Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1930)
- Date
- 1930-03-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 11 Der Israelit : 1 1 13. März 1930 Nueim-Oeilsge. Eine Budgetberatung. Wo nimmt man zehntausend kikar her? Im Privatkabinett des Ministerpräsidenten H a - man war große, sorgenvolle Beratung. Anwesend waren u. a. ein bayrischer Herr, der oft mit Haman verwechselt wird, weil er seine Artikel im „Völkischen Beobachter" ebenfalls mit H. zeichnet. Ferner ein Frankfurter Buchhändler, der auf den Namen eines großen Urahn Bileam hieß, sowie B i g s s a n und S e r e s , zwei tüchtige Georgier, u. v. m. Haman schüttelte das sorgenschwere Haupt und sprach: „Die Aktion muß nun in Kraft treten, wenn nicht bald unser ganzes Werk für die Hunde fein soll. Ich brauche für die Bewegung rund zehntausend Kikar. Es darf auch in Papieren, in Wechseln oder guten Aktien sein. Ihr wißt, Freunde, unsere letzten Reserven gingen in der „Allgemeinen" Misere verloren. Natürlich, wieder einmal Juden! Nun muß Geld herbei. Ich kann nicht zum König mit leeren Händen kommen." „Italien! Was ist mit Italien?" ließen sich leise Stimmen hören. „Und Amerika? Was ist aus der geplanten amerikanischen Anleihe geworden?" riefen andere dazwischen. Die Achastranim, Söhne der Remachim, erstatteten nun Bericht über ihre Mission in Italien und Amerika. * „Wir kamen in Rom zu Mussolini. Der Duce empfing uns mit offenen Armen und ausgesuchter Liebenswürdigkeit. „Es lebe der Faszismus!", tönte es in unseren Ohren. „Nieder mit den Juden!" fielen wir ein. Da wurde der Duce böse und zog die Hand aus der Tasche. Dann führte er uns an den herrlichen Titusbogen, deutete mit der Hand dahin und sagte: „Dieser da, der vortreffliche Faszist, der edle Titus, hat uns vor 1860 Jahren für volle zweitausend Jahre mit Antisemitismus übergenug eingedeckt. Bedauern. keinen Bedarf zu haben an deutschen Hakenkreuzen . ." „Und Amerika?", drängte der Vorsitzende. „In Amerika begaben wir uns natürlich sogleich zum Herrn Ford. Wir fanden ihn in einem großen, breiten Rabbinerkäppchen aus dem eckigen Kopf über ein Tillimbuch gebeugt. Wir trugen ihm unsere Not vor. Er hörte uns aufmerksam an und sagte: So, so, Ihr seid bankrott. Habe schon immer gesagt: Aus dem Antisemitismus könnte nur dann etwas werden, wenn sich ein tüchtiger Jude dahinterstellt!" „Und Eure Unterstützung, Herr Ford?" fragten wir. Herr Ford wurde bedenklich und sagte: „Wenn Ihr Geld haben wollt, so müßt Ihr Euch schon an die Juden wenden. Die haben Geld in Fülle und sind große Wohltäter . . . Also: S)ifr ist die offene Türe. Setzet Euch schleunigst in ein Auto, ein gutes Fordauto — natürlich erst bezahlen — und fahret zu Rabbi Stefan Weife und zu den anderen Weisen von Zion. Da kriegt Ihr Geld, Geld ..." Der Rabbi aber nahm unsere Worte zu Protokoll und wies uns die Türe. Hier sind die Protokolle, die „Protokolle der Weisen von Zion" ... Ein Seufzer im Chore begleiteten diesen niederschmetternden Bericht. „Wo nimmt man Geld her, zehntausend Kikar?" Alle Anwesenden schüttelten zum Zeichen der Trauer ihre Taschen aus. Sie waren so leer, wie ihre Schädel. „Wir wissen was," ergriffen die georgischen Herren Bigsan und Seres das Wort. „Wir schaffen das Geld herbei." „Wie??? . . ." „Wir drucken russische Tscherwonzen." Der Frankfurter Buchhändler zwinkerte verständnisvoll mit den Augen. Er hatte bereits einen Drucker für diesen Zweck. „Wir drucken Tscherwonzen!" stimmten alle zu, „zehntausend Kikar". * Der Erfolg war leider negativ. Als Haman dem König die schönen neuen Noten im Werte von zehntausend Kikar brachte, erkannte er sie sofort als gefälscht und sprach: „Hakessef nossun loch". Zu Deutsch: Behalte Dein Dr . . . Geld für Dich. Moderne und aktuelle Deutungen