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Der Israelit · 1926-04-09 · Heft 15 (9.4.1926) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 15 (9.4.1926)
Date
1926-04-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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EfM' Der Israelit nr.i$ 1926 illotltc. Von den Kriegsopfern im Osten. Im Städtchen, wo er bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahre wohnte, sah er nichts anderes als das Beth Hamedrafch und kannte keinen anderen Weg, als den vom Lehrhaus in seine arme Elternbehausung. Er verbrachte den Tag und einen Teil der Nacht mit dem Lernen und hatte von der Außenwelt nicht die geringste Vorstellung. Mit zwanzig Jahren zur Assentierung ausgefordert, stellte er sich ohne Furcht, ohne Sorge, Gott wird schon helfen. Und er hat geholfen. Er kam frei heraus. Landsturm zweiten Grades. Oyne welker Mchzusorschen. was vas oeüeukel. ging er ins Vsth Hamedrasch, ma da^s dicke Buch nach der stundenlangen Unterbrechung seiner harrte. Als der Krieg ausbrach, zählte Mottke bereits 26 Jahre, war Mann einer tüchtigen Frau, die für den Lebensunterhalt bestens sorgte, und die fünf Kinder erzog. Da hieß es eines Tages wiederum: Aushebung! Dieses Mal hatte er weniger Glück. Mit vielen anderen wurde er untersucht und man sagte: „Tauglich"! Noch am gleichen Tage wurde er in die Kaserne geschickt, wo er einen anderen Namen erhielt. Soldat Morduch Schapiro. Zwei schwere Monate wurde er gedrillt. Er sollte erlernen das Geradestehen, den leisen Schritt, Obrigkeit grüßen, schießen. Aber nichts von all dem wollte ihm in den Kopf. Er wußte auch, daß nicht dieses Ausschlag gab für Krieg und Sieg. Ein Höherer saß oben, der die Völker und ihre Geschicke wie die Puppen am Drahte bewegte. Und Mottke wurde eines Tages an die Front geschickt. Acht Tage lang saß er mit hundert Kameraden in einem Wagen, auf dessen Außenseite geschrieben stand: „Für 40 Pferde und acht Menschen". Und sie landeten endlich an der galizischen Grenze, wo er hunderttausende Soldaten, Pferde, Kanonen, Maschinengewehre, Tanks, Flugzeugs, Draht und Gräben sah. Hier war der richtige ^rieg. Eigentliche Angst empfand er auch dann nicht, als er die Verwundeten, die Toten, die Sterbenden, die Verkrüppelten sah. Es war ein höherer Lenker oben, der nicht allein der Völker Hände führt, sondern auch jeden Einzelnen im Auge hat. Mit diesem Gedanken stieg Mottke in den Graben hinab. Rundherum donnerten die Kanonen. Die Welt erbebte. „Fürchtest Du Dich, Morduch?" fragte der Nebenmann. Seine Antwort wurde übertönt von einer Granate, die in den Graben einschlug und den Mann, der drei Schritte von ihm entfernt stand, in Stücke riß. Mottke sah zum ersten Mal Blut, warmes Menschenblut strömen. Aber es war keine Zeit zum Nachdenken. „Heraus aus dem Graben, zum Sturmangriff!" trieb das scharfe Kommando. Alle liefen sie über das Stoppelfeld mit vorgestrecktem Gewehre, auch Mottke. Aber seine Kräfte versagten, er blieb bald hinter der Abteilung. Da tauchte plötzlich hinter dem Baume vor ihm ein Kopf auf, ein fremder Soldat. Instinktiv näherte er sich dem Baum und sah, wie der fremde Soldat die Hände hoch zum Himmel hob. Aus unsichtbaren Wunden floß Blut. Und wie Mottke ihm so nahe war, daß er seine Worte verstehen konnte, hörte er, wie der Sterbende hebräisch lallte: „In Deine Hand befehle ich meinen Geist. ..." * * * Als später die Samariter Mottke fanden und ihn aus der Ohnmacht weckten, streckte er die Hände in die Höhe und rief immer und immer wieder: „In Deine Hand befehle ich meinen Geist." Und das tut er jetzt noch, zehn Jahre nach dem Krieg. Im Städtchen kann man täglich beobachten, wie ein Mann in verschlissenen, zerrissenen Gewändern über die Straße jagt, einen Stecken wie eine Flinte in die Luft gestreckt und immerfort betet: „In Deine Hand befehle ich meinen Geist." Straßenjugend, die sonst in solchen Fällen kein Erbarmen kennt, wagt sich an ihn nicht heran. Es ist Mottke, der Soldat Morduch Schapiro. Einstens hieß er „Mottke der Maßmid". Jetzt heißt er „Mottke der Meschugge! . . Aus meinem Tel-Aviver Skizzenbuch. Von Schlomah ben Aschrr. Nicht nur der Pinsel des Malers, auch die Feder des Schriftstellers arbeitet mit Farbe. Beide wollen tu Bei BimtM der DiW dq§ iMMleiMA M halten. Der Unterschied zwischen ihnen ist aber der: Die Farben des Pinsels sind für das