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Der Israelit · 1926-02-18 · Heft 8 (18.2.1926) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
67 (1926)
Issue
Heft 8 (18.2.1926)
Date
1926-02-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit Seite 2 Nr. 8 18. Februar 1926 rückbezügliche Gefühlsreligiösitäl. (Was ist das?) Notwendig werden daher die nationalen Bestandftücke des geschichtlichen Judentums a limine abgelehnt, die religiösen zwar anerkannt, jedoch nur, soweit sie eine das eigene Ich betreffende Bedeutung haben, soweit sie in einer unmittelbaren Beziehung zum eigenen Familienschicksal, zum persönlichen und häuslichen Wohl und Weh erlebt werden. So bleiben, wie die Erfahrung zeigt, für den liberalen Juden lediglich einige wenige Bestandstücke des geschichtlichen Judentums übrig: gelegentliche Teilnahme am Gebet, Brith Milah, Bar Mizwah bezw. „Konfirmation", Trauung, Totenbestattung, „Jahrzeit". Dazu treten „die hohen Feiertage" Rosch Haschana und Jom Kippur, die schon ihrem überlieferten Sinne nach mehr oder weniger persönlich introspektiven Charakter besitzen. Bei dieser Art religiösen Judentums besteht allenfalls ein gewisses Interesse für den hebräischen Text der Bibel und des Gebetbuchs, wenn es hoch kommt, noch für das religiöse, d. h. sür das alte hebräische Schrifttum; aber unmöglich kann die moderne hebräische Literatur Gegenstand des Interesses sein, die als nationale jüdische Kulturleistung erscheint und daher, wie alles national-jüdische, notwendig abgelehnt werden muß. Vielleicht sind manche liberale Juden sozusagen besser als ihre Theorie; ein konsequenter Vertreter des Liberalismus darf dem neuen hebräischen Schrifttum gegenüber nur eine indifferente oder gegnerische Haltung einnehmen. Zu einer ähnlich unfreundlichen Stellungnahme ist, wenn auch aus anderen Gründen, die Orthodoxie genötigt. Sie muß sich von den meisten Erzeugnissen der modernen hebräischen Literatur inhaltlich abgestoßen fühlen, weil der die Mehrzahl unserer heutigen hebräischen Dichter und Schriftsteller beseelende Geist dem ihrigen fremd oder zuwider ist. Vor einiger Zeit war im „Jeschurun", dem wissenschaftlichen Organ der deutschen Orthodoxie, ein Aufsatz veröffentlicht, der auf Bialik Bezug hatte. Nur ein kleiner Teil seiner Schöpfungen würbe sür „Wisch" besuiMli. Gilt öüö schon &si Binlik, Der von allen lyrischen Dichtern der neuen hebräischen Literatur zweifellos den Quellen und dem Geiste des historischen Judentums am nächsten steht, was mag dann ein Orthodoxer erst bei Tschernichowsky fühlen, trotz einiger sehr „jüdischen" Idyllen und sonstigen Gedichte, oder vollends bei Schneur, Kahan, Schimonowitz usw. Kann man es ihm verdenken, wenn er sich bestenfalls dazu versteht, die paar „jüdischen" Gedichte zu lesen, die schließlich bei ihnen allen zu entdecken sind, im übrigen aber es oorzieht, bei seinen Talmudfolianten zu bleiben und sich den neuen rabbinischen Schriften in hebräischer Sprache, die es ja auch gibt, zuzuwenden? Versetzen wir uns in die Seele des orthodoxen Juden, so wird sein gleichgültiges und abweisendes Verhalten gegenüber dem nicht ausgesprochen religiösen Teil der neuen hebräischen Literatur vollkommen begreiflich." Also bleiben nur die Zionisten, und an diesen allein