Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1930)
- Date
- 1930-02-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Abraham Sohn Abrahams. Line Helden- und Mrtyrergefchichte. Von S. Schachnowitz. (Fortsetzung). XV Wie unterirdisches Grollen kündigte sich die neue Zeit in Prag an. Die Vorfrühlingswinde rüttelten feit Maria Theresia und mit den ReformmethodM von Josef O mächtig an den Ghettomauern. Hofjuden und kaiserliche Faktoren waren eifrige Mittler zwischen Gasse und Welt. Der Mann auf dem Rabbinersitz hatte aber wache Sinne und feste Hände, ein Herz voller Liebe für sein Volk, und Augen, denen fast prophetischer Blick für notwendige Entwicklung gegeben war. Damit wachte er über die Gemeinde, daß -nichts Schädliches von außen in sie eindringe. Rabbi I e ch eskel Landau war ein Führer, wie sie. nur in großen Zeitabständen dem Judentum entstehen. Eine.mächtige, ragende Erscheinung, obwohl zu dieser Zeit noch jung, ein beredter Mund, geschaffen,Wissen, Licht und Erhebung in die Seelenzu leiten. Hochangesehen, bei den Behörden bis zur Kaiserin und zum Kaiser, wuchs seine Autorität auch in der Gemeinde immer mehr. Wie eine feste Mauer stand er zwischen Welt und Gasse, bindend und trennend. Er gemahnte seine Mitglieder und die böhmische Judenheit an ihre Pflicht gegen Staat und Krone, an ihre Dankesschuld für die ihnen erwiesene Toleranz, und wußte doch auf der anderen Seite Dämme zu errichten, die dem jüdischen Innenleben festen Schutz vor Wind und Sonne boten. Vor diesem großen Rabbi Jecheskel saß, tief erschüttert von dem letzten Erlebnis in Paris, Abraham und lauschte auf seine Worte. Wie eine ragende Zeder saß der große Mann da, man konnte sich an ihm emporranken. Es ging eine Kraft von ihm aus, die den Schwachen stark machte. Er zeigte nicht die einmalige, unnahbare Heiligkeit des Wilnaer Rabbi Elle, auch nicht die lebendige, scharfgeschliffene Weisheit des Rabbi Jonathan und noch weniger von der düsteren, strengen Verdrossenheit Rabbi Emdens. Ein Bild edler Ruhe und Würde,-saß er da wie eine Säule, die Israels Haus trug. Alles, was im jüdischen- Leben sich-Irgendwo ereignete, war ihm vertraut!und naheii'Er -sprach vonben Dingen in Berlin, in Hamburg, in!-Polest' und üm Oriente, wie von eigener Sache. Wie ein Panorama lag das gesamte jüdische Leben vor seinem Auge ausgebreitet. Er konnte lachen und scherzen wie Rabbi Jonathan, konnte zürnen wie Rabbi Emden-, auch geheimnisvoll s ch w e i g e n und kurzgefaßte Weisheitsworte von sich geben, die an Wilna erinnerten. Er kam keinem der genannten Lehrer in. ihrer großen Eigenart gleich. Da er aber von -jedem etwas in sich vereinigte und dieses Etwas zur rechten Stunde anwandte, erschien er Abraham mehr als alle anderen. Von seinem, Abrahams, Leben und Schicksal hatte er auch schon gehört:; Die tragische Geschichte Menachem Leibs, die Abraham wie eigenes Unglück vortrug, hörte er unter Tränen an. -,-Sagte und sage es immer," bemerkte er, „die ganz Großen und Heil i g e n sitzen nicht sichtbar an gehobener Stelle, als Lehrer und Führer, sie sind einzeln verstreut da und dort, unsichtbar, ungenannt und ungenannt. Dieser Menachem Leib, der Seelen dem Lichte rettet und dann in düsterer Gefängnis¬ Nr. 9 19)9 grübe still die eigene Seele aushaucht, war einer von den Sechsund dreißig . . . Engel jauchzten bei der Heimkehr seiner Seele . . ." „Und ich, Rabbi?, hätte ich ihn