Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1928)
- Date
- 1928-06-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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naaa tpW UaPic Vinzenz Aektmilch. Aus Anlaß des 30 j ä h r i g e n Jubiläums des Historischen Museums gelangte am Sonntag abend das Drama „Vincenz Fettmilch" von Adolf Stoltze im Frankfurter Schauspielhaus zur Erstaufführung und fand lebhaften Beifall, der aber mehr dem 86jährigen Frankfurter Lokaldichter galt, als dem Stücke und dem Helden in dessen Mittelpunkt. Der Stoltzesche Fettmilch hat mit dem historischen kaum etwas gemein, darum können auch wir ohne Groll ihm gegenüberstehen. Der Judenpunkt wird im Stücke nur leise berührt. Dex Lebküchler ist ein Aufwiegler, der eigenen und der Zünfte berechtigten Groll gegen den hohen Rat hemmungslos zur Explosion kommen läßt und es später am Galgen büßt. Daß er nebenbei ein wenig auf die Juden hetzt, spielt aber keine entscheidende, nicht einmal eine merkbare Rolle in diesem anspruchslosen fokalgefärbten und mit etwas naiver Räuberromantik ausgestatteten Schauspiele: W i r kennen Vincenz Fettmilch von anderer Seite — nicht den, der zwischen Geschichte und Phantasie in der leeren Luft herumpendelt —, wir kennen ihn als den Haman der Frankfurter Judengasse zu Beginn des 17. Jahrhunderts, der, ganz wie fein Prototyp in biblischer Zeit, der Frankfurter Gemeinde Fast- und Festtage zugleich einbringt. E r ist es, dem die Frankfurter Gasse die Schreckensnacht zum 27. Ellul (1614) dankt, die „Josef Omez" (In moderner Ueberarbeitung neuerschienen im Hermon-Verlag, Preis 5 M.) mit kurzen prägnanten Worten schilderte (siehe „Joseph Omez" Absch. y'ipnn Neuausgabe Seite 211—212), die in wörtlicher Uebersetzung lauten: „Der 27. Elul ist von uns zum Fasttage bestimmt, da wir an jenem Tage im Jahre 374 aus unserer Gemeinde vertrieben wurden durch die Ratschläge unserer Mitbürger, d. h. derer, die dem Aufstande angehörten; sie berieten, ob sie uns ' dem Tode, der Vertilgung weihen oder austreiben sollten und kamen überein, daß das Leben uns gelassen werde, wir aber alle aus der Stadt gewiesen werden. Den Rest unserer Habe, der uns nach dem Raub, der an uns in der voraufgegangenen Nacht ausgeübt wurde, noch geblieben war, und den wir nicht außerhalb der Mauern gerettet hatten, verzehrten und vernichteten die Aufständigen. Sie verbrannten in unseren Straßen unzählige Schriften, die sie in unseren Häusern und in der Synagoge gefunden hatten; auch vor der Heiligkeit der Thorarollen — unserer Sünden wegen— wich ihre Hand nicht zurück, ebensowenig verschonten sie die Schätze, die man einzelnen Vertrauten zum Aufbewahren gegeben hatte." — Noch sein letzter Gang, als sich das Blättchen zugunsten der Juden wendete, am 19. Adar (1616), hält die Frankfurter Gemeinde in Schrecken, da man einen Bürgeraufstand gegen die Juden, die die Hinrichtung des Vincenz und seiner Genossen weder wünschten noch wollten, befürchtete. Auch darüber berichtet „Joseph Omez,, ausführlich (I. O. Abschnitt Neuausgabe Seite 242). In wörtlicher Uebertragung aus dem Hebräischen besagt der Bericht: „Einige Tage vorher wurde im Namen des Kaiserlichen Kommissars bekannt gemacht, . daß an jenem Tage Keiner Wein trinken, Keiner auf den Straßen der Stadt gesehen werden solle. Wegen der dieser