von Bibel- und Talmudsähen. Amalek. Amalek wird ins Zeugnis geschrieben a'p^rr kt xk er fürchtete Gott nicht. Ist das alles? Es soll damir das politische Programm Amaleks bezeichnet werden .Es war darauf gerichtet, den Menschern die Gottesfurcht aus den Herzen zu reihen. Zn der amalekitischen Sowjet-Union durfte von Religion nichts gesprochen werden. Da wurden die Gotteshäuser geschlossen und die religiösen Lehrer in die Wüste geschickt. Da mutzte die Welt protestieren. Der Papst sowohl wie der anglikanische Erzbischof. Selbstverständlich auch der midjanitische Oberpriester, Jitro, der aber nicht beim Proteste blieb, sondern sich dadurch veranlatzt, ganz zum Judentum fand. Darum bemerkt Raschi: xai vw na Was hörte Jitro, datz er kam? Antwort: piw mnV» Er kam um gegen Amalek zu protestieren. Esau und sein Gewehr. Und es sprach Esau in seinem Herzen: „Es werden nahen die Tage der Trauer um meinen Vater, dann erschlage ich meinen Bruder Jakob." Er gab damit, bemerkt Midrasch, die Absicht kund, die Tage der Trauer durch einen Vatermord möglicherweise herbeizuführen. Darf man Esau, der doch in der Schrift Beweise der Vaterliebe gibt, solches unterstellen? Midrasch dachte an den Prozetz des Grafen von Jannowitz, und Esau kannte die Geschichte aus der Zeitung auch recht gut. Mutzte es gleich ein Mord sein? Esau war ein guter Jäger. Es konnte sich ergeben, daß er abends das Gewehr putzte. Der Vater satz gerade auf dem Sofa. Da kam ein Pfeil geflogen, der Vater war tot. Wer konnte ihni dann etwas anhaben und Nachweisen? Interview mit Titus. Im Traktat Gittin 56 wird erzählt: Akilas beschwor den Geist des Titus herauf und fragte ihn/ wie er im Leben am ehesten hochkomme. Titus riet ihm, die Juden zu bedrängen, wie geschrieben steht: „Ihre Bejdränger kommen an die Spitze." Der Korrespondent der ITA., der das Gespräch belauschte, teilt darüber folgendes mit: Titus: Sie wollen, junger Mann, Karriere machen? Dazu bedarf es keines weiteren Studiums. Schlagen Sie einigen Juden den Schädel ein und Sie kommen hoch, sie werden Innenminister in Thüringen. — — — Was wird gelernt? Im Schiur der Jünglingsvereine is’a (Wie spielt man Futzball?). Im Schiur der Mädchen Tipi» ws (Wie und wo tanzt man?). Im Balebattim-Schmr die Sugja ik» yv2 (Wo bekommt man Geld her?). In Büros und Gemeindekanzleien betet man: iay nv'iwi lantj’Va ]in\ nvrtti ",21 TonVi!>w Ta Die Zehn Gebote. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: Neulich kam ich an einem nichtjüdischen Altwaarenladen vorbei und sah zu meinem Erstaunen ein Paar Tesillin offen im Schaufenster zwischen vielem alten Gerümpel herumliegen. Sofort ging ich hinein, um die Tesillin vor Profanierung und Schändung zu retten. Der Althändler sagte aber, er hätte sie von einem Handwerksburschqn, der die „Z e h n g e b o t e" auf der Straße gesunden, gekauft. Er wisse wohl, was die Z e h n g e b o t e für die Juden bedeuten und würde sie nicht unter zehn Mark hergeben. Ich hatte den glücklichen Einfall zu erwidern: „Die Zehngebote sind für uns von hohem Werte. Aber Sie sehen doch wohl ein, datz Sie von den zehn nur zwei besitzen. Was sollte man mit diesem Bruchstück der „Zehngebote" anfangen? Das sah der gute Mann ein und gab mir die heiligen Gegenstände 'für eine Mark her. Karneval und Fußball. In Frankfurt siel dieses Jahr der Karnevalszug aus. Nicht mit Rücksicht auf die hundert Millionen Menschen, die in C h i n a verhungern, oder wegen der zehn Millionen Menschen,die in Deutschland hungern, sondern mit Rücksicht auf die kn ’h? auf die 50 000 Menschen, die an diesem Tage nach dem Stadion pilgerten, um vbv D’kn (drei Futzballrunden im Länderkampf) mit zu erleben. In den zuständigen Bohörden hatte man lange vorher über die Frage '» 'Mv nma '» (welche