Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1928)
- Date
- 1928-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 34 Frankfurt a. ZIT., den «aa ss88 ARS]]] Ein Centralorgan fQr das orthodoxe Judentum |[fl| l lII Begründet von Dr, Lehmann in Mainz. All Abonnement ab Januar 1824: Deutschland 1 Goldmarl monatlich; Ausland: Merteljahrpretse (entsprechend dem deutschen Znlandsprets zuzüglich Kosten des Streifband-Berfandesj Deutsch-Qsterreich: Schilling.; Amerika 1 Dollar; sandes) Deutsch-Lsterreich: Schilling. L—; Amerika 1 Dollar: England 4 sh.; ab1. Juli Frankreich LS Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 8; Holland 8 fl.; Italien ab 1.1.88.18 Lire; Jugoslawien 55 Din.; Litauen 7.60 Sit.; Rumänien ab 1. 7. 27. ISO Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zuin Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 5 Fr. Tschechö-Slowakei 85 Kronen Ungarn Pengö 5 ab 1.Juli1937; Dänemark 3.60 Krön.; Norwegen3.50 Krön.; Schwede« 8.50 Krön. , : Einzelnummer dreißig Goldpfennige. Rabatt nach Tarif. Bei laufende» ' " Änferatenannahme durch den sow. durch sämtl. Annoncen _ Geschästsanz. :Jul. Schmidt, )eckkonto c.vin Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram.. — Der Sahlungen direkt an den Berlag auf Po! tarschau Nr. 190757. - Postscheckamt Zü ankfurt (Main) Nr. 19803. — Archerdem an: ' — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Abor Gerichtsstand für alle aus ostsparkaffe Wien Nr. 79805. — Postsparkassenamt Budtweft Nr. 18424. — lmfterdam Nr. 84889 — Böhmische Nnionbank in Prag — Banca Marmarosch Blank & Co. itt onnements oder aus Inseraten stch ergebende» Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat September! Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung „der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G.m.b.H., Frankfurt a.M. » Franz Rosenzweig und die Orthodoxie. Als Fpanz Rosenzweig vor vier Jahren! in seiner Aufsatzfolge „ D i e B au l e ute " in der Form einer Aüseinand ersetzung mit Bub er seine persönliche Stellung zum Thoragesetz und' zum Off en barungsbegriff präzisierte, oder besser andeutete, haben wir uns an dieser Stelle mit diesen religiösen Bekenntnissen eingehender befaßt. Denn wenn schon ein Denker vom Range Rosenzweigs aus einer wahrscheinlich von Kindheit an vorhandenen Entfremdung heraus sich in der praktischen Lebensführung dem Gesetze züwendet und bedeutsame geistige Leistungen -der Fundierung des überlieferten Judentums widmet, dann kann es uns gewiß nicht gleichgültig sein, inwieweit das m der Seeledieses Mannes lebende Bild von Wesen und Entwicklnngsbedingungen des orthodoxen Judentums dem historischen Tatbestand entspricht oder widerspricht. Wird auch der Weg, den Rosenzweig als Denker geht, eben wegen seiner Originalität niemals typisch und Ausgangspunkt geistiger Massenbewegung sein können, so erscheinen uns doch die Wirkungen, die der Gesamtkomplex des überlieferten Glaubenssystems auf sein Denken ausübt, als eine Art Probe auf die Möglichkeit dessen, was Nathan Birnbaum den „ Ueb erzeugungsvorstoß" in das Lager der .Entfremdeten nennt. Jetzt hat nun Rosenzweig im Rahmen einer die er dem ersten! Band der clopaedia Judarca" im „Morgen" widmet, nicht nach links,, sondern nach rechts gewendet, eine halb schüchterne, halb grollende Zurechtweisung an „unsre Orthodoxie" gerichtet, weil sie an dem Glaübensgrundsatz der Berbäl-Jnspirationi, d. h. an. der Ueberzeugung von dem unmittelbaren Offenbarungscharakter jedes einzelnen Buchstabens des Pentateuchs festhält und nicht nur die inhaltliche und historische Bibelkritik, sondern auch die T e xt k r U i k ablehnt. Soweit gehe nicht einmal die römische Kirche. „Ich getraue mir nicht," ruft Rosenzweig aus, „zu beurteilen!,. ob unsre Orthodoxie wirklich gezwungen ist, sich auf diesen Standpunkt zu stellen; daß sie sich damit außerhalb des Judentums jedes geistigen Einflusses und innerhalb des