nicht retten können, rettensollen, nachdem klar war, daß sie m i ch suchten, er sich für mich opferte?" „Ihr hättet ihn nicht gerettet. Es wären dann zwei kostbare Seelen geopfert worden. Vielleicht seid Ihr noch zu anderen, höheren Zwecken erkoren!" „Dachte," sagte er entmutigt, „meine Ausgabe darin zu sehen, Frieden in Israel zu bringen. Der Weg ist aber so voller Dornen. Wird das Werk vollbracht werden? Vielleicht doch, wenn sich Prag, Amsterdam, Frankfurt und Wilna dafür einsetzten und die Hand reichten?!" Damit waren sie beim leidigen Kapitel A l - t o n a angelangt. In keiner Stadt außer Hamburg—Altona selbst hatte man den Vorgängen in der Dreigemeinde so viel Beachtung entgegengebracht, wie gerade in Prag. Dort kannte man Rabbi Jonathan von Jugend auf, da er noch als Dajan und Prediger alle Herzen entflammte, mit seiner Klugheit und Gelehrsamkeit die Seelen sich erbeutete. Er hätte vielleicht heute an der Stelle gesessen, wo Rabbi Jecheskel saß, wenn nicht bestimmte Umstände ihn nach Metz und von dort später nach Altona geführt hätten. Als dann die Werke. Rabbi Jonathans anfingen, die Zelt zu erobern, war Prag stolz auf seinen Rabbi. Blieb doch sein Name mit der Stadt verbunden, hieß er doch noch in der ganzen jüdischen Welt Jonathan- Präger. Um so größer war jetzt die Teilnahme an seinem Schicksal. Mit Ausnahme weniger, die von früherher aus irgend einem Grunde. Jonathan nicht gewogen waren, standen alle gefühlsmäßig auf Seite Jonathans. Man war in Prag des gewiß und sicher, daß der Rabbi frei von Schuld und Tadel war und daß, was ihm zur Last gelegt wurde, nur inbösem Willen,, in Neid und Argwohn gewissenloser Menschen, die das Ohr Rabbi Jakobs fanden, seine Wurzel haben konnte. Rabbi Jecheskel Landau beschäftigte die Angelegenheit Tag und Nacht. Er lebte sich in sie hinein, wie in eine eigen Sache, prüfte und kam zu einem Schluß: die Kameoth sind arstößig, können, im Lichte Emdens gesehen, als Gotteslästerung erachtet werden, darum sind sie nichtausderHandRabbiJonathans gekommen. Rabbi Jonathan b l e i b t der,Große, der er " stets war, der'Weife reinsten Herzens, ohne Fehl und Tadel. Wer ihm die, Achtung versagt, versündigt sich gegen die Thora und einen ihrer vornehmsten Träger. Er, Rabbi Jonathan, möge s e l b st die Am ulet t e v erwerfen, erklären, daß er nichts mit ihnen zu tun hätte, und alles, fei aut! „Aber er h a t sich zu ihnen bekannt," wandte Abraham ein. „Er gibt zu, deren welche geschrieben zu. haben, gibt ihnen nur eine andere, harmlose, Deutung." „Dann," entschied' Rabbi' Jecheskel, „hatte eben der große Rabbi Jonathan einmal etwas gedankenlos ab- oder nachgeschrieben, was ihm dem wahren Sinne nach selber nicht klar war. Vielleicht geschah es in Eile, in einer Stunde von Gedankentrübung, von der auch der Größte zuweilen nicht verschont bleibt. Die Ehre des großen Rabbi Jonathan bleibe darum unangetastet. Die Pergamente aber sollten schleunigst verbrannt werden . . > Rabbi Jecheskel und seine Freunde in Rabbistat und Gemeinde hofften zuversichtlich, daß nach diesem Entscheid und auf dieser Basis bald der Friede in Altonq einkehren müßte. War es nicht wahrlich der beste Ausweg, Pergamentfetzen zu verdammen und große Menschen in ihre Ehre wieder einzusetzen? - Diese Erwartung mußte vom blondbärtigen Sendboten,^ der aus Amsterdam über Hamburg- Altona und Paris nach Prag gekommen war, zerstört werden. „Der