückkehrendoni bis zuletzt offen hält ... Abraham hörte nur leere Worte und konnte sich kaum eines Mitleides mit dem lieben alten Ambrosius erwehren, der ein wirklich gütiger Mensch war, mit einem Horizonte, der nicht über die fünfzig Ellen von der Kathedrale bis zum Heiligenbilde an der Ostrabrama hinausging. Abraham wußte auch schon, daß der Alte nur noch das Gnadenbrot der Kirche esse, und das Regiment in der Hand eines jüngeren!, schneidigen Prälaten aus Warschau lag, der als „General des Himmels" bei seinen eigenen Leuten mehr gefürchtet als geliebt wurde. Vater Ambrosius war auf seinen alten Tagen für diese „Besuche" bemüht worden. Von wem? Als Ambrosius jetzt vom seligen alten Grafen Stanislau sprach und den engen Beziehungen, die ihn, Ambrosius, mit dem Hause der Potockis von jeher verbanden, sah Abraham auf, es gab ihm einen Ruck, aber schon hatte er wieder klaren Kops genug, um zu hoffen, daß seine Erregung den alten Augen des Prälaten entgangen sei. Der alte Graf, sagte er, sei gestorben, gweiß aus Gram über den verlorenen Sohn und all die mit ihm verlorenen Hoffnungen. Die alte Gräfin — wieder horchte Abraham auf — lebe seitdem auf ihrem Schlosse wie im Kloster, der Welt ganz entrückt, zwischen Verzweiflung und leiser Hoffnung. Der Glanz des Hauses Potocki fei im Verblassen. Er könnte wieder aufle-ben, gerade jetzt, da der verschollene Sohn wieder auftauche und sich ihm das goldene Tor der Kirche wieder öffne . . . Nur dieses eine wollte er, Ambrosius, noch sehen, und er wüßte dann, warum ihr! G'tt bis jetzt am Leben erhielt. Nicht das . geringste Zeichen gab Abraham von sich, als verstände er diese Worte. Er blieb stumm und starr. Sein Gesicht war kalt und abweisend, als wollte er sagen: „Was kümmert es Abraham, Sohn Abrahams, den Juden, was Ihr ihm von Valentin, Sohn des Grafen Stanislau Potocki, erzählt?" Dann kam, mit Ambrosius, die alte Dame in, tiefem Schwarz, groß, vornehm und eine Trauer in den Augen, die aus geheimen Tiefen zu kommen schien. Sie sprach kein Wort, sah ihm nur still ins Gesicht,, einmal und noch einmal, trat zurück und wieder vor, horchte mit gespitzten Ohren auf ein Wort von ihm, das er aber nicht sprach, verfolgte all seine Mienen und Bewegungen und entfernte sich dann still wie sie gekommen war. Nach diesem Besuche verschlimmerte sich seine Lage merklich. Die Behandlung wurde schroffer, das Brot knapper. Als gar drei Wärter mit Fesseln und leuchtender Klinge kamen, glaubte er, das rasche Ende nahe. Er wurde gefesselt, einer hielt ihm den Kopf fest, der andere bearbeitete sein Gesicht erst mit Schere, dann mit Seife und Messer. In Strähnen fielen die Barthaare zu Boden. Seine Fesseln wurden gelöst und es war alles wieder wie zuvor. Aber Abraham schien, als seien ihm mit den Haaren von Backe und Kinr.! die Jahre, die zwischen Valentin und Abraham lagen, Stück für Stück aus der Seele gerissen worden ... Wieder kam die Frau in Schwarz, diesmal in Begleitung eines jüngeren, hohen Geistlichen mit. einem Kopfe, der wie eine Marmorstatue steif und hart im Nacken faß. Wieder besah ihn die verhüllte Frau von allen Seiten, trat so nahe; an ihn heran, daß er ihren Atem verspürte, ergriff seine Hand, fuhr ihm wie prüfend und kosend über den kurzgeschorenen Kopf. Und nun stieß sie plötzlich einen Schrei aus, daß alles rundherum erzitterte und sogar in die eisernen Züge