Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 67 (1926)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1926)
- Date
- 1926-10-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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,ä? r Die Verle von Aegypten. mm Die wundkrsams eitler jwU|ipe*i Von S. Izchaki. (Fortsetzung). Vom Spital kamen in den folgenden Tagen gute Berichte. Der Zustand des jüdischen Legionärs besserte sich mit jedem Tage mehr. Die Wunde heilte gut. Als er nach einigen Woch n dem Bette entsteigen und sich frei bewegen konnte, wurde er in die Villa hinter den Drei Palmen überführt, das als Genesungsheim für rekonvaleszente marokkanische Offiziere diente und vom marokkanischen Schlosse erhalten wurde. Es war von hoher Stelle aus dafür gesorgt, daß ihm nichts abging. Fürstin Rasa ließ sich hier nicht blicken. Vom Balkone ihrer Sommerwohnung konnte sie bis zu den „drei Palmen" sehen, das flache, rote Dach des Heimes hinter den Bäumen, die Mönschsn in llm NßgßsiüWn auf den sonnigen Veranden, ihre Bewegungen!m Gartenhöft böi lustigem Sport und Spiele beobachten. Ihn sah sie nicht, konnte und wollte sie nicht sehen. Er wußte ja nicht um sie, und ihr Wissen um ihn wollte sie vorerst in sich tragen. Ein unsagbares Etwas hinderte sie, sich ihm jetzt schon zu offenbaren. Er hatte ja noch, wie Milka wußte, Monate da zu bleiben. Vielleicht kam inzwischen Rat oder Entscheidung. . . Vielleicht kam inzwischen der Prinz zurück, oder es kam . . . Sie wagte nicht den Gedanken zu Ende zu denken, und sie warf sich Undankbarkeit, Untreue vor schon beim leisen Hauche dieses Gedankens. Milka war in der Aufmachung einer Oberschwester fast täglich hinter den „drei Palmen" und hatte den Gesundheitswie auch Seelenzusianä DMlll Almmanlis m steter Komreltk, Dem Augen Mädchen gölöttg ss sein Vertrauen zu gewinnen, sein Herz, in langer Einsamkeit zusammengeschrumpft, öffnete sich ihr wie eine Blume bei frischem Wasser, seine Zunge löste sich und er erzählte von seinem Leben und seinem großen Sehnen, von seinen amerikanischen Tagen, von den getäuschten Hoffnungen, von dem weiten Wege zur Legion, von der Schlacht und seiner Verwundung und von seinen weiteren Plänen. Er war Jude und blieb es, kannte seines Volkes Geschichte und Zukunftsideale, hielt treu zum Gesetz und zum Volksganzen. Zwei große Sehnsüchte erfüllten sein Herz von Jugend auf: das Mädchen aus der Heimat und das heilige Land, und für beide ging er über das große Wasser, um die Mittel zu erwerben, mit der Geliebten seines Herzens die heilige Heimat zu finden . . . Der Schmerz um das verschollene Mädchen aus der Heimat hätte ihm das Herz brechen können, wäre ihm nicht die zweite unstillbare Sehnsucht geblieben, die ihn aufrecht hielt und ihm das Ziel »riss. Dann kam der Krieg. Me Hoffnungen ruckten m gve'fWe Nähe. Er warf sich begeistert in die Arme der Legion, die für Palästina mitkämpfen wollte — und erlebte d i e zweite bittre Enttäuschung... „Die Verwundung?" Der Soldat reckte sich auf und schwang den linken freien Arm. „Nein. Die Wunde war nicht so tief, um tiefsitzende Ideale zu zerstören. Zudem ist die Krankheit behoben, diese hinderte mich nicht, morgen schon wieder hinauszuziehen. Es war eine seelische Enttäuschung. Ich fand nicht alles unter den jüdischen Zionskämpfern und auch sonst nicht alles an der Schwelle des heiligen Heimatlandes, wie ich es