Veranstaltung hat den Vorzug) verhandelt. -Man-stritt,über die^.WMU.dische Frage, Tin uw i’*ta und entschied sich, wie es halachisch in Ordnung ist, für arro i’irv Obwohl in der Synagoge am vorhergehenden Sabbat mit der Hafthora von SHekolim — gegen die von Rauschchaudesch — das Prinzip durchbrochen wurde. Das war übrigens nach „Minhag Aschkanes". Im Stadion aber fiel die Entscheidung nicht für Aschkenas, sondern für Minhag Hoitalianim (Italiener) aus. Maskeraden. Am Hofe zu Schuschan fand ein Maskenball mit hohen Preisen für die schönsten Kostüme statt. Alle Länder und Provinzen von Hodu bus Kusch waren vertreten und an der Konkurrenz beteiligt. Tine Maske fiel auf, die in den Gewändern des Hohenpriesters von Jerusalem daherging. Dann erregte auch noch Aufmerksamkeit ein Dorfbader aus Karzum im Kostüme eines Grvtzvesiers. Sogar ein Engel hatte sich als Minister verkleidet und nannte sich H a r b o n a. Den Dorfbader im Gewände des Grohvesiers lieg man hochleben (50 Ellen hoch). Den e r st e n Sieg errang aber ein Mann in einem schlichten Kostüm, bestehend nur aus einem Sack mit Asche darauf. Mordechai heißt der Preisträger, natürlich ein Jude!... Eintragung ins Handelsregister. Um Mißverständnisse zu vermeiden, wird die neugegründete Hirsch-Gesellschaft unter dem Namen G. m. g. H. (Gesellschaft mit ganzem Hirsch) eingetragen. Mißverständnis. Lehrer (beim jüdischen Geschichtsunterricht): Nun habe ich Euch einiges von R a m b a m und R i f erzählt. Weiß jemand, wie dieser Nif sonst noch mit vollem Namen genannt wurde? Bernhard (der nicht aufgepatzt hatte): Der Rif? Ja natürlich, „Reichsbund \ ü d i scher FrontsoI - daten". Hamanitische Humanität. (Aus einer Münchener Landtagsdebatte.) Als die hamanitischen Edikte lawSo asi as auch nach Bayern in Oberbayrisch gelangten, wurde von mehreren Parteien im Landtag der Antrag eingebracht, der Tötung eine Betäubung vorangehen zu lassen. Der Antragsteller begründete die Interpellation: Eigentlich liegt diese hamanitäre Betäubung schon im Wortlaute des Gesetzes. Denn wozu sonst die drei Ausdrücke rank annl» Taarak Ganz gewiß ist mit dem raipnV die vorangehende Betäubung angedeutet. „Wäre noch schöner", regte sich ein biederer Bajuvaro auf, „unsere Rindviehhumanität auch auf die Juden auszudehnen." Uebrigens war Haman ein S . . Preutz. Wird doch im jüdischen Talmud auf das Festmahl, das Esther Haman gibt, der Bibelsatz angewandt: ans xki y'vnb avik Zu Deutsch: „Gib dem hungrigen Preußen Dein Brot . . ." Vielleicht; Eine Leserin aus Frankfurt a. M. schreibt uns: In unserem Hause wird der zurzeit im „Israelit" laufende Roman mit größtem Interesse gelesen. Zuweilen wird am Freitagabend, um das Wandern der Zeitung von Hand zu Hand zu vermeiden, von unserer älteren Tochter oder von mir selbst die Fortsetzung laut vorgelesen. Klein-Elschen hört eifrig zu und ist, soweit sie die Zusammenhänge versteht, voller Spannung: Als wir dieser Tage einmal den Fall des verschwundenen Professor D r e x e I besprachen, platzte Elschen plötzlich heraus: „Mutti, ich weiß schon, wo der Drerel ist, Er. ist sicher nach Paris, hat sich dort einen dicken, blonden Bart wachsen lassen und nennt sich Abraham, Sohn Abrahams; darum können ihn die Leute nicht finden!" Briefkasten. Herrn V. Weinbrand in Klein-Schnchan. Es wird sich empfehlen, daß Sie über das zehnte Glas den Segensspruch nairrn na «na machen, da sie dann sicherlich auf der Erde liegen. An Szar Hoofim in Klein-Afchenheim. Uns ist der Brauch, in dem zum Verkauf gelangenden Purimgebäck Asche statt Rosinen zu verwenden, als Andenken an die Asche, die Mordechai auf sein Haupt gestreut hat, nicht bekannt. Madame Esther in Schuschan. Das Manuskript ist zu lang. Wir dürfen Sie bitten, sich nächstens etwas kürzer zu fasten.