liegt es, usw. Herr Dr. Schlesinger scheint bei der Schilderung der Stellung, die die Orthodoxie zur hebräischen Literatur einnimmt, die Wunde zu sehen, unterläßt es aber in der weiteren Ausführung, den Heilprozeß zu zeigen, oder mindestens s o klar und entschieden zu zeigen, wie man es nach der richtigen Prognose von ihm hätte erwarten müssen. Er ruft die Zionisten Deutschlands und der Welt zur Rettung der hebräischen Literatur auf, zeigt aber nicht in genügendem Maße die Giftkeime, die die Krankheit bis zur Agonie getrieben haben, und sagt nicht klar genug, wie diese bei einer Neubelebung der hebräischen Sprache und Literatur auszurotten sind, wie der geistige Aufbau, nach Austrocknung aller Sümpfe, auf reinem, gesundem Grunde vor sich gehen soll. Wir sagten es wiederholt bei anderen Gelegenheiten: Die hebräisch-nationale Literatur, wie sie sich durch verschiedene Perioden seit Urbeginn der H a s k a l a herausgebildet hat, „gehörte zum Stamme derer, die sterben, wenn sie lieben". Man hat in den Tagen von I. L. G o r d o n und S m o l e n s k i, aber ebenso auch später in den Zeiten von Klatzkin und Klausner (die Bedeutung Bialiks und der ewige Wert mancher seiner Schöpfungen sollen damit nicht geschmälert werden) nicht gerade glühende Liebe für das Bes Hamedrasch, für die jüdischen Heiligtümer bekundet. Die Haskala-Literatur (sie blieb es auch später unter der nationalen Flagge) war insgesamt von der Art, daß die Jugend, die ihr einmal verfallen war, sich aus der v-oasse hinaussehnte, sich aus dem alten Milieu zu befreien suchte, über die alten Folianten, die man entweder überheblich kritisch oder überschwänglich poetisch behandelte, also in Haß oder in Liebe erdrückte, den Weg in die Welt, ins Licht suchte. Was dahinter blieb, schien so klein und winzig, einer Beachtung nicht wert. Mit dem heiligen Inhalt verließ man auch die Sprache, die dem Inhalte heiliges Gewand war. Und damit war spätestes für Die zweite Generation auG bas Schicksal tar mobernen hebräischen Literatur besiegelt. Es kamen die politischen Umwälzungen hinj/c neue Generation im Osten, soweit sie nicht nach Außen assimiliert ist, spricht, liest und schreibt Jiddisch. Amhaarazentum ist keine Schande mehr, seitdem am Kopfe einer „jüdischen" Zeitung ostentativ das Wortoz?Qz? prangt. Die Orthodoxie aber, die zum heiligen Inhalt noch treu hält, heute vielleicht unentwegter denn früher, ist, durch die Erfahrung gewitzigt, doppelt darauf bedacht, die Jugend von der modernen hebräischen Literatur, die ungewollt ein Weg nach Außen geworden ist, sernzuhalten. So erkrankte die neuhebräische Literatur und liegt auf dem Sterbebette, beweint von denen, die, wie man banal sagen möchte, auch ihrerseits einen Nagel zu ihrem Sarge geliefert haben. Wir haben im orthodoxen Kreise schon deswegen keinen Grund, uns dieser Entwicklung zu freuen, weil das Erbe der sterbenden hebräischen Literatur im Osten gewiß nicht von der Thora angetreten wird, sondern von Elementen, die, mit oder ohne Nationalismus, auf den geistigen Untergang hinarbeiten. Aber Zeit wäre es, daß man sich dem Problem auch im orthodoxen Judentum Deutschlands mit allem Ernste zuwendet. Wir arbeiten für mzmp.i p» und dazu bedarf es dringend des «npn pw1?