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Der Israelit · 1929-09-12 · Heft 37 (12.9.1929) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 37 (12.9.1929)
Date
1929-09-12
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14. Nr. 37 Der Israelit 12. September 1929 stammt, so bleiben nur wenige absolute, naturgesetzliche Wahrheiten. Was nützt der starke Hebel der Kausalität, wenn die feste Voraussetzung fehlt, an der er anigreifen soll? Ganz anders verhält es sich mit dem, was wir historische Wahrheit nannten. Ein geschichtliches Ereignis ist, wenn ich nur Garantien für feine treue Üeberlieferung habe, unantastbar, gemeinhin eine absolute Wahrheit. Einmal verloren ist sie selbst dem höchsten Intellekte unerreichbar. Nur eine neue Quelle der Üeberlieferung könnte sie wieder aufdecken. Der Zeitgeist vermag sie nicht anzutasten. Sie ist und bleibt solange absolut, als die treue Üeberlieferung bleibt. Sie ist einfach Tatsache. Was der Intellekt für die naturgesetzliche Wahrheit bedeutet, bedeutet das Autoritätsprinzip für die historische Wahrheit. Soll eine Summe von naturgesetzlichen Wahrheiten unangetastet vom wechselnden Intellekt und Zeitgeist durch die Jahrtausende erhalten bleiben, so gibt es kein besseres Mittel, als sie in historische Wahrheit umzugestalten. Mit der Offenbarung am Sinai geschah dies. Der Inhalt der Lehre, die schriftliche und die mündliche, wurde am Sinai in die Hände Mosches gelegt. Er ist rein intellektuell und ist dem höchsten Verstand restlos faßbar als Wahrheit. Für uns-kann er erfaßt werden ganz nur als historische Wahrheit. Unsere Weisen drücken das aus in den Worten: Fünfzig der Tore der Vernunft gibt es, Mosche, dem Vater der Propheten, waren 49 geöffnet. Mehr vermag der Sterbliche lebend nicht zu erreichen?) (Wo der menschliche Durchschnittsverstand nicht hinreicht an die überirdische Vernunft, zeigt sich die besondere Aufgabe der Offenbarung.) Mit der Offenbarung wird das jüdische Gesetz aus einem logischen und ethischen Gebilde zu einer historischen Tatsache und damit den treuen Händen der Tradition übergeben. Schon aus dem rein historischen Charakter der drei Wallfahrtsfeste erhellt die übermächtige Rolle, die im Judentum dem historischen Moment als Vermittler der Vergangenheit und ihrer Jdeenmhalte angewiesen wird. Voraussetzung für die Erhaltung jeder historischen Wahrheit ist, wie wir oben schon sahen, die Gewähr für treue Üeberlieferung. Aber diese kann nur zustande kommen durch eine. Kette, deren Glieder aneinandergeschmiedet sind durch das lückenlose Band eines Autoritätsglaubens, der die unbedingte Treue der Uebsrlieferer zur Grundlage hat. Mit dem Bestände der Üeberlieferung steht und fällt das Judentum. Deshalb prägten unsere Weisen, denen das schaffende, bewegliche Denken sonst höchster Genuß war, doch das Wort: „Besser als der bergeentwurzelnde Feuergeist, ist der, der den Sinai, d. h. sein Gesetz, treu besitzt"/) oder „die zementierte Zisterne ist dem frisch fließenden Quell noch vorzuziehen"?) Maimonides hat als erster ein systematisches Gesetzbuch des jüdischen Volkes verfaßt,- Als' Einleitung stellt er ihm voran namentlich die Ueberlieferungskette von Moses bis Rav Aschi, dem Redakteur des Talmud. Ein Glied in der Kette, das fehlte, würde die Struktur der absoluten Wahrheit rauben. Ein Wort unserer Weisen zeigt naiv, aber mit unerbittlicher Logik, die Bedeutung der Ueberlieserung: Gibt es keine Kinder, so gibt es keine Schüler, Gibt es keine Schüler, so gibt es keine Gelehrten Gibt es keine Gelehrten, so gibt es keine Lehre Gibt es keine Lehre, so hören die Lehrhäuser auf, und ohne Synagogen und Lehrhäuser weicht die göttliche Majestät von der Welt?) Ja, lieber will Gott, sagt ein Midraschwort, verlassen sein, als daß sie seine Thora verließen; denn folamige in Israel die Tradition lebt, wird es immer wieder zurückfinden können?) Oder das Gleiche besagend: „Es verziehe Gott Israel seinen-Götzendienst, sein Blutvergießen, aberdie Mißachtung 3) K"3 N"1 4) T'O 01313. 