mir all die Zeit gedacht und geträumt hatte." Milka hätte sich unter gewöhnlichen Umständen hier die Gelegenheit zu einer ausgiebigen Disputation nicht entgehen lassen, um so mehr, als sie schon lange merkte, daß die Ansichten des Soldaten über Religion. Nation und J)e»t tl^etgert trt ÖS&fßfltliifl zuwiderliefen. Aber sie bändigte ihren Widerspruchsgeist. Sie durfte aus ihrer Rolle als Verbindungsglied zwischen zwei Herzen, die einst für einander geschlagen und vielleicht wieder schlagen sollen, nicht fallen, und sie lenkte aus Gegenwärtiges über, auf Krankheit, Genesung und die Dinge des Tages. Als er den Schuß erhielt, hielt er ihn für unbedenklich, später erst trat Bewußtlosigkeit ein. Als er nach Wochen hergebracht wurde, waren die Wunden schlecht geheilt, und es sei ihm ein Rätsel, warum alles hier um . ihn so eifrig bemüht sei und ihn mit so viel Liebe überschütte. Sein Fieberzustand hatte sich hier verstärkt. „Und irsi schweren Fiebertraume," erzählte er, „war s i e mir erschienen, keine andere als sie mit ihren lieben Engelsaugen. Ich hätte damals fierbett mögen und mein Lebensziel wäre damit erreicht gewesen, Wer ösftete die und die Erscheinung war verschwunden. Es war ja alles nur eine Fieberphantasie, Rauch und Schaum." Milka konnte sich kaum halten vor rührender Teilnahme. Sie mußte sich Gewalt antun, daß ihr nicht das Geheimnis aus dem Herzensgründe auf die Lippen sprudelte. . Wie " sagte sie, „wenn das gar kein Fiebertraum gewesen wäre, und das Mädchen der Heimat wirklich und leibhaft in Ihrem Zimmer geweilt hätte? Wäre das nicht denkbar? Es gibt so merkwürdige Zufälle im Leben. Manche nennen sie Wunder." „Nein," erwiderte der Soldat sinnend, „die Schönheit und t i e Liebe, die ich in der Stunde genoß. kann es nur im Traume geben. Die Wirklich^ ist sntzskL. Dlö nimmt uns und gM selten was zurück. Als ich heim Erwachen aus dem Fieber im Nebel, der über meinem Denken lag, nur einen Augenblick den Traum für Wirklichkeit halten wollte, sagte mir auf der anderen Seite die k!are Vernunft bestimmt und unerbittlich: „Was im südlichen Ozean auf dem Wege nach Amerika verloren gegangen, kann nicht nach Jahren in Aegypten wieder auftauchen. Zudem bestätigten mir die Schwestern, daß keiner außer ihnen in meinem Zimmer war. Es sei denn die Fürstin, die als Protektorin des Krankenhauses einmal dieses besuchte und sich auch einige Minuten an meinem Bette aufhielt. Ich sah sie nicht." „Hätten Sie wohl das Verlangen, die Fürstin, deren Gäste auch die Insassen dieses Hauses sind, zu sehen?" Der Soldat schüttelte verneinend das Haupt. „Ich habe es nicht gelernt, mit Fürsten und Fürstinnen zu verkehren. Des heißen Dankes aller, die hier ihre Wohltaten genießen, darf sie sicher sein. Ihr diesen in wohlgesetzten Worten gtt Mgkll g« lkgssh mnsi "ribevn »BTbeijaU ton bleiben. Es sind ja hohe Offiziere im Haufe von altem Adel, die sich auf so etwas besser verstehen." Fast hörte Milka aus diesem Worte eine gewisse natürliche Abneigung heraus gegen alles, was über den Rahmen des aufrechten Juden und Soldaten hinaus ging, was ihn in ihrer Ach? tung sehr steigen ließ. XXV. Reisele war fest entschlossen, ihren Jugendfreund nicht eher aufzusuchen, als bis sie Klärung über ihre Lage erlangt hatte. Die Klärung konnte nur mit der Heimkehr des Prinzen komtßr. 