Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1924)
- Date
- 1924-11-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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I)r.45 l«24 Die Messiasbraut. Die Geschichte einer verlorene» Hoffnung. Von S. Schachnowih. (Fortsetzung.) 23. Zwischen Angst und Sehnen, Schmerz und Hoffnung vergingen die Tage in Jerusalem und näherten sich dem Termine, den der Pascha für die Beibringung der großen Geldsumme von seiten der Judengemeinde angesetzt hatte. Die Führer und Rabbiner Jakob Zemach, Abraham Amigo, Jakob Chages und Samuel Primo, die an dem Fälligkeitstage mit ihrem Leib und Leben für die Schuld einzustehen hatten, sahen sich bereits im Geiste als Märtyrer auf der. Folter, auf dem Scheiterhaufen. Unbestimmt war das Schicksal der Gemeinde, wenn sich nicht ein Wunder im letzten Momente einstellte. Geld war nirgends zu erhalten. Und der Pascha Gamali Jlkohim kannte kein Erbarmen. An ein Wunder glaubten freilich viele. Vom Schreiben der Mosessöhne jenseits des „Sambatjon" flatterten unzählige Abschriften in Stadt und Land hinaus und weckten Hoffnungen, die Leid und Angst übergoldeten. Nathan aus Gaza, der, seitdem er von den Vorgängen in Smyrna, Saloniki und Kairo gehört, seine höchste Ehre darein setzte, seine einstige Prophezeiung an dem Sohne des Smyrnaer Handelsagenten wahr zu machen, hatte auch vor seiner Abreise aus Jerusalem gut vorgearbeitet, und dessen Freund Samuel P r i m o wußte in seinem Sinne den gutgedüngten dunklen Boden so zu bebauen, daß die üppigsten Phantasieblumen daraus erwuchsen, berauschend und berückend und für Stunden Sorge und Kummer in unbestimmte Fernen scheuchend. In der Nacht zum Wochenfeste de§u Jahres 5425, da die Nazarener 1665 zählten, so erzählte man sich in allen Bethäusern und allen Bazaren, hatte Nathan, Sohn Elisas, da er in der Mitte der Freunde bei der Himmelsspaltung um die sekundiMgenaue Mitternacht die Kabbala lernte, ein Gesicht. Er siel zu Boden und vernahm eine^ Stimme, die rief: „In einem Jahre und wenigen Monaten, da die Achtzehn zu dem „Hasoth" voll, sind und die Anderen die drei „Sechse" zählen, wird sich , der Messias in seinem vollen Glanze der WelL zeigen, die Völker ohne Waffen, mit Liedern nur bezwingen, den Großtürken gefangen nehmen, Israel einigen und das Reich Juda aufrichten und über alle Reiche der Erde stellen." Gleich nach dem Wochenfeste war Nathan abgefahren. Wohin? Vielleicht zu denen jenseits des Sambatjon . . . Die Weiterverbreitung Ausmalung und weidliche Ausnutzung des Gesichtes konnte er ruhig in die Hand Primos legen. . . „Der Messias ist schon da," erzählte man sich, „ist auf dem Wege nach dem Sambatjon, um sich seine richttge Königin zu freien, der die andere Sklavin sein wird, und die „zehn Stämme" zu sammeln. Dann zieht er an der Spitze seines Volkes hoch auf dem Rücken eines mächtigen Löwen, der einen siebenköpfigen Drachen im Rachen hat, in die heilige Stq-t ein-. . " ., ,:i Die Rcöbbiner, an delen Spitze Jäkvb Chages, trugen Bedenken, Angst und Zweifel im Herzen, suchten auch zu dämpfen, um Enttäuschungen vorzubeugen. Aber die Massen wollten ihren Glauben haben, die Erwartung, im dunklen Bewußtsein, daß, sobald diese schwände, nur noch Furcht, brennender