Anordnung zu Grunde liegenden Besorgnis haben wir vierzig Familienhäupter — diese waren durch das Loos bestimmt worden und ich war einer unter ihnen — die wir vor Neujahr 5376 uns hier wieder niedergelassen haben, diesen Tag, den 19. Adar, für jetzt und alle Zukunft zum Fasttage bestimmt, an welchem besondere Gebete (Selichoth) verrichtet und von jedem Familienhaupte als Sühne Spenden gegeben wurden zur sofortigen Verteilung unter die Armen. Und gepriesen sei der, der sein Volk. Israel behütete; Er sprach — und Gottesfurcht herrschte in der Stadt an dem Tage, der bestimmt war zur Bestrafung der Führer des Aufstandes. Dank dem Ewigen hat kein Mund zum Gerede sich aufgetan, im Gegenteil, man zeichnete uns mit Ehren aus. . . . Den 20. Adar (rischon) haben wir zum frohen Feste bestimmt, dessen Namen Purim- Vincenz (Fettmilch) bleibe in Israel, ähnlich wie die Tage des Purimfestes eingesetzt wurden nach Tagen des Kampfes und der Wunder. Und Wunder geschahen in der Tat an dem Tage für uns, da die Kommissare des Kurfürsten von Mainz und des Landgrafen von Darmstadt — Gott erhöhe ihren Glanz — uns in unsere Straßen führten und zwar mit Ehren und in der Mitte großer Schaaren, die mit ihren Panieren und Fahnen in Kriegsrüstung gingen, mit Pauken und Trompeten.. Und alle Stadtbewohner, welche die uns von den Kommissaren erwiesene Ehre sahen, staunten, aber Keiner sprach gegen uns Böses; sie unterstützten uns vielmehr und halfen uns, den Schutt, der in der Nähe des Tores unserer 'Gasse sich angesammelt hatte, wegzuräumen, damit der Weg geebnet werde vor den beiden Wagen, deren einer die kaiserlichen Paniere — den großen Adler — trug sdrei, je einen für das obere Tor, für das Vrückentor und für das Wolltorj. Auf dem zweiten Wagen saß mein Schwiegervater, der Vorsteher Abraham Breitingen (der krank war und daher nicht gehen konnte). Es sei der Wille vor dem Könige der Ehren, daß er uns würdige der Weissagung: „Größer wird sein die Ehre des letzten Hauses, denn die Ehre des ersten!" Ein interessantes Rechtsgukachken. Zu den zahlreichen Stiftungen des Hauses Rothschild gehörte auch die „A. M. v. Rothschilds ch e Ausstattungsstiftung für arme israelitische Jungfrauen", die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von dem Baron Amschel Mayer von Rothschild errichtet und einer Verwaltungskommission unterstellt wurde. Im Jahre 1899, als durch die damals erfolgte Neuregelung der Frankfurter Gemeind evexhältniffe die Beziehungen zwischen der Israelitischen Gemeinde und der Israelitischen Religionsgesellschaft einer gewissen Spannung unterlagen, tauchte in der Verwaltungskommission die Frage auf, ob nach den Stiftungsbestimmungen Töchter von ausschließlichen Mitgliedern der Israelitischen Religionsgesellschaft nicht von den Wohltaten der Stiftung auszuschließen feien. Man wandte sich der Objektivität halber an einen hochangesehenen Juristen christlichen Bekenntnisses, den bekannten Justizrat Dr. E. d e B a r y. Dieser erstattete unterm 8. Oktober 1899 der Verwaltung folgendes Rechtsgutachten: „Auf die mir zur Begutachtung vorgelegte Frage, ob das von der Freiherr!. A. M. v. Rothschild'schen milden Stiftung für unbemittelte Jungfrauen in Frankfurt a. M. nach den Vorschriften des Stiftungsbriefes zu vergebende Heiratsgut auch unbescholtenen Töchtern unbemittelter hiesigen