Weg zum Frieden ist nicht gegeben," berichtete er bitter. „Er wird von beiden Seiten nicht gegangen. Rabbi Jonathan bekennt sich zu einem Teile der Inschriften und deutet sie in seinem Sinne; nennt jede andere Deutung, so sie nicht in so guter Absicht gegeben wird wie in Prag, eine Verleumdung. Rabbi Jakob Emden in seinem Kreise aber ist nicht willig, die Person von den Dingen zu trennen. Er geht von seinen- Ansichten nicht ab und würde sein Verdammungsurteil auch dann nicht ändern, wenn sich Rabbi Jonathan von seinen Pergamenten lossagen sollte. Zu tief sitzen die Gegensätze, als daß sie auf diesem Wege überbrückt werden könnten." Rabbi Jecheskels Gesicht verfinsterte sich, da man von der inneren Zerrissenheit Israels sprach. In diesem Meere innerer Not sah er den Altonaer Streit nur wie eine Rinne von besonders starkem Wellengangs an. Hier hatte sich aus irgend einem unbekannten Grunde das Wasser gestaut und eine.wilde Brandung hervorgebracht. „Aber auch in Wilna gibt es Streit, um die Lehre und die Menschen im Kreiss des L a - d y i e r R a w , die ich nicht genug kenne. In der heiligen Gemeinde Frankfurt tobt der Kampf um den Oberrabbiner zwischen zwei Parteien, die in Wahrheit ganz andere Dinge miteinander auszutragen haben. Hier in der alten' Gemeinde, P r a g , wo der Heilige, gelobt sei Er, das Herz der Könige und Fürsten milde gegen uns gestimmt hat, sind die Herzen in der Gemeinde nicht alle gleichgestimmt, wenn sich auch Bösheit, Ungehorsam und Widerspruchsgeist aus Furcht vor den Behörden, die die Maßnahmen von Rabbinat und Vorstand schützen, noch nicht offen an den Tag wagen. Aus Berlin kommen- Nachrichten, deren tieferer und letzter Sinn noch nicht klar ist. Hader, Zwiespalt und Zerrissenheit überall! ..." Und die Erlösung wird durch die kalten Herzen, die nicht in Liebe zusammenschmelzen können, aufgehalten! Wo sollte die Hilfe in der Not der Geister und Herzen Herkommen, wo war die erlösende Hand, die aus dieser Enge in die geistige Freiheit führte? Schon viele Jahre beschäftigte Rabbi Jecheskel diese Frage, und er versuchte in Büchern.- Briefen und Vorträgen, auf sie Antwort zu geben. Man wußte es in Amsterdam und in Altona, und auch Abraham hatte Kunde davon erhalten, s daß Rabbi Jecheskel sich mit einem festen Plane herumtrug für eine große Brücke, die alle Seelen und Sinne in Jskael über Länder und Meere hinaus verbinden sollte. Es war mit ein Grund, daß Abraham von Paris aus seinen Weg nach Prag nahm. Er spielte während seines ganzen Marsches durch die böhmischen Wälder mit dem beglückenden Gedanken, Mittler und Bote dieses großen Werkes der jüdischen Sammlung zu. sein. Nun faß er vor dem großen Manne, dessen Vertrauen er rasch gewann, und härte den Plan in allen Einzelheiten aus seinem eigenen Munde. „Das Vrudergefühl im Israel der Zerstreuung," begann der Rabbi einleitend, „strebte immer nach Einheit und Sammlung und fand auch zu jeder Zeit die ihm gegebene und paffende Form der Sammlung. War es m der Glanzzeit des jüdischen Staates das San he drin im heiligen Tempel, so galten später der Patriarch in Babylon, die gaonitischen Schulen als Herz- und Sammelpunkt des jüdischen Volkes. Im käst i - lischen Spanien gab es die jüdischen Fürsten, die, ganz Juden, ihre Nation in den Höfen der Könige und Sultane vertraten. In Deuts chland hatte schon Rabbenu Gerschom mit dem Gewicht seiner Persönlichkeit Einrichtungen