- In Agudas Jisroel Jugendgruppen, ebenso in den Esragruppen sind nach dieser Richtung ganz hübsche Erfolge zu verzeichnen, die aber nur Ansätze sind, hoffen wir, A n l ä u f e, die weitere erfolgreiche Arbeit versprechen. Es bedarf nicht der Erwähnung, daß im Mittelpunkte die Thora, die schriftliche und die mündliche, bleiben muß, was aber nicht ausschließt, daß man in zweckmäßiger Weise auch eine Stunde der Sprache der Thora widmet, in erster Reihe *pn und pii,77. Ueberreiche Auswahl an Lektüre, die für u n s e r e Zwecke in Betracht kommt, ist leider nicht zu verzeichnen. Aber immerhin haben wir noch einen o'DVXin rnm von unserem Halevy Vst' eine vortreffliche jüdische Geschichte in klassischem Bibelhebräisch von Wolf I a w e tz , ein paar hebräische Zeitschriften im gesetzestreuen Sinne, zu der wir auch die Beilage des „Jeschurun" zählen. Hier wäre ein Ansatz, der zum Weiterbau nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet. Man kann an vielen jüdischen Primarschulen (so auch in der Israelitischen Volksschule zu Frankfurt a. M.) neuerdings das löbliche Bestreben wahrnehmen, das Kind schon im zartesten Alter mit dem Geist des Hebräischen vertraut und befreundet zu machen. Auch in höheren jüdischen Schulen ersüW Dsr> hebräische mehr Be» achtung. Bereitet sich hier ein neuer Weg vor 2 Neu würde dieser Weg auch im Hinblick auf die Wege der Haskalahliteratur fein. Damals waren Sprache und Literatur nur Ausgangstüre zur Kultur, und man übernahm diese, ungekannt, unbesehen, mit all ihren Auswüchsen, mit all den glitzernden Nichtigkeiten, die im neuhebräischen Literaturschatz oft genug wahre Kultur ersetzen. Eine gebildete Jugend des gesetzestreuen Westens kommt aber von der Kultur, weiß das Echte vom Falschen zu unterscheiden und bedarf der hebräischen Sprache als Führerin zu „unbekannten Höhen" nicht. Sie wird hier nicht fremden Mächten dienen, sondern, wenn schon dienend, im Banne des jüdischen Gedankens und der jüdischen Tat stehen. Wir haben gezeigt, daß die Palästina-Arbeit nicht Domäne thoraferner Kreise sein muß, daß Erez Jisroel-Arbeiiznpn mno bv den gesunden jüdischen Instinkt noch mehr anspricht und das jüdische Herz auch da gefangen nimmt, wo sonst — wie in Amerika — äußere Aufmachung das Leben beherrscht. Sollte ein gleiches nicht auch mit der neuhebräischen Sprache und Literatur möglich sein? PI Zu nanrv Kurze Bemerkungen zum Wochenabschnitt. Von Rabbiner Dr. Zsetir Kanter, Zrvittan (Mähren.) Anknüpsend an die ersten Worte dieses Wochenabschnittes (nanji *b inp'i), bemerkt der Midrasch z. St.: „Als Irael einstimmig ausrief: Alles was der Ewige sprach, wollen wir tun nnd hören, da sprach der Herr: bringet mir eine Spende dar! n"2j?n ivn i'v yawn nwi bniV' iivuV nswn) Claim 'b INP'1 Dieser Midrasch ist scheinbar schwer verständlich. In welchem Zusammenhänge steht obiger Ausruf (j?»Eni nrciu) zu der Abgabe (naiin), von der in diesem Wochenabschnitte die Rede ist? Und wenn ein innerer Zusammenhang zwischen ihnen besteht, was sollen wir daraus lernen? Die Antwort darauf lautet: Gar vieles, ja alles. Man beachte nur genau den Wortlaut der ersten sieben Verse unseres Wochenabschnittes. Da ist nur von Gaben und Spenden und wiederum von Gaben die Rede, „die ihr von ihnen nehmen sollet." Das Volk soll viel