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Der Israelit · 1925-09-17 · Heft 38 (17.9.1925) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 38 (17.9.1925)
Date
1925-09-17
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 18 Nr. 38 Der Israelit 17. September 1925 Der Königsruf. Der Ruf, den das Schofar an uns richtet, will verstanden sein. In den Gebeten der ganzen hohen Zeit findet er in einem Wort seinen Widerhall, das dem Gedanken sein Gepräge gibt: *]^an* D as Bewußtsein, vor unserem Lvmg zu stehen, soll uns nahe sein. Lebendiger als sonst im Jahre sollen wir fühlen und wissen, vor wem wir stehen und gehen und liegen und sitzen. Diese Verstärkung des Gedankens während einiger Wochen im Jahre soll sich im ganzen Jahre auswirken und soll das Leben des Juden unter die Obhut des Ernstes und der Gewissenhaftigkeit stellen. Es nimmt dadurch das Leben des Juden eine besondere Richtung an. Es bleibt nicht einseitig eingestellt auf die Erhaltung und Förderung der Familie in ihren alltäglichen Lebensbedürfnissen. Zu diesen gesellt sich, ja diese erwachsen aus der jüdischen Lebensnotwendigkeit, aus den Pflichten, die wir gegen unseren Lönig haben. Diese lassen sich in das eine Wort zusammenfassen-. Die Weitervererbung des Judentums. Die jüdische Erziehung unserer Linder ist das Mittel hierzu. Vorbild und Belehrung bilden die Ausdrucksformen dieses Mittels. Das Vorbild umfaßt alle Lebensbetätigungen in menschlicher und jüdischer Beziehung. Die Belehrung hat sich demgemäß auch auf diese beiden Elemente, aus denen sich das Leben des Juden zusammensetzt, zu erstrecken. Es ist daher so selbstverständlich, baß der jüdische Vater dem jüdischen Linde eine jüdische Erziehung, eine Erziehung durch jüdische Erzieher zu geben hat, daß man diese Binsenwahrheit gar nicht auszusprechen brauchte. So wenig man jüdische Waisen einem nichtjüdischen Waisenhaus übergeben kann, so selbstverständlich müßte es sein, jüdische Linder, die so glücklich sind, ihre erziehungsverpflichteten Eltern zu besitzen, nur jüdischen Erziehern anzuvertrauen. Vor Jahrhunderten war das selbstredend. Wohl ist es auch in Ländern, in denen man noch nicht den Lernzwang vom Judentum gelernt hat und ihn noch nicht als Staatsgesetz und Staatseinrichtung besitzt, ganz indiskutabel, ein jüdisches Lind zur Entwicklung seiner jüdischen Mentalität und Bildung seines jüdischen Charakters Händen anzuvertrauen, die mit bestem Willen ausgerüstet sind, gute Menschen zu formen, die aber der jüdischen Lebens- und Denkweise, der jüdischen Lebens- und Weltanschauung fremd gegenüberstehen. Es gibt doch im Leben soviel Imponderabilien, die anders gewertet werden, je nachdem ein jüdisches Auge oder ein nichtjüdisches sie betrachtet, ein jüdisches Ohr oder ein nichtjüdisches sie wägt. Wir nehmen es heute als selbstredend hin, Linder nichtjüdischen Schulen zu übergeben. Wir sind seit Generationen in allen Lulturländern daran gewöhnt. Wir wissen, wieviel Zeit dort vergeudet wird. Wieviel Zeit gerade heute durch die unvernünftige Ueberspannung des Sports nicht auf unwichtige, sondern unrichtige Hebungen verwendet werden — und doch glauben wir uns einfach den schematischen Vorschriften der Schulbehörde beugen zu sollen und zu müssen, obgleich wir wissen, daß wir einen besseren und erfolgreichen Lehrplan vorschlagen und an unseren Lindern versuchen könnten. Es ist — das beweist dieses stumme Ertragen — nicht wahr, daß uns der Besuch der nichtjüdischen Schule nicht geschadet hat. Gewiß hat er turelementen „vom Sinai" gehört, er hat uns unsere Zeit geraubt, die den jüdischen Lulturelementen „vom Sinai" ggehört, es