Schmerz, Not und Gefahr der Rest sein würden ... Samuel Primo fachte aber das Feuer an, daß die FlaMmen hoch aufschlugen und fand Stütze bei vielen, unter anderen auch bei dem allgeachteten Mose Galante, dem Schwiegersöhne Chages. Je näher aber der Zahltag heranrückte, um so matter wurde das Feuer, um so stiller wurde es um die Wundererzähler, um so betrübter und gedrückter gingen die Menschen einher; wie aus einem Taumel erwacht und ernüchtert, von Feuerlärm aus süßen Träumen geweckt ... ' „Er kommt s ch o n," sagten die Unentwegten und Gläubigen, „aber erst wenn der Boden noch mehr Blut gesogen hat. ... Wir sind mitten in den Uebergangswehen, und wir werden düngen . . ." Die Kühlen und Zweifler sagten, es fei die Strafe dafür, daß man in der Schwärmerei und dem Taumel die Augen vor der Gefahr verschloß . . . Man ging mit verbundenen Augen dem Verderben entgegen. In seinem. Gemache wälzte sich Samuel Primo, in Sack und Asche gehüllt, auf dem Boden und bettelte: „O Gott, laß ein Wunder erstehen! . . So kam der Morgen des Tages, es war einer der ersten Elultage, trübe und nebelgrau. Und unter dem Nebel verbarg sich das Schicksal der jüdischen Gemeinde . . .Man sah seit Tagen verdächtige Gestalten durch die Straßen wandeln, ilp Hofe des Pascha glaubte man rühriges Leben zu beobachten. Es war ein Fasttag für die Gemeinde der heiligen Stadt von Abend bis Abend und in den Synagogen ertönte der Schophar zu den inbrünstigen alten und neuen Gebeten um Rettung aus Not und Drangsal, aus Tod und Qual, um Erlösung aus Galuthleid, um Beschleunigung der Ankunft des sich bereits auf dem Wege befindenden Mesiias... Um die Stunde des Mittags sammelten sich die Rabbis und Vornehmen im Haufe Chages. Bis zum Sonnenuntergänge muhte das Geld yn den Pascha abgeführt sein und noch war kein Geld da, kein Wunder in Sicht ... Es vergingen bange Stunden, das Volk, geschwächt vom langen Fasten und sorgengedrückt, sammelte sich wieder in den Synagogen. Viele lagen in Gebet versunken auf den heiligen Gräbern des Oelberges und viele weinten an den grauen Quadern der Tempelmauer . . . „Unser Vater, unser König, erbarme dich unser, unserer Kinder und Säuglinge . . ." Wie die ersten Schatten des Abends winkten und es aussah, als rückten Nacht und Tod von den Bergen Judäas an, beschlossen die Rabbiner und Führer, Jakob Zemach, Jakob Chages und Abraham Amigo sich zum Pascha zu begeben, um Gnade und Aufschub zu erflehen. Die Gemeinde begleitete sie mit lautem Weheklagen, wie die ersten Opfer und Märtyrer. Man kannte den Pascha und seine nach Geld und Blut gierigen Leute. . Auf dem Wege zum Wiliate schlossen sich ihnen noch zwei Männer an: Samuel Primo und Mose Galante. Sie ließen sich nicht abweisen.; Wenn die nahende Erlösung noch Blutopfer erforderte, so wollten auch sie ausgezeichnet sein, dabei Gott zu heiligen ... Immer mehr wuchs die Menge an, die gebeugten Hauptes, langsam, in respektvoller Entfernung hinter den Männern sich herbewegete. ..