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Der Israelit · 1929-06-06 · Heft 23 (6.6.1929) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 23 (6.6.1929)
Date
1929-06-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Jtuillcton- Beilage Der Jsraelit kr 23 m Katharina Steiner. V, VI. Nach einem Jahre Untersuchungshaft konnte, wie nach guter Generalprobe, das große Schauspiel mit der Verhandlung vor dem Schwurgerichte beginnen. Früher und ganz anders, als sie sich das gedacht und geträumt hatte, stand sie als erste Äkteurin im Mittelpunkte eines großen Dramas vor einer Oeffentlichkeit, die sich über das ganze Land, alle Länder erstreckte. Täglich mehrmals brachten die Zeitungen lange sensationelle Berichte über den Gang der Verhandlungen. Sie fühlte es, wußte es, daß die Augen der Welt auf sie gerichtet waren, wenn sie auch die Zeitungen nicht zu Gesicht bekam. Katharina Steiner hatte strenge Richter. Zeugen und Zeuginnen traten auf, die sie nie gesehen, deren Namen sie nie gehört, und die dennoch so ungeheuer viel wußten oder wissen wollten von ihrem inneren Leben! Die dicke, geschwätzige Hausmeisterin, Marie Spannberg, die ihr hie und da nachts die Haustüre geöffnet und dafür ihren Kreuzer eingesteckt, deren Gesicht aber Katharina im Treppendunkel nie gesehen hatte, wußte wahre Schauerromane von ihren nächtlichen Empfängen zu erzählen, und das tschechische Dienstmädchen Johanna Gudevicz wollte Zeugin schwerer Auftritte zwischen den Frauen gewesen sein und auch Drohungen der Steiner gehört haben. Das Nachtleben im Haufe der Balog wurde in allen Einzelheiten undin den grellsten Farben bloßgelegt. Ein Lokaltermin im Haufe der Balog und in ihrem Zimmer wurde abgehalten. Wie vom leibhaften Teufel angepackt, erschrak sie, als der junge Leutnant, Alfred W a s ch a u e r, gegen sie aussagte, Lüge auf Lüge häufte, um sie, mit abgewandtem Gesichte, als die Mörderin hinzustellen. Er wollte in der Nacht vor der Tat Zeuge eines schweren Streites gewesen sein, bei dem die Steiner mit dem Messer fuchtelte ... Er habeum die drückende Armut der Steiner genau gewußt, undder Stolz, mit dem sie Unterstützung zurückwiies, konnte doch nur daher kommen, daß sie ihr'Auge nach anderen Zielen richtete . . . Sie sah in der Anklagebank, wo sie, wie eine Schwerverbrecherin von zwei Wachmännern mit Gewehr am Fuß umringt saß, zu dem Mattneauf. Sie hätte sich auf ihn stürzen können — nicht weil er sie so belastete, sondern' wegen solch unerhörten Art, die Wahrheit zu schänden. Er kannte sie ja gar nicht, sie ihn nicht, außer dem Zusammentreffen im düsteren Flure, wo sie ihn einmal für allemal barsch abwies. Er sah auch bei seiner Zeugenschaft nicht einmal auf und gurgelte sein Sprüchlein herunter, wie man ein eingelerntes Gedicht herunterleiert. Das Leben der Katharina Steiner wurde von oben nach unten und von untennach oben durchgewühlt wie eine offene Truhe. Sie stand da und rang nach Luft, rettungslos/ steuerlos. Wie den wilden Wogen ohne Führer undohne Segel preisgegebe-n. Alle gegen eine. Ein Staatsanwalt mit grimmigem Gesichte saß da. Er hieß merkwürdigerweise, wie sie aus der Anklageschrift wußte, ebenfalls W a - schauer, Dr. Edmund Waschauer. Dieser Staatsanwalt in seinem Talar und Barett postierte auf seinem Podium wieder leibhafte Satan, der die ihm preisgegebene sündige Seele nicht mehr aus der Hand läßt. Aus jeder Bewegung des'Mädchens, aus jedem Worte, jeder Geste wußte er ihr einest Strick zu drehen. 