Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1929)
- Date
- 1929-09-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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12. September 1929 Frankfurt a. 2TT., den i. <zu ssss Nr. 37 man für das orthodoxe Judentum Begründet von Dr. Lehmann In Mainz Abonnement ab Juli INS: Deutschland 1-30 Mark monatlich: Ausland: Merteltahrvreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten de s Etreifvand-Ber; fandes) Deutsch-Österreich: Schilling 6^—; Amemla ar; England 4 sh.; ab 1. Juli tunDesi;ueuuajs;uner«;eiuj♦ vujiumu or-• *. » whhwhv * *• ^,*** Frankreich 35 Fr.; Belgien ab 17.27. Belga 5; Holland 3 fl.; Italien ab 1.i.28.18 Lire; Jugoslawien 65 Din.; Litauen 7.50 Sit.; Rumänien ab 1. 7. 37. 160 Lei; Polen s deutsche Toldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 5 Fr. Tschecho-Slowakei L Kronen; Ungar« «enflö 5 ab 1. Juli 1827; Dänemark 8.50 Krön; Norwegen 8.a0 Krön.; Schweden 8.60 Kro«. Einzelnummer vierzig Doldpfruiige._ Der Israelit erscheint jede« Donnerstag. Inserat» 68 Gowvs. für die fiebengespalt«»» Nonpareille-Zeile. Abonnenten zählen bet Stellengesuche« und Familtenauretgeu nur 40Df. Die 75 mm breite Reklamezeile r letzte Textseite 2.-Att., vorletzte Tertseite 8.50 Mk.; Thiflregebühr in Hö'ie eines dopr. Fernbrieftiortos. Rabatt nach Tarif. Bet laufende» ~ — •.-..*«*,»« Inferatenannahms durch de» irabenstraße 7, Tel. Hansa 5848 leinigr Jnseratenann. fiir Franks. ' ' ohne Berbindlichk. __«... direkt an den Berlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. IS 808. - »Zarschau Nr. 190757. - Postscheckamt ZürichNr. Vin 7B4 - Inkasso-Bank Rotterdam Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Gerichtsstand für alle .. - Jauca^Mjmtuuroach ÜTäniTCo7i« Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Me Kenessio Oeäsulo. Die kenessio ist eröffnet! (Priv.-Tel.) Wien, 11. Sept. Kurz nach 4 Uhr beginnt die Zufahrt und der Anmarsch der Menschenmenge zu den Sophien- Sälen. Gegen 5 Uhr ist der Riesensaal samt Galerien und Logen dicht angefüllt. In der Vorderreihe und in den Seitenlogen sitzen Ehrengäste und Vertreter der Staats- und städtischen ^Hörden. Aus einer Balustrade hinter dem . .des Präsidiums sitzen die ehrwürdigen ./Av.V-’r des Rabbinischen Rates. Tausend elektrische Birnen hüllen den Saal in ein Lichtermeer. 5.20 Uhr besteigt Herr Rabbiner Dr. Pinchas K o h n das Podium. Das erste Wort gilt den Märtyrern im heiligen Lande. Man möchte im wilden Schmerz aufschreien, inan schweigt aber in demutvoller Hoffnung; wir wollen geloben, daß die trumj? nicht umsonst gestorben sind. Der Oberkantor Braun von der Schiffschul trügt das a^am 8b» brr vor, das stehend angehört wird. Tausende sind still ergriffen, in aller Augen stehen Tränen ... Die Rede fortsetzend, gibt Rabbiner Dr. P. Kohn einen Ueberblick über die 6 Jahre seit der letzten Kenessio Gedaulo. Damals war sie ein Wagnis, heute ist es allgemeine Ueberzeugung, daß ihre Existenz eine Notwendigkeit ist. Das Golusproblem ist heute ein Weltproblem. Agudas Jisroel hat der Welt einen großen Dienst geleistet, indem sie mitten in ihrer Zerrüttung gezeigt hat, daß Hingabe an eine Idee die Menschen eint. Daß Millionen nicht in Verzweiflung verkommen sind, sondern sich an einem Ideal emporgehoben haben, ist das Werk der Agudas Jisroel. Ein jüdisches Volk ohne Hingabe an Gott istein leeres Phantom. Agudas Jisroel weiß, (Fortsetzung siehe Seite 4.) Israel und die religiöse Krise der heutigen Menschheit. Rede, gehalten in 'der Eröffnungssitzung der 2. Kenessio Gedaulo am 5. Elul 5689 zu Wien. Von Dr. Nathan Birnbaum. Auch dem Frommen, auch dem, der kein Freigeist ist, entgeht nicht die weitgehende leibliche Aehnlichkeit des Menschen mit den höheren Tiergattungen, die Analogie im Baue von Mensch und Tier. Und ebenso übersieht er nicht die Schicksalsverwandtschaft, die zwischen ihnen besteht. Odom uwehemo tauschia haschem. Mensch und Tier hilfst Du, o Gott, sagt der Psalmist. Aber der Fromme übersieht auch nicht, wie der Freigeist, daß nur der Mensch, nicht aber das Tier, von dieser Hilfe weiß oder wenigstens um solches Wissen ringt. Rur der Mensch sieht sich vor die großen Fragen gestellt: Was geht mit mir vor? Was geht mit uns allen vor? Warum sind wir da? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Warum sind wir so wie das Tier und doch anders? Was ist, das in uns waltet und uns anders macht? Allerdings sagt der Freigeist, daß diese Fragen nicht zur religiösen Antwort zwingen, daß nicht die mindeste Nötigung vorliege, das, was den Menschen über das Tier emporhebt, durch ein Göttliches zu erklären. Aber das ist eben der große entscheidende Irrtum des Freigeistes. Denn ganz abgesehen davon, daß der Entwicklung selbst, die er so gerne an die Stelle des Göttlichen setzt, für den weniger voreiligen Denker deutlich das Element metaphysischer Zielstrebigkeit anhaftet — einfach die Tatsache, daß jener Fragenkomplex immer wieder an den Menschen herantritt, daß sich die Ewigkeit immer wieder an ihn herandrängt, ist eine religiöse Erscheinung allerersten Ranges. Im übrigen aber ist die Antwort überall dort, wo der ursprüngliche, mit ursprünglicher Erkenntniskraft ausgestattete Mensch spricht, immer eine religiöse gewesen. Immer waren sich die Völker einer göttlichen Sphäre sicher — wobei es in diesem Zusammenhang gleichgiltig ist, ob und welche Jrrtümer sich in ihre Anschauungen über diese Sphäre einschlichen. Es liegt hier eine Uebereinstimmung aller Rassen und Völker vor, die zu dem Ausspruch berechtigt, daß der Mensch ein religiöses Wesen ist, und gegen deren entscheidende Macht das unfruchtbare Nichtahnen und Nichtschauen entursprünglichtex Geister nichts bedeutet. Und dabei ist es bezüglich vieler dieser Geister noch fraglich, öb sie wirklich so nichtsahnend sind, wie sie vorgeben, ob sie nicht ihre eigene innere Stimme unterdrücken, sich selber vergewaltigen. Denn gar seltsam können die Wege sein, die von menschlicher Lust am Sichauflehnen und von menschlicher Eitelkeit gegangen werden. Nun ist jedoch der Mensch nicht nur ein religiöses Wesen seinem innersten Sein nach, sondern auch ein gesellschaftliches Wesen der Form nach, in der er sich auswirkt. Und zwar kann er nicht nur sein äußerstes Dasein, sondern auch jenes innerste Sein nicht anders, als in Gesellschaft verwirklichen. Auch im Bezug darauf ist eine Uebereinstimmung. aller Rassen und Völker vorhanden. Immer und überall haben sich individuelle religiöse Sehnsucht und individuelles religiöses Bewußtsein gemeinschaftlicher Aeußerungsweise und gemeinschaftlichen Bekenntnisinhaltes bedient. Auch die religiösen Genies stehen nicht außerhalb jeder religiösen Gemeinschaft. Denn selbst dort, wo es den Anschein hat, als stünden sie außerhalb, stellen sie einfach dekr-Anfang einer Gemeinschaft dar, innerhalb deren sie also stehen. Am allerwenigsten darf sich aber ein Durchschnittssterblicher einbilden, daß er berechtigt und fähig ist, sich außerhalb jeder religiösen Gemeinschaft religiös auszuleben, sich sozusagen religiös selbständig zu machen. Denn würde ihn nicht seine Lust am Sichauflehnen oder seine Eitelkeit blind machen und würde es ihm wirklich so ganz und gar ums Religiöse zu tun sein, so würde er sehen, daß seine Sonderreligion nur ein Plagiat seines angestammten oder eines anderen Religionssystems ist und daß er durch sein sich außerhalb stellen an Religiosität nicht zu, sondern abgenommen hat, und, was noch schlimmer ist, daß er sich aus der Sphäre gegenseitiger religiöser Befruchtung ausgeschaltet hat, religiös steril geworden ist.