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Der Israelit · 1924-12-25 · Heft 52 (25.12.1924) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 52 (25.12.1924)
Date
1924-12-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage?v< MW ■Ek Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Don S. Schachuowltz. (Fortsetzung.) Abraham Jachini hatte die starke Initiative, und Samuel Prima verstand wie kein zweiter die „königlichen Dekrete" Sabbatais in offizieller und zugleich so einschmeichelnder Sprache abzufasfen, daß sie jedesmal eine UeberraschuNg waren und von neuem die Herzen in Bewegung setzten. ' „Taten, Taten, immer neue Taten!" schrie Jachini. „Was soll noch mehr geschehen?" fragte Sabbatai, von den sich überstürzenden Vorgängen wie betäubt. „Das Rad ist im Rollen und kann auch über uns hinwegrollen, sobald wir die Zügel aus der Hand lassen. Es kann auch umfallen und uns unter seinen Trümmern begraben . . . Wir müssen die Räder in steter Bewegung halten und zugleich am Ruder bleiben ..." „Was soll geschehen?" Jachini sagte: „In der Zeit der Gnade, die wir „Olam hatikkun" nennen, können alle Bindungen des Gesetzes nicht in Kraft bleiben . . . Wir haben es lange genug aus der Kabbalah gelehrt." „Lehrt das die Kabbalah?" „Wir haben es lange und eindringlich im Namen der Kabbalah gelehrt, nun müssen wir, da die Gnadenzeit angebrochen, auch den Mut haben ..." „Willst Du Gesetze der Religion abschaffen und die Alten und Frommen, die zu Talmud und Schulchan Aruch halten, auf uns Hetzen?" „Die Stocktalmudisten sind ohnehin überall gegen uns und sammeln sich allenthalben in kleinen Kampfgruppen. Wir werden sie mit der Masse besiegen. Diese aber gewinnen wir nur mit ganzer Arbeit..." „Was hast Du im Sinne?" „Das Fasten des bevorstehenden „Zehnten Teweth" aufzuheben und ihn in einen Freudentag zu verwandeln." - „Das ist nicht gerade viel," sagte Sabbatai sichtlich erleichtert. „Es ist der Anfang, und wir Haben dabei die letzten Propheten der Bibel für uns, die ja voraussagten, daß sich das Fasten des Vierten, des Fünften, des Siebenten und des Neunten in Tage der Freude und des Jubels wandeln werden." Schon in den ersten Tagen des Lichterfestes ging ein von Samuel Primo sauber abgesaßles und von Sabbatai unterzeichnetes, mit dem Davidstern besiegeltes Schreiben an alle Gemeinden der jüdischen Zerstreuung ab, mit folgendem Inhalte: „Der Gesalbte Gottes, Sabbatai Zewi, Messias und Erlöser Israels, sendet allen Söhnen Israels Segen und den Gruß des Friedens! Nachdem Ihr gewürdigt worden seid, den großen Tag der Erfüllung zu schauen, so sollen Klage und Trauer verstummen und Fasten in Festtage sich wandeln, denn Ihr werdet nicht mehr weinen. Freut Euch mit Gesang und Lieh und Machet dM zehnten Teweth, den Tag der Betrübnis und Trauer, zu einem Tag des Jubels, nachdem Ich, der Messias, erschienen bin . . ." Wo das Schreiben noch rechtzeitig vor dem zehnten Teweth eintraf, wurde es auch befolgt und der Tag als Feiertag begangen. Auf viele, die zwischen . Glauben und Zweifel noch schwankten, wirkte aber diese erste Tat der Gesetzesauflösung wie ein kalter Strahl. Sie fasteten und sie beteten an diesem Tage mehr wie sonst und schlugen sich bereuend und bekennend auf die Brust, dieweil sie nahe daran waren, in die Schlinge eines Abtrünnigen zu geraten. Die kleinen Kreise der Frommen und treu zu Talmud und altem Gesetze Haltenden bekamen nach diesem Vorgehen Sabbatais einige Vermehrung. Sie wurden von den anderen die Leugner, die „Kofrim", genannt und wo sie schwach an Zahl und Kraft waren, schwer bedrängt. In Smyrna selbst wurde am zehnten Teweth dieses Jahres ein Fest begangen, das an Glanz und uberschäumender Freude alle bisherigen in den Schatten stellte. Es brannten Lichter und statt der Klagegebete wurden Hallelgesänge gesungen. Es wurden statt des Fastens köstliche Weine getrunken, und wilder Tanz wirbelte an der Stätte, die sonst an diesem Tage nur Tränen und Tränen gesehen hatte ... In Sang ung Klang, Rausch und Taumel ging der Tag zur Neige. Da stand kurz vor Sonnenuntergang der all gefürchtete, von der Judengemeinde aber längst vergessene Kadi von Smyrna in Begleitung seines ganzen Stabes mitten in der frohen Fest Versammlung und gebot mit dem goldbeschlagenen Stabe in der Hand Ruhe. Man wollte es nicht ernst nehmen und einige der Einflußreichen machten sich an den Gestrengen heran, indem sie es versuchten, ihm etwas in die Hand zu spielen. Das hundertfach erprobte Mittel versagte diesesmal. „Stille!" gebot der Kadi und seine Leute stellten sich drohend in Positur, dem Gebote mit Schwert und Lanze Nachachtung zu verleihen. „Wo ist der Führer Sabbatai?" Sabbatai trat vor, von den Seinen wie von einer schützenden Mauer umgeben, und sah dem Kadi offen. und klar ins