-4 Am Kreuzwege vor d§m Hioysherge Wurden sie! von einer kleinen Karawane aüfgehylten, die voll ostwärts kam und deren LettkamvÄ^mU gerecktem Halse so stürmisch vorwärts drängte, daß die Münster abseits der Straße die Freigabe des Durchganges abwarten mußten. Da trat ein älterer Scheich mit malerisch wehenden Bändern an beiden Kopfseiten und ein buntes Seidentuch vor dem Gesichte, an die Juden heran und sprach sie an. „Ihr seid traurig und geängstigt, Ihr Jehud! Euer Erlöser naht, künde ich Euch ..." „Wir Wissens," sagte Amigo, der die Worte im Sinne einer Tröstung mit frommer Prophezeiung verstand, „einstens werden auf dem Berge die Füße des Verkünders stehen, der Friede hören läßt, Heil kündet, zu Zion spricht, Dein Gott regiert ..." „Nichts von Bergen," sagte der Nomade, „er ist mit uns gezogen von Norden, von Akka her durch die sandige Hbene, hat sich im Dorfe El Chanin von uns gettennt und zieht jetzt her. Es sind drei Männer und eine Frau, schön wie der Morgenstern, wenn er über die taufrische Flur leuchtet, wie der Sonnenball, wenn er im Abenddämmer sich im Kristall des Jordan spiegelt ..." „Wer kommt, was für Männer ziehen daher?" Die Rabbiner zitterten vor Erregung, als sie merkten, daß die Araber nicht von frommen Visionen sprachen, sondern von ihnen nahen Menschen und Tatsachen. „Dort, seht ihr den Staub?" wies der Nomadenführer nach Norden, „was sich da vorne bewegt, ist ein Mann auf einem Esel, hinter ihm ein Wagen, auf dem die Frau zwischen zwei Männern sitzt." „Wer sind die Leute und wo kommen sie her?" „Sie kommen aus Alexandria in Aegypten. Der da vorne auf dem Eesel geritten kommt, ist ein Wundermann, der in enger Verbindung mit Himmel und Hölle steht, zu Engeln und Teufeln Beziehungen erhält, von Mohammed und Allah den Segen auf Kinder und Kindeskinder herableitet und Satan aus der Unterwelt hervorholt gegen die, welche seinen Zorn heraufbeschwören . . . Er meistert Rahab, den Herrn des Meeres und befiehlt dem Wüstensturm, daß er mitten im Heulen und Toben sich sänftiglich auf den heißen Sand legt, wie ein Kameel sich auf die Knie senkt, um Ladung aufzunehmen... Liwjathan verkriecht sich auf den Meereesgrund vor seines Auges Blitze und Schlangen und Skorpionen verschlucken ihr eigen Gift und strecken sich wie Strohhalme, wenn er mit dem Stabe winkt. Allah sei gepriesen!" „Du kennst den Menschen so genau," unterbrach Zemach, der die Bildersprache der nordarabischen Stämme zu gut kannte, um sich von ihnen berauschen zu lassen, den Redeschwall. „Ich kenne ihn, wie ich Allah kenne, wie ich Alby mein Weib kenne, wie ich meinen rechten Arm kenne und die heiligen Koransprüche meines täglichen Gebetes kenne. Er hat uns in der Wüste im Sturme, der den Himmel verschwinden ließ und die Erde erbeben machte, daß der weiße Sand wie die kochenden Meereswogen äufstieg, beigestanden ulld dem Siroeco befohlen, daß er einhalte, er hatte mit seinem Zauberstabe Schlangen und Skorpionen in die Tiefe der Wüste gebannt. Gepriesen sei Allah, Heil seinem Knechte Zabbata, den uns Allah zum Schutze geschickt aus den Regionen der Engel, die vor Mohammed iw Paradiese den Reigen tanzen..." „Wie und wyher kam er zu Euch?" „Er. kam mit Schiff nach Akka. Matrosen erzählten, wie dreimal im Sturm die Segel brachen und das Schiff bereits so nahe dem Untergange war, daß die Menschen schon den Gesang der Elfen vernahmen. Mustafa Zabbata saNginber noch lauter, noch schöner und die Orkane schwiegen . So erzählten: die Matrqsey., ÄM M dreimal geprUen!^, ^^Fvrtsetzunß^olsk.)