Israeliten, welche Mitglieder der Israelitischen Religionsgesellschaft dahier sind, zugeteilt werden kann, beehre ich mich, Ihnen das folgende zu erklären: Die mir vorgelegte Frage ist unbedingt zu bejahen. In dem am 6. Februar 1849 errichteten Testament des seligen Stifters, durch welchen die hier in Frage kommende Stiftung errichtet worden ist, heißt es zwar, das Kapital wird legiert „zum Behufs ehelicher Versorgung unbescholtener Töchter unbemittelter hiesiger israelitischer Gemeindemitglieder" und sodann an einer anderen Stelle die Zinsen Jöes Legates sollen „einer unbescholtenen Jungfrau aus der hiesigen israelitischen Gemeinde auf Anmelden als Heiratsgut zugesichert werden". Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, daß im Jahre 1849 die Israelitische Religionsgesellschaft noch nicht bestand, alle hier verbürgerte Israeliten vielmehr nur Mitglieder der Israelitischen Gemeinde sein konnten und sein mußten. Nach der feststehenden Rechtsregel, daß bei letztwilligen Verfügungen vor allem de? Wille des Testierers zu erforschen sei, kann es aber bei der bekannten und in den letztwilligen Verfügungen desselben mehrfach zum Ausdruck gelangten religiösen Gesinnung des seligen Stifters keinem Zweifel unterliegen, daß seine letztwillige Anordnung nur bezweckt, das Brautlegat den Töchtern solcher hiesigen Israeliten zuzuwenden, welche durch ihre Zugehörigkeit zu der damals allein bestehenden Israelitischen Gemeinde ihr Festhalten an dem Glauben ihrer Väter bewiesen. Vollständig ausgeschlossen erscheint es hiernach aber, daß der selige Stifter von der Teilnahme an Wohltaten der Stiftung die Töchter gerade derjenigen hiesigen Israeliten hätte ausschließen wollen, welche in ganz hervorragendem Maße darauf bedacht sind, die religiösen Vorschriften zu erfüllen und den Glauben ihrer Väter hoch und in Ehren halten." Die Woche. David Jizchok Nebenzahl Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am vergangenen in-fonn 'd p~vv die Kunde von dem plötzlichen Ableben des in weiten Kreisen allverehrten D. I. Nebenz a h l ^xr- In einem Alter von 52 Jahren war sein Leben, als Abkömmling des wohlbekannten n*x» Verfasfer des oxv ih> Reb Boruch Teumim Frenkel, fast ausschließlich nur mit min und rmay ausgefüllt. Zu jeder Tageszeit durfte man fein Haus betreten, und man fand ihn, den Priester des Hauses, vertieft in die Lehren des ewigen Lebens. In diesem Geiste erzog er auch seine Familie, und seine ihm ebenbürtige, treu zur Seite stehend« Gattin setzte unbewußt den Vers unseres großen Königs Salomo in die Praxis um: pH - ’ipr - dj? was?a ,nbya onyiya to War es doch ihre und der Kinder größte Freude, ihn von fast sämtlichen geschäftlichen Sorgen zu befreien, einzig und allein den durch Krankheit sehr geschwächten Körper für ein geheiligtes, mit wahrem Inhalt ausgefülltes Leben desto fähiger zu machen. Die Verehrung, deren er sich überall erfreute, bewies die Tatsache der ungeheuren Beteiligung am Freitag nachmittag, da es sich keiner entgehen lassen wollte, diesem Manne, dessen Art in unserer Heit leider immer seltener wird, das letzte Geleit zur ewigen Ruhe zu geben. Tief gedrückt, wie vom Blitz aus heitrem Himmel getroffen, beweinen ihn Gattin und sechs Kinder. Aber weit über die engere Familie hinaus trauern diejenigen, die ihn kannten. Möge 'm Trost bringen. maxjn-