5) «"•>;a rna« c) Ypi 7) ns’K enta -der Lehre verzeiht er ihm nicht"?) „Selbst wenn j es sich um den Bau des jerusalemitischsn Tempels handelt, dürfen um dessentwillen die Kinder keine Schulversäumnis erleiden"?) Autoritätsglaube, von dem hier die Rede ist, heißt nicht etwa kritiklose Hinnahme. Wer einmal schon beim Talmudstudium zugehört, wird nie auf diesen Gedanken kommen können. Er bedeutet vielmehr ernste Würdigung des Ueberlieferten als historisch empfangene. Wahrheit. „Hast du das, was du eben sprachst, als Üeberlieferung empfangen, fo nehmen wir es an, wenn aber nicht, ist es eine Schlußfolgerung von dir selbst, so wissen wir darauf manches zu erwidern".") Der Träger der Üeberlieferung muß durch besondere menschliche sowohl wie wissenschaftliche Eignung sich das Vertrauen erarbeitet haben, auf das er dann unbedingt- Anspruch machen kann. Die durch den Autoritätsglaub en bedingte Unterordnung gilt nicht eigentlich dem Träger selbst, als vielmehr- Gott und seinem Worte, ist also un persönlich. Militärische Auswüchse dieser Disziplin werden auch dadurch vermieden, daß die Träger der Ehrung die Disziplin unter dem gleichhohen Gesichtspunkte sehen und sehen müssen, wie die Ehre Erweisenden.") „Es sei dir die Ehre deines Schülers lieb, wie deine eigene."") Eins Verpflichtung einem Nebenmenschen gegenüber wäre ja Despotie, wenn sie nicht gegenseitig wäre. Ebenso wie dem Nichtn"n oder dem geringeren rrn die Pflicht der Achtung vor dem Großen oder- Größeren obliegt,- so ist es unbedingte' Pflicht des durch feine' Haltung und Führung,hem Subordinierten diese, Achtung zu ermöglichen und zu erleichternd Er sindeft seine Stellung offenbar ängezeigt im Verhalten des Vaters zum Sohne, dort nach (nvv T'ain T? ra?«) verstößt der Vater, dev seinen erwachsenen Söhn züchtigt gegen iizm nrr und ist der Androhung des Bannes verfallen. Es ist nicht einzusehen, warum die Auffassung beim rrn eine andere fein füllte, zumal ja hier manchmal vielleicht Ungewißheit über die Stellungnahme herrschen kann, also besondere Neigung zur Lockerung des Verhältnisses besteht, die beim Vater stets fehlt. Wir sehen also, der n '"'n trägt in seinen Handlungen nicht nur Verantwortung für sich, sondern auch für andere. Seine Pflicht ist doppelt. Er muß sowohl an sich Norm und Richtschnur sein als auch Träger einer Autorität, die um keinen Preis geschädigt werden soll. Vom Volke aus gesehen wird ausdrücklich gewarnt, den fehlgehenden mit der min zu identifizieren. noKöi imin jnt motJ> b"jw n"ii 13) Die gefährlichsten Klippen für den rrri ergeben sich da, wo er im öffentlichen Leben stehend die Arba Amaus der eigentlichen Halacha verläßt. Von der hohen Warte der klaren überparteilichen Halacha herabsteigend in die Arena der Politik, stellt er sich seinem Gegner gleich, wird aus dem Kampfr i ch t e r, zu dem er berufen ist, Kampf Partei. Wenn man sich herbeiläßt, sich mit jemanden im Duell zu messen, kann! man nicht verlangen, schonender behandelt zu werden, als man selbst handelt, zumal es in der Politik für den ernsten, handelnden Menschen immer um „Lebensfragen geht. Politisch sich als Parteiischer betätigen, heißt auf „Autorität" verzichten und wir wissen, daß der in der Oeffentlichkeit nicht das Recht hat, dies zu tun.") An die Stelle der Autorität tritt die verwandte „Suggestion". Abgesehen von dieser Nivellierung, die der politisierende n»r\ an sich selbst begeht, ist dies Instrument an sich seiner unwürdig. Politik im heutigen üblen Sinne (schon Bismarck behauptete von ihr, daß sie den Charakter verderbe) ist nicht so sehr Bezeichnung für eine Betätigung als vielmehr für eine bestimmte Art und Weise dieser, .Betätigung. Das geschickte Ausweichen, 8) 'T M K*S ,13'3N 'P11’ "1 v"'p N3V “> Y9 »«Mi* n) 3”’ 'o rT'ö rrn m 3"3V1 ”3 i"v tb man,. 