'Unwesentliche Dinge in ihrem Leben wuchsen wie in einem Vergrößerungsglase gigantisch zu Ungeheuerlichkeiten ab. Jede Aeußerung undjede Miene in der Voruntersuchung waren gewissenhaft gebucht. Ob sie die eine Frage laut unddie andere leise, erregt oder gleichgültig beantwortet, war genau verzeichnet. Undwie sie es auch tat, und was sie auch sprach, alles zeugte gegen sie. Himmel und Hölle und alle Elemente oben und unten hatten sich gegen sie zusammengeschlossen. „Gott mein Gott, warum hast du mich verlassen?", schrie es in ihr auf, da sie, zermürbt und niedergeschmettert, jede laute Antwort ihren Peinigern schuldig blieb. Vom Zuhörerraum schossen hundert Blicke aus gutgenährten- Gesichtern zu ihr: „die Mörderin!" Ginge es in dieser Art weiter, so fing sie bald selber an, an! ihr Verbrechen zu. glauben . . . Sie ahnte das gewaltige Weltauditorium hinter sich. Dort wurd-e kein Beifall geklatscht, von dort wurden keine Kränze und Lorbeeren gereicht. Keine Blume blühte in dieser Wüste für sie heran, keine Hand hob sich ermutigend, kein Lied ertönte, kein Licht erstrahlte in -der Finsternis . . . Ja, ein junger Verteidiger, dem der Talar gar zu weit und komisch am dürren Leibe hing, stand auf und näselte etwas von der Möglichkeit einer Unschuld. „Möglichkeit", sagte der junge Mann, der Offizialverteidiger, den man ihr gewissermaßen aus „Erbarmen mit einer armen Sünderin" von Amtswegen gestellt hatte. Möglich! Also auch dieser Mann, der von ihrem Leben so wenig wußte, wie sie von seinem, hielt es für möglich. Am Ende seiner kaum von jemand angehörten Rede sprach er gar etwas von der „Möglichkeit -einer Rotw e h r." Er schlug einige sentimentale Töne an, um Schonung plädierend für einen jungen! Menschen, fter dem Leben und der Gesellschaft erhalten werden müßte. Die Seele in ihrer Brust weinte laut aus. Sie hätte dem jungen Mann gern Halt zugerusen, aber über ihre Lippen kam kein Wort, aus ihrem Auge keine sichtbare Träne mehr. „Vollkommen apathisch", notierten die Herren am Pressetisch. „Diö Gleichgültigkeit spricht für die Schuld," notierte der Herr StaatsanWalt für feine Replik. Vier Tage dauerte die Verhandlung. Vier Nächte fiel Katharina Steiner wie gerädert auf ihre harte Gefängnismatratze, mitbrummendem Kopfe und müden Augen und Sinnen, undkonnte doch nicht schlafen. Konnte das Leben, konnten die Menschen so sein? Käme sie jetzt hinaus und wieder auf die Bühne, sie würde nicht mehr singen, sondern nur noch spielen, chre eigene Tragödie spielen, so lebendig -echt, wie es keine Tragödien, keine Sara Bernhard je besser gespielt hat ... Und jeden Morgen von der Wartefrau zu neuer Pein geweckt, von den Wachmännern in den Gerichtssaal geführt, zwischen den Reihen grausamer Menschen. Wollte die Qual kein Ende nehmen? Die Zeitungen überboten sich inzwischen mit Kolportagebe-richten. Die leisen Ermahnungen einiger liberaler Blätter zu besonnenem Abwarten wurden laut übertönt von den Berichten und Glossen in der offen gehässigen und halbantisemitischen, die schon am -ersten Verhandlungstage mit dem Urteile bei der Hand waren undim Chore nach dem Kopfe der „jüdischen Mörderin" schrieen-. Die Luft im und vor dem Gerichtshöfe war ganz beherrscht von diesem Chor der Rache. Endlich waren Rede und Gegenrede zu Ende, und die Geschworenen zogen sich zur Beratung zurück. Rach ihnen die Richter. Eine volle Stunde blieben sie im Veratungszimmer. Die Menge im und vor dem Saale wogte, brannte vor Ungeduld. Wachmänner mußtendie Ordnung aufrechterhalten. Die Berichterstatter standen mit gefpitztenr Bleistifte, mit dem einen Fuße schon auf der Schwelle nach dem Telegraphenamt, um das Urteil gleich in alle Welt, hinaus zu, verkünden. Das Gericht kam. Das