40 1020 men. Diese zog sich aber länger hinaus, als man nach den ersten Briefen erwarten durfte. Weitere Briefe blieben seit Monaten aus. Indes hatte sich der Zustand Benzes im Erholungsheim soweit gebessert, daß er nun ernstlich daran dachte, zu seinem Truppenteile an der Front zurückzukehren. Milka mühte sich, diesen seinen Entschluß noch hinauszuschieben, in der ffimriima Der ällläWN Klärung. Nun Uber: nachdem all rhre Künste ZU Elldö waren UNd siö auch keine Unterstützung mehr bei den Aerzten fand, die den Soldaten für gesund und kriegsfähig erklärten, sann sie über einen Weg nach, die zwei für einander schlagenden Herzen doch zusammenzubringen, bevor sie der Krieg wieder, vielleicht für ewig, auseinanderreiße. Vielleicht war es nur Laune vom ukrainischen Mädchen, vielleicht auch die Lust, dem Schicksal etwas abzutrotzen, aber auch tiefe Liebe zu Reisele, der spätere Seelenqualen zu ersparen, sie als ihre Aufgabe ansah. Reisele hatte zunächst kein Ohr für das Drängen der Freundin, mit ihr zu den „drei Palmen" zu gehen und die Maske abzuwerfen. „Du könntest ja die Fürstin daheim lassen und als einfache Reisele ihm entgegentreten," riet Milka. Aber Reisele erzitterte bei dem Gedanken, Komödie in Uv Ksmödis zu fnißlen. (§iß foimtß 88 gar nitOL auch wenn sie es gewollt hätte. Es kam endlich der Vorabend des Tages, an dem der Soldat ausrücken wollte. Er ließ sich nicht mehr halten. Milka spielte nun ihre letzte Karte aus: „Es ist nicht recht, daß wir ihn mit leeren Herzen, dem vermeintlichen Fiebertraum als einzigem Trost, ausziehen lassen. Kannst Du nicht zu ihm herabsteigen, dann müßte ich ihm Klarheit geben." Sie redeten lange auf sie ein, bis endlich Reisele ihr Widerstreben aufgab und einwilligte, mit ihr zu den „drei Palmen" zu gehen. Einfachste dunkle Gewandung legte sie an. Ein Tuch hüllte ihr Haupt, hinter dem sich die Haare üppig wellten. Bar allen glitzernden SchmullkZ) sah sic llttyl viel «lwLss Wk Kl§ früh?" in Uv Hsimat. nur etwas aufrechter. zierlicher, reifer und reicher in Linie und Ausdruck. Das offene klare Auge hatte etwas von der Weite und Unruhe des Meeres, von der . blauen-Traurigkeit des Nil in sich. Selbst Milka und Feige, die sie täglich sahen, waren gerührt von dieser einfachen, dunkelstrahlenden Schönheit. Milka wand ihr lachend das türkische Flor ums Gesicht, auf daß „sie nicht Menschen und Dinge in der abendlichen Straße in Weltferne verzaubere . . ." Ganz ohne Aufwand, ohne Dienerschaft und ohne Wagen, machten sie sich auf den Weg und gingen durch wenig belebte Seitengassen und einen schönen Wiesenweg entlang. Am Kreuzwege sang ein blinder Bettler mit ausgestreckter Hand ein altes Lied von der Sultanin Tusnelda, die sich in ihren Goldpantöffelchen ins Tal herablasse und aus ihrer brokatgewebten Schürze Sonnenschein schütte. Benze hatte seinen Tornister gepackt und saß mit einigen Kameraden auf der Estrade bei einem kleinen Abschiedstrunke, als er in den Garten gerufen rnnrde. Dort reichte ihm Milka dis Hand. Et sagte kinfa^si aß tp!4j bie liebe Freundin nicht ohne Abschiedsgruß ziehen läßt. Ich hätte Sie heute gesucht, wäre mir je ihr Wohnort bekannt geworden." Kaum sah er Feige, die er früher schon flüchtig gesehen hatte, und noch weniger die nach Art arabischer Frauen ganz verhüllte .Gestalt neben ihr. „Ich bringe etwas für den Weg. Sie sind mir doch nicht böse?" „Vielen Dank. Ich habe bereits so viel, und ein Militärranzen ist nicht allzu dehnbar." .. (Fortsetzung folgt.)