Gesicht. „Was bedeutet dieses wilde Treiben bei den Juden, die bislang so ernst und stille in Traurigkeit versunken ihres Weges gingen?" „Die Trauer hat ein Ende, die Erlösung naht und Weinen löst sich in Festesefreude auf," sagte Sabbatai laut und klar. „Ob Ihr weint oder tanzt," sagte der Kadi unwillig, „ist mir gleich, aber die hinter den hohen Fenstern in Konstantinopel hat Euer Tanzen aus dem Schlafe geschreckt. Allah verdamme mich, wenn ich mich sonst um Euch und Euer Treiben gekümmert hätte. Es ist Befehl von oben ..." Beim Worte „Konstantinopel" erschrak Sarah und horchteMeich auf. „Kasiato", kam es über ihre bebenden Lippen. „Seine Rache..." Wie zur Bestätigung ihrer Gedanken fuhr der Kadi fort: „Es hat dort jemand aus Eurer eigenen Mitte Dinge erzählt, daß es den Großen des Reiches, vielleicht gar dem Sultan selbst schwindelig vor den Augen wurde; daß ihn Allah verdamme, den elenden Zungenmann. Nun trifft mich Schuld und Verdammnis und Sabbatai muß nach Konstantinopel! ..." Jetzt war die Stille im Kreise nicht mehr eine mit den Waffen erzwungene, sondern eine natürliche aus tiefster Angst und Erregung. Nur Sabbatai stand mit über die Brust gekreuzten Armen, groß, ruhig, majestätisch, mit offenem, klaren Auge, in der Pose, wie er Huldigungen entgegennahm. Der Kadi war von dieser Erscheinung und Haltung sichtlich beiltigt, Heyn er redete ihn mit aller Ehrerbietung, fast unterwürfig an: 1924 „Es ist höherer Befehl, Sabbatai Effendi; bevor sich noch dreimal die Sonne gesenkt hat, mußt Du Dich nach Konstantinopel einschiffen... Ich sollte Dich gefangen nehmen und aufs Schiff bringen, aber ich weiß. Du fährst von selbst, und Allah stehe Dir bei, Sabbatai Effendi!" Der Kadi und seine Leute gingen. Entsetzen lähmte für die ersten Momente aller Sprache. Alles drängte sich um Sabbatai, um fein Gesicht zu sehen, um ein Wort von ihm zu hören. Er stand ruhig und würdevoll da und kein Zug in seinem Gesichte verriet die geringste Erregung. Da teilte sich die Menge und machte freien Weg. Sarah ging eilig durch die Reihen und warf sich Sabbatai um den Hals; ihre zarte, zierliche Gestalt hing sich an ihm fest. Noch nie hatte das Volk eine öffentliche Annäherung der Gatten oder gar Zärtlichkeit bei ihnen gesehen. Nach einer Weile lähmenden Schweigens brach ohne sichtlichen Grund Jubel aus. „Nach Konstantinopel," hörte man jetzt die Stimme Sarahs wie lieblichen Gesang; „letzte Prüfung und letzter Kampf Und letzter Sieg." Ich habe es nicht verhindert, konnte es nicht verhindern . . . Großer, Mächtiger, Auserwählter. Und nun gehe und erprobe Deine Kraft, daß der Gegner und Zweifler beschämt verstummt ..." Man verstand sie nicht recht. Aber wie himmlische Botschaft wurden vom Volke mit anhaltendem Beifall die Worte angehört. Sabbatai hob Sarah leicht in die Höhe und stellte sie sanft auf den Boden. ' „Nach Konstantinopel," sagte er, „das Ende naht, das Jahr der drei Sechs bricht an . . ." Das Volk jubelte, , daß die alten Mauern des Ghetto zitterten.!/ Die Turmuhren am Zollhause schlügen zwölf und die Glocken der christlichen Kathedrale gegenüber setzten ein und läuteten den Christen das Jahr 1666 ein, als das Schiff die Segel lichtete und in die See stach. Es trug Sabbatai, Sarah, Jachini, Primo und viele andere vom Anhänge Sabbatais. Das Volk am Hafen schrie und jubelte, bis das Schiff den Augen der Menschen entschwunden war. Auch der Kadi mit seinen Leuten waren anwesend, um Sabbatai Effendi gute Fahrt Mrd glücklichen Ausgang der Sache zu wünschen. 30. Stürmische Fahrt. „Er verließ sie nicht eher, als bis er sie gesegnet hatte." — Sabbatai hatte vor seiner Ausreise, wie es sich für einen Messias gehörte, all seine Freunde königlich bedacht. Beüeiner Art Verteilung der Erde, die er noch rasch vornahm, hatte er Kronen, Throne, Länder und Reiche in ausgiebigstem Maße an die Nächsten und Getreuesten vergeben. Sein Bruder Elia wurde zum „König der Könige" und Staathalter des Messias ernannt. Rafael Josef Chelebi in Kairo, der die Seele des Josef von Aegypten in sich trug, wurde zum „König von Judäa" berufen. Keiner wurde vergessen, und wer sich übergangen glaubte, konnte darauf rechnen, daß sich in den großen Listen des Samuel Primo noch etwas für ihn finden werde; man konnte zur Not auch aus zweiter Hand etwas käuflich und preiswert erstehen, denn es gab Beschenkte, die es für ratsam hielten , ihre empfangenen Kronen der besseren Sicherheit wegen gleich zu Geld zu machen ... Allerlei Wundermären von den letzten Vorgängen in Smyrna wurden in die Lande hinausgetragen. Der Kadi, der gekommen war, um Sabbatai in Ketten zu legen, drach zusammen sowie die Ketten selbst zerschellten, als Sabbgtar den Finger auf sie legte . . . Nun ging er nach

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