Drama erreichte seinen Höhepunkt. Ohne Hast und feierlich, jedes Wort wägend, verkündete der.Vorsitzende das Schuldig der Geschworenen. Das Edikt des Gerichtes fei -davon bedingt. Katharina Steiner fei des Raubmordes für schuldig befunden und zum Tode durch den Strang verurteilt. Katharina Steiner fiel nicht um, sie schrie nicht einmal auf. Sie war nur zufammengeschauert, ihre Gesichtsfarbe hatte sich verändert. In d-en tiefsten Tiefen ihrer Seele Hub ein kleines Lied an, ein Liedvon der Heimat, ein Lied von Vater und Mutter, ein- Lied von „einem Kinde, das die Lehre der Mutter mißachtete und in die weite, weite Welt hinausgmg, zu leiden-, zu leiden ..." VII. Katharina Steiner faß in einer Einzelzelle für Schwerverbrecher und wartete auf ihren letzten Gang. Revision wurde nicht angemeldet und hätte auch keinen Sinn gehabt, da das Urteil eines Schwurgerichtes nur bei Nachweis eines formalen Fehlers in der Verhandlung umgeworfen werden konnte. Die Verhandlung war aber korrekt, die Zeugenvernehmungen ordnungsmäßig -durchgeführt, die Indizienbeweise lückenlos, der Wahrspruch der Laienrichter nach Rechtsbelehrung und „ohne Beeinflussung" ergangen, und das Gericht hatte ja nur die letzte Konsequenz aus dem Befinden -der Geschworenen gezogen. Dessen ungeachtet erhob sich draußen in der Presse eine Bewegung, von der die Totg-eweihte hinter d-en Gefängnismauern nichts ahnen konnte. Die großen liberalen Blätter, die bis zum Abschluß fast geschwiegen hatten, erörterten jetzt den Fall in allen Einzelheiten und nach allen Seiten. Männer von Ruf und Ruhm ergriffen das Wort, das Urteil schien ihnen nicht geheuer. Das veranlaßte die antisemitische Presse zu noch heftigeren Angriffen gegen die Jüdische Internationale, die partout die Ihrigen reinwaschen müsse. Davon liehen sich aber rechtdenkende Männer im öffentlichen Leben, jüdischer und nichtjüdischer Konfession, nicht schrecken, sich mit der Sache eingehend zu befassen und auf die Möglichkeit, ja, Wahrscheinlichkeit eines Justizirrtumes hinzuweisen. Die Anklage schien ihnen auf schwachen Füßen zu ruhen, logische und psychologische Gründe sprachen für die Unschuldder Angeklagten. Die Verhandlung sei mit vorgefaßter Meinung geführt worden, das Urteil der Geschworenen unter dem Drucke der Gasse ergangen. Die Sache kam auch im Parlament bei Behandlung des Justizetats zur Sprache. Dort setzte sich besonders ein jüngerer sozialdemokratlscher Abgeordneter namens Labach, der damals in schwerem Kampfe mit den Hochkommende-n! Christlichsozia-len stand, für den Fall ein. Labach, der in der judenfeindlichen Presse „Leib Leben" gei nannt wurde, war von gut katholischer Abstammung. Er war von Geburt Deutschböhme und ein Mann von etwas derber Art, mit kräftiger Stimme, geschickter Dialektik und ebenso kräftigen Ellenbogen und Fäusten, die stets bereit waren, „schlagende Beweise" der Gegenseite kräftig abzuwehren. Er bemächtigte sich des Falles, machte sie zur eigenen und Parteifache, und nach und nach bekam er auch Hilfe von jüdischer Seite, die sich zuerst aus begreiflichen Gründen ganz passiv verhielt. Der Fall Katharina Steiner wurde zur Parteiparole, zum Scheidungsworte für die Kämpfenden in Presse, Versammlung und Parlament. (Schluß folgt.) Die B a m b e r g' s ch e R a s ch i- U e b e r s e tz u n g ist kn zweiter Auslage auf holzfreiem Papier und in eleg. Ganz!einwand band für M. 9.— zum gl. Porto bei Kramer, hebr. Buchhandlung, Hamburg 13 zu haben. tM-n uuyifswcuivn unv POS jTStmietOJt ._m B.«., — <£«»* ».«rvro« Frankfurt a. M.

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