1S) 17p <iHtT r “) ar* 'n Vfößwi o*aa*v das elastische Vor- und Zurückweichen bei stetem Hinblick auf das Ziel ist typisch für das, was wir 'heute gemeinhin Politik nennen. Wie der zähe! Schachspieler manche Figur und manchen Gejurinn opfert, um des endlichen „Matt" willen, lohne seinem Rufe zu schaden, so tut dies auch der „tüchtige" Politiker und muß dies tun. Das „Do ut des" der Politik, volkstümlich weniger schön als treffendmit „Kuhhandel" bezeichnet, ' gehört zu jenen Dingen^ die man öffentlich zwar verurteilt. Im Geheimen nimmt man sie als notwendiges Uebel hin. Der Enderfolg entschuldigt alles. In jüdischer Politik vergißt man dabei zu leicht, daß die „Halacha" nicht nur Ziel, sönj dern vielmehr „Weg" ist, der „gegangen" werden soll. Man vergißt zu leicht, daß ein Schritt seitwärts nicht durch zwei Schritte vorwärts gut gemacht werden kann. Der verbotene Weg macht den. trefflichsten Erfolg in bester , Absicht zunichte ,aÄh)?Jn Verfechtung eines jüdischen, Prinzips hat so diese elastische Methode der, indirekten Zielstrebigkeit,. die ’ PoÄik/- ihre Gefahren, wie man aps -nnferer Definition leicht ersehen, kann. Wenn ein „Nebenzug" ,, oder ein Verzicht in -Kollision, bringt mit demeigentlichen Prinzip, in diesem Fall dem fli. so ist öffenbar der halachjfch unstatthafte, -Fall. her. maya kan rnxa gegeben- Man kann ruhig sagendas.halachifch Mistatihafte: „Der Zweck rium des. Begriffes „PolAik". Die^juMchen„Pö- Miker",j die keinen Preis werden rückwärts noch seitwärts abweichen,im Verfolg, ihres, Zieles, belächelt, man rftitleihig und J nennt sie „unmöglich", dort, wö nicht der Weg- ,sondern das Ziel nur gilt, eifle ganz ^irrige. Lluffaffung des -Begriffes. Nun wird man mir ruft dem zu. Tode gehetzten hetz Gegenbeweis fsihren wollen- Äefer Satz wird von unseren Weisen auch etwa in folgendem Sinne übertragen: „Es gibt Zeiten, wo Zerstörung (eines Gebotes) heißen kann im Sinne der Thora, schaffen.", Aber, es. ist doch selbstverständlich, haß dieser nrn ficö 314 jenem verhält, wie die Ausnahme zur Regel. Dies erhellt nebejn!- hei demjenigen, dem es nicht schon der einfache Menschenverstand sagt, aus den zur Beleuchtung des pm angeführten Beispielen: Gideon. und Elija am Karmel. Es erscheint schon mehr als gewagt, diesen Mir zu. benutzen, um eine ständig geübte Hayhlungsweise, eine Lsbensmaxime rra^na zu begründen. Die Ausnahme bestätigt hier,, wie oft, die Regel. Ohne Politik im heutigen Sinne geht es nicht. Politik beruht, wie wir oben schon umschrieben, auf skrupelloser Vorausberechmmg. Unfehlbar ist diese Vorausberechnung noch nie gewesen. Das zeigt die Politik der Völker, insbesondere die des jüdischen Volkes. ‘ Wir können es nicht als einen Perstoß gegen vm p»o pn bettachten, wenn ehrliche aber sog. unmögliche Politiker kein Titelchen .ihrer Ueberzeugung einem eingebildeten Phantom opfern wollen in Verfolgung einer heiligen Idee. Wir glauben vielmehr den Fall des . . Kan hier gegeben, weil wir der Meinung sind, daß auch die r e i n st e S a ch e durch schmutzige Waffen herabgezogen würde. Nebenbei gesagt: Das G e - fühl, das schwankende, rasch überhitzte, leicht übermächtige, spielt m der Politik eine viel zu große Rolle, als daß man so unsicherer Basis etwas so heilig zu hütendes wie die Halacha anverttauen könnte. Jede politische Diskussion beweist neu, wie wett das Gefühlsmoment den Ausschlag gibt für eine politische Einstellung. (Auf rein religiösem .Gebiet war wohl der Kampf des Gaon gegen die Oefühlshypertrophie im Chassidismus demselben Motiv -entsprungen. Me Möglichkeit der Geftölt Bubers zeigt. deutlich, -mit welchem Recht.)? . . (Schluß folgt.) 15> rsp tr’p> v'^'nn

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