des Geistlichen Leben kam. „Valentin!" Dr. 23 wo Eine Mutter hatte ihr Kind, das sie unter dem Herzen getragen und in Schmerzen! geboren, erkannt. Sie umschlang ihn mit den Armen. Durch den schwarzen Schleier berührte ihr Mund seine Wangen. Er rührte sich nicht, erwiderte die Liebkosung nicht, seine Arme hingen schlaff herunter, sein Mund war fest geschlossen, seine Augen kalt und stumm. Wie vom kalten Hauch des Todes angewehr, sprang die alte Gräfin zurück. „Er kennt mich nicht, so sehr haben die Dämonen seine Seele umstrickt. Kommt, Vater, wollen beten bei der Helligen Jungfrau! ..." „Das wollen wir. Aber es ist ein ganz Verstockter, man wird schon schärfere Mittel anwenden müssen«," hörte Abraham den Prälaten noch im Abtreten, wie zu sich selber sagen. Dann sank er kraftlos auf die Steinbank zurück. „G'tt Israels, verlasse mich nicht! ..." XVII. Bei aller äußerer Ruhe und innerer Standhaftigkeit blieb doch der Erguß der Frau, die all seine Kindheit in einem Herzen voll zitternder Mutterliebe ihm entgegenreichte, nicht ohne tiefe seelische Erschütterung für Abraham. Er wollte stark bleiben und ausharren. Menachem Leib sollte ihm bis zum letzten Meister und Vorbild fein. Aber konnte er darum ein Naturgesetz verleugnen, die Stimme des Blutes zum Schweigen bringen? Er sah zwei Wege. Er konnte standhaft alles leugnen, die Identität mit Valentin Potocki als Sinnestäuschung erklären. Oder er konnte frei bekennen, daß er der Gesuchte sei, aber bei seinem neuen Glauben verharren und komme, was wolle. Der zweite Weg schien ehrlicher, aber er hatte sich zu Anfang für den ersteren Weg entschieden, der Anprall aus dem alten Mutterherzen machte seinen Entschluß wankend. Er hatte Zeit und Muße, die Sache in Ruhe zu überlegen. Der erstere Weg konnte zur Rettung führen, wenn er stark und standhaft blieb. Sinnestäuschung, Verwechslung konnten nicht als gänzlich unmöglich gelten. Die alte Gräfin konnte durch Alter und Leid einer Geistestrübung verfallen sein. Cs galt nur, auszuharren. Der anders Weg wäre der des sicheren« Todes, der zum Scheiterhaufen. Aber er wäre einfacher und mutiger. Seine Mission wäre aber dann mit ein Opfer der Flammen . . . Nur einer konnte raten. Und dieser war so nahe und so weit . . , Er zerbrach sich den Kopf, jedes Wort, jede Deutung aus dem Munde des Gaon, Rabbi Elie, besonders an den Sederabenden, sich einzeln in Erinnerung zu rufen. War nicht irgendwo eine Andeutung für seinen Fall, den der Gaon gewiß vorausgesehen hatte, enthalten? ... Als er sich eines Morgens wie gerädert von der harten Pritsche erhob, hatte er vorher, er wußte bald nicht mehr, ob im Wachen und Wirklichkeit oder im Halbtraume, den Gaon gesehen, gehört und gesprochen. Er sah und hörte ihn so deutlich, wie sonst, wenn er in feiner Lernstube oder an seinem Tische faß. Der Gaon hatte ihn mit dem gewohnten seelendurchbohrenden Blick angeschaut und nur ein Wort gesprochen: „Und zu Lewi sprach er . . ." Was bedeutete das? Es war ein Vers aus dem Schlußabschnitte des fünften Buches, dem Segen Moses an die Söhne Israels. Was besagte der Vers ihm, für feinen Fall? (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S. Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Klaufrnann, in Sprendlingen (Kr. -Offenbar). — Verlag des Israelit und Hermon ®. mb. H„ Frankfurt a. M. — Druck; ltzermon-Druckeret, Frankfurt a. M.j