spenden, Gold, Silber, Kupfer etc. Dies alles sollet ihr von ihnen nehmen. Wozu, zu welchem Zwecke? Dies wird erst im achten Verse, sozusagen zum Schluß, kurz angedeutet: wvi vipQ' Israel sollte zunächst Opfer, große und schwierige Opfer dar bringen, ohne nach deren Zweck und Verwendung zu fragen. Dann soll es erst den wahren Zweck erfahren wipa 'b iwv Also zuerst die Tat und dann die Begründung derselben. Zuerst und dann Als Israel, so bemerkt treffend der Midrasch, ausrief: Alles, was der Ewige sprach, wollen wir tun und (dann) hören (d. h. zu verstehen und zu begreifen trachten), da sprach der Herr nanri 'b in,7'i. u. z. ohne nähere Begründung. Denn ein Volk, das bereit ist, alles zu tun und zu befolgen, selbst wenn dessen Sinn und Bedeutung im ersten Augenblick ihm nicht klar und ersichtlich genug erscheint, — ein solches Volk wird auch zu den größten Opfern bereit sein, selbst wenn es deren Zweck und Grund nicht gleich erkennt. Daher beginnt unser Wochenabschnitt mit nann ">b in,7'i lmit der Tat) und nicht etwa mit B>7,7» '»b itfjn (mit dem Zweck). Und nun verstehen wir auch die kurze Bemerkung von Raschi upyfl pi- So sollet ihr, Israeliten, auch in allen Zeiten verfahren. Zuerst kommt die Tat! Fordert man von euch Opier, bringet sie steudia dar, auch wenn deren Zweck und Grund und — Verwendung euch nicht so klar und ersichtlich ist. Hauptsache ist. daß es hüb geschieht. Nach dem Grund könnet ihr ja noch immer forschen; dem ynm mutz aber das NVU2 vorangehen.*) * * * Zweimal wird in diesem Wochenabschnitt die Vorschrift wiederholt betreffs Anfertigung der Cherubim am r»7S2 zur Bundeslade. Hauptbedingung ist v'2i2i m wyn mson p» aus dem Deckel sollet *) Nach «jot» '121 zu diesem Wochenabschnitte. ihr die Cherubim herausarbeiten. Vorher heißt es noch nmn nwpß' wozu Raschi bemerkt: Die Cherubim dürfennicht selbständig angefertigt und dann künstlich an das niL2 angeheftet (angelötet) werden, sondern beides (riisp und &'272) müssen aus einem Stück bestehen. Warum denn? Nun die Cherubim, so bemerken unsere Weisen (Sukko 4 b und Chagiga 13b), waren nichts anderes als Kind er gestalten. Und es ist ganz und gar nicht gleichgültig, wie sich unsere Kinder der Bundeslade, d. h. der Tdora gegenüber verhalten. Sie dürfen nicht künstlich und nur lose mit dem Allerheiligsten in Verbindung stehen, sondern sie müssen mit ihm aufs innigste verwachsen sein, aus ihm heroorgehen und mit ihm organisch verbunden bleiben. Denn die Ausgabe dieser Cherubim soll darin bestehen N1L2N b"3 Dn'Ö322 D'22D ..mit ihren Flügeln das mal zu schützen", und dies kann durch eine künstliche Verbindung nicht erzielt werden. Was nur lose angeheftet ist, kann leicht abbröckeln und — gänzlich auch absallen. Daher npyn rnasn p D'iisn rin. Und diele Mahnung kann namentlich in unserer traurigen Zeit (ms öin’ 1172) nicht eindringlich genug wiederholt werden. Nur eine Jugend, die in der Thora erzogen und mit der Thora aufs innigste verwachsen ist, ist dazu berufen und — auch berechtigt. Träger und Schützer der Thora zu sein und zu bleiben.**) **) Näheres darüber, sowie über Ausstellung und Bedeutung der Cherubim in meinem mya iai -Zeitgemäße Betrachtungen", II. Auflage. Brünn 1913, Seite 68 ff.

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