Judentums aller werbenden Kraft beraubt, ist sicher." Nun hat Rosenzweig, obgleich er in anerkennenswerter Zurückhaltung sich selber für inkompetent Hält, über die dogmatischeni Beweggründe der rabbinischen Autoritäten aller Zeiten ein Urteil zu fällen, doch bereits den grundlegenden Unterschied zwischen der Stellung der römischen Kirche zum Bibeltext und derjenigen der jüdischen Ueberlieferung erkannt und selber angedeutet. Er bemerkt von der Kirche: — „was ihr freilich leichter fällt, weil ja der geheiligte Text, den sie zu hüten hat, kein Original, sondern eine Uebersetzung i st." Damit aber kommt Rosenzweig schon dem durchaus einzigartigen Charakter nahe, den das T e x t w o r t des Fünfbuches für den Juden hat. Was die ganze jüdische Geschichte trägt und aus dem Kausalzusammenhang alles sinnlichen Geschehens heraushebt, was bis auf den heutigen Tag den Lebenssinn und das Lebensglück des gläubigen Juden ausmacht, ist ja nichts anderes als das Bewußtsein, in Wahrheit und Wahrhaftigkeit aus den Blättern seiner Thora jeden Tag die S ti m m e d e s a ll mächtigenGott e s , des Schöpfers des Himmels und der Erde, zu sich sprechen zu hören. Nicht in einem allegorischen, symbolhaften Sinne, sondern in wirklichster Wirklichkeit. An esem Punkte entscheidet sich die Frage, ob es eine religiöse Wirklichkeit trotz der ungeheuren Fülle der von der wissenschaftlichen Kritik gegen ese Wirklichkeit geltend gemachten Instanzen, überhaupt gcht, oder ob die religiösen Ideen nur eine der vielen Denkmöglichkeiten.darstellen, die von dem wechselnden Denken der Philosophen jeden Tag— wie die Eintags-Engel aus dem ni nm — hervorgetrieben werden, um ins Nichts zurückzusinken. Wer die Geistesgeschichte der Menschheit überblickt, wird sichrer Ueberzeugung nicht entziehen können, daß diese Ungewißheit cüler Metaphysik, die Selbstverschleierung der Gottheit, ein Weltgesetz ist, und mit ihrem Zwang zu immer neuem Suchen nach Wahrheit zur Steigerung des geistigen Reichtums der menschlichen Seele, zur Kulturentwicklung schlechtweg Gewaltiges beigetragen hat — aber sie führt zum Bankrott der Kulturmenschheit und zur vollendeten Verzweiflung, wenn nicht ihr gegenüber irgendwo in der Geschichte ein Refugium des Gottesgedankens, eine Heimstätte des Uebersinnlichen und seines Eintritts in die Erscheinungswelt, leine Quelle sich immer erneuernder religiöser Gewißheit gestiftet und gesichert bleibt. Dieses Refugium, biefe Heimstätte, dieser Quell ist das jüdische Volk als Träger und Großsiegelbewahrer des göttlichen Wortes. Gewiß — dieses göttliche Wort, indem es in die Erscheinungswelt eintritt, auf Stein gegraben, auf Pergamentrollen verzeichnst, läuft sofort Gefahr, den kritischen Maßstäben des an dieser Erscheinungswelt orientierten menschlichen Intellekts zu unterliegen, und die Beschaffenheit der menschlichen Seele/das Bedürfnis nach intellektueller Wahrhaftigkeit erzwingt geradezu die Auseinandersetzung mit dem Zweifel, die Widerlegung des kritischen! Intellekts auch nach seinen eigenen, ihm immanenten Gesetzen. Aber es hieße offenbar den Sinn der Offenbarung vereiteln!, den Rettungsank er selber entfesselt in die Fluten werfen, wollte man nun die köstliche Botschaft aus dem Uebersinnlichen der souveränen Kritik des auf die Sinnlichkeit eingestsM^Ni Verstandes, dessen Ergebnisse man „WMnschast" nennt^ gänzli: überantworten. Nicht aber die gedanklichen Inhalte, nicht einmal die berichteten Tatsachen, sondern vielmehr die formal e^A u t h e n t i c i t ä t des aus Buchstaben geformten Wortes bildet ja die Grundlage für die Offenbarungsgewißheit dks jüdischen Volkes. Nicht umsonst stehen, in der durch tausend Agadoth und den breiten Strom der esoterischen Kabbala gewährleisteten Ueberlieferung W e l t s ch ö p f u n g und O f f e n b arung als geradezu analoge Aeußerungen des göttlichen Willens nebeneinander. Beide erfolgen durch das Medium der Buchstaben, beide be- 1