hat uns erfüllt mit Interessen, die man durchaus nicht immer mit Derech Erez bezeichnen kann, insofern, als auch das allgemeine Wissen um keinen Schritt durch die Lenntnis dieser Dinge gefördert wird, höchstens durch die Sprache, in die sie gekleidet sind. Das Interesse ist aber von dem Rüstzeug des jüdischen Menschen abgelenkt, und der Westeuropäer ist zum „Am- Hoorez" geworden. Genügt diese Erfahrung nicht, um über die Fehlrichtung unserer Erziehung die Augen zu öffnen? Aber -ein gewichtiges sittliches Moment kommt hierzu. Die Ohren und Augen jüdischer Linder und damit ihr Herz und Sinn ist in der jüdischen Schule geschützter, als in anderer Umgebung. Lopf und Herz, Geist und Sitte unseres Lindes! Gibt es Güter, die teurer sind, die mit mehr Liebe und Vorsorge zu umgeben wären? Tragen wir auf irgendwelchem Gebiete größere Verantwortung? Lann der ^v-Ruf, unsere Pflicht vor Gott zu tun, stärker, mächtiger uns zur Selbstbesinnung laden, als dort, wo es unser eigenstes Fleisch und Blut gilt, unsern wertvollsten Besitz, unser lebendiges Lapital, unsere Linder und Richter zugleich, unsere Nachfolger und Beurteiler, die Träger der Zukunft, die Siegelbewahrer des Judentums und jüdischen Lebens und Wirkens? Die jüdische Schule, Volksschule und höhere Schule ist eine Lebensnotwendigkeit für Judentum und Iudenheit. Wohl den Eltern, die ihre Linder jüdischen Erziehern anvertrauen können. Alle Lräfte dem jüdischen Schulwerk. Laßt keine jüdische Schule untergehen. Ihr gehört die ganze Lraft unseres Denkens und Lönnens. Jüdisches Wissen und jüdische Sitte, jüdisches Denken und jüdisches Fühlen fordert dein Lind von dir, jüdischer Vater und jüdische Mutter, wie Brot und Wasser. Gewähre Deinem Linde seine Geistesn^hrung, wie du ihm feine körperliche reichst. Schätze das geistige Leben nicht niedriger ein wie das körperliche. Solange du ihm noch „koschere" Lörpernahrung gibst, solange sorge für „koschere" geistige Nahrung. Die Gemeinde hat nicht nur für einen Schauchet zu sorgen, sondern auch für eine Schule. Fleisch kann man von auswärts beziehen, die Schule muß am Platze sein. Allem voran die Schule. Denn nur durch die Schule kann „Gottes die Herrschaft werden". rraiVan nfr nirm- Selig Hanauer Leider schallt aus dem alten Jahr ins neue hinein eine Trauerkunde: Selig Hanauer in Euskirchen ist nicht mehr. Im hohen Alter von fast 82 Jahren ist er, ohne zu leiden, plötzlich hinübergeschlummert. Ein Mann mit einer innigen jüdischen Einstellung, wie es solche wenige in unseren rheinischen Landgemeinden gibt, ist mit ihm aus dem Leben gegangen. Ein gewisses Lapital an jüdischem Wissen hatte er aus seiner Heimat mitgebracht, und ein starkes Interesse ließ dieses Vermögen stets vermehren. Hirschs Pentateuch- Lommentar war sein treuer Freund, und aus der Mischnaübersetzung holte er sich talmudische Qlienlierung. Er hatte eine anmutige Art. seine Lenntnisse gelegentlich einem Hörerkreise zu vermitteln. Lange Jahre suchte er in der Gemeindeverwaltung, der er in den letzten Jahren als Vorsitzender des Vorstandes angehörte, die. Gemeinde zu fördern. Seine Lebensarbeit fand er aber in seiner bis vor wenigen Jahren ausgeübten Tätigkeit als Rendant des Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands. Ende 1901 gab er die erste Anregung zur Gründung deselben, nachdem ein Bericht über die Festlichkeit des Vereins zur Wahrung der religiösen Interessen des Judentums in der Provinz Westülen, die anläßlich des Amtsantrittes des leider Marr V"T veranstaltet wurde, in der Oeffentlicho früh vollendeten Herrn Rabbiner Dr. Moses :eit erschienen war. Anfangs 1902 erfolgte dann