sinnliche Auge, die der Feder für das seelische Auge. Das Sinnlich- Greifbare hat die Materie, das Seelische das Geistige zum Objekt. — — Tel-Awiw, die einzige jüdische Stadt der Welt, bietet in seiner Bevölkerung eine Buntheit von Bildern. Aus allen Ländern des Exils haben sich hier nach zweitausendjährigem Galuth wieder Juden versammelt. Aus Ost- und aus Westeuropa, aus Asien und aus Afrika sind sie herbeigeströmt. Doch hauptsächlich sind sie aus Osteuropa gekommen, das hier eine Musterkarte all seiner Verschiedenheiten zeigt. Denn das Wort Ostjude sagt durchaus nichts Einheitliches. Sowohl in kultureller wie in ethischer Hinsicht ergeben sich je nach den Gebieten der Herkunft unterschiedliche Wertungen. Ueberdies mutz es sehr interessant sein, festzustellen, wie sich Juden in einer Stadt, die vom Bürgermeister bis zum Müllfuhrmann jüdisch ist, einzurichten verstehen. Auch die Untersuchung, welche Veränderung in den Juden in der Selbständigkeit — frei von der Galuthbeeinflussung — vor sich geht, mutz reizen. So mögen denn hier, ganz zwanglos, wie sie sich gerade treffen, Bilder aus dem Leben Tel-Awiws gegeben werden. f I. Tel-Awiw soll nach den Bauvorschriften seiner Stadtverwaltung eine Gartenstadt sein. Die Baupolizei kann wohl vorschreiben, wieviel Fläche eines Bauplatzes unbebaut sein mutz, einen Garten kann sie auf die unbebaute Fläche aber nicht pflanzen. Die Judengassen haben wirklich nicht Freude an der Natur erwecken können. Und wenn schon der Sinn für die Schönheiten der Pflanzenwelt gegeben ist, dann sorgen die „ge- Mlcil ZoikZ" Her llWMWil glMWn dafür, datz der dem in verschiedenen Men fehlenden Eelde auch das Geld für die Anlegung eines GarteUs fehlt. Dutzende Gärtner sollten in -Tel-Awiw in der Pflege der Gärten eine gute Existenz haben können, während nur wenige Gärtner Arbeit finden. Datz sich aber in Tel-Awiw doch Land und Stadt mischen, kann der Ankömmling schon in der ersten Nacht merken. Kaum liegt er nämlich im Bett, dann hört er das „Kikeriki" eines Hahnes. Bald antwortet ein zweiter, ein dritter, ein vierter Hahn. Ist nach einigen Minuten wieder Ruhe eingetreten, dann ertönt plötzlich ein kanggezogener, tiefer Ton eines Tieres, als ob dieses. Tier Leibschmerzen habe. Es ist einer der vielen vierbeinigen Esel der Stadt. Wohnt man in den äußeren Bezirken der Stadt, dann kann man auch noch von einem Weinen aufgestört werden gleich dem jammervollen Weinen eines Kindes. Die Schakale machen ihre Streifzüge. In Deutschland lernt man, datz der Hahn den nahenden Morgen künde, damit der Schläfer erwache. Der palästinensische Hahn - scheint aber auch die Aufgabe zu haben, zum Schlaf zu mahnen. Datz der Esel „J-A" schreit, gehört in Deutschland zu den Selbstverständlichkeiten, die jedes Kind weiß. Aus den Lauten eines palästinensischen Esels ein ,»J-A" herauszuhören, ist aber eine Kunst. Es ist eben in Palästina manches anders als in Deutschland. So find die Eier der palästinensischen Hühner meist fast halb so groß wie die der deutschen, kosten aber trotzdem nicht weniger. Oder so mutz hier das deutsche Lied: „Im wunderschönen Monat Mai" „Im wunderschönen Monat Februar" lauten. In Tel-Awiw sieht man viele Kamele und Esel als Lasttiere. Zahlreich sind auch Hühner und Tauben. Es fehlt nicht an Spatzen und ganz besonders nicht an Fliegen. Doch der Hund als Haustier ist selten, und das charakterisiert Tel-Awiw als eine jüdische Stadt. Die Tel-Awiwer haben eben keine Angst vor Einbrüchen oder vielmehr hatten sie nicht bis zur vierten Alijah im vergangenen Jahre, die auch nicht mit Palästina verbundene Elemente brachte. In Jerusalem sind alle Fenster durch Eisenstangen geschützt, in Tel-Awiw sind sie ungeschützt, — da man doch unter Juden wohnt! Hunde sind in Tel-Awiw wohl auch deshalb als Haustiere nicht häufig — viele Hunde sind herrenlos —, weil der Jude viel seltener als der Nichtjude in ein persönliches Verhältnis zu einem Tiere tritt; Es ist dies ein interessantes Gebiet, über das noch keine Doktorarbeit geschrieben ist. — — (Schluß folgt.) Cs ist ausschließlich Sache der Leser, die im Inseratenteil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben religionsgesehlichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. CLTVIUt $>Mn'wjp4( jUfdkeusJlüUec ' M Jhi£ die Minute ... r ■■■ •<*--•• Adolf Matt Gr. 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