die offizielle Gründung in Euskirchen. Zwanzig Jahre hindurch arbeitete Selig Hanauer mit ganzer Hingabe an seinem Lebenswerk. Wie ein Jüngling konnte er ohne Scheu vor Unbill der Witterung und Unbequemlichkeit der Reise Strapazen aus sich nehmen. Er ließ sich die Arbeit an den Rechnungsbüchern nicht verdrießen. Bis in die Nächte führte er Korrespondenzen. Bei keiner Sitzung fehlte er, bis daß sein Alter ihn zwang, auf jüngere Schultern die Bürde fernes Amtes abzuwälzen. Als Ehrenmitglied hatte er noch manche Freude an Erfolgen des Vereins und an der stets größeren Propagierung seiner Ziele. Welches Ansehen er auch in nichtjüdischen Lreisen genoß, beweist ein Nachruf im Euski chener Volksblatt vom 4. September, der hier folgen möge: „Am gestrigen Tage ist ein Bürger unserer Stadt gestorben, der sich ein ehrenvolles Gedenken gesichert hat. Herr Laufmann Selig Hanauer, Vorsitzender der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde, ist im Alter von fast 82 Jahren, plötzlich, infolge eines Herzschlages, aus diesem Leben abberufen worden. Hanauer, so darf man mit Recht sagen, war der bekannteste Bürger unserer Stadt und war hier wie in weitester Umgebung wegen seines liebenswürdigen Wesens, seines gerechten Charakters und seiner in weitestem Maße ausgeübten Wohltä igkeit sehr geschätzt. In seiner religiösen Betätigung war Hanauer ein Muster der jüdischen Gemeinde. Jeden Morgen sah man ihn zur Synagoge gehen, um Zwiesprache mit seinem Schöpfer zu halten,- er war ein tiefgläubiger Mensch, und er fand sich auf Grund seines Wissens in der Religions- und Weltgeschichte besser zurecht wie mancher Gelehrter. Er war wohl'älig nicht nur gegenüber seinen Glaubensgenossen, sondern gegen Jedermann, der einer Wohltat würdig war. Als Repräsentant der jüdischen Gemeinde hat er auch die öffentlichen Interessen der Gemeinde stets eifrig vertreten und in wohlve'standener zäher Ausdauer vieles erreicht. Die Gründung des angesehenen Laufhauses S. - Hanauer ist seine materielle Seite gewesen. Rechtlichkeit im Verkehr mit seiner Lundschaft hat das Geschäft durch manche Jahrzehnte hindurch emporblühen lassen. Hanauers Abschied von dieser Welt wird im Geschäfts¬ und Gesellschaftsleben eine große Lücke bedeuten. Ehre seinem Andenken!" Die Beerdigung gestaltete sich denn auch zu einer großen Kundgebung der Achtung und Liebe, deren Selig Hanauer in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen sich erfreute. Sein Oraun wurde in die Synagoge getragen, deren großer weiter Raum die zahlreiche Beteiligung kaum zu fassen vermochte. Aus Freundesmund entrollte der Rabbiner ein Lebensbild des Heimgegangenen, das sein Lebenlang in der Heiligung des npV gipfelte. Als Gründer des Vereins für die Jüdischen Interessen Rheinlands kommt ihm das Verdienst aller Wohltaten zu, die dieser Verein gewirkt hat und wirken wird. Am Grabe sprach Herr Moses Schweizer Worte des Dankes der Gemeindeverwaltung, die durchzittert waren von dem Abschiedsschmerz des Gesinnungsgenossen, der jahrzehntelang in treuer Freundschaft ihm verbunden war. Nach der Rückkehr ins Trauerhaus richtete Herr Nathan Kahn-Köln, der Vorsitzende des Vereins für die Jüdischen Interessen Rheinlands, in groß angelegter Rede Worte tief empfundenen Dankes für die Tätigkeit des Vaters an die Kinder. Ein treuer Freund ist aus dem Leben gegangen, der kein Falsch und Arg kannte. Schweigend hat er im Leben viel getragen. Bescheidenheit und Gottvertrauen waren seine Führer. Mit diesem Beispiel leuchtet er uns voran. Und dieses Bild